Das Projekt

Wilhelm Rüter als junger Schulrat, der erste nach dem 2. Weltkrieg in Bochum, der die unfassbar schwierige Aufgabe hatte, das Schulsystem aus der Nazizeit umzukrempeln und die Schulen in Bochum, zum größten Teil zerstört, innerhalb kurzer Zeit wieder aufzubauen, damit die Bochumer Kinder endlich wieder unterrichtet werden konnten.

Meine Motivation

Die Aufzeichnungen von Wilhelm Rüter galten für mich als Leiter des Bochumer Schulmuseums  viele Jahre als Grundlage für meine Arbeit, um sie jetzt als Rentner mit der nötigen Zeit (!?) so nach und nach zu veröffentlichen, damit sie jetzt der interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung stehen.

Der Autor

Wilhelm Rüter, kurz vor seiner Pensionierung. Zu der Zeit hat er schon unglaublich viele Geschichten über Bochumer Schulen und Lehrer geschrieben, manches maschinenschriftlich verfasst, aber ebensoviele Seiten auch noch handschriftlich hinterlassen.
Diese Skripte und Transcripte werden nun auf den nächsten Seiten zu lesen sein:



Schulmuseum unterwegs und Schulmuseum im Koffer
                                                                                                                                           Bochumer Schulgeschichte 

- Wilhelm Rüter - Erster Schulrat in Bochum 

Wilhelm Rüter und die Geschichte der Land- bzw. Volksschulen 

 

Wilhelm Rüter war sicher nicht der einzige Grund, das Bochumer Schulmuseum einzurichten. Dennoch spielt er eine zentrale Rolle in der Bochumer Schulgeschichte. Er war der erste Schulrat nach dem zweiten Weltkrieg und einer derjenigen, die als nicht belastet, also nicht als Nazianhänger galten. Er war Schwiegersohn des Sozialdemokraten, Reichstagsabgeordneten und Bergbaugewerkschaftsführers Fritz Husemann. (Husemann wurde 1935 von den Nazi-Schergen ermordet).  Und so begann er am 20.09.1945 mit wohl eine seiner schwierigsten Lebensaufgaben, dem Neuaufbau des Schulsystems in Bochum. Viele Schulen waren zerstört, die meisten noch erhaltenen waren völlig heruntergekommen bzw. durch den Krieg beschädigt. Es gab weder genügend Schulraum, noch ausreichend Lehrpersonal. Viele Lehrmaterialien, von den Nazis für ihr menschenverachtendes System missbraucht, mussten erneuert werden. Selbst die Schulhefte waren mit Naziparolen und Lobliedern auf den Führer und die Deutsche Wehrmacht bedruckt. 

       Und trotz der vielen Probleme, die es zu lösen galt und die viele Arbeit entwickelte Wilhelm Rüter nebenbei ein Hobby, von dem wir heute noch profitieren: er hatte große Ehrfurcht vor der Geschichte, insbesondere der Schulgeschichte. Und diesem "Hobby"  ist er bis zu seinem Tod nachgegangen und so haben wir nicht nur die Schulgeschichte Bochums und aller Stadteile, einschließlich Wattenscheids, die ja lange Zeit eigenständige Dörfer waren, sondern auch die Schulgeschichte Preußens und Westfalens vom Mittelalter an; die Geschichte der Schullehrergesellschaft;  die umfassende Geschichte der Schulaufsicht und seine eigene Geschichte, dargelegt in dem Aufsatz "Eine Jugend unter Tage", die ich rate als Erstes zu lesen, weil man so seine Beweggründe für die umfassende Arbeit besser nachvollziehen kann. Die Geschichte Eine Jugend unter Tage habe ich unter https://schulefrueher.jimdofree.com veröffentlicht

Und ich habe mir vorgenommen, auf den folgenden Seiten so nach und nach alle Forschungsergebnisse zur Bochumer Schulgeschichte zu veröffentlichen. 

        Ich lege aber auch besonderen Wert darauf, die Berichte möglichst originalgetreu wiederzugeben, weil die Aufsätze nicht nur die Großen der Geschichte widerspiegeln, sondern viel mehr das Leben der sogenannten kleinen Leute. So finden sich auf den nächsten Seiten auch persönliche Schicksale von Lehrern, aber auch persönliche Erzählungen aus Rüters eigener Kindheit und Jugendzeit.


Bochumer Schulgeschichte 

erforscht vom ersten Schulrat Bochums nach dem 2. Weltkrieg Wilhelm Rüter


- Bericht über den Stand des Volksschulwesens der Stadt Bochum im Jahre 1806

von dem Prediger Natorp 

mitgeteilt und mit einem Vorwort versehen von Wilhelm Rüter

Vorwort

Selten ist uns eine so gute Darstellung über das Schulwesen ganz allgemein an der Wende des 18. zum 19. Jahrhundert überliefert worden, als aus der Feder des Predigers Natorp.

Der Bericht kam mir zu Gesicht auf der Suche nach Material über die ältere Schulgeschichte. Er ist entnommen der Akte Großherzogtum Berg A2-No 79 im Staatsarchiv Münster.


Der Bericht enthält faktisch alles, was notwendig ist, um sich ein Bild über den äußeren und inneren Stand der Schulen, Ausbildungsgang der Lehrer und Bildungsgang der Schüler zu verschaffen. Es werden ferner die Personenverhältnisse der kleinen Landstadt Bochum und das Bildungsbedürfnisse der Einwohner eingehend dargestellt.

Der Berichterstatter lässt es auch nicht an Kritik fehlen, wo es ihm notwendig erscheint und zeigt in seinen Reformvorschlägen ein von Verantwortung getragenes Bewusstsein für die Erfordernisse auf dem Gebiete des Schulwesens. Seine Vorschläge lassen einen gebildeten und sehr fortschrittlich gesinnten Schulmann erkennen, der von dem Geist der Aufklärerzeit stark beeindruckt gewesen war. Dazu bahnte sich ein neues politisches Denken an, ausgelöst durch die Wirren der französischen Revolution. Die Schule stand an dem Übergang von der Kirchen- zur Staatsschule. So merkwürdig es heute erscheinen mag, die treibenden Kräfte dieser Entwicklung waren die führenden protestantischen Prediger und zugleich Schulinspektoren.

Zu diesen Männern gehörte der Prediger und Schulinspektor Natorp aus Bochum in enger Verbindung mit dem Superintendenten Natorp aus Essen. Welcher Art die verwandtschaftlichen Beziehungen waren, ist mir nicht bekannt geworden.

Was Natorp veranlasst hat, den langen und eingehenden Bericht zu verfassen, ist nicht klar ersichtlich. Er schickt ihn mit einer eingehenden Begründung an seinen Vorgesetzten, dem Superintendenten Natorp in Essen, zur Weiterleitung an die Kriegs- und Domänenkammer in Hamm, die damals für Schulangelegenheiten zuständig war. Der Bericht ist ohne nennenswerte Kürzungen wiedergegeben, wo es nötig war, ist das Gesamtbild nicht beeinträchtigt worden.

Ich habe die Hoffnung, dass der Bericht hier und da einen aufmerksamen Leser finden wird, der die Neigung verspürt, den heute so prächtig gewachsenen Baum der Volksschule in seinem Wurzelwerk, wie er mit dem Erdreich der Zeit verwachsen ist, zu verfolgen.

                                                                                                        Bochum, d. 01.01.1954              W. Rüter       



Die Schulen der lutherischen, reformierten und katholischen Gemeinde in der STADT BOCHUM

Die Stadt Bochum ist eine ansehnliche Landstadt von 346 bewohnten Häusern mit 1719 Einwohnern, unter welchen letztern 26 Juden sind.

Mit Einschluss der Stadtgerichts-, Landgerichts-, Post-, Receptur-, Kirchen- und Schulbeamten sind hier über 30 Familien, welche zum Stande der sogenannten Honoratioren gehören.

Demungeachtet ist das hiesige Schulwesen bisher nicht viel weiter, als auf die Bedürfnisse der unteren Bürgerklasse berechnet gewesen; denn es gibt hier nur teutsche Elementarschulen. Eine katholische sogenannte Rektorschule oder aus einer einzigen Klasse bestehende lateinische Schule mit einem Lehrer war ehemals vorhanden, ist aber seit geraumer Zeit eingegangen. 

Eine lutherisch lateinische Rektorschule von eben dieser Art bestand unter dem Rektor Teewag, und besteht seit seiner Cassation desselben nur noch als eine Privatunterweisungs-Anstalt. Beständen indeß auch diese beyden lateinischen Schulen noch, so wäre dem ungeachtet für die Bedürfnisse der Stadt und ihrer Jugend noch nicht hinlängst gesorgt; denn die sämtlichen hiesigen Schulen stehen jede für sich isoliert; keine schließt sich an die andere an, nirgends greift der Unterricht der einen Schule in den Unterricht der anderen gehörig ein. Eine jede Schule ist eine Elementarschule.

Die Bedürfnisse des Ortes erfordern eine höhere Bürgerschule oder nach des Ministers Ausdruck (Dr. Gedickes Analen des preußischen Schulwesens) eine Mittelschule von etwa 4, womöglich von 5 Klassen, mit eben so viel Lehrern, unter denen aber wenigstens 2 auf Universitäten studiert haben und die alten Sprachen kundig seyn müßten um nöthigenfalls junge Leute, die studieren wollen, zur Universität vorbereiten zu können.


Ich stelle hier zuvörderst meinen Bericht über jede einzelne der hiesigen Schulen auf und lasse dann das weitere folgen, was ich über die Organisation des Gesamtschulwesens diese Stadt zu sagen habe:


A. Die lutherische Stadtschule -  Äußerer Zustand der Schule:

Es ist eine Elementarschule mit einem einzigen Lehrer.

2. und 3.
der Schullehrer Peter Heinrich Kämper - geboren im Kirchspiel Volmarstein   alt 30 Jahre - gebildet in der Overdykschen Schulanstalt vom Herrn Wilberg, dessen Unterricht er 6 Jahre hindurch genossen - war zuerst 2 Jahre Privatlehrer bey dem Kaufmann Berger zu Bommern, dann 6 Jahre Schullehrer zu Möllenkotten bey Schwelm, und nun seit 1 ½  Jahren hier Stadtschullehrer. Er hat eine Frau und 3 kleine Kinder. Er ist vom großen Consistoria erwählt und berufen - examiniert von Subdelegaten Reichenbach zu Vörde auf Befehl des Generals Inspectors Baedecker  - conferiert von der Hochlöblichen Kammer unterm 22. Jan. 1805. Seine nächste Behörde ist das kirchliche Consistorium und dessen Präses, der Prediger Natorp, mit welchem er in einem freundschaftlichen Vernehmen steht.


4. u. 5. 
Kämper gehört ohne Zweifel zu den besseren Schullehrern der Provinz. Er hat vorzügliche Naturanlagen, Lust und Liebe zu seinem Fache, Trieb zum Fortschreiten, Empfänglichkeit für alles Gute und Bessere, viel Mitteilungsgabe, und einen das Gemüth der Kinder angenehm ansprechenden Lehrton.

Er hat das Glück gehabt, den zweckmäßigen Unterricht Wilbergs zu genießen, dessen Lehrmethode ihm auch jetzt zum Vorbilde dient. Unter dieser Anleitung hat er sich auch mancherley gemeinnützige  Kenntnisse (z.B. in der Geographie, Naturkunde pp) und Nebengeschicklichkeiten (z.B. im Zeichnen) erworben. Seine Handschrift, auf die er fortgesetzten Fleiß verwendet, ist, wie der beiliegende Lectionsplan zeigt, deutlich, ungekünstelt, bestimmt und angenehm in die Augen fallend. Er hat Bekanntschaft mit dem kindlichen Gemüth, und weiß die Materialien des Unterrichts, die ihm das Lehrbuch darbietet, auch in dieser Hinsicht zweckmäßig zu verarbeiten. Von dem gemeinen Schulmeisterdünkel und der pedantischen Aufgeblasenheit, die man jetzt bey so vielen, besonders jüngeren und in Seminarien gebildeten Schullehrern antrifft, hat er bisher noch glücklicherweise sich frey zu halten bemüht. 

Seine Amtsführung wird gerühmt. - Sein sittliches Betragen ist anständig. - Er genießt die Achtung und das Vertrauen seiner Schüler. - Die Abneigung mehrerer Gemeindemitglieder gegen ihn und seine Schule, welche ihm bisher einiges Mißvergnügen verursacht hat und welche, wie es scheint, in seiner Erwählung und Berufung, und nicht in seiner Amtsführung gegründet ist, hat merklich abgenommen und verwandelt sich, so wie er durch Fleiß im Schulhalten und durch ein anständiges Betragen sich auszuzeichnen fortwährt, immer mehr in Zuneigung und Vertrauen. - 

Zu seiner weitern Ausbildung reicht sein Privatfleiß hin. An den erforderlichen Schulschriften kann es ihm nicht fehlen, da er außer seyen eigenen Büchervorrathe die Bibliothek des Prediger Natorp, des Schullehrers Lieth zu Oberdyk und die Overdyksche Schulbibliothek in der Nähe und stets offen hat. 

Was seine Unterrichtsweise betrifft, so hat mir die Beobachtung derselben viel Vergnügen gemacht. Sie besteht in einer nicht mißlungenen Nachahmung der Rochowschen, so wie er sie in der Wilbergschen Schule kennengelernt hat. - 

Der Leseton ist gut. - Statt einer Leselehrtafel bedient er sich der Kreide, womit er den Buchstabierschülern die Buchstaben an einer schwarzen Tafel vormalt, und so auf leichteste Art die Entstehung derselben anschaulich macht. Es würde sehr zweckmäßig seyn, wenn alle Seminaristen auch im geschickten und schnellen Nachbilden der gedruckten Buchstaben geübt würden. Diese Geschicklichkeit könnte auch  in solchen Schulen, worin Lesemaschinen eingeführt sind, sehr häufig zu statten.




                                                                                                                        
                                                                                                                                                                                                        


Wilhelm Rüter war Lehrer, Rektor und Schulrat in Bochum und obendrein der Schulgeschichte so zugetan, dass er viel Zeit seines Lebens in Stadt-, Landes-, Kirchen- und Schularchiven verbrachte, um das Schulleben Bochums zu erforschen und niederzuschreiben. Dabei fiel ihm auch das Tagebuch des 1773 in Remscheid-Bruch geborenen Lehrers Johann Peter Gumm in die Hände, der fast 30 Jahre lang die Jugend von Linden (heute Bochum Linden) unterrichtete. Der eigenwillige Lebensweg dieses begabten Remscheiders regte ihn dazu an, nicht nur die Aufzeichnungen zu veröffentlichen, sondern diese durch allgemeine Betrachtungen über Wirken und Stellung eines Lehrers um 1800 zu erweitern, so dass uns hier eine hochinteressante sozialkritische Studie zur Geschichte der Pädagogik des 19. Jahrhunderts vorgelegt wird.

Dieser Artikel wurde in der Monatsbeilage des Remscheider Generalanzeigers unter dem Titel „Die Heimat spricht zu dir“, im November 1975 veröffentlicht. Die Beilage galt als Mitteilungsblatt des Bergischen Geschichtsvereins - Abt. Remscheid.
 

Ein Lehrerleben vor 150 Jahren 

Das außergewöhnliche Leben 

des Schullehrers Johann Peter Gumm 

von Wilhelm Rüter 

 

Der Weg zum Lehramt an den Haupt- und Kirchenschulen war in der Regel bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts traditionsgebunden. Nicht selten entstammten die Inhaber einer Schulstelle über mehrere Generationen der gleichen Familie wie in allen anderen Berufen. Auch die grundlegende Vorbildung für den Küster- und Schuldienst lag vor der Gehilfenzeit in väterlichen Händen. Der wachsende Bedarf an Schullehrern durch den starken pädagogischen Impuls des Pietismus und Philanthropismus im 18. Jahrhundert ließ auch Ausnahmen zu, die entweder aus innerer Berufung den Weg zum Lehramt suchten, wie noch bei dem vorgenannten Johann Peter Gumm dargestellt werden soll, oder wenn junge Pfarramtskandidaten sich übten im kirchlichen Nebenamt an sogenannten Vikarschulen. Denn die Schulen jener Zeit waren ein Bestandteil der allgemeinen Seelsorge. (W. Flitner) 

Die Einbettung des Schulwesens in das allgemein gültige Sozialgefüge hatte den Vorteil, dass die Altersversorgung der Stelleninhaber gesichert war, weil die Schulen in der Regel autonome Einrichtungen der Kirchgemeinden und Bauernschaften waren und die Stelle mit ihren Schuläckern, Naturaleinkünften und dem dürftigen Schulstüber den Inhaber bis zu seinem Tode ernähren musste. 

Der ihm im hohen Alter notwendig zugeteilte Adjunkt lebte nach einem ausgehandelten Modus von den gleichen Einkünften und zugleich in der Hoffnung, einmal der ungeteilten Pfründe teilhaftig zu werden. 

Es war darum für alle Teile ein glücklicher Umstand, wenn der Stelleninhaber im Alter von dem eigenen Sohn adjunktiert werden konnte. In den meisten Fällen beschränkte sich der betagte Schulpatriarch dann auf den Küsterdienst als dem willkommenen Altenteil, der mit dem Schulamt verbunden war und bis ins hohe Alter versehen werden konnte. So war der Beruf des Schullehrers auf seine Art in das patriarchalische, bäuerliche Leben der damaligen Zeit eingeordnet. 

Das Rüstzeug für seinen Beruf erwarb sich der angehende Schulgehilfe schon früh durch die praktische Mithilfe in der Schulstube. Die überhöhten Kenntnisse für den Schulberuf erwarb er sich nebenher beim Pfarrer der Gemeinde, der ihm später auch ein Zeugnis über sein Wohlverhalten und seine Geeignetheit ausstellen musste. Zudem oblag dem Pfarrer die Aufsicht über die Schule seiner Gemeinde, und hatte somit ein gewichtiges Wort bei der Zukünftigen Anstellung mitzureden. 

          Nach seiner Konfirmation verließ er zu seiner weiteren praktischen Ausbildung die Schule seiner Heimatgemeinde und begab sich als Gehilfe zu einem benachbarten Kollegen. 

War es dem angehenden Schullehrer um eine gute Ausbildung zu tun, so wechselte er in gehörigen Zeitabständen von Schule zu Schule, bis er den Sprung wagen konnte als alleiniger Lehrer vorerst an eine nichtprivilegierte Neben- oder Bauernschaftsschule, um sich hier zu rüsten für die sehr begehrte Stelle an einer Kirchspielschule. Sie kam einer festen Anstellung gleich. Mit dieser Wahl verknüpft war die erste Prüfung durch den Subdelegaten des Kirchkreises oder durch den Generalinspektor der Synode. 

Die Prüfung war die Vorraussetzung für das nun althergebrachte, und dem Kirchenrecht entnommene Anstellungsverfahren. Gemäß dem Collationsrecht, das zuerst zur Anwendung kam, das entweder der Patronatsherr der Schule inne hatte, wenn sie eine Stiftung des adeligen Grundherrn war, oder der Kirchenvorstand, wenn die Schule eine gemeindliche Gründung war, wurde der Bewerber unter drei „Subjekten“ zur Wahl in Vorschlag gebracht. War seine Wahl entschieden, so wurde ihm die Vocation (= Lehrauftrag) vom Kirchenvorstand, der in der Regel das alleinige Vocationsrecht besaß, durch förmliche Ausfertigung eines Berufsscheines mit allen Pflichten und Rechten erteilt. Die landesherrliche Bestätigung seiner Wahl, und damit die Sicherung seiner Anstellung und Rechte erfolgte dann abschließend durch das Konfirmations-Patent der weltlichen Behörde, für die Grafschaft Mark z.B. von der Regierung Cleve - Mark in Emmerich. 

Nach glücklichem und ordnungsgemäßem Abschluss eines solch differenzierten Verfahrens gehörte fortan der Stelleninhaber zur Kategorie der privilegierten Lehrer. 

Er konnte gegebenenfalls den Schutz der weltlichen Behörde gegen Patron, Kirche und abgabesäumige Bauern für sich in Anspruch nehmen. 

Die Stellung des Lehrers in der Gemeinde war dadurch herausgehoben und nicht der Willkür, trotz vielfältiger Abhängigkeit preisgegeben. Verblieb der Lehrer dagegen in seinem beruflichen Werdegang durch widrige Lebensumstände oder auch infolge geringer Begabung für den Lehrberuf an den zahlreichen Neben- oder Winkelschulen, so gehörte er zeitlebens zur Kategorie der „geduldeten“ oder nichtprivilegierten Lehrer. 

Dieser Gruppe war nicht selten ein hartes Los durch geringe Entlohnung und Unsicherheit der Anstellung beschieden. Sie übten dann meist im Neben- oder Hauptberuf ein Handwerk aus. Auch waren sie nicht selten der Missbilligung der Schulaufsicht, nach deren Einrichtung im hiesigen Grafschaftsbereich ab 1804, ausgesetzt. Ferner wurde ihr „Tun und Lassen“, besonders hinsichtlich der Annahme von Schülern, von den privilegierten Lehrern mit Argusaugen überwacht. 

              Zur Rechtfertigung auch dieses Standes muss gesagt werden, dass er in einer Zeit, wo das Netz der ordentlichen Schulen noch weiträumig gespannt war und schlechte Wege den Besuch der Kirchspielschulen von Kindern aus abgelegenen Bauernschaften behinderte, zur Bildung und besseren Gesittung der Jugend nach Möglichkeit beigetragen hat. 

Johann Peter Gumm, von dessen ungewöhnlichem Leben nun des Näheren berichtet werden soll, gehörte in seinen anfänglichen Lehrjahren zur Kategorie der geduldeten Lehrer. 

Es gelang ihm aber schon bald, vermöge seiner Geschicklichkeit und seines Fortbildungseifers, in den Stand der Kirchspiellehrer aufzurücken, zuerst in Königssteele und kurze Zeit später in Linden-Dahlhausen, heute zu Bochum gehörig. Die Auszüge aus seinem Lebenslauf vermitteln ein recht anschauliches Bild von seinem beruflichen Werdegang und dem späteren Übergang zum Lehrberuf, ohne traditionelle Bindung an diesen Beruf und aus freier Entscheidung. Seine eigene Darstellung macht uns bekannt mit den Lebensverhältnissen einer sicher recht begüterten Familie, die das Eisenhandwerk betreibt. Sie gewährt ferner Einblicke in die turbulenten Zeitumstände am Ende des 18. Jahrhunderts. 

Seine erste Lehrerstelle bezieht Johann Peter Gumm an einer Nebenschule im Muttental, zwischen Witten und Herbede gelegen. Diese Schule war von mehreren Gewerkenfamilien in dem kohlenreichen Tal für die eigenen und die Kinder der dort wohnhaften Bergleute errichtet worden.  1)  

In der Rückerinnerung auf sein arbeitsreiches Leben schreibt er in säuberlicher Handschrift 2) den: „Lebenslauf des Schullehrers Johann Peter Gumm, seinen Kindern gewidmet.“, der nun, um einige unwesentliche und allzu persönliche Auslassungen gekürzt, dargeboten werden soll. Wo es notwendig erschien, ist der Text der Aufzeichnung unterbrochen und erläutert worden. 


„Im Jahre 1733, den 11. July, wurde ich im Kirchspiel Remscheid aufm Bruch von den christlichen Aeltern geboren. Mein Vater war Johannes Peter Gumm, die Mutter Maria Magdalena Haehs, beide aufm Bruch geboren. Bey der Hl. Taufe erhielt ich den Namen Johann Peter. Meine Taufzeugen waren: mein Vetter Peter Arnold Honsberger, jetzt Professor der Malerkunst in Einden; der Kaufmann Johann Peter Diedrich aus Remscheid; der Schenkwirth Bertram aus Remscheid; meines Vaters Schwester, die Ehefrau Casper Schmidt von Nirgenau; eine Nichte, die Kaufmannsfrau Müller von Bliedinghausen aus Remscheid 3). 

Da ich nun nach Aussage meiner Mutter in den ersten Jahren sehr schwächlich gewesen, und deshalb zwei volle Jahre auf Händen und Füßen gekrochen, und erst mit fünf Jahren zum ausgehen gekommen. 

Im Jahre 1780 wurde unser Vater nach langer Auszehrungskrankheit uns durch den Tod entrissen, und meine Mutter gebar einige Wochen nach seinem Tode, in traurigen Witwenstande, einen Sohn, den sie nebst 5 anderen Weisen zu versorgen hatte. 

Mein ältester Bruder war damals 15 Jahre alt und verstand die Profession, die mein Vater als Eisenschmidt getrieben, noch nicht vollständig und behielt deshalb einen Meisterknecht bey sich, der denselben noch anführen und zum Meister machen sollte. Da dieser aber ein närrischer Patron, und mein Bruder deshalb denselben nicht gehorchen wollte, so hatte meine Mutter nicht allein täglichen Verdruß, sondern auch, indem der besagte Knecht die Waare viel zu schwer machte, um sich für die Zukunft bey den Kaufleuten beliebt zu machen, noch den größten Schaden zu ertragen.“ 

        Es wird nun die weitere Entwicklung der familiären Verhältnisse geschildert, die zur Wiederverheiratung der Mutter mit einem Schmiedegesellen führte. 

„Da nun der Schwiegervater keinen Buchstaben lesen und schreiben konnte, so hatte derselbe, indem er die Fabrik mit vielen Knechten ins Große trieb, manchen Verdruß und Schaden zu ertragen. 

Dieses reitzte ihn um so mehr, uns dem Schulunterrichte keine Stunde zu entziehen, und ließ es Schulgeld und übrige Sachen nicht im Mindesten fehlen, und lebte der Hoffnung, daß ich ihn nach vollendeten Schuljahren bey seiner Unwissenheit unterstützen sollte. Da ich Naturgabe zum Singen erhalten hatte, so war ich mit dem 12. Jahr größtenteils mit allen Kirchenmelodien bekannt, und habe deshalb als Schüler mehrere Leichen für meinen damaligen Lehrer eine halbe Stunde weit zu zum Grabe besungen. 

Indem ich in den übrigen Kenntnissen auch nicht der Letzte war, und der damalige Lehrer Seeling mich äußerst liebte, so beredete derselbe meine Aeltern, daß sie mich zum Schulfach widmen möchten; dieses geschah, und er nahm mich gleich nach dem 12. Jahr als Gehülfen zu sich, und mußte Ihn bey der großen Anzahl von Schülern in der Tagesschule unterstützen, die übrigen Stunden des Tages von Morgens 6 bis Abends 8 hatte ich größtenteils für mich zum Lernen. 

Da ich aber ein wahrer Augapfel  des Lehrers war, so ließ mir derselbe den Zügel zu weit, welches mir damals als einem Flüchtlinge wohl gefiel, allein, ich machte deshalb keine großen Fortschritte. Und im Spielen blieb ich weit zurück, indem der Lehrer darin nicht die wahren Anfangsgründe kannte, und die Sache wurde mir deshalb so halb zum Ekel. Sobald wie mein Stiefvater dieses merkte, so suchte mich derselbe nach 2 Jahren zu bereden, daß ich mich zur Schmiedearbeit qualificieren sollte, und stellte mir das so vergnüglich vor, daß er mich zugleich willig hatte.“ 

Durch den Einfluss seines Paten kam er aber nicht in die väterliche Fabrik, sondern als Kaufmannslehrling in das „Comtoir“ seines Paten. „Hier war ich zwei Jahre und hatte ein sehr vergnügtes Leben.“ 

Anschließend führte Peter Gumm die kaufmännischen Geschäfte seines Vaters und verhandelte mit den Abnehmern. Er heiratete mit 20 Jahren und hatte dann im elterlichen Hause ein schweres Leben zu ertragen. 

„Kurz und gut, die sclavische Behandlung ging so weit, daß wir beide wünschten, wie die damaligen geplagten Äegypter, bald ausgeführt zu werden, entschlossen uns deshalb auch steif und fest, die Reise nach Amerika anzutreten.“ 

Dieser Plan wurde aber von seiner Mutter vereitelt. Durch die französische Revolution war eine allgemeine Stockung in der Fabrikation und im Handel entstanden, die zu einer Teuerung im Bergischen Lande führte. 

         Peter Gumm legte sich, durch die Not bedingt, auf den Schmuggel von Lebensmitteln (vor allem Brot) aus dem Preußischen ins Bergische und hatte daran eine beachtliche Gewinnspanne. Die Zeiten wurden mit dem Einmarsch des Marschal Ney sehr unruhig, so dass sich Schrecken und Angst unter der Bevölkerung verbreitete. 

„Gerade in dem Zeitpunkt erhielt ich unvermutet von einem namens Fleischmann – der ein Nachbar von mir – damals als Lehrer zu den Voßhöfen in der Oberwengernschen Gemeinde angestellt, dessen Kenntnisse mir beim Abgange von uns bekannt, wo ich mich nicht allein gut mit messen konnte, sondern ihn in manchem Fach übertraf – einen unvermuteten Brief, dessen Hauptinhalt dahin ging, daß, wenn ich jetzt in schlechter Zeit, noch Lust bezeitigte, Lehrer zu werden – so möchte ich Ihn den nächsten Samstag  persönlich besuchen. 

Unter einem Vorwand, ohne Eltern und Frau von seiner Reise und Absicht in Kenntnis zu setzen, machte sich Peter Gumm auf den Weg nach Voßhöfen. Er war sehr angetan von dem Empfang und der Gegend nach seinen „dürren Jahren“: 

     „Die freundliche Aufnahme und Behandlung dieser Menschen machte mir die dortige Gegend, die zwar rauh zwischen Büschen und Bergen lag, zu einem halben Paradies. . .. so fand ich auch bei allen alte Redlichkeit und Treue, und ließen uns bis in die späte Nacht nicht zur Ruhe. 

Nun marschierten wir am Sonntagmorgen nach Gedern (hinter Wetter gelegen), kehrten dort bei einem großen Schulzen ein. Obschon der Schulze nach Ende zur Kirche war, so wurden wir doch von dessen Frau und Kindern so edel behandelt und aufgewirthet, daß uns die Zeit nicht lang wurde. Um ein Uhr kam der Schulze zurück, und als derselbe erfuhr, dass ich wohl Lust bezeigte, Ihr künftiger Lehrer zu werden, so war derselbe gleich so für mich eingenommen, daß er mich mit Geld (der übliche Handtaler; d. V.) zu der Annahme dieser Stelle zwingen wollte, und machte mir die Berechnung, daß ich außer freier Kost und Logis es jährlich bei 80 Taler bringen konnte. Dieses war für einen Anfänger ein bedeutendes Salair, allein, da dieser Ort aber von der Ruhr und Ardey eingeschlossen war, so daß ich keine Aussicht hatte – indem ich nicht schiffen konnte, und welches auch öfter durch Eis und großen Wasser nicht gehen konnte -  daß ich mich täglich außer der Schule zu andern geschickten Lehrern begeben konnte, um mich weiter zu üben, warum es mir am meisten gehen mußte.“ 

Peter Gumm trat die Stelle nicht an, da sie ihm zuwenig Gelegenheit zur Weiterbildung bot, machte sich nun weiter auf den Weg nach Wengern und kehrte dort mit seinem Kollegen Fleischmann in einer Gastwirtschaft ein, um sich zu stärken. 

Bei der Erörterung seiner Absichten unter den Gästen bot sich eine neue Gelegenheit, eine Stelle anzutreten. 

„Dieses bemerkte ein Schichtmeister nahméns Diederich Schulte, der damals als Schichtmeister zu Berghausen angestellt war. Dieser machte mir dies Anerbieten, wenn ich Lust hätte, bei guten honetten Leuten, und einem ansehnlichen Salair angestellt zu werden, so möchte ich morgen früh um 6 Uhr an seinem Haus seyn, alsdann wollte er mich an Ort und Stelle bringen und recommandiren. 

Ich war also den anderen Morgen prompt um besagte Zeit an dem Hause des Schichtmeisters, und spazierte mit demselben nach Berghausen, wo mich der am mittelsten Berghaus  ohne etwas zu sagen, bey das große Feuer zum niedersetzen, und mit dem Fortgehen bemerkte, daß er gleich wieder bei mir wäre. . . . Es währte nicht lange, so kam der Schulte mit den beiden Interessenten Oberste und Niederste Berghaus an, und nun wurde von der Sache ernsthaft gesprochen.“ 

Es stellte sich nun im Gespräch heraus, dass einer der Berghaus etwas gegen die Remscheider hatte, „daß sie ihm allzu wild wären“. Der Schichtmeister gab dann den Ausschlag durch seine Bemerkung, „daß dort nicht alle Menschen eines Sinns und einer Natur wären“ und sich einfach für ihn verbürgte. Peter Gumm macht sich für Kost und Logis und 50 Taler im halben Jahr für 6 Monate fest (wie er sagt). Nach vier Wochen, um Martini, trat er dort seinen Dienst an. 

    Der Leser wird schon bemerkt haben, dass es sich bei dieser Stelle um eine nicht-privilegierte Winkelschule handelte, wie sie allenthalben in den Bauernschaften neben den Kirchspielschulen existierten. Diese haben aber eine nicht minder segensreiche Tätigkeit für die Hebung der Volksbildung entfaltet. 

Es waren nicht selten die Stellen der sogenannten Lehramtsanwärter, die dann langsam, durch zähe Weiterbildung, sich zu den Stellen an einer Hauptschule emporarbeiteten. So war es auch im Leben des Peter Gumm

Bei seiner Heimkehr nach Remscheid gab er den Angehörigen seine Absicht kund, wurde jedoch sehr bedrängt, die unsichere Zukunft aufzugeben. Er wurde aber nicht wankelmütig und sehnte den Tag der Abreise herbei, die er ohne seine Frau vorerst allein antrat. 

„Als nun der Tag zur Abreise herankam, war ich recht munter und froh, und es war mir so, als wenn mir wirklich eine bessere Zukunft geahndet, und ließ deshalb beim Abschied nicht eine einzige Träne fallen. Bei der Ankunft am Mittelsten Berghausen wurde ich mit meinen Trägern, welche mir Kleidungsstücke und Bücher getragen, so aufgenommen, daß es den Trägern rührend war, mich wieder zu verlassen.“ 

Aus den weiteren Ausführungen ist zu entnehmen, dass es eine Wanderschule vom Mittelsten, Niedersten zum Obersten Berghaus war und Peter Gumm auch jeweils dort für 14 Tage Quartier nehmen musste. 

„Es läßt sich leicht denken, daß ich die ersten Tage bei einer Anzahl von 10-12 Schülern, und allerhand Gedanken, die mir für die Zukunft einfielen, sehr melancholisch waren . . . “ 

Peter Gumm verstand es aber, sich der Zuneigung der Bauern zu vergewissern und entwickelte die kleine Schule zur allseitigen Zufriedenheit. 

„. . . ohne mich zu schmeicheln, machte ich mich bei allen beliebt, die mich hatten kennengelernt, und es währte nicht lange, so hatte ich aus Herbede und der Umgegend eine Anzahl von 75 Schülern zu unterrichten. 

Die Behandlung, die ich dort genoss, machte mir das Leben zu einem wahren Paradies; denn wo ich nur außer der Schule hinspazierte, fand ich Achtung und Vergnügen.“ 

Es gefiel dem Lehrer Gumm so gut in seiner Stelle, dass er nach einiger Zeit seine Frau nachholte und sich häuslich niederließ. 

„Als nun das Frühjahr herankam, wurde für uns ein großes Stück mit Witzbohnen in den Garten, und ein Stück Kartoffeln ins Feld gesetzt. Ich hatte mich um weitere Übung mit allen umliegenden Lehrern in Bekanntschaft gesetzt, kaufte auch damals in Remscheid ein Klavier für 12 Taler. Da ich aber hierzu anders keine Gelegenheit haben konnte, so sprach ich mit dem alten Lehrer Brinkmann in Herbede, daß ich mich im Choral etwas unterrichtete, da derselbe aber kein Klavier hatte, so mußte ich solches auf die Schultern nehmen dorthin, und habe mehreremahlen dasselbe hin und her getragen. 

Nun erhielt ich grade gegen Abend vor Pfingsten in Herbede beim damaligen Obersteiger Schröder einen Brief vom Prediger Base in Königssteele.“ 

Hier endet ganz plötzlich die eigenhändige Lebensbeschreibung des Peter Gumm. Aus weiteren Unterlagen ist uns bekannt, dass er vor seinem Dienstantritt in Linden Lehrer in Königssteele war. In die Küster- und Lehrerstelle an der Kirchspielschule in Linden war Johann Peter Gumm nach dem Tode seines Vorgängers Heinrich Petersen 1798 gewählt worden. 

Es schien eine einträgliche Stelle zu sein, denn zwei Söhne des Vorgängers hatten Theologie studiert 4). 

Wie in der Einleitung dargestellt ist, trat Gumm nun als Lehrer an einer Kirchspielschule zu dem Schulunterhaltungsträger, dem Kirchenvorstand, in ein ordentliches Rechtsverhältnis, das ihm eine relativ feste Anstellung sicherte. 

Entsprechend dem differenzierten und umständlichen Wahl- und Anstellungsverfahren wurde ihm mit dem letztgültigen Berufungsschein, ausgefertigt am 27. Oktober 1801, die Confirmatio (= Rechtliche Sicherung) der Landesbehörde (= Regierung Cleve Mark) mit folgenden Worten im Nachsatz zu seinen Rechten und Pflichten bestätigt. 

„Vorstehendes ist vom gegenwärtigen Consistorio auf allerhöchsten Befehl von der königlichen Landes-Regierung, welche dem jetzigen Johann Peter Gumm ex jure devoluto (= von Rechtswegen als Nachfolger) die Schullehrstelle konferiert hat – gewissenhaft, und dem Gumm zur Nachricht, und genauesten Befolgung eingehändigt werden.“ 5) 

Nun war Johann Peter Gumm in den Stand der privilegierten Lehrer aufgerückt und mochte mit einer gewissen Befriedigung auf seinen bisherigen Lebenswandel zurückschauen. Das ersehnte Ziel war ihm nicht in den Schoß gefallen. 

Nach seinen Aufzeichnungen sind ihm Fleiß und eine gewissenhafte Berufsauffassung nicht abzusprechen. Ferner muss er über eine natürliche Lehrbegabung und über die damals geforderten Kenntnisse verfügt haben, sonst hätte man ihm nicht im Alter von 25 Jahren die Leitung einer Kirchspielschule mit den vielen vielfältigen Aufgaben des niederen Kirchendienstes anvertraut. 

Wenn es auch nicht in der Absicht liegt, das Thema der Arbeit, über die Selbstdarstellung des Lehrers hinaus auf sein weiters Leben auszuweiten, so sollen zur Abrundung seiner Autobiographie noch einige Züge seines Lebensbildes hinzugefügt werden, die seine Standhaftigkeit und kompromisslose Haltung gegenüber der örtlichen Schulobrigkeit und den abgabenpflichtigen Eingesessenen unter Beweis stellen, wenn es galt, einem schulfeindlichen Schlendrian entgegenzutreten. 

So scheute er sich nicht, 1810 in einer mehrseitigen Eingabe an den Präfekten des Ruhrdepartements über den säumigen Schulvorstand, Pfarrer und Consistoriale, Klage zu führen. 6)  Auch verurteilte er in scharfen Worten den Natural-Empfang wegen folgender nachteiliger Eigenschaften: „erstens tiefe Erniederung“ des Empfängers und „zweitens: unsichere Einnahmen, bei kleinen Bissen und Brocken, die im Grunde keinen Wert haben.“ 

Ferner musste er sich bei der Einziehung des Schulstübers von Haus zu Haus „ . . . harte Abweisungen gefallen lassen, Rückstände leiden, die ich nicht leiden kann und grobe Worte mit nach Hause nehmen.“ 

Diese Behandlungsweisen trafen ihn empfindlich in seinem Stolz und in seiner Ehre als Erzieher. In folgenden Worten bringt er seine Empfindungen zum Ausdruck: 

„Bei allen diesen vielen Widerwärtigkeiten, die mich tief erniedrigen, die Achtung meiner Schüler zu vermindern, habe ich dennoch nicht soviel, daß ich mich und meine Familie nähren und bekleiden kann“. 

Abschließend fügt er aus seinem natürlichen Selbstbewusstsein und seiner eigenen Wertschätzung hinzu, - „daß ich nebst hinlänglichen Kenntnissen, die ich besitze, auch meine Pflicht tue, mögen meine Obern mir nach Pflicht bezeugen.“ 7) 

Diese sichere Wertschätzung seiner Kenntnisse muss nach dem überlieferten Urteil späterer Zeitgenossen durchaus berechtigt gewesen sein. 

Nach der Darstellung des Rektors Brandt (von 1890 – 1926 Lehrer und Rektor in Linden-Dahlhausen) in seiner Schulchronik, dem wahrscheinlich weitere Quellen, mündlicher und schriftlicher Art, zur Verfügung standen, muss der „alte Gumm“ ein vorzüglicher Rechenmeister gewesen sein, dem z. B. die Logarithmen bekannt waren. 

Den sonst dürftigen Elementarunterricht hatte er durch die Fächer Geschichte, Geographie und Raumlehre erweitert. 

Auch verbannte er aus seiner Schule das Sinnlose und sinnwidrige „Aktenlesen“. Es war damals üblich, dass der Lehrer aus Mangel an Lehrstoff alte Akten, gleich welcher Herkunft, zu Übungszwecken mit in die Schule brachte. 

Sein Lieblingsfach war Musik. Er spielt Klavier (siehe Lebensbeschreibung) und förderte mit besonderer Hingabe den Schul- und Kirchengesang. 

Johann Peter Gumm hatte auch eine kleine methodische Abschrift verfasst über – Gründliche Anweisung nach der Berliner Methode auf Teutschen Schulen zu informieren -. 

Sie umfasst 48 Seiten und war für den Privatgebrauch mit der Hand geschrieben worden. Rektor Brandt, dem das Manuskript wahrscheinlich noch vorgelegen hat (es ist heute leider nicht mehr auffindbar), gibt in seiner Schulchronik folgende methodische Anweisung zum Einprägen der Buchstaben in Auszügen wieder. 

„Man male diese Buchstaben recht groß mit Farbe auf einen Zettel und gebe jedem Kinde (Lernanfänger) täglich einen Buchstaben mit nach Hause zum Behalten; lasse die Kinder am anderen Morgen ans Pult kommen und frage, ob sie ihren Buchstaben auch noch wüssten. Hat ihn der Schüler gut behalten, so kann man ihm zwei andere Buchstaben mitgeben und etwa dazu sagen: „Siehe, das hast du gut gemacht, fahre so fort, dann hat dich Gott lieb, und Vater und Mutter haben Freude an dir.“  8) 

Gegenüber dem sinnlosen Nachplappern und der damaligen Einprägungsmethode mit dem Stock war die Gemüt ansprechende Methode des Erstleseunterrichts des alten Gumm sicher sehr fortschrittlich. 

Wegen beginnender Altersschwäche und einer schweren Erkrankung wurde ihm 1827 sein Sohn Johann Wilhelm Gumm als Adjunkt in seinem Amte beigegeben. Er hatte gleichfalls kein Lehrerseminar besucht und seine praktische Ausbildung zuerst bei seinem Vater und dann bei benachbarten Kollegen erfahren. Er war bis 1865 an der Lindener Schule tätig, bis 1851 als alleiniger Lehrer. 

 

Anmerkungen und Quellen 

 1) Über das Muttental bei Witten und über die Gewerkenfamilie Berghaus informiert das Nähere die Arbeit von Werner Tiggemann. Das Muttental bei Witten; abgedruckt in der Zeitschrift „Der Anschnitt“, 17. Jahrgang, Heft 1, Verlag Glückauf, Essen.
2) Das Manuskript wurde dem Verfasser freundlicherweise von der Familie Strote in Bochum-Linden, Nachkommen des
Lehrers Peter Gumm, zur Verfügung gestellt.

3) Nach dem Eintrag in den Taufregistern des Evang. Pfarramtes Remscheid ist Johann Peter Gumm am 23. Juli getauft. Seine Eltern waren Johannes Peter Gumm und Maria Magdalena Ibach; Taufzeugen: Johann Peter Diederichs, Peter Arnold Honsberg, Katharina Margaretha Schmidt und die Ehefrau eines Gottfried Frantzen. – Im Jahre 1831 lebten auf dem Bruch noch zwei Neffen von Johann Peter, nämlich Gottlieb (geb. 1795) und Karl (geb. 1801), die beiden ebenfalls als Kleinschmiede tätig waren. Die Familie Gumm ist auch heute noch in Remscheid ansässig. (Dr. Lorenz)

4) Es handelt sich um den Lehrer Heinrich Petersen, der die Schulstelle in Linden von 1758 bis zu seinem Tode 1797 innehatte. Aus erster Ehe entstammt der spätere Prediger und Schulkommissar Carl Friedrich Petersen, geb. 1773. Er gründete die Weitmarer - Schullehrergesellschaft und ist auch sonst als Heimatschriftsteller hervorgetreten. Der Sohn aus zweiter Ehe war Johann Daniel Petersen, geb. 1782. Er studierte gleichfalls Theologie und war später Prediger in Wengern bei Wetter. Er hat eine Erdbeschreibung für den Schulunterricht verfasst.

5) Staatsarchiv Münster – Akte Großherzogtum Berg, Gruppe A 2, No 258.

6) ebenda

7) Entnommen der Schulchronik der Evangelischen Volksschule Dr. C. Otto-Straße 112 in Bochum Dahlhausen. Die Eintragungen sind von dem Rektor Brandt (1890-1926) erfolgt.



Früher waren die heutigen Stadtteile Bochums kleine Dörfer und Bauernschaften, die geprägt waren durch die Katholische Kirche. Nach der Reformation auch durch evangelische Kirchengemeinden. Diese Bauernschaften führten jahrhundertelang ein ziemlich geruhsames Eigenleben. Aber dann kam der Bergbau und die daran hängende Industrialisierung und aus war es mit der Gemütlichkeit. Mit dem Bergbau kamen innerhalb kürzester Zeit tausende Familien, um hier an der Ruhr Arbeit und ein besseres Leben zu finden und stellte die "Eingesessenen" vor riesige Herausforderungen. Und das lässt sich scheinbar sehr gut durch die Entwicklungen der einzelnen Schulgemeinden dokumentieren, wie Wilhelm Rüter das akribisch erforscht hat. Und so bekommen wir einen ziemlich detaillierten Einblick in die Geschichte; aber vor allem in das Leben der Familien und Kinder.


Schulgeschichte der Stadtteile des  heutigen Bochumer Nordens

Grumme, Hiltrop, Bergen, Gerthe, Harpen, Kirchharpen und Kornharpen, Riemke


Schulgründungen in den Bauernschaften 

Grumme - Hiltrop - Bergen

                                                                                                  Von Wilhelm Rüter erstellt im Herbst 1966

                                                                 

Inhalt

Einführung: Allgemeine Informationen zu den Datenerhebungen für Grumme, Bergen und Hiltrop im Hinblick auf kirchliche und schulische Zuordnungen

1. Gründung ortseigener Schulen in Grumme

  - katholische Schule

  - evangelische Schule

2. Gründung ortseigener Schulen in Hiltrop - Bergen

3. Gründung ortseigener Schulen in Bergen

 

Einführung

Allgemeine Informationen zu den Datenerhebungen für die Bauernschaften Grumme, Bergen und Hiltrop im Hinblick auf kirchliche und schulische Zuordnungen

Im nördlichen Teil des früheren Bochumer Landkreises lagen die Bauernschaften Grumme, Bergen und Hiltrop. Diese stehen in landschaftlicher Hinsicht in enger Beziehung zu dem Komplex der Riemker Bauernschaften. Letztere erstrecken sich weitläufig in den Niederungen mehrerer Bachläufe, während die Bauernschaft, Grumme, Bergen und Hiltrop im wasserreichen und hügeligen Quellgebiet dieser Bäche lagen. Ein besonders reiches Quellgebiet speiste den Riemker Bach, drei Quellen in der Bauernschaft Bergen und drei Quellen im Bereich des Stemberges, so dass er in der Lage war, drei Mühlen, die Bergener-, Fiedler- und Lüns-Mühle zu treiben. Der Grummer Bach entsprang in dem Quellgebiet des Kötterberges. Er war früher so wasserreich, dass er mehrere Mühlen in Betrieb halten konnte. 

Der Bergbau hat in diesem Landschaftsbereich erst relativ spät seinen Einzug gehalten, so dass die Gemeinden noch bis zum ersten Weltkrieg ihren ländlichen Charakter behalten haben. Das hatte zur Folge, dass sich im Gegensatz zu den benachbarten Gebieten erst später mit dem aufkommenden Bergbau, ein schulisches Eigenleben entwickelt hat.

     Für die geschichtliche Entwicklung in den drei Bauernschaften, die hier wegen ihrer landschaftlichen Gemeinsamkeit komplex behandelt werden soll, ist es wichtig, die schulische und kirchliche Zuordnung in früheren Zeiten kennenzulernen.

Während Grumme durch seine Angrenzung an das Bochumer Altstadtgebiet kirchlich und schulisch den Gemeinden in Bochum zugeordnet war, gehörten Bergen und Hiltrop in alten Zeiten zum Kirchspiel Herne. Politisch gehörten die drei Bauernschaften zum früheren Mittelamt Bochum, wie auch Herne. Das schon immer eine gemeinsame landschaftliche Zuordnung der drei Bauernschaften bestanden hat, ist daran zu erkennen, dass Sie sich zeitweise schulisch miteinander assoziiert haben. Das gesamte Gebiet umfasst nach der Landaufnahme des Bochumer Mittelamtes von 1670 bis 1684 rund 560 Malterse bebautes Land.

Für die hier beabsichtigte geschichtliche Arbeit ist es wichtig, den Umfang der einzelnen Bauernschaften hinsichtlich der Einwohnerschaft, das Wachsen der  Schulgemeinden als Träger der Schulen und auch die konfessionelle Aufgliederung kennen zu lernen. Die archivarischen Quellen berichten nicht selten lückenlos über die Entwicklung von den früheren Bauernschaften zu den heutigen, dicht besiedelten Vorortsgemeinden. Das schwache historische Bild ist auf den Umstand zurückzuführen, dass jahrhundertelang weder ein kirchliches noch politisches Gemeinwesen bestanden hat. Naturgemäß haben die Bewohner dieser Bauernschaften, bedingt durch die abseitige und verstreute Lage der Hofstellen, wenig Anteil genommen an kirchlichen, schulischen und  politischen Aufgaben der Selbstverwaltung. Vermutlich ist auch die geringe Initiative in der Schulfrage von dieser Situation bestimmt worden, obwohl die Kinder ausgenommen von Grumme, sehr weite Schulwege nach Herne haben zurücklegen müssen. Die Folge davon war ein periodischer Unterricht und, wie die weiter unten beigefügte Schülerliste der Grummer Kinder ausweist, kaum ein Schulbesuch der Mädchen. Unter 17 Schülern besuchten nur drei Mädchen die zuständige Schule. Es ist kaum anzunehmen, dass eine so geringe Zahl von Mädchen schulpflichtig gewesen sein sollte.

     Wie in fast allen Bauernschaften des ehemaligen Bochumer Landkreises gab der aufkommende Bergbau in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts, den eigentlichen Anstoß zur Gründung ortseigener Schulen. In den bestehenden Kirchspielgemeinden wie Weitmar, Stiepel, Ümmingen, Langendreer und Harpen, erfolgte die Gründung von Schulen schon früher durch die Kirchengemeinden. Der Unterricht war ein Teil der seelsorgerlichen Betreuung und der Hinführung auf die Heilslehre der Kirchen. Die sogenannten Kulturtechniken wurden erst in zweiter Linie vermittelt. Die neuen Gemeinden, durch den Zuzug von Bergleuten erst zur politischen Gemeinden angewachsen, nahmen das Wagnis der Schulgründung auf sich. Eine erste Gemeinsamkeit zwischen den alt eingesessenen und den zugezogenen entstand durch die Bildung einer Schulgemeinde.

 

Die vielfachen Verflechtungen mit der alten Mutterschulgemeinde, mit der die Bauernschaft jahrzehntelang verbunden und durch ein Reparationsschema und vielfache Naturalabgaben verpflichtet war, musste durch langwierige Verhandlungen gelöst werden. Die Neueinordnung in das regionale und übergeordnete Gefüge der straffen staatlichen Schulaufsicht bedurfte gleichfalls eines langjährigen Schriftwechsels mit der Bezirksregierung bis alle Anforderungen und Auflagen erfüllt waren. Der Konstituierung der Schulgemeinde ging die Wahl der wort- und schriftführenden Repräsentanten voraus. Waren die Voraussetzungen eines geordneten Schulwesen erfüllt, - Schulgebäude, Schüler, Lehrer und ein Schuletat für die nächsten fünf Jahre -, so konnte der Unterrichts-beginn von der Regierung angesetzt werden.

In der nachfolgenden Darstellung der Schulgeschichte soll von dem Lebensbereich der jeweiligen Bauernschaft ausgegangen werden. Sie bildete ja in Zukunft die lebensfähige Schulgemeinde. Bei der Gründungsgeschichte, als einen Akt von besonderer kultureller Bedeutung in einen Gemeinwesen, soll etwas länger verweilt werden. Auch darum, weil sich in der Schulgründung ein Stadium der Mündigkeit aufzeigt. Die bis darin in der Geruhsamkeit verharrenden Bauernschaften ent-wickelten je nach Temperament der Eingesessenen und Zugezogenen eine erstaunliche Regsamkeit in Wort und Schrift. Darum ist eine individuelle Behandlung der einzelnen Bauernschaft geboten. Die Beteiligten am Gründungsakt sollen namentlich erwähnt werden, um darzutun, dass hinter einem scheinbar behördlichen Vorgang Persönlichkeiten mit Initiative und Wagemut gestanden haben. 

     Auch die Lehrer der ersten Jahrzehnte sollen nach Möglichkeit namentlich genannt werden, die dieses schulische Neuland erstmalig betreten haben. Sie haben dazu beigetragen, durch ihre Erziehungsarbeit an der jungen Generation Gefühle der Verbundenheit in der sonst so heterogenen Bevölkerung der neunen Industriegemeinden zu wecken. 

 

 1. Gründung ortseigener Schulen in Grumme

- Katholische Schule

Der Kern der Bauernschaft Grumme lag in der schmalen Talaue des Grummer Bachs, daher ihr Name, und erstreckte sich vom heutigen Stadtpark bis an das Zillertal im Norden. Im Osten reichte  die Feldmark bis an die Castorper Straße und im Westen bis an die Riemker Grenze. Der Umfang der Grummer Bauernschaft ist schon ermittelt worden durch die Landaufnahme im Bochumer Mittelamt von 1670 bis 1684

Das Ergebnis sind 11 volle Hofstellen, 5 Kötterstellen und 2 Stellen mit geringer Rutenzahl, insgesamt 269 Malterse Acker und Wiesen.

Die gleiche Zahl der Stellen ist schon im Feuerstättenverzeichnis der Grafschaft Mark von 1664 angegeben in folgender Aufgliederung: 

9 volle Höfe, 2 halbe Höfe und 7 Kötterstellen= 18 Stellen. 1) 

Die Revenüenaufstellung von 1581 für den Lehrer Dietrich Wulf an der Bochumer Schule vermerkt folgende 11 abgabepflichtige Höfe:

Blaumberg, Bußmann, Dickmann, Dördelmann, Kleberg, Teuthoff, Höhn, Niederdrerermann, Oberdrerermann, Vierhauß und Rellinghauß.

Alle zusammen "bezahlten" dem Lehrer an Naturallohn 260 Roggengarben, davon Rellinghauß 60 und alle anderen je 20. Des Weiteren bekam Lehrer Wulf 9 Brote und 10 Fleischhäste. (Fleischhäste = Fleischstücke).

Von Bauer Niederdrerermann bekam Lehrer Wulf kein Brot und von Bauer Bußmann bekam er weder Brot noch Fleisch.

Die 7 Kötterstellen sind scheinbar von der Abgabepflicht verschont worden. Erkenntlich in der Aufstellung ist der größte Hof: Rellinghauß.  2) 

 

Die Personenstandsaufnahme von 1798 zeigt ein leichtes Anwachsen der Einwohner der Bauernschaft und Veränderungen im Berufsstand. Die Hofstellen sind zahlenmäßig die gleichen geblieben. Sie weist immer noch 26 Haushaltungen auf:

11 Hofstellen,  5 Kötterstellen, 1 Kötter und Leineweber, 1 Kötter und Schuster, 1 Leibzüchter als Einlieger und 7 Tagelöhner.  3) 

 

An der Wende zum 19. Jahrhundert regte sich im hiesigen Bereich erstmalig ein schulisches Leben und gewährt uns den ersten Einblick in die konventionellen Verhältnisse der Grummer Bauernschaft. Die nachfolgende Aufstellung zeigt, dass fast alle Bewohner katholisch waren. Auf Veranlassung der Kriegs und Domänenkammer in Hamm, berichtet der katholischen Pfarrer J. Cramer 1799 über die Landgemeinden, die zur katholischen Schulgemeinde in Bochum gehören, wie folgt:

„Grumme, eine starke Viertelstunde von der Schule entlegen, besteht aus 10 beieinander gelegenen Höfen und zehn Kotten.“

          Die Haushaltsvorstände der zehn Höfe und zehn Kotten bildeten die Urgemeinde für die spätere Schulgründung. Pfarrer Cramer hat auch die Schüler namentlich benannt, die die Bochumer Mutterschule besuchten. Wie schon erwähnt, sind es von 17 Kindern nur drei Mädchen, die an den „Segnungen eines geregelten Schulunterrichts“ teilgenommen haben. Auch diese Namen sollen in der Gründungsgeschichte vermerkt werden:

Diedrich Dickamp, Johannes Henrich Grundhoff, Wilhelm Rellinghaus, Mauritz Grundhoff, Diedrich Blaumberg, Henrich Dördelmann, Mauritz Kleeberg, Mauritz Vierhauß, Wilhelm Dickmann, Henrich Dieckmann, Görger Bönnmann, Wilhelm Hülsebusch, Görgen Imberg, Diedrich Imberg, Margarethe Blaumberg, Margarethe Kleeberg und Tina Dördelmann 4)

 

Obwohl eine Schulpflicht bestand, sind nicht alle schulpflichtigen Kinder zur Schule geschickt worden. Im Sommer waren es weniger als im Winter. Auch wurden Hirtenkinder mit 12 Jahren der Schulpflicht entzogen. Dies war möglich, da die Exekutive zu schwach war, um das schon beste-hende Schulpflichtgesetz von 1762 und 1794 zur Durchführung zu verhelfen. Die Ursache des mangelhaften Schulbesuchs lag letztlich in den sozialen Verhältnissen jener Zeit, die es notwendig machten, dass die Kinder zur landwirtschaftlichen Arbeit verdingt wurden.

 

Während der französischen Fremdherrschaft wurde 1811 eine Schulkommission unter der Leitung des Schulkommissars Petersen gegründet, die vom Präfekten des Ruhrdepartements den Auftrag erhalten hatte, die primären Schulbezirke zweckmäßiger einzu-richten. Aus Grumme wurden bei der Gelegenheit 27 katholische und 5 evangelische Schüler gemeldet. Im benachbarten Bergen lebten nur 4 evangelische Schüler. Die Reorganisation kam wegen der bald einsetzenden kriegerischen Ereignisse nicht zustande. Grumme verblieb bis nach 1880 bei den beiden Schulgemeinden der Altstadt.

     Aus der Bauernschaft war inzwischen durch den Zuzug von Bergleuten, die sich in der Nähe der  Zeche Ritterburg an der Castroper Straße angesiedelt hatten, eine politische Gemeinde entstanden, die aber immer noch ihren ländlichen Charakter bewahrt hatte. Als die Ausschulungsverhandlungen um 1865 für beide Konfessionen erstmalig begannen, war die Einwohnerzahl auf 731 und die Zahl der der Familien auf 126 angewachsen. Aus den katholischen Familien besuchten 41 und aus den evangelischen Familien 17 Schülerinnen und Schüler die Schulen in Bochum.  5) 

     Im Zuge der großen  Ausschulung der Landgemeinden aus den Schulverbänden der Bochumer Altstadt, die 1869 in die Wege geleitet wurde und sich über einige Jahre erstreckte, erfolgte der erste Anstoß zur Gründung ortseigener evangelischer und katholischer Schulgemeinden bzw. Schulen in Grumme. Die Regierung Arnsberg empfahl die Wahl eines gemeinsamen Repräsentanten-Kollegiums aus evangelischen und katholischen Hausvätern, die als Bevollmächtigte alle notwendigen Verhandlungen über die Vermögensauseinandersetzungen mit den früheren Schulgemeinden und über die Grundstücksbeschaffung führen sollten. Die gewählten Repräsentanten waren alle katholischer Konfession, weil sie den Hauptteil der Bevölkerung aus-machten. Eine Beschwerde der evangelischen Hausväter bei der Regierung Arnsberg, die Wahl für ungültig zu erklären, führte nicht zum Ziel. Sie hatten ihr Wahl-recht entweder nicht ausgeübt, oder sich überfahren lassen.

Gewählt wurden folgende Repräsentanten:
die Landwirte Dördelmann und Heinrich Höhne, die Bergmänner Wilhelm Romberg und Heinrich Voß und der Kötter Wilhelm Lueg. 6)

Die Repräsentantenliste weist eine zeitgemäße soziologische Mischung aus. Da alle Verhandlungen gemeinsam geführt und aus Gründen der finanziellen Erleichterung eine simultane Schule für den Anfang angestrebt wurde, kam sie gegen den Einspruch der katholischen Repräsentanten nicht zustande.

          Die finanzielle Leistungsfähigkeit der evangelischen und katholischen Schulgemeinde war sehr unterschiedlich. Fast der gesamte Grundbesitz war in den Händen der katholischen Landwirte und Kötter.  

Es mussten nun getrennte evangelische und katholische Schulgemeinden konstituiert werden. Die Regierung Arnsberg forderte nach dem Stande von 1877 (die Verhandlungen erstreckten sich über ein Jahrzehnt) den Prästationsnachweis der evangelischen und katholischen Schulgemeinde. Der Unterschied in der Leistungsfähigkeit war offensichtlich 

(und wird durch die beiden Tabellen und den anschließenden Ausführungen von Rüter vergleichbar dargelegt)

             1. Evangelische Schulgemeinde

„Außer den 2 Landwirten und 2 unbedeutenden Köttern sind meistens nur unbemittelte Bergleute vorhanden“

Haushaltungen  116;  Bauern  2;   Kötter  2;  Büttner 1, Handwerker  6; 

Einlieger und Kostgänger  106;  Schüler   55

              

          2. Katholische Schulgemeinde

„Außer den 7 Landwirten und 9 Köttern besteht die Gemeinde fast ausschließlich aus unbemittelten Bergarbeitern und einigen Zechenbeamten.“

Haushaltungen  243;  Bauern  7;  Kötter  9;  Handwerker u. Gewerbetreibende  15; Einlieger und Kostgänger  212; Schüler  155    7)

 

Die katholische Schulgemeinde, als die größere und finanziell stärkere, erreichte zuerst die  Ausschulung aus dem Schulverband der Altstadt. Nach langjährigen Verhandlungen mit der Mutter-gemeinde, der sie jahrhundertelang angehört hatten, erklärte sich diese bereit, die ausscheidende Tochtergemeinde mit 5.000 Mark abzufinden. Unter dem 9. März 1880 konnte endlich die Ausschulung aus dem Schulverband durch Verfügung der Regierung vollzogen werden und die Konstituierung einer ortseigenen Schulgemeinde mit der Maßgabe genehmigt werden, dass sie erst wirksam wird, wenn ein Schulhaus vorhanden und ein Schuletat über 5 Jahre gesichert ist. 

Der Landwirt Oberheitmann bot der katholischen Schulgemeinde einen Bauplatz von 180 Ruten (=25 ar und 53 qm) zum Preis von 3.000 Mark an. Die Gesamtkosten des Schulbaues, 2 Klassenräume und 2 Lehrerwohnungen, waren auf 20.000 Mark geschätzt worden. Der Unterricht sollte gleich mit 2 Unterrichtsklassen beginnen. 

Das Schulgebäude war am Ende des Jahres 1880 fertig gestellt worden, so dass der Unterricht Ostern 1881 beginnen konnte. Die Schülerzahl betrug 160.  

Als erster Lehrer amtierte Albert Hucke aus Riemke und die Lehrerin Maria Gantenberg aus Hofstede. Ostern 1882 übernahm der Lehrer Josef Hernscher aus Weitmar die erste Stelle.

Der Etat der katholischen Schulgemeinde zum Gründungstermin 01.04.1881 weist folgende Zahlen aus:

Seelenzahl: 1.030 in 128 Häusern, darin 201 Hausväter und 160 Schülern  8)

Als Schulvorsteher fungierten der Ziegeleibesitzer Köddewig und der Landwirt Dördelmann. Auch in dieser Gemeinde haben wir im Anfang mit einem starken Wechsel der Lehrkräfte zu tun, weil die Klassenfrequenzen durch den ständigen Zuzug von Bergmannsfamilien außergewöhnlich hoch  waren. Es musste auch ständig improvisiert werden, um Raum für neue Unterrichtsklassen zu schaffen.

Der Schuletat von 1885/86 zeige einen merklichen Anstieg der katholischen Bevölkerung

Seelenzahl: 1.520 in 128 Häusern darin 296 Hausväter und  257 Schülern

 

Das Kollegium bestand aus folgenden Lehrpersonen: 

Lehrer Hernscher und Jantenacht und der Lehrerin Gantenberg  9)

Jede Lehrkraft hatte die unwahrscheinlich hohe Zahl von fast 100 Kindern zu unterrichten.

Im August 1890 fasste der Schulvorstand den Entschluss, ein zweites Schulsystem im äußersten Osten der Gemeinde an der Grenze von Gerthe – Harpen, an der Castroper Straße/Ecke Rottmannstraße, zu errichten. 

Hier war ein Schwerpunkt der Besiedlung, z.T. auf Harpener Gebiet, durch den Zuzug von Bergmannsfamilien entstanden. Die nachfolgende Aufstellung zeigt, wie die Besiedlungsschwerpunkte im gesamten Schulbezirk verteilt waren:

Im nördlichen Teil         40 Schüler

Im westlichen Teil        150 Schüler

Im südlichen Teil            76 Schüler

Im östlichen Teil             80 Schüler

            Insgesamt:          346 Schüler

30 Gastschulkinder aus Gerthe und Harpen besuchten gleichfalls die Grummer Schule.

 

Der Schulneubau kam (aber) vorerst nicht zustande, weil die erforderlichen Mittel fehlten. Um der Raumnot abzuhelfen, wurde zuerst ein Unterrichtslokal bei dem Wirt Wilhelm Hegenberg angemietet, um dort eine Sammelklasse unter der Leitung des Lehrers Janknecht einzurichten.  10)  
Im  Etatjahr 1895/1896 bestand immer noch ein System mit 4 Klassen und einer Sammelklasse.

Die Seelenzahl der Gemeinde war (inzwischen) auf 1.807, die Zahl der Familien auf 370 und die Zahl der Schüler auf 386 angestiegen.

Es unterrichteten folgende Lehrkräfte:

Hauptlehrer Hernscher, geboren in Hamm, Lehrer Scheifers, geboren in Scherfede und die Lehrerinen Kirchoff, geboren in Borgentreich,  Meyer, geboren in Arnsberg und Padberg, geboren in Wiedenbrück

Im gleichen Jahr wurden die gesamten Schullasten nicht mehr durch eine Schulsteuer erhoben, sondern (vom) Gemeindeetat übernommen. Jetzt war die finanzielle Möglichkeit gegeben, das zweite Schulgebäude im Osten der Gemeinde zu errichten.

Das Etatjahr 1900/1901 weist 2 Schulhäuser mit insgesamt acht Klassenräumen aus. Im Schulgebäude Castroper Straße/-Rottmannstraße war ein Filialsystem der Stammschule untergebracht.

Die Zahl der  SchülerInnen betrug 440, die von 6 Lehrkräften unterrichtet wurden: Hauptlehrer Hernscher, Lehrer Mönninghoff und Struwe, die Lehrerinnen Kirchoff, Meyer und Padberg  11) 

         Die katholische Einwohnerzahl war bis zur Jahrhundertwende auf 2.027 angestiegen. 1905 betrug die Schülerzahl 572 und die Zahl der Lehrkräfte 9. Im gleichen Jahr wurde Grumme nach Bochum eingemeindet und die örtliche Schulgemeinde in den Gesamt-schulverband mit einbezogen.

  

  •  Evangelische Schulen in Grumme 

An der Gesamteinwohnerschaft der Gemeinde Grumme hatten die evangelischen Bürger den geringsten Anteil. Nach der Bestands-aufnahme, die Regierungsbezirk Arnsberg 1819 und nach dem Stand von 1818 durchgeführt worden war, wohnten in der damaligen  Bauernschaft Grumme 218 Katholiken, 20 Lutheraner und 1 Reformierter.  12) 
Anläßlich der neuen Schulbezirksregelung von 1811 lebten dort: 5 evangelische Schüler. Kirchlich und (somit) schulisch gehörten die evangelischen Einwohner zur Altstadtgemeinde  (Bochum).

1840 führte die Regierung Arnsberg eine zweite größere statistische Erhebung durch. In der Zwischenzeit war die Zahl der katholischen Einwohner auf 249 angestiegen und die Zahl der evangelischen Einwohner auf 17 abgesunken.  13)  

Bei der Ausschulung der Landgemeinden aus dem großen Schulverband der Altstadt, die in dem Zeitraum von 1869 - 1884 zur Verhandlung anstand, besuchten nach dem Stichtag aus Grumme 17 evangelische Schüler die Kirchschule in Bochum. Die Zahl der evangelischen Einwohner war auf 86 angestiegen.

Während der Dorfkern fast (komplett) katholisch bewohnt war, wuchs die Zahl der evangelischen Einwohner durch den Zuzug von Bergleuten im östlichen Teil der Gemeinde, in der Nähe der früheren Zeche Ritterburg und Prinz von Preußen. Die Gesamtzahl der Einwohner in Grumme betrug nach der Statistik des Landkreises Bochum von 1875 in 62 Häusern, 126 Familien, 731 Seelen.  14)

Wie bereits im vorherigen Kapitel dargelegt worden ist, war der 1875 begonnene Versuch, mit den katholischen Eingesessenen eine simultane Schulsozietät zu bilden, gescheitert. Die  Katholiken als der finanzstärkere Teil der Gemeinde erreichten die Ausschulung und Gründung einer ortseigenen Schule 1880/1881, während die evangelischen Hausväter dieses Ziel erst 15 Jahre später verwirklichen konnten. 

Den heutigen Eltern würde eine solche Zurückstellung aus Gründen der Finanzschwäche mit Recht als sehr unwahrscheinlich erscheinen. Hierbei muss die Tatsache ins Gedächtnis zurückgerufen werden, dass sich damals autonome Schulgemeinden innerhalb der politischen Gemeinde gegenüber standen. Das traf auch dann zu, wenn die politische Gemeinde das Schuldefizit der autonomen Schulgemeinde aufbrachte. 

Die Zahl  war 1883 auf 87 angewachsen und immer noch bestand keine Möglichkeit, das Projekt einer ortseigenen Schule zu verwirklichen. In bitteren Worten beklagten sich die evangelischen Eltern in einem Schreiben an den Landrat vom 12.06.1883 über die aussichtslose schulische Situation: „…..es ist schon hart genug, dass die Kinder den ¾ Stunden weiten Weg nach Bochum zur Schule zum größten Teil in sehr dürftiger Kleidung bei jeder Witterung machen müssen. Auch ist es nicht einleuchtend, warum man nicht an hiesigem Ort eine Schulklasse errichtet, was bei 87 Kindern doch sehr leicht angängig.“           
              Im Schreiben vom 04.08.1883 unterbreiteten sie den Vorschlag, in der Nähe der Zeche Ritterburg (Castroper Straße) ein Schulgebäude auf Kosten der Mutterschule errichten zu lassen.  15)  Auch dieser Vorschlag wurde verworfen.

(Aber) die Regierung Arnsberg drang auf die Konstituierung einer ortseigenen Schule, weil mit  einem steten Anwachsen der Bevölkerung zu rechnen sei. Sie forderte durch Verfügung vom 24.01.1884 erneut einen Prästationsnachweis über die evangelischen Hausväter von Grumme. (Wieder) heißt es in dem Bericht: „Die Eingesessenen bestehen mit Ausnahme von 2 Landwirten, 13 Gewerbetreibenden und Beamten (Steiger pp.) fast nur aus mittellosen Bergleuten.“

Im einzelnen aus 151 Haushaltungen: 2 Bauern, 13 Gewerbetreibenden und Beamten sowie 136 Einliegern und Kostgängern. 16)

10 Jahre mussten noch ins Land gehen, bevor der Wunsch nach einer eigenen Schule in Erfüllung gehen sollte. Vor der Genehmigung wurde der Bau eines Schulgebäudes an der Castroper Straße in die Wege geleitet. Für den Übergang bot sich die Möglichkeit, gastweise im katholischen Schulgebäude Grumme-Dorf mit einer Unterrichtsklasse zu beginnen.  

     Die Genehmigung der Gründung der evangelischen Schule wurde durch Regierungsverfügung vom 05.07.1895 erteilt. Die Geschicke der neuen Schule lagen in den Händen der Schulvorsteher Heinrich Rottmann und Friedrich Ortmann und der  Repräsentanten Friedrich Cott, Wilhelm Hegenberg, Heinrich Reuter und Friedrich Zimmermann. 

Die Seelenzahl der Schulgemeinde war inzwischen auf 762, die Zahl der Familien auf 171 und die Zahl der Schüler auf 145 angestiegen. Dem Besitzstande (= Haus- und Grundbesitz) gehörten 11  Hausväter an.  17)

Mit dem Unterricht konnte nun endlich am 01.10.1896 in einem Klassenraum der katholischen Schule begonnen werden. Der erste und alleinige Lehrer war Friedrich Herbold aus Eringsen bei Dortmund. Er führte die starke Klasse allein bis Ostern 1898. Mit dem Schulneubau auf dem Rottmannschen Gelände an der Castroper Straße war 1896  begonnen worden. Im Frühjahr 1897 konnte der zweiklassige Bau bezogen werden. Der Schulbau im Dorf Grumme wurde im nächsten Jahr in Planung genommen. Zu diesem  Zweck erwarb die Schulgemeinde ein Grundstück in Größe von 30 ar zu 150 Mark je ar = 4.500 Mark von dem Bäcker Pfleging. Der Schulbau konnte im Frühjahr 1902 bezogen werden. Bis zu dem Zeitpunkt hat das Gastverhältnis mit der katholischen Schule bestanden. 

Es muss damals zwischen den beiden Konfessionen nicht das beste Einvernehmen geherrscht haben, sonst hätte sich der zuständige Schulinspektor Stordenz nicht bewogen gefühlt, in seinem Bericht vom 30.10.1900 in einigen deutlichen Worten auf dieses gespannte Verhältnis in der Dorfgemeinschaft hinzuweisen: „….seitens der Katholiken und namentlich deren Geistlichkeit wird den Evangelischen der Aufenthalt im Dorf erschwert und z.T. unmöglich gemacht, in dem man ihnen beim Mieten Wohnungsschwierigkeiten macht.“   18)

Aus dem Bericht geht dann noch hervor, dass im Dorf eine Klasse mit 80 Schülern bestand und an der Castroper Straße ein System mit 2 Klassen und 124 Schülern. 

Ferner wurden zum Dorf gerechnet, „alle Behausungen im Tal, etwa bis zum Bauern Rottmann. Hier wohnten 40 evangelische Hausväter mit 80 Schulkindern. Es waren meist Bergleute, 2 Landwirte, 1 Gastwirt und ein Zimmermann."  Soweit die Darstellung des Schulinspektors Stordenz. Die Blockade der evangelischen Anmieter war möglich, weil sich der Haus- und Grundbesitz zum  größten Teil in den Händen der katholischen Einwohner befand.  19)

Nach dem amtlichen Etatbericht über das Schuljahr 1899/1900 hatte die evangelische Schulgemeinde eine Seelenzahl von insgesamt 982, die Zahl der Familien betrug 180 und die Zahl der Schüler 189.

Die wurden unterrichtet von: Lehrer Herbold, Lehrer Spielfeld und Lehrerin Staak.  20)


Anhang:

Statistiken aus Grumme der Jahre 1486, 1581, 1664, 1670 und 1798, die einen interessanten Vergleich  in die Entwicklung der Bauernschaft über 4 Jahrhunderte ermöglicht.

 

1486: Das „Schatboik in der Mark anno 1486“ verzeichnet 15 Hof- und Kötterstellen:

Busmann, Rütger op den Dreve, Henrik op den Dreve, Dorlemann, Jan to Grummen, Haeselhoff, Hoen, Hans in der Hülse, Kleesberg, Relinghuys, Johan Schroeder, Thienhoff, Johan Tonk, Derik Tonk und Vierhaus

 

1581: Liste der Naturaleinkünfte des Bochumer Schullehrers Diedrich Wulff von 1581

       Name der Höfe         Roggengarben       Brot       Fleischhäste (Fleischstücke)

  • 1. Blaumberg                       20                         1                        1
  • 2. Bußmann                        20                          -                        -
  • 3. Dickmann                       20                          1                        1
  • 4. Dördelmann                   20                          1                        1
  • 5. Kleberg                            20                          1                        1
  • 6. Teuthoff                          20                          1                         1
  • 7. Höhn                                20                          1                         1
  • 8. Niederdrerermann        20                          -                         1
  • 9. Oberdrerermann           20                          1                         1
  • 10. Vierhauß                        20                          1                        1
  • 11. Rellinghauß                   60                          1                         1

          Gesamt                          260                     9                    10 

 

 

Abgabepflichtig waren nur die Hofstellen, nicht die Kötterstellen

1664 Feuerstättenverzeichnis der Grafschaft Mark von 1664 (nur Grumme)

       Grundherr                                         Feuerstätte Pächter            Gebäude

  • Loe zu Overdieck                           Rehlinghauß                      1 Hof, 1 Feuerstätte
  • Brabeck zu Dortmund                  Hermann Düfel                Kötter
  • Haus Grimberg                               Johan op de Dreve            1 Hof, 1 Leibzuchthaus
  • Hubenpoth zum Gosewinkel     Hermann op de Dreve     1 Hof, 1 Backhaus
  • Cleberg                                              Hoßberg                              Kötter
  • Dordelmann                                     Jürgen im Berge   
  • Marmelshagensche Gemeinde     Grundhoff                          Kötter
  • Evert Staet zu Bochum                   Hülsebusch                        Kötter
  • Erbfrei (?)                                           Bönnemann                       Kötter
  • Essendisch Stiftsgut                         Dördelmann                      1 Hof
  • Herr von Bodelschwingh               Cleberg                                1 Hof
  • Wittib Esselen zu Bochum            Höhne                                  1 Hof
  • Schell zu Ripshorst                          Bußmann                            1 Hof 
  • Herr von Palandt                             Vierhauß                              1 Hof
  • Wilhelm Iden, Bochum                  Blaumberg                         ½ Hof
  • Loe zu Overdieck                             Diekmann                           1 Hof
  • Wiitib Hugenpoth                          Tenthoff                              ½ Hof

      Gesamt:  9 Höfe,  2 halbe Höfe,  7 Kötter = 18 Feuerstätten

 

 

1670 Landaufnahme des Mittelamtes Bochum 1670-1686, Bauernschaft Grumme

Name                  Malterse (Hohlmaß)         Scheffelsen (in ha)            Ruthen
Vierhauß                        29                                  2                                                46
Bußmann, Abgaben jährlich: 14 Scheffeln Duplici, 7 Scheffeln Hafer, 4
                   Königsthaler für Dienste,  2 Schuldschweine, 6 Hühner,
                   6 Knoten Flachs
                                        21                                   2                                                29
Blomberg                     10                                   2                                                91
Rötger Dieckmann                                          3                                                  3
Hesberg                                                               1                                                33
Bönnemann                                                       2                                                68
Dieckmann                 21                                19                                                13
Höhne                         24                                   1                                                49
Cleberg                        23                                  1                                                 28
Niederdrevermann   22                                                                                     11
Oberdrevermann      19                                  3                                                 43
Rellinghauß                58                                 2                                                  73
Tenthoff                      12                                  2                                                 21
Dördelmann              26                                  2                                                 25
Düfel                              1                                  1                                                  61
Jörgen im Berge                                               3                                                  16
Hülsebusch               Geringe Rutenzahl
Grundhoff                 Geringe Rutenzahl
Gesamt                     266                              46                                               610

 

1798  Personenstandsaufnahme  Bauernschaft Grumme
Personenstand                Name
Bauer:                                Blaumberg; Bußmann; Dickmann; Dördelmann; Höhne; Vierhaus;  Tenthoff; Kleberg;
                                            Niederdrevermann; Oberdrvermann; Rehlinghaus
Kötter:                              Bönnemann; Düfel; Grundhoff (auch Schuster); Hohberg; Hülsebusch (auch Leinweber);     
                                            Möller, Ad. (Witwe)
Tagelöhner:                     Becker, Melchior; Dickamp, H.; Möller, W.; Nierderdrevermann, W.; Reiert, H.; Schwarz;
                                            Strätling
Leibzüchterin:                die alte Dördelmann
Gesamt: 11 Bauern, 7 Kötter, 1 Schuster, 1 Leineweber, 1 Leibzüchter, 7 Tagelöhner = 26 Haushaltungen


1889 lebten in Grumme insgesamt 1.944 Einwohner auf 383 ha. Grundfläche

2. Gründung ortseigener Schulen in Hiltrop – Bergen

Im Laufe der schulgeschichtlichen Entwicklung in diesem Landschaftsbereich nehmen die beiden Bauernschaften Hiltrop – Bergen durch ihre frühe politische Zuordnung nach Herne eine besondere Stellung ein. 

Hiltrop war in allen schulischen Angelegenheiten vermögen seiner Größe und günstigen geogra-fischen Lage stets führend, während die Bergen sich der Initiative des größeren Bruders willig anschloss und erst im Anfang dieses Jahrhunderts ein schulisches Eigenleben entwickelt hat.

Da die Gründung einer Schule in frühen Zeiten Angelegenheit der Hausväter eines Gemeinwesens war und wirtschaftlich von ihnen getragen werden musste, war sie stets mit einem Wagnis und Opfer verbunden.

     Begünstigt wurde eine Schulgründung immer dann, ausgenommen sind die Kirchspieldörfer, wo die Schule ein Bestandteil der allgemeinen Seelsorge war, wenn die Bauernschaft einen Besiedlungskern aufweist, wie z.B. in Hiltrop,  Riemke, Werne und Laer.

Hier sind schon früh, meist nach dem 30-jährigen Krieg Schulgründungen zu verzeichnen gewesen. Streusiedlung haben sich im hiesigen Bereich infolge des aufkommenden Bergbaus, erst spät zu einem schulischen Eigenleben entschlossen. Hiltrop hatte durch seinen dorfähnlichen Siedlungscharakter in einer wasserreichen Mulde alle Voraussetzungen für ein individuelles Eigenleben, das nicht zuletzt sich auch in einer frühen Schulgründung äußerte. Den Hiltroper Hausvätern blieb dabei Opfer und Wagnis nicht erspart, wie die weitere Darstellung noch zeigen wird. 

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt bereits ein lebenskräftiges Gemeinwesen mit einer guten Mischung von größeren, mittleren und kleineren Hofstellen. Da ein freies Besitzrecht nur in wenigen Fällen bestand, blieb der Umfang der Hofstellen im Allgemeinen über lange Zeiträume konstant, wenn nicht die Grundherren Veränderungen vornahmen. Die Aussiedlung aus dem Dorf-kern und Ansiedlung in den freien Marken-, Heide- und Landwehrgebieten begann erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Weil eine Schulgründung immer eine tragfähige Schulgemeinde der ansässigen Hausväter zur Voraussetzung hatte, erscheint es gerechtfertigt, in gewissen Zeitabständen den Umfang und das Anwachsen der Gemeinde anzuzeigen.


Das Feuerstättenverzeichnis der Grafschaft Mark vom Jahre 1664 ermittelte in Hiltrop-Bergen 

7 volle Höfe, 6 halbe Höfe, 4 Kötterstellen und einen Tagelöhner mit insgesamt 19 Feuerstätten bzw. Haushaltungen. Im Einzelnen sind die folgenden Hof- und Kötterstellen aufgeführt:  21)

Mit einem Hof die Bauern Schulte zu Berge, Guter zu Berge, Diedrich zu Berge, Rotger zu Hiltriopff und Grümer. Mit einem halben Hof waren Kaldeway, Gartmann, Trösten, Schrage, Buschmann, Holtring und Voß aufgelistet und Kötter waren Drenkmann, Brinkhoff, Tenthoff, Sypmann und Voßkühler.

In diese Aufstellung sind Hiltrop und Bergen als eine Bauernschaft angesehen worden. Der Umfang der beiden Bauernschaften ist bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts nur wenig gewachsen. Veränderungen in dem Umfang der halben Hofstellen sind in der neueren Zeit offensichtlich aufgetreten. Sie haben sich größtenteils zu stattlichen Höfen entwickelt.

In der Zeit der französischen Besetzung  nach 1806/1807 sahen die eingesessenen Hiltroper die Zeit gekommen, um den langgehegten Wunsch nach einer ortseigenen Schule in verwirklichen. 

Die Gemeinde repräsentierte inzwischen nach eigenem Bericht 6 volle Bauernstellen, 4 halbe und 30 Kötterstellen, insgesamt 40 Haushaltungen. Die Zahl der schulpflichtigen Kinder betrug in Hiltrop 51 Kinder und in Bergen zehn Kinder. Der freiwillig gestiftet Schulfond bestand aus: 

  1. 2 ¼ Scheffelse Ackerland, 52 Ruten Gartenland und einer freien Wohnung
  2. Von jedem schulpflichtigen Kind in jedem Monat jahraus, jahrein 8 Stüber (= 40 Pf.)

Ferner war ein Wandeltisch reihum bei den Eingesessenen zugesagt.  22)

 

Es war eine der dürftigsten Nebenstellen, wie sie später herausstellen sollte, die je bestanden haben. Es war die Fundation einer so genannten Hirtenstelle, nun zum Hüten der Kinder, daraus geworden. Zur Rechtfertigung der Hiltroper Bauern muss hier vermerkt werden, dass ihre Naturalverpflichtungen gegenüber der Mutterschule in Herne unangetastet blieben, d.h. sie mussten  vertragsmäßig weiterhin zur Herner Schule beisteuern.

     Die Erlaubnis zur Errichtung einer Nebenschule wurde den Hiltroper und Bergener Eingesessenen auf ihren Antrag im Jahr 1809 von dem Präfekten des Ruhrdepartements Freiherr von Romberg mit Schreiben vom 13.01.1810 erteilt. Die Eingesessenen wurden ermächtigt, für die Kinder bis zum 12. Lebensjahr einen Privatlehrer zu halten. Damit ist die weiterhin bestehende Bindung an die Kirchspielschule gekennzeichnet. Die Lehrer Nebenschulen gehörten meistens zur Kategorie der nichtprivilegierten Schulhaltern ohne eine gründliche Ausbildung. Es gab derer viele, die landauf landab die zeitweilig auflebenden Klipschulen frequentierten. Die Kirch-spiel-Lehrer hatten nichts gemein mit diesen Schulhalten. 

     Die erste Schulgründung in Hiltrop war aus den vorstehend aufgeführten Gründen von Anfang an zum Scheitern verurteilt. In der Zeit von 1810 - 1815 hatten vier Schulhalter die Stelle gewechselt, weil sie nicht leben und sterben konnten von ihren Einkünften. Der vierte namentlich bekannte Schulhalter Lange, hatte die Stelle ganz plötzlich verlassen, so dass die verantwortlichen Repräsentanten der Schule, Johann Heinrich Gruthoff genannt Grümer und Johann Heinrich Schulte (Hiltrop) nach einem neuen Opfer Ausschau halten mussten. Sie hatten es bald entdeckt in der Person des Schulhalters Hitschler in Laer, der soeben seine Stelle hat aufgeben müssen, weil er nicht im Besitz einer öffentlichen Unterrichtserlaubnis war. Die beiden  Bauern machten sich persönlich auf dem Weg nach Laer, um Hitschler für die Stelle zu gewinnen und gleich den Kontrakt an Ort und Stelle auszufertigen. So wird es von Hitschler in aller Ausführlichkeit in späteren Beschwerdebriefen dargestellt. Die Stelle trat er ungesehen 1815 an. In einem Beschwerdebrief vom 20.09.1816 musste er bekennen, “.... (dass er) von einem Schweinestall in den anderen untergebracht worden war." Drastischer konnte die soziale Lage des  Hiltroper Schulhalters nicht gekennzeichnet werden. Das Schulhalten wurde dem Hitschler durch Regierungsverfügung vom 07.07.1817 endgültig untersagt. Eine Flut von Eingaben gingen nun von Seiten Hitchlers auf die Regierung Arnsberg nieder, doch ohne jeden Erfolg. Damit war auch gleichzeitig das Schicksal der kaum bestandenen Schule besiegelt; denn wegen der schmalen Einkünfte war eine weitere Besetzung der Stelle nicht möglich.  23)

     Trotz aller Widerwertigkeiten hatten die Hiltroper Bauern Geschmack an einer eigenen Schule bekommen. Es war besonders der Schulte zu Hiltrop, der auch die kleine Heckschule in seinem Haus aufgenommen hatte, der sich um eine bessere Fundation der Schule durch Konstituierung einer lebensfähigen Schulgemeinde bemühte. Sein Ziel war die Ablösung von Herne, um die Hiltroper Schulabgaben für die Neugründung zu gewinnen. Ausgelöst wurde die Initiative erneut durch das scheinbar rechtswidrige Vorgehen eines Bauern. Nach einem Bericht vom 10.11.1814 an die Landratsbehörde hatte der Colon Bussmann zu Hiltrop, Pächter des Herrn van Schell zu Schellenberg sein Backhaus auf die so genannte Schulzenhufe gesetzt.

Diese Hufe, 52 Ruten groß, war von der Bauernschaft Hiltrop, weil es sich um Gemeindegrund handelte, für den Bau eines Schul-hauses vorgesehen worden. Die Eigentumsverhältnisse konnten nach den vorliegenden Zeugenaussagen und Widersprüchlichen nicht geklärt werden. Die Auseinandersetzungen zogen sich über ein Jahrzehnt hin und führten zu keinem Ergebnis. Sie bewirkten aber, dass die Gründung einer ortseigenen Schule fortan im Gespräch blieb und zu einigen Versuchen in dieser Richtung führte. Wie sehr eine solche Schulgründung ein Wagnis war, das von dem Opferwillen der Hausväter getragen sein wollte, wenn es gelingen sollte, war schon Erfahrung geworden bei dem ersten Versuch. Alle weiteren Initiativen in diese Richtung wurden mit äußerster Vorsicht, wie den nachfolgenden Ausführungen zu entnehmen ist, aufgenommen. 

     Der neue lebensfähige Schulbezirk Hiltrop-Bergen war nach einem Bericht des Bürgermeisters Steelmann von Herne an die Regierung Arnsberg vom 23.11.1816 unter Beteiligung des Schulkommissars Petersen bereits theoretisch gebildet worden, wenn auch nur mit Zustimmung von fünf Bauern. Die Urversammlung der eingesessenen Hausväter hatte am 15.11.1816 stattgefunden. Darüber war nachträglich bei einem Zusammentreffen von Peterson und Steelmann in Eickel das nachstehende Protokoll abgefasst worden: 

Eickel, den 15.11.1816 

Im Verfolg der Verfügung des Herrn Landraths und Kreiskommissarius vom 24.10.1816, welches sich auf ein Rescript der Hochlöb-lichen Regierung vom 10. September des Jahres gründet, ist am heutigen Tag in Gemeinschaft des Herrn Schulkommissarius Predigers Petersen (Weitmar) der Schulbezirk für Hiltrop im folgender Art bestimmt, als 

  1. die ganze Bauernschaft Hiltrop, welche 44 Feuerstellen zähle,
  2. die Gemeinde Bergen, welche zum Bezirk Bochum gehörig und fünf Feuerstellen enthält,
  3. aus der Gemeinde Gerthe, welche zur Bürgermeisterei Lütgendortmund zugehörig, folgende 10 Eingesessenen:  Beisemann, Bleckmann, Henrich Cramer, Ww. Cramer, Hodde in der Grume, Langhoff,  Mausbeck, Paßmann, Sonntag und Zimmermann
  4. Rautwurm in der Gemeinde Grumme,
  5. Voß am Giesenberg

                                                 gez. Petersen 
                                                      - Stegmann 

 

Auch in der nächsten Hausväterversammlung am 20.11.1816 fand der Plan keine Zustimmung. Wieder stimmten nur fünf Bauern, (Heinrich Grümer, Gemeinderat Blome, Henrich Schulte (Hiltrop), Höltring und Trössken) dafür und 27 ohne Angabe der Gründe dagegen. Zum letzten Mal wurde das Projekt am 23.06.1817 abgelehnt.  24) 

Erst im Jahre 1829 bemühten sich wieder neue Männer um die Gründung der ortseigenen Schule in Hiltrop. Das Jahr 1817 war ein Jahr der Missernte gewesen, so dass auch aus dem Grunde eine Schulgründung nicht am Platze war. Nun waren 12 Jahre ins Land gegangen und noch dazu friedliche Zeiten nach den Kriegswirren von 1806 bis 1815. Einsicht und Opferwille mögen auch gewachsen sein, so dass es 1829 zu dem einmütigen Entschluss kam, im Dorf eine Schule zu bauen  und einen Lehrer zu unterhalten. Nur zwei Eingesessene wollten von einem Schulbau nichts wissen und stellten sich abseits: Kötter Siepmann und Bauer Kaldewey. 

Die Gesamtzahl der stimmfähigen lutherischen Familienhäupter betrug zu jenem Zeitpunkt 35 in Hiltrop und 4 in Bergen. 

Die Entschlüsse der Eingesessenen wurden in den nachstehenden acht Punkten niedergelegt: 

  1. Das Schulhaus sollte nach dem Plan der Steinkuhler Schule gebaut werden. Das Holz wollten die Hiltorper Bauen unentgeltlich liefern. 
  2. Die Zimmerleute Garmshausen, Tenthoff und Vosskuhl wollten die Zimmerarbeiten unentgeltlich, gegen Befreiung von Handdiensten ausführen. 
  3. Ebenso wollten die Bauern Schulte-Hiltrop, Trössken und Buschmann ein Parzeel von 80 Ruten als Schulgarten zur Verfügung stellen. 
  4. Wogegen die übrigen Gemeindemitglieder dem Bauplatz und Höfchen (=Schulhof), 30 Ruten groß, a 2 Rthr. (Reichsthaler) bezahlen. mußten.
  5. Die Einlieger (= ohne Haus und Grundbesitz) sollten von allen Geldbeiträgen ausgeschlossen sein. Die Bauern erklärten sich bereit, diese für sie zu entrichten 
  6. Dem Lehrer sollte ein wöchentliches Schulgeld von 9 Pfennig je Kind, von 60 Kindern insgesamt, zugesichert werden. 
  7. 5 Scheffel Land sollten für den Lehrer von den Bauern frei kultiviert werden.
  8. Die Bauern und Halbbauern wollten dem Lehrer noch 20 Rthl. im Jahr dazugeben.  25)

Diese Opferbereitschaft für eine eigene Schule die bei Berücksichtigung der geldarmen Zeit hohe Anerkennung verdient, folgte auf dem Fuß eine Forderung der Hiltroper Eingesessenen gegenüber der alten Muttergemeinde Herne, mit der sie jahrhundertelang kirchlich und schulisch verbunden waren. Sie pochten auf einen entsprechenden Anteil am Herner Schulfond mit der Begründung: "ihre Rechte sein gleich alt und begründet durch die lange Verbindung mit Herne. Die Trennung sei nun wegen der weiten Wege eine "physische und moralische Notwendigkeit". Die Abtrennung erfordere auch einen besonderer Lehrer, "wenn die Schüler nicht in Beziehung auf Religion Unterricht und Sittlichkeit verwahrlost werden sollen." Nach ihrem Vorschlag sollten von Herner Schulfond folgende Naturalien abgetreten werden:

  1. die Brote und Garben, welche jährlich aus der Gemeinde Hiltrop an die Schullehrer zu Herne entrichtet sind.
  2. 4 Scheffel Ackerland in der Commune Hiltrop gelegen, zum herneschen Schulfond gehörig, und 
  3. außerdem noch die Ergänzung des uns zukommenden verhältnismäßigen Äquivalents, was ebenfalls durch eine Abschätzung des Herneschen Schulfonds und Egalisierung unserer Commune dagegen durch Sachverständige ermittelt werden kann, bitten wir gehorsams."  26)

Es kam vorerst nicht zu einer Einigung mit der Muttergemeinde, wie überhaupt nicht zu einer Abtrennung in den nächsten 40 Jahren. Auch der Schulbau kam vorerst nicht zu Stande. 

Die Bausumme für die neue Schule war mit 673 Rthl. und 24 Silbergroschen veranschlagt worden. Die Eingesessenen unterbreiteten der Regierung Arnsberg 1832 den Vorschlag, die Baukosten über einen Zeitraum von 4 Jahren Reparation aufbringen zu wollen. Die Regierung sah in dem Vorschlag einen nicht gerechtfertigten Aufschub des Baues und gab dem zuständigen Landrat zur Sicherung die Anweisung, die Repartion jedes Jahr durchführen zu lassen, um einen Fond anzusammeln. Auch das Bauholz sollte successive an-geliefert werden. In einem Bittschreiben vom 02.01.1833 an den Landrat von Berswardt-Wallrabe werden die Grüne dargelegt, die zur Verzögerung des Bauvorhabens geführt haben. Sie seien durch "die höchst traurige Erndte der Jahre 1830/31" kaum in der Lage, die Steuern, Pachten, und Zehnten zu zahlen. Ferner habe ein schwerer Hagelschlag im Jahr 1832 die Ernte fast vernichtet. Auch sonst war ihnen der Schulfond nicht gesichert genug, wenn die Abgaben nach Herne nicht der neuen Schule uneingeschränkt zur Verfügung gestellt würden. Der Landrat bestätigte die Angaben der Bittsteller in seiner Stellungnahme der Regierung gegenüber und befürwortete den einstweiligen Verbleib im Herner Schulverband. Durch Regierungsverfügung vom 12.07.1833 wurde der Schulneu-bau gestoppt und die Ausschulung rückgängig gemacht.  27)

Wieder gingen 2 Jahrzehnte ins Land bis erneut die ortseigene Schule angestrebt wurde. Die Initiatoren waren 'Grümer, Schulte Hiltrop und Congarten'. Sie wandten sich in einer Eingabe an den preußischen Kultusminister um der Absicht den notwendige Nachdruck zu verleihen. 

 

Unter dem 18.12.1851 verfügte die Regierung Arnsberg auf Veranlassung des Kultusministers die Einberufung einer Urversammlung der Hausväter, um einen Beschluss herbeiführen zu lassen. Die Versammlung fand am 13.01.1852 unter dem Vorsitz des Herner Bürgermeisters von Forell statt. Er stellte u.a. die Frage, “… welche Opfer die Gemeinde Hiltrop für die Gründung einer eigenen Schule aufzubringen gewillt sei.“ Nachdem sich Herne verpflichtete, die neue Schulgemeinde finanziell als ihr Filialschule zu unter-stützen, bildete sich nach langen Verhandlungen in den nächsten Jahren ein Schulbau-Ausschuß in Hiltrop, der aus folgenden Einge-sessenen bestand:        

Cremer, Wwer. Cremer, Grümer, Hangohr, Lechthope, Overkamp, Schulte-Hiltrop, Weusthoff und Wiesmann.  28)

Zum schnelleren Fortgang der Angelegenheit bot sich die Gelegenheit, ein fertiges Wohnhaus zu kaufen. Am 03.09.1855 erschien der Wirt und Schreinermeister Schewe aus Hiltrop bei dem Bürgermeister von Forell und bot sein neuerbautes Wohnhaus auf dem Gart-mannschen Grundstück für 3.000 Rthlr. als zukünftiges Schulgebäude an. Nach einigen Verzögerungen erklärte sich Herne bereit, das Schewensche Haus für die neue Filialschule zu kaufen. Sie hatte sich verpflichtet, die Zinsenlast zu übernehmen, und versicherten, "mehr können wir nicht leisten." In der Sitzung am 19.08.1856 stimmten die Repräsentanten der Schulgemeinde dem Ankauf zu und handelten  die Kaufsumme von 2.525 Rthlr. aus. Das Schewensche Haus ging im Frühjahr 1858 in den Besitz der Schulgemeinde über. 

 

Unter dem 12.08.1858 teilte die Regierung Arnsberg der Schulgemeinde Herne mit: "der bisherige Schulverwalter zu Berghofen, Schulamtskandidat  Wilhelm Balster, ist zum Lehrer an der neu errichteten Filialschule zu Hiltrop provisorisch ernannt worden".  29)

Damit begann nach 40-jährigen Bemühungen ein schulisches Eigenleben in Hiltrop, wenn auch vorerst als Filialschule der Mutter-gemeinde Herne. Die Schülerzahl lag anfänglich bei ca. 60-70 und stieg mit dem Aufkommen des Bergbaus in der näheren Umge-bung langsam an. 

Bis Ostern 1883 war die Schülerzahl auf 123 angestiegen. Die ehemalige Bauernschaft hatte sich zum Zeitpunkt der Schulgründung zu einer lebenskräftigen Dorfgemeinde entwickelt.  Nach der Volkszählung von 1855 lebten in der Gemeinde in 58 Häusern, insgesamt 432 Einwohner, davon 347 Evangelische und 85 Katholiken.

Die Evangelischen gehörten kirchlich und schulisch zu Herne, die Katholiken kirchlich nach Castrop und schulisch zur Gemeinde Holthausen

Folgende Berufe waren in der Gemeinde vertreten:
10 Landwirte, 2 Kötter, 2 Schmiede, 2 Schreiner, 2 Zimmerleute, 2 Schuster, 3 Maurer, 12 Leineweber, 28 Tagelöhner, 1 Bergmann, 1 Hausierer.

Bemerkenswert ist die Anwesenheit des ersten Bergmanns als ein Vorbote der künftigen industriellen Entwicklung. Die geringe Zahl der Kötter ist dadurch zu erklären, dass der größte Teil der aufgeführten Handwerker, besonders die Leineweber, zugleich einen Kotten bewirtschafteten.  30) 

  

Die Verbindung mit der Herner Muttergemeinde blieb bis 1873 bestehen. Nun war das Eigenleben der Filialgemeinde soweit erstarkt, das die Trennung Hiltrop-Bergens von Herne ernstlich in Erwägung gezogen werden konnte. Die neu zu konstituierende evangelische Schulgemeinde hatte inzwischen folgenden Umfang erreicht:
     Hiltop: 463 Seelen in 69 Häusern; 80 Hausväter; 70 Schüler
     Bergen: 64 Seelen in 30 Häusern; 12 Hausväter; 3 Schüler

            

Nachdem das Einverständnis beider Partner, Hiltrop und Herne, ohne eine  Vermögensausein-andersetzung erzielt worden war, verfügte die Regierung Arnsberg unter dem 07.10.1873 die Trennung von der Herner Schulgemeinde mit Wirkung vom 01.01.1874. 

Die Repräsentanten der nun selbständigen evangelischen Schulgemeinde Hiltrop-Bergen waren:

     1. Schulte-Hiltrop, 2. Schulte-Bergen, 3. Schuhmacher

 

Das Schulgrundstück mit dem Schewenschen Haus ging ohne Forderung seitens der Herner Muttergemeinde in den Besitz der neuen Schulgemeinde über. Im Schulbetrieb selbst traten keine Veränderungen ein. Der Lehrer Wilhelm Balster führte die Schule weiterhin einklassig. Über seine Person und über das innere Leben seiner Schule wird in den Akten nichts ausgesagt. Außer der Trennung von Herne werden keine besonderen Vorkommnisse mitgeteilt. Sein Gehalt wurde von  Zeit zu Zeit erhöht, so daß es um 1857 die damals beachtliche Höhe von 430 Rthlr. im Jahr erreichte.
Ostern 1878 trat Lehrer Wilhelm Balster nach 20jähriger Lehrtätigkeit in der Gemeinde in den Ruhestand.  31)

Im September 1878 übernahm der Lehrer Carl Lützenberger aus Steinhauserberg die immer noch einklassige Schule. Nachdem im Schuljahr 1882/83 die Schülerzahl auf 105 angewachsen war, und zum Ostertermin 1883 mit einem Zuwachs auf 123 Schüler zu rechnen war,  entschloss sich die Gemeinde, eine Lehrerin einzustellen. Ab Ostern 1883 unterrichtete die Lehrerin Katharina Beerwald aus Burscheid. Sie blieb aber nur bis Juni 1884 an der Schule. Ihre Nachfolgerin wurde Emma Ortmeier aus Kornharpen. Die Schülerzahlen stiegen nun von Jahr zu Jahr stärker. Während der Dorfkern vom Zuwachs der Bevölkerung unberührt blieb, bildete sich durch den umliegenden Bergbau ein Besiedlungsschwerpunkt an der Hiltroper Landwehr, an der Ostgrenze der Gemeinde. Der Umfang des Schulbezirks und die Herkunft der Kinder sind aus der nachstehenden Aufstellung erkennbar:

von der Landwehr  kamen 74 Kinder; aus dem Dorf Hiltrop  53 Kinder; und aus Bergen, Düppe in der Wanne und Grumme  37 Kinder; Insgesamt 164 Kinder  32)

 

Die provisorischen Schulverhältnisse in dem Schewenschen Haus waren auf die Dauer nicht mehr  tragbar. Für die 2. Unterrichtsklasse war in der Wirtschaft Schewen der Saal zusätzlich angemietet worden. Der Schulvorstand fasste in der Sitzung am 20.05.1886 den Beschluss, auf dem Holtringschen Grundstück an der Straße nach Herne (Wiescherstraße) ein Schulgebäude für zwei Schulklassen zu errichten. 

Das 2.587 qm große Grundstück hatte der  Landwirt Höltring zu einem soliden Preis von 3.780 Mark der Schulgemeinde verkauft. Die Gesamtkosten des Schulneubaues waren mit 20.000 Mark veranschlagt worden. Um ein Anfangskapital zu gewinnen, wurde das alte Schewensche Schulhaus an den Rentner Asbeck in Herne für 4.200 Mark verkauft.

Es war nicht ein Zeichen von Weitsichtigkeit, dass der neue Schulbau nur über 2 Klassenräume verfügte, obwohl die steigende Tendenz der Schülerzahl abzusehen war. Bei der Abnahme des Schulneubaues 1887 betrug die Schülerzahl bereits 164. Der Schuletat 1890/1891 weist folgenden Umfang der evangelischen Schulgemeinde aus:
     Hiltrop: 690 Seelen, 168 Hausväter und 155 Schulkinder
     Bergen:  71 Seelen, 17 Hausväter und 6 Schulkinder    33)
 

Im Schuljahr 1891/1892 betrug die Schülerzahl im Herbst des gleichen Jahres bereits 201, so dass zum Ostertermin 1892 die dritte Stelle eingerichtet werden musste. Sie wurde vorübergehend mit dem Schulamtsbewerber Ludwig Doert aus Lünen besetzt. Um die neue Schule zu entlasten, wurde in der Schulvorstandssitzung am 17.02.1893 beschlossen, ein einklassiges Schulgebäude für 80 Schüler an der Hiltroper Landwehr zu errichten. 

Das Grundstück wurde zu Preis von 2.752 Mark angekauft. Die Gesamtkosten waren mit 21.000 Mark veranschlagt worden. Nachdem der Regierung Arnsberg der nachstehende beklagenswerte Leistungsnachweis vorgelegt worden war, gab diese einen Baukostenzuschuss in Höhe von 4.280 Mark. Im Prästationsnachweis nach dem Stichjahr von 1893 heißt es: "Außer einigen Bauern bestehen die Eingesessenen der Schulgemeinde nur aus mittellosen Bergleuten."

Im Einzelnen waren aufgeführt:
           261 Haushaltungen, 16 Bauern, 245 Einlieger, 219 Schulkinder  34) 

 

Der Schulneubau war Ende des Jahre 1897 erstellt, so dass zum 04.01.1898 der Lehrer  Ernst Gründler aus Iserlohn mit der Leitung der vorerst einklassigen  Schule beauftragt werden konnte. Im Jahr 1899 musste bereits ein zweiter Klassenraum angebaut werden, da  die Schülerzahlen unaufhaltsam anstieg. Zum 01.07.1900 übernahm der Lehrer Paul Spielmann aus Haßlinghausen die 2. Unter-richtsklasse. Die Schülerzahl betrug 161.

Die Schulgemeinde hatte im Schuljahr 1900/1901 folgenden Umfang erreicht:

     Hiltrop: 1.090 Seelen, 322 Hausväter und 234 Schulkinder
     Bergen:  134 Seelen, 31 Hausväter, 9 Schulkinder

                     dem Besitzstand angehörig:    58 

 

Im Schuljahr 1901/1902 war die Seelenzahl der evangelischen Gemeinde auf 1.429 und die Zahl der Schüler auf 335 angestiegen. Der zuständige Schulinspektor forderte die Einrichtung der 5. Stelle. 

Der Schulverband war nicht in der Lage, die Kosten zu tragen, und beschloss in der Schulvorstandsitzung, die Hilfe der Regierung Arnsberg in Anspruch zu nehmen und "..... auch diesmal setzt die Gemeinde das Vertrauen in die Regierung, dass sie die erbetene Hilfe nicht versagen wird". 

Vor einer Erhöhung (allerdings) der Kommunalsteuer wurde in gleichem Schreiben an die Regierung von dem Amtmann Dr. LaRoché gewarnt: "Es ist die Erwägung ausschlaggebend gewesen, dass es im  Staats- und Gemeindeinteresse vermieden werden müsse, der ohnehin währenden Unzufriedenheit der arbeitenden Klasse Hiltrops über die Schmälerung ihres Verdienstes durch öffentliche Lasten noch frische Nahrung zuzuführen."  35)

Für die Besoldung des neu anzustellenden Lehrers bewilligte der Minister der Geistlichen,  Unterrichts- und Medizinalangelegenhei-ten mit Erlass vom 13.02.1901 einen Staatszuschuss von 1.200 DM jährlich. Im neuen Schuljahr waren die Schulen Hiltrop-Dorf und An der Land-wehr, die ein System darstellten, mit folgenden Lehrkräften besetzt:

     1. Lehrer Spielmann, geb. in Bertholfeld

     2. Lehrer Lötz, geb. in Brehloh

     3. Lehrerin Reich, geb in Floh

     4. Lehrerin Vogeleit, geb. in Wattenscheid 

     5. Lehrerin Zöllner, geb. in Creutzthal

Ein wichtiger Zeitpunkt in der Entwicklung des Hiltroper Schulwesens war das Jahr 1896. In  diesem Jahr wurden erstmalig alle Schullasten aus dem Etat der politischen Gemeinde übernommen. Die Schulgemeinde, als eine seit 1808 bestehende Organisations-form der  Selbstverwaltung, wurde abgelöst durch die politische Gemeinde, die nun als Schulträger fungierte. Politisch gehörten Hiltrop-Bergen seit 1902 zum Amt Harpen. Es verlor seine Selbstständigkeit, als 1907 Hiltrop und Gerthe zu einer Gemeinde innerhalb des Amtes Harpen vereinigt wurden. Die Hiltroper Schulen gehörten nun zum Schulverband Gerthe. 

     Im Bereich dieser Großgemeinde waren in einigen Jahrzehnten mehrere Schachtanlagen entstanden und in deren Nähe siedelten sich ständig neue Bergleute mit ihren Familien an. 

       1872 war der Schacht Lothringen I abgeteuft worden. 

 1910/11 der Schacht Lothringen IV.

 1911/12 Constantin der Große, Schacht X. 

Die Zahl der Einwohner in der Gemeinde Gerthe-Hiltrop erreichte vor dem ersten Weltkrieg ihren vorläufigen Höhepunkt.  

 

Der Schuletat 1913/14 weist folgende Zahlen aus: 

4.915 evangelische Einwohner 

4.070 katholische Einwohner 

     15 jüdische Einwohner = 9000 Einwohner insgesamt

1.235 evangelische Schüler

  830 katholische Schüler

    20 evangelische Schullehrerstellen

    13 katholische Schullehrerstellen

 

Die geringere Zahl der Schüler besucht die Schulen in Hiltrop. Dort bestand ein Schulgebäude im Dorf mit 3 Klassen und ein Schulgebäude An der Landwehr mit 4 Klassen. Beide Schulen waren wie folgt besetzt:

  • Schulsystem Hiltrop-Dorf

     1. Lehrer Lutz

     2. Lehrer Hählich

     3. Lehrerin Pawlowski

  • Schulsystem Hiltroper Landwehr

     1. Hauptlehrer Lütz

     2. Lehrer Schröder

     3. Lehrer Schneider

     4. Lehrerin Reich  36) 

 

 

  • Schulsystem Frauenlobstraße

Dieser Text fehlte in den Unterlagen von Wilhelm Rüter). Deshalb wurde ein angepasster Text der Internetseite der heutigen Frauenlobschule übernommen. (Stand: Mai 2024)  Genehmigt von Astrid Helleckes, Lehrerin der Frauenlobschule)

Wie weiter oben beschrieben wurde am 01.04.1887 an der Wiescherstraße eine neue Schule, diesmal mit 2 Klassenräumen und 2 Lehrerwohnungen "eingeweiht". 

Das Haus, das die ehemalige Schule beherbergte, hat 1890 der Polizeibeamte Dietrich Voss gekauft. Er baute das ehemalige erste Schulhaus Hiltrops wieder zu einem Wohnhaus um. Der Saal im Haus Hubbert wurde als Wirtschaftsraum genutzt.

 

Von nun an wurden die Kinder im neuen Schulhaus an der Wiescherstraße unterrichtet. Als auch die beiden Klassenzimmer nicht mehr ausreichten, sollte (das Schulhaus) umgebaut werden. Bis (zur Fertigstellung) ist der alte Saal im Haus Hubbert wieder (...) als Klassenraum genutzt worden. (...) 1903 waren die Umbaumaßnahmen an der Wiescherstraße beendet. Das Schulhaus hatte nun 4 Klassenräume (3 Klassenräume und ein Betsaal der evangelischen Gemeinde).  Die Anzahl der schulpflichtigen Kinder wuchs und wuchs, und bald schon reichte das Schulhaus nicht (mehr aus): Wieder wurde der Bau einer neuen Schule - diesmal an der Freiligrathstraße  (die später zur Frauenlobstraße umbenannt wurde) - geplant. 

Das war der "Beginn" der heutigen Frauenlobschule, die damals einfach nur evangelische Volksschule hieß. Den Namen Frauenlobschule bekam sie erst 1991 durch Beschluss der Schulpflegschaft.

Rektor (Schulleiter) war seit 1902 Wilhelm Lötz. 

Und wieder war es ein 01. April - diesmal der 01.04.1915 (...) - die Einweihung der neuen Schule. Sie galt als die modernstes Schule Bochums: mit Toiletten und Waschgelegenheiten im Gebäude, was damals nicht selbstverständlich (...) war.  

Die Schule wurde (...) in ein katholisches und ein evangelisches System geteilt:

- In der unteren Etage war die katholische Schule unter der Leitung des späteren Rektors Heinrich Wirth (untergebracht). Sie hatte 6 Klassenräume, ein Lehrer- und ein Lehrmittelzimmer.

- In der ersten Etage (...) das evangelische System mit der gleichen Anzahl an Räumen unter der Leitung des Rektors Wilhelm Lötz.
- In der 2. Etage gab es  einen Zeichensaal  (die spätere Aula bzw. ein zusätzlicher Klassenraum) und im Keller eine Kochküche, einen Baderaum, und eine Hausmeisterwohnung. Eine Aula und eine Turnhalle gab es noch nicht.

Küche, Baderaum und Schulhof sind von allen Kindern genutzt worden. Das Zusammenleben der schulischen Gemeinschaft (verlief) reibungslos.

Das Schulhaus an der Wiescherstraße (auch Gemeindehaus genannt), wurde von nun an als Wohnhaus genutzt und zwei der Klassenräume dienten als zusätzliche Unterrichtsräume - die beiden anderen als Versammlungszimmer.

Auf alten Fotos bis Anfang der 50er Jahre ist neben der „evangelischen Volksschule“ ein kleineres Häuschen zu sehen: Eine alte Baracke, mit zusätzlichen 4 Klassen. Man merkte nämlich wieder schnell, dass das Schulgebäude  "aus allen Nähten platzte" und schon wieder nicht ausreichte, um die vielen Kinder des Stadtteils zu unterrichten.

1932 ging Rektor Wilhelm Lötz in den Ruhestand und ihm folgte (bis 1945) Fritz Kühl als Leiter der evangelischen Volksschule. Unter der neuen Leitung von Fritz Kühl wurde die Schule umorganisiert: Alle katholischen Kinder zogen in die Schule nach Bergen, alle evangelischen Kinder (also auch die aus Bergen) zogen in die Evangelische Volksschule, die von nun an ein rein evangelisches System war.

Im Jahr 1939 wurde die Hiltroper Schule in eine Gemeinschaftsschule (mit getrennten konfessionellen Unterricht) umgewandelt. Alle Bergener Kinder wurden von nun an in Bergen, alle Hiltroper Kinder in Hiltrop unterrichtet - unabhängig davon, ob sie evangelisch oder katholisch waren. Der Schulweg vieler Kinder hatte sich dadurch sehr verkürzt.

  

Während des Zweiten Weltkrieges stand die Schule für eine lange Zeit leer, denn im Mai 1943 wurden alle Bochumer Schulen kriegsbedingt geschlossen. Viele Schülerinnen und Schüler der Hiltroper Schule kamen mit ihren Müttern und ihren Lehrerinnen nach Schloppe (Pommern), weil sie dort während des Krieges sicherer waren. Da wohnten sie übergangsweise und hatten auch normalen Unterricht.

Nach Ende des Krieges war das Gebäude der Volksschule zum Großteil zerstört: Das Dach und die Zimmerdecken waren beschädigt, Wände und Türen verschmutzt, Scheiben teilweise zerbrochen und auch die Toiletten und die Elektrik waren defekt. Anfang 1946 begannen die  Renovierungsarbeiten und am 25. April 1946 konnten die Schultüren endlich wieder für die Kinder geöffnet werden. Schulleiter war zu diesem Zeitpunkt Herr Lohmann. Kinder, die nicht nach Schloppe gebracht wurden und in Hiltrop blieben, konnten nach 3 Jahren ohne Schulbesuch nun endlich wieder regelmäßig unterrichtet werden.

Die Volksschule war zu diesem Zeitpunkt eine Gemeinschaftsschule, in der es wieder einen gemeinsamen Unterricht für katholische und evangelische Kinder gab.

Aber schon im Sommer 1946 verlangten die Eltern eine Umgliederung der Schule in zwei konfessionelle Systeme. 

Diesmal war in der unteren Etage (Erdgeschoss) das evangelische System untergebracht. Die Leitung hatte Rektor Brücher (1946-1952) In der oberen Etage (1. Etage) war das katholische System unter der Leitung von Rektor Lohmann.  Die Baracke wurde wieder von beiden Systemen genutzt.

Im Schuljahr 1952/53 ist das katholische System nach Bergen verlegt worden und die Hiltroper Schule war wieder eine evangelische Volksschule.

1952 wurde die Baracke auf dem Schulhof abgebrochen und sollte an einem anderen Ort als Schreinerwerkstatt aufgebaut werden.

        Ab 1958 übernahm Walter Zwinkmann die Schulleitung. 1957 bekam die Schule 10 Jahre nach dem Wiederaufbau einen neuen Innenanstrich und zwei Jahre später, 1959, einen neuen Außenanstrich und einen Fernsprechanschluss (Telefon). (Dieser Hinweis ist deshalb interessant, weil in den Folgejahren in den Protokollen vieler Lehrerkonferenzen immer wieder der Hinweis gegeben wird, doch (endlich) das Telefon auch zu benutzen!?)

 

Unter dem Dach der Schule befand sich ein großer Zeichensaal, in dem Anfang der 60er Jahre ein Podest als Bühne eingebaut wurde und so diente der ehemalige Zeichensaal bis 2022 als Aula. 

     Heide Rieck, viele Jahre Lehrerin der Schule und im Jahr 2024 immer noch als Bochumer Literatin tätig, hat viele Theaterspiele mit den Schulkindern erarbeitet und zur Aufführung gebracht. U.a. ein Theaterstück über die geschichtliche Entwicklung der Stadt Bochum, das weit über die Schule Beachtung fand.

Der Schulhof bekam eine "elastische Asphaltdecke", die durch eine ansprechende Begrünung  ergänzt wurde.

Am 14.11.1967 fasste die Schulpflegschaft den Beschluss, die Schule ab dem Schuljahr 1968/69 in eine Gemeinschaftsgrundschule umzuwandeln. Bis dahin war sie eine evangelische Volksschule, in der Kinder bis zur 9. Klasse unterrichtet wurden. Mit der Umwandlung wechselten die 5.-9. Schuljahre zur neu errichteten Hauptschule an der Eifelstraße, die in den 1980er Jahren zu einer Förderschule umgebaut wurde. (heute Hilda-Heinemann-Schule).  

Nachdem Rektor Zwinkmann unerwartet im Sommer 1969 verstarb, übernahm Wilfried Hellwig zum Schuljahr 1969/70 die Leitung der Schule. Konrektor war seit 1968 Günther Bergmann (bis zu seiner Pensionierung 1986). Von 1986 bis 1989 war Roswitha Wessel  Konrektorin. (1989 übernahm sie Leitung der Schulen an der Rüsingstraße in Werne) Ihr folgte 1990 Heide Rieck-Wotke, die das Amt bis 1999 ausführte. Im Jahr 1988 kam Annette Leber (pensioniert 2010) ins immer größer werdende Kollegium, 1989 dann Petra Hackert. 

Das Lehrerzimmer und der Lehrmittelraum wurde in die erste Etage verlegt und das Rektorzimmer wanderte ins Erdgeschoss. Anfang der 70er Jahre begann der Bau einer Turnhalle direkt hinter der Schule. Am 29.02.1972 wurde sie eingeweiht. Und gleichzeitig über-nahm eine neue Sportlehrerin den Sportunterricht: Frau Wilhelms (vormals Frl. Jäger)

1991/92 bekam die Hiltroper Schule durch Beschluss der Schulkonferenz am 14.11.1991 ab dem neuen Schuljahr den Namen "Frauenlobschule".

1994 ergänzte Silke Rode das Kollegium und brachte viel Musik ins Haus. Am 01.02.2000 wurde der Schulleiter Wilfried Hellwig pensioniert und Stefanie Niemann, die im selben Monat an die Schule kam, übernahm seine Klasse. Die Schulleitung ging im Mai 2000 in den Verantwortungsbereich von Wolfang Noll und Hanne Kimmeskamp (als Konrektorin) über. Nach dem plötzlichen und unerwarteten Tod Wolfgang Nolls 2002  übernahm einige Monate später Petra Thiele die Schulleitung.

     Auch äußerlich hat sich die Schule im Laufe der Jahre verändert: im Rahmen des Brandschutzes sicherten zusätzlich Feuertreppen die Fluchtwege der Schule. In der 2. Etage befand sich neben der Aula einige Jahre eine Schülerbücherei. Die VGS hat ihre Räumlichkeiten im Kellergeschoss und die alte Hausmeisterwohnung ist vom örtlichen Knappenverein in eine kleine  "Bergbauausstellung" umfunktioniert worden.

2007 wurde auf dem Schulhof ein zusätzliches Gebäude für die OGS errichtet; heute steht dort ein weiteres OGS-Gebäude, angebaut an das alte Haus und ein Glasdurchgang zum Schulgebäude.

Veränderungen im Kollegium: zum Schuljahr 2005/06 ging Christel Horkenbach und es kamen Lisa Runtemund, Andrea Rex und Astrid Helleckes. Ein Jahr später trat Mechtild Beckmann (vormals Frl. Hubain) ihren Dienst an. Seit 2009 ergänzt durch Jessica Franke (vorm. Pioch). Julia Redenz (vorm. Wettlaufer) beendete im Februar 2009 ihre Ausbildung an der Frauenlobschule, übernahm an einer anderen Bochumer Grundschule eine Stelle, kam aber im Sommer 2011 an die Frauenlobschule zurück. Und auch Lea Kind kam - nachdem sie nach ihrer Ausbildung einen kurzen Abstecher an einer anderen Schule hatte - wieder zurück.  Im September 2011 verließ Margret Wilhelms nach fast 40 Jahren die Frauenlobschule. Im Sommer 2012 ging auch Hanne Kimmeskamp in den Ruhestand. Dafür verstärkten seit dem Sommer 2012 Patricia Scheel und Ulrike Milachowski das Kollegium. Ein paar Monate später, im Oktober 2012,  übernahm Ulrike Milachowski (vormals Meier) die  Aufgaben von Hanne Kimmeskamp als Konrektorin. 

Seit Sommer 2013 verstärkte das bislang rein weibliche Kollegium der Lehrer Johannes Pott und seit 2014/15 zusätzlich ein zweiter Lehrer: Tobias Wille. Im Sommer 2015 kam Heike Quante an die Schule und 2017 Frau Pietsch, die zuvor auch schon ihr Referen-dariat an der Frauenlobschule absolvierte.

Am Ende des Schuljahres 2017/18 ging Frau Beckmann nach 12 Jahren in den Ruhestand  und genau ein Jahr später wurde Schul-leiterin Petra Thiele nach 16 Jahren an der Schule und insgesamt 40,73 Jahren Schuldienst in den Ruhestand verabschiedet. Ihre Aufgaben übernahm bis Oktober 2021 Ulrike Milachowski. Seit dem 01.10.2021 ist Katharina  Rogula Schulleiterin.

Ab dem Schuljahr 2019/20 sind Franziska Schmitt, Jessica Kaiser und Jennifer Spalek-Beck an der Schule, ab November zusätzlich Anna Jutzas. 

Am Ende des Schuljahres 2019/20 veränderte das neuartige Corona-Virus den Alltag an allen Schulen. Vieles durfte über 2 Jahre nicht mehr stattfinden, es hieß von nun an „Abstand halten,  Masken tragen und an alle Hygienevorschriften halten". Besonders geprägt war das  Schuljahr 2020/21. Aber trotz all der Vorgaben versuchten die Lehrkräfte, den Schüler:innen vieles unter Einhaltung aller Regeln und Vorgaben zu ermöglichen. Mittlerweile hat sich der Schulalltag wieder normalisiert.

     Viele Aktivitäten haben bereits langjährige Tradition, wie z.B. der Martinsbasar, die regelmäßig stattfindenden Feste, das Fuß-ballturnier. Der Frauenloblauf, der 1993 von Margret Wilhlems ins Leben gerufen wurde, wurde etwas abgeändert und findet jetzt alle zwei Jahre als Rallye statt. Andere Traditionen sind neu hinzugekommen. So fanden im Dezember 2022 der Adventszauber und im März 2023 anstelle des Martinsbasars ein Frühlingsmarkt statt. All die während der Corona-Krise schmerzlich vermissten Traditionen und die Kontakte in der Schule, zur Verwaltung und dem Stadtteil sind wieder zurückgekehrt.

Nachdem das Lehrerzimmer aus allen Nähten platzte, wurde im Sommer 2022 ein ehemaliger Klassenraum zum Lehrerzimmer. Die Klasse zog in die ehemalige Aula und aus dem alten Lehrerzimmer wurde das Schulleiter:innenzimmer.

Im April 2023 veranstaltete die Frauenlobschule gemeinsam mit dem Zirkus Lollipop einen Riesenzirkus, bei dem alle Kinder ihre Talente als Zirkusartisten: Clown, Akrobaten, Zauberer, Feuerschlucker und Trampolinis, unter Beweis stellen konnten. Der Zirkus war ein Riesenerfolg und wird deshalb alle 4 Jahre stattfinden. So kommen alle Kinder einmal in den Zirkusgenuss.

Im Mai 2023 begann Frau Jutzas ihr Referendariat in Lünen und musste die Schule deshalb leider verlassen. Janina Deppner verstärkt seit Juni 2023 das Kollegium und Ann-Cathrin Neugebauer vertritt Jennifer Spalek-Beck, die aktuell im Erziehungsurlaub ist.

Die Frauenlobschule ist dreizügig, d.h. in jedem Schuljahr gibt es 3 Klassen.

 

(ab hier folgen wieder die Ausführungen von Wilhem Rüter aus dem Jahr 1966)

  • 3. Gründung ortseigener Schulen in Bergen 

Erst an der Wende zum 20. Jahrhundert entwickelte sich die ehemalige Bauernschaft Bergen zur Industriegemeinde, nachdem die umliegenden Gemeinden bereits ihren dörflichen Charakter verloren hatten und zu 80 % von Bergmannsfamilien bewohnt wurden.

An eine schulische Selbständigkeit war bis dahin nicht zu denken. Nach der Ablösung von Herne bildete die kleine Bauernschaft mit 4 stimmfähigen Hausvätern eine Schulgemeinde mit Hiltrop. Der Anteil der Schüler ging lange Zeit nicht über 10 hinaus. Erst durch den Zuzug von Bergmannsleuten zur Jahrhundertwende stieg die Anzahl der Einwohner und folglich die der  schulfähigen Kinder.

Um 1905 bemühten sich die Bewohner von Bergen, die inzwischen genauso wie die benachbarte Gemeinde Grumme zum Amt Hordel gehörten, um die Errichtung einer eigenen Schule am Ort. Nach einem Bericht vom 05.07.1905, den der Amtmann von Hordel dem Landrat unterbreitete, besuchten zu der Zeit 35 evangelische Kinder die Schule in Hiltrop und 29 katholische Kinder die Schule in Herne. Für jedes Kind zahlte die Gemeinde einen Schulunterhaltsbetrag von 52,47 Mark im Jahr, insgesamt 3.358 Mark. Die Gemeinde Hiltrop war bereit, im Falle einer Ausschulung 10.000 Mark als Ablösungssumme aus allen Verpflichtungen zu zahlen.  37)

In gesetzlicher Hinsicht erfolgte diese Schulgründung nach dem Volksschulunterhaltungsgesetz von 1906, wonach die Trägerschaft und die Unterhaltung der Schulen auf die politische Gemeinde übergegangen war. 

Die autonome Schulgemeinde bestand nicht mehr. Weil es sich nun um eine kommunale Schule handelte, sollten die schulfähigen Kinder beider Konfessionen gleichzeitig in den Genuss einer ortseigenen Schule kommen. Da aber insgesamt nur 67 Schulkinder vorhanden waren, konnte vorerst nur eine einklassige, konfessionell gemischte Klasse eingerichtet werden.

 

Ernster war die Frage nach der Konfession des alleinigen Lehrers. Der zuständige Schulinspektor machte den kuriosen Vorschlag, durch das Los zu entscheiden, ob der erste Lehrer nun evangelisch oder katholisch sein sollte. Diese schildbürgerartigen Über-legungen wurde der Hohen Regierung Arnsberg vorgetragen, die dann die einzig rechte Entscheidung unter den gegebenen Um-ständen traf. Sie genehmigte mit Verfügung vom 01.08.1905 die Gründung einer Volksschule in Bergen auf kommunaler Grundlage. Sie sollte simultan sein, solange sie einklassig blieb und als evangelisch bezeichnet werden. Diese plausible Entscheidung scheiterte an der Frage des kirchlichen Religionsunterrichts, der durch einen katholischen Lehrer aus der Nachbargemeinde Grumme hätte erteilt werden müssen.

Die diesbezüglichen und sonstigen Verhandlungen erstreckten sich über einige Jahre, so dass dieses Problem durch das Anwachsen der Schülerzahlen beider Konfessionen dergestalt gelöst werden konnte, dass bei der wirklichen Schulgründung zwei Klassen eingerichtet und jeweils zwei Lehrer angestellt wurden, die den beiden Konfessionen angehörten.

Unter dem 19.11.1907 genehmigte die Regierung Arnsberg die Ausschulung aus den Schulverbänden Hiltrop und Herne mit der Auflage, dass die Schüler von Bergen bis zur Fertigstellung des Schulgebäudes als Gastschüler in den Schulverbänden verbleiben.  

Der Schulneubau mit zwei Klassenräumen wurde nun zügig in Angriff genommen, so dass der Unterricht Ostern 1909 begonnen werden konnte.

Es waren zu Schulbeginn 80 evangelische und 40 katholische Kinder vorhanden. Es wurden zuerst konfessionell gemischte Klassen gebildet. Die Ein-richtung einer katholischen Klasse an der evangelischen Schule erfolgte 1913 durch die Regierung, nachdem die Schülerzahl auf 74 angestiegen war.  38) 

An der neuerrichteten Schule unterrichteten ab dem 01.04.1909 der evangelische Lehrer Rabe und der katholische Lehrer Diefenbach.

Die Einwohnerzahl der Gemeinde (Bergen) betrug zur Zeit der Schulgründung 406, davon waren 225 evangelisch und 181 katholisch.

Über den sozialen Stand der Einwohner berichtete der Landrat: "Die Bevölkerung gehört zu 90 % dem besitzlosen Bergarbeiterstand an."

Sprecher der evangelischen Hausväter waren Heinrich Schulte Bergen, Diedrich Wortmann und Heinrich Erkelenz. Die Schulverhältnisse müssen nicht besonders anziehend gewesen sein; denn in zwei Jahren hatten drei Lehrer die Stelle gewechselt. 

Im Jahr 1914 war die Zahl der evangelischen Schüler auf 85 und die Zahl der katholischen Schüler auf 74 angewachsen. Von den katholischen Schülerinnen und Schülern kamen 22 aus der Gemeinde Hiltrop, wo es keine katholische Schule gab. Nach dem Etat-bericht von 1917/1918 waren an beiden Systemen, die katholische Schule war seit Ostern 1914 selbständig  geworden, drei Lehrkräfte tätig:

     1. Lehrer Kühl

     2. Lehrer Kosmann

     3. Lehrerin Hollweg  39)

Welchen System die vorstehenden Lehrkräfte angehörten, ist den vorliegenden Unterlagen nicht eindeutig zu entnehmen.

Nach dem 1. Weltkrieg entstand in der Gemeinde eine Bergmannssiedlung, so dass ein merklicher Anstieg der Schulkinder zu verzeichnen war. In der Gesamtheit kamen beide Systeme aber nicht über je zwei Klassen hinaus.

Erst nach dem 2. Weltkrieg wurden in der Gemeinde Bergen umfangreiche Siedlungsvorhaben durchgeführt. Im Mittelpunkt der Neusiedlungen an der Eifelstraße wurden nach dem Krieg 2 moderne Schulbauten für ein evangelisches und ein katholisches System errichtet.

 

 

Quellennachweis und Anmerkungen


Kapitel I - 1 Katholische Schule

    1.  Standesamt Bochum - Verzeichnis der Landesaufnahme im Bochumer Mittelamt 
         1670-1684

    2.  Probsteiarchiv Bochum - Akte Schule - C XIII 1 a, 1g

    3.  Standesamt Bochum - Akte Personenstandsaufnahme von1798

    4.  siehe unter "2"

    5.  Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Ausscheiden aus dem ev. und 
         kath. Schulverband Bochum, Bildung einer Schulsocietät in Grumme 1875-1901

    6. u. 7. Ebenda

    8.  Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Aufstellung des Tatas für die 
         kath. Schulgemeinde Grumme 1881-1904

    9.  Ebenda

  10.  siehe unter 5

  11.  siehe unter 8

 

                  2 Evangelische Schule

  12. Standesamt Bochum - Statistik der Regierung Arnsberg von 1819

  13. Standesamt Bochum - Statistik der Regierung Arnsberg von 1840

  14. Standesamt Bochum - Akte Stadt Bochum. Betr.: Ausschulung der ev. 
         Landgemeinden aus dem hiesigen Schulverband 1975-1893

  15. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Ausscheiden aus dem e. und 
         kath. Schulverband Bochum, Bildung einer Schulsocietät in Grumme 1875-1901

  16. Ebenda

  17. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Etat der ev. Schulgemeinde 
         Grumme ab 1895

  18. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Aufbringung der 
         Schulbedürfnisse in Grumme 1898-1901

  19. Ebenda

  20. siehe unter 17

 

Kapitel II - Gründung ortseigener Schulen in Hiltrop-Bergen

  21. Schulte, Dr. Eduard - Die Bevölkerung des Amtes Bochum im Jahr 1664, Ausgabe 
        1925 - Standesamt Bochum

  22. Standesamt Bochum - Akte No 2  4/113

  23. und 24. Ebenda

  25. Standesamt Bochum - Akte Bürgermeisterei Herne - No 2  4/114 - Betr.: Schule zu  
        Hiltrop 1821-1843

  26. bis 29 Ebenda

  30. Entnommen dem Manuskript - Hiltrop von der Ursiedlung vor 6.000 Jahren zur 
         heutigen Industriegemeinde von Karl Neuhof - Sept. 1965 - Standesamt Bochum

  31. Standesamt Bochum - Landkreis Bochum. Betr.: Errichtung einer ev. Schule in 
        Hiltrop-Bergen 1851-1907

  32. Ebenda

  33. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Etat der ev. Schulgemeinde 
        Hiltrop-Bergen 1874-1907

  34. und 35 siehe unter 31

  36. siehe unter 33 

 

Kapitel III - Gründung ortseigener Schulen in Bergen

  37. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Betr.: Regelung der 
         Schulverhältnisse in der Gemeinde Bergen ab 1905

  38. Standesamt Bochum - Akte Landkreis Bochum. Bert.: Das Schulwesen im 
         Schulverband Bergen 1908-1923

  39. Ebenda

 

Literatur

  Dransfeld, Friedrich - Geschichte der ev. Gemeinde Herne, Bädeker, Essen, 1875 
  (Fotokopie bei der Stadt Bochum)

 

 

 

 

 

Geschichte Bochumer Schulen
Sammlung Wilhelm Rüter


Das ehemalige Kirchspiel Harpen und seine Bauernschaften Kornharpen und Gerthe

                                                                                                                                     Von Wilhelm Rüter erstellt in den 1960er Jahren  
                                                                                                                    - gekennzeichnet intern unter 3.1  Stadtteile G-K: Harpen

     

  • Zur Topographie und Besiedelung 


Das Kirchdorf Harpen mit seinen umliegenden Bauernschaften gehörte in alten Zeiten zum Oberamt Bochum und zur dortigen Gerichtsbarkeit. Es erstreckte sich in westlicher Richtung bis zum Castroper Hellweg, der zugleich  in seinem Verlauf für die nordwestlich und südöstlich verlaufenden Bäche die Wasserscheide bildete.

Die Feldmarken erstreckten sich nach Süden bis zur Bauernschaft Havkenscheid und nach Osten bis zur Gemarkung von Castrop. Der Flächenraum des Kirchspiels umfasste rd. 4.112 Morgen. Der Boden, bestehend aus einer tiefgründigen Lehmschicht z.T.  Lößschicht, gehört zu den fruchtbarsten und ertragreichsten Kulturböden des ehemaligen Oberamtes. Wie die Ausgrabungen des Herner Museumsdirektors Karl Brandt (1898-1974) nachgewiesen haben, war dieses Gebiet schon in vorchristlicher Zeit besiedelt und landwirtschaftlich in Kultur genommen worden. 

 (Karl Brandt konnte in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts in Bochum Hiltrop auf dem Hillerberg das erste und längste Großhaus der Rössner-Kultur ausgraben) 

Die Überlieferung aus der Zeit des ausgehenden Mittelalters vermittelt das Bild eines schon festgelegten Gemeinwesens mit intensiver bäuerlicher Nutzung der vorhandenen Bodenfläche. 

Das Land ist bis auf einige Gemeinheitsgründe aufgeteilt und befindet sich im Besitz adliger und auch städtischer Grundherren, während der aufsitzende Bauer oder Kötter die Hofstellen in Erbpacht bewirtschaftete. Kirche und Schule haben ebenfalls ihren gebührenden Anteil am Besitz oder am Ertrag der Äcker.

Die Landaufnahme von 1670-1684 vermittelt einen Einblick in den Umfang der Bauern- und Kötterstellen, sowie in die Besitzverhältnisse und den Umfang der Abgaben an den derzeitigen (damaligen) Pastor und Küster und Schullehrer.

Die Landaufnahme verzeichnete im Kirchdorf Harpen und der Bauernschaft Kornharpen 44 (Bauern-)Hof- und Kötterstellen. Aufschluss über die Besitzverhältnisse gibt die nachfolgende 

Aufstellung:

 - Adlige Grundherren                                                                                   17 Höfe

 - erbfreie Kötter                                                                                              10 Höfe

 - städtische Bürger (Bochum, Dortmund und Essen)                            6 Höfe

 - für den örtlichen Pfarrer, den Vikar und auswärtige Pfarrstellen     7 Höfe

 - für die Küsterstelle                                                                                         2 Höfe

 - für örtliche und auswärtige Armenfonds                                                2 Höfe


Die Landaufnahme für die Bauernschaft Gerthe weist 16 (Bauern-)Hof- und Kötterstellen aus. Der Besitz ist wie folgt aufgeteilt:

 - Adlige Grundherren                                                                                     8 Höfe

 - Stift Rellinghausen und Gevelsberg                                                         2 Höfe

 - erbfreie Kötter                                                                                                3 Höfe

 - städtische Bürger                                                                                           2 Höfe

 - für die Vikarstelle                                                                                          1 Hof


Im Feuerstättenverzeichnis der Grafschaft Mark aus dem Jahre 1664 sind in Harpen aufgeführt:

                                                                                                                              9 volle Höfe

                                                                                                                              3 halbe Höfe

                                                                                                                           22 Kotten      

                                                             Feuerstätten insgesamt:                  41


Für die Bauernschaft Gerthe waren aufgeführt:                                  7 volle Höfe

                                                                                                                            3 halbe Höfe

                                                                                                                           4 Kotten

                                                              Feuerstätten insgesamt:              15


Die Personenstandsaufnahme von 1798 vermittelt ein Bild von der Berufszusammenstellung der Eingesessenen. 
So sind im Kirchdorf Harpen ansässig:

                           367 Seelen

                              14 Seelen auf Gut Wischeling

  insgesamt        381

         davon          14 Bauern, 17 Kötter, 14 Schuster (sicher gleichzeitig Kötter)

                              13 Tagelöhner, sogenannte Häusler

                                4 Schneider, 3 Leinweber und 1 Wollspinner                                     
                                1 Leibzüchter

                                4 Zimmerleute, 1 Radmacher

                                2 Schmiede, 
                                1 Gastwirt

                                1 Müller


In der Bauernschaft Gerthe waren ansässig:

                           193 Seelen 
davon                  10 Bauern, 8 Kötter, 1 Hirte, 1 Schuster (gleichzeitig Kötter)

                              2 Tagelöhner

                              5 Leineweber, 1 Schneider, 1 Wollspinner

                              1 Leibzüchter

                              1 Zimmermann

                             

        Die Gesamtzahl der Kirchspieleingesessenen betrug um 1800 demnach 574. Die für ein solches Gemeinwesen notwendigen Handwerker waren ausreichend vertreten. Es ist anzunehmen, dass sie in allen Fällen über eine eigene Ackernahrung verfügten. Der Beruf des Bergmanns, der am Ende des Jahrhunderts eine so bedeutende Rolle in der Gemeinde spielen sollte, ist noch nicht vertreten.

Nach der Darstellung des Pfarrers Rosenbaum in seiner  "Chronik der Gemeinde Harpen" (Selbstverlag 1866) muss das Kirchdorf noch bis zum Einbruch (Einsetzen) des Kohlenbergbaues nach 1850, ein geruhsames von herkömmlicher Sitte geprägtes Eigenleben geführt haben.


        Der sehr fruchtbare Lehm- und Lößboden und die wasserreichen Wiesengründe ließen eine intensive Nutzung zu und boten für Menschen und Tiere reichlich Nahrung. Die Folge war, dass im Laufe der Zeit, trotz der Erbuntertänigkeit, unter den ansässigen Bauern ein merklicher Wohlstand entstand. So war der sicher nicht geringe Grundbesitz des Rittergutes Wiesche (im Kirchspiel 5 Erbhöfe mit insgesamt 228 Scheffelsaat) im Laufe des 18. Jahrhunderts bis auf den restlichen Rittersitz in den Besitz der ansässigen Bauern übergegangen. Darüber berichtete Pfarrer Rosenbaum:

"Der letzte Freiherr Giesbert von Düngenden ist 1726 gestorben und hier in der Kirche begraben. Wie es schon zu dieser Zeit aus seiner alten Größe zurückgegangen war, so ist es jetzt fast in ein Nichts versunken; denn es hat kein Schloss und keine Burg mehr (1866), sondern nur noch die Stätte des Burgplatzes und einige Morgen Wiesen und Äcker, und der Landwirth Kost zu Hafkenscheid ist der Besitzer."

Über die Geschichte des Hauses Wiesche berichtet ferner nach mündlicher Überlieferung der Schullehrer Hiddemann (1838-1877) in seiner Schulchronik:

"Von seiner alten Größe zeugt die Sage, daß, wenn der Herr von Harpen des abends auf seiner Burg ins Horn stoßen ließ, den anderen Morgen 36 bespannte Pflüge seiner Hörigen auf seinem Burghofe zu Dienstverrichtung erschienen, oder aber 24 bespannte Wagen oder 36 Karren, je nach dem abgegebenen Signale. Diese Sage bekundet auch die genannte Ansiedlung um die Burg und die Wahrscheinlichkeit, dass der Ort von ihr den Namen Harpen hat."

Zu dem Verkauf des Restgutes kurz vor 1800 war eine "höchste Genehmigung" erforderlich. Sie wurde unter dem 7. Mai 1793 anlässlich des Verkaufs an den Bauern Kost erforderlich. Sie lautet u.a.:

"Der Leutnant von Düngenden ... hat  von seiner Königl. Majestät  ... die Erlaubnis erhalten, den Rittersitz Wiesche parcelenweise an Personen bürgerlichen Standes verkaufen zu dürfen."

                          (Quelle: Staatsarchiv. Münster - Akte: Kleve Mark, Landesarchiv, No. 1296).


Die nachstehende Statistik, angefertigt von der Regierung Arnsberg im Jahre 1817/18 gibt erstmalig Aufschluss über die konfessionellen Verhältnisse im Kirchspiel Harpen:

 Harpen - Kirchdorf:  

                                          430 evangelisch lutherische Einwohner

                                            20 katholische Einwohner

                                              4 reformierte Einwohner

                  insgesamt:   454 Einwohner in 69 Häusern

 Bauernschaft Gerthe:    

                                          270 evangelisch lutherische Einwohner

                                               7 katholische Einwohner

                                               3 reformierte Einwohner

                  insgesamt:    280 Einwohner in 53 Häusern

In einem Zeitraum von nur 20 Jahren hat sich die Zahl der Einwohner um 160 erhöht. Die Landesstatistik von 1840 ist noch differenzierter in der Aufgliederung und vermittelt ein Bild von der Besiedelung in den einzelnen Ortsteilen:

A. - Kirchharpen              374 evangelische Einwohner in 46 Häusern

     - Kornharpen               215 evangelische Einwohner

                                                5 katholische Einwohner

                     insgesamt:  220 Einwohner in 29 Häusern

      - Wieschermühle          9 katholische Einwohner in 1 Haus

      - Lütgendorp                12 evangelische Einwohner in 1 Haus


B. Bauernschaft Gerthe  275 evangelischer Einwohner

                                                 12 katholische Einwohner

                          insgesamt  287 Einwohner in 34 Häusern

    - Berghofen                       13 evangelische Einwohner in 1 Haus

    - Schultenhof                   15 evangelische Einwohner in 1 Haus

    - Cöppen Castrop          14 evangelische Einwohner in 1 Haus


Wiederum in einem Zeitraum von nur 20 Jahren ist die Bevölkerung von 734 auf 944 angestiegen, ein Zuwachs von 210 Einwohnern. Von altersher gehörten zum Kirchspiel Harpen drei Siedlungskerne mit Streusiedlungen in den dazugehörenden Feldmarken:

1. Harpen mit Bockholt und Wieschermühle.  2. Kornharpen und 3. Gerthe mit Berghofen, Norenberg, Cöppencastrop, Landwehr, Gehrenholz und Ecksee.


Doch zurück ins Jahr 1798: 

Nach der Personenstandsaufnahme des Jahre 1798 im Amte Bochum wohnten folgende Personen im Kirchdorf Harpen:

      
Bauer:               Becker, Börnecke, Detmar, Dreckmann, Fleitmann, Fröhling, Hamburg, Hodde, Lütgendorf, Nierhoff, 
                            Oberhöfken, Overhoff, Schulte und Stratmann 
Kötter:              Bley, Dieckmann, Flasche, Keilmann, Köster, Kuiper, Möller, Noethe, Paßmann, Richterfeld, Schotte, 
                            Sontag, Vöste, Wiemann 
Leinweber:       Baumeister, W. Mühlmann und Probat
Wollspinner:     J. Duderhoff
Schneider:         Didrich Degener, Queckstert, Töpfer und Wiemann
Schuster:            Brandenburg, Hermann Depach, Kirchoff, Limberg, Lütgenhey, Neuhaus, Sugestall, D. Voerste und 
                              Wiethaus
Schmied:            W. Hünning, Joh. Öchler und Plasmann
Müller:                Niederhartmann
Küper:                 Hagedorn
Rademacher:     W. Clefmann
Winkelkrämer:  Kipenberg
Soldat:                 G.H. Doging, Jörg Pamp, Chr. Vormbaum (alter Soldat)
Küster:                Kellermann
Vicarius:             Zimmermann
Prediger:             H. Möller
Zimmermann:  Brechten, W. Brinkhoff, D. Hüsken, Ortmann und W. Schäfer
Tagelöhner:       Deging, Dieckmann, Eschmann, Eßmann, W. Flasche, D. Heuthe, Huskotte, Lehmbrink, Pamp, Chr. 
                              Pamp, W. Pamp,  Paßmann, Rusche, P. Schäfer, Voerste, D. Vormhaus
Leibzüchter:      Alte Becker
Witwe                  D. Feldmann und H. Kampmann

Adliger Haus Wiescheling, Pächter Caspar Trippe

Summa:             83 Familien in 81 Häusern 


Personenstandsaufnahme im Amte Gerthe 1798

Bauernschaft Gerthe

Bauer:                 Cöppen Castrop, Diederich Cöppen Castrop, Dickmann, Fleige,  Jörgens, Mausbeck, Purrich, 
                              Henrich Schulte, Hermann Schulte und Schuth
Kötter:                Dormann, Hellberg, Höltering, Koernemann, Rottmann, Rüsing, Sonnenschein, Viet ufen Berge
Leinweber:        W. Kremer, W. Stratmann, D. Zimmermann und D.H. Zimmermann
Wollspinner:      Lindemann
Schneider:          H. Kremer
Schuster:            W. Pamp
Hirte:                  Schmiemann
Soldat:                 H. Paßmann
Zimmermann:  Bohne
Tagelöhner:       Bleckmann, H. Knop, Hermann Langhoff, D. Sontag und D. Stegmann
Leibzüchter:      Alte Sonnenschein   

Witwe:                Frau Hofbauer, Hermine Paßmann, Frau Schuth

            Summa:   35 Familien in 36 Häusern


2. Kirche, Schule und Lehrer

"Der Kirchplatz deutet auf eine alte Stelle am Hellwege von Osten nach Westen. Er hob sich aus der Landschaft, umgeben von mehreren Teichen. Die Kirche lag genau am östlichen Ende eines von West ansteigenden niedrigen Höhenzuges. An der Nordseite floss früher ein wasserreicher Bach, der  mehrere Teiche oder Kolke bildetet: de Maidiek, de Schwarte Diek, de Witte Diek, und in der Nähe des Oberhofes - de Graute Diek."                  

                                                                                                    (Quelle: Rosenbaum)

(Rüter merkt an, dass an dieser Stelle einiges Angaben zur Kirche folgen müssten:
Diese Angaben sind in dem Bericht über die Geschichte der Kirchspielschule in Harpen niedergeschrieben)

 

Schule und Lehrer

Wie in alten Kirchspieldörfern war die Schule fundations-vocationsmäßig mit der Kirche verbunden.

In Harpen blieben aber die Küsterdienste bis zu deren Vereinigung 1820 vom Schulamt getrennt. Dem Schulhalter oblag wohl die Führung der Kirchen- bzw. Armenrechnungen. Über die Anfänge des Schulunterrichts ist ein genauer Zeitpunkt nicht überliefert worden. Lediglich die noch vorhandenen Armenrechnungen lassen darauf schließen, dass eine Schule bestand. So werden 1668 Ausgaben der "Armenkiste" für Schulbedürfnisse und für das Gehalt des Lehrers vermerkt.

"23. Dez. 1670 Item die Provisoren mit dem Schulmeister verrechnet 5 Stüber". Hermann  Ludovici unterzeichnet und prüft die Rechnungslegung des Robert Witthaußen 1674 "in Gegenwart der Eingesessenen von Harpen".

Die Familie Ludivici muss im 17. Jahrhundert in Harpen sehr zahlreich vertreten gewesen sein:

- Hermann Ludovici als Pfarrer; 

- Johannes Ludovici als Schulmeister: "1704, d. 4. Nov. dem Schulmeister
   
Johann Ludovici  wegen Anschreiben der Armen: 7 Stbr., 6 Pf,"   

- Theodor Ludovici als Vikar: "1706, den 3. Nov. hat Johannes empfangen wegen des Klingel-Büles: 7 Stbr., 6 Pf."
Und dann findet sich noch ein Eintrag im Kirchbuch: "1709, den 18. July, Johannes Ludovici gestorben."

Vermutlich hat Johannes Ludovici sein Lehramt schon einige Jahre wegen Krankheit niedergelegt; denn in den Kirchenrechnungen findet sich folgender Vermerk: 

„den 2. Nov. 1705 ist Johann auß dem Berge (=Kirchenbote) zum Schulmeister nach Kirchderne gegangen: 6 Stüber.“

„den 28. Nov. 1705 ist der Schulmeister Friedrich Conrad Cuncelius aus Kirchderne gekommen. Domahlen bey mir verzehrt: 30 Stbr.“

Die Kirchenrechnungen weisen aus, dass ihm ordnungsgemäß bis 1730 seine Einkünfte ausgezahlt worden sind. In der Zeit sind ihm von seiner Frau Anna Margarethe 5 Kinder geboren worden, davon 3 wieder verstorben. 1730 erhielt Concelius eine Berufung als Schullehrer nach Sprockhövel.

Laut „Berufungsschein“ vom 23. Juli 1730 wurde zu seinem Nachfolger gewählt Johann Christoph Schroeder aus Unna. In dem mit Siegel und Unterschrift des Collatoren Jobst Friedrich Christian von Ossenbruch nebst sämtlichen Consistorialen der Kirchengemeinde versehenen Berufungsschein heißt es u.a. auszugsweise:

„…. Berufen demnach hiermit und nehmen Kraft dieses, gent. Schrödern zu unserem Schulmeistern und Organisten an, und zwar der Gestalt, daß er solche beyde Dienste, sonderlich die Schule durch fleißige und treuliche Unterrichtungen der Kinder in ihrem Christenthum: - catechismo, lesen und schreiben das ganze Jahr hindurch, außgenommen von Johanni Mitsommer an bis Bartolomäi, da solang die Schularbeit anstehen soll, auffs fleißigste und treulichste, wie es einem gewissenhaften Schulmeister gebühret ….“            

                                                                                                       (Quelle: Kirchenarchiv Harpen)


Johann Christoph Schroeder war im Dez. 1699 in Unna geboren worden. Als er im 30. Lebensjahr nach Harpen kam, verfügte er schon über eine langjährige Berufserfahrung. Ihm war eine lange Zeit als Lehrer der Kirchspielschule beschieden worden.

"Johann Christoph Schroeder, 45 Jahre hierselbst gewesener Schulmeister und Organist, ist am 2.  März 1775 an einer auszehrenden Krankheit gestorben ..., seines Alters 71 Jahre und 4 Monath."                                                                            (Quelle: s. oben)

Unmittelbar nach dem Tode Schroeders hatte Johann Henrich Cleff mit 22 Jahren seinen Dienst in Harpen angetreten. Bereits 1786 ging er durch Tod ab. "Der Schulmeister und Organist Johann Henrich Cleff ist den 10. Sept. 1786 an der Zehrung gestorben ...., nachdem er sein Amt ohngefehr 11 Jahre allhie treu verwaltet und sein Alter gebracht hat zu 33 Jahren 4 ½ Monate."                                                                

                                                                                                          (Quelle: s. oben)


Von 1786 bis 1800 "verwaltete" die Schulstelle Johann Heinrich Kirchhof und von 1800 - 1805 ein ehemaliger Fahrsteiger: Beiendorf von der Zeche Vollmond. Über die Gründe des  Abganges und der  kurzen Amtszeit liegen kein Nachrichten vor.

Nachfolger Beiendorfs wurde 1805 der Schulhalter Casper Heinrich Hegenberg. Er war 1768 in Annen geboren worden, zum Schullehrer vorgebildet in Witten, und geprüft worden durch den Subdelegaten Dahlkamp in Hagen. Dann war er 10 Jahre als Lehrer tätig gewesen in Kirchhörde. Trotz seiner zunftmäßigen Vorbildung war er ein tüchtiger Lehrer.

In seiner Amtszeit wurde 1819 die Küsterstelle mit der Lehrerstelle "zur besseren Subsidierung" vereinigt. Anlass gab der Tod des derzeitigen Küsters.  

"Der Vater des jüngst verstorbenen Küsters Kellermann wurde 1745 von der Gemeinde gewählt und vom Besitzer des Hauses Wäsche als Patronatsherr per Collationem angenommen. 1754 übernahm die Stelle sein Sohn. Die Gemeinde hatte das Präsentations-Recht und der Patron das Collations-Recht."

Mit dem Bauern Kost, dem derzeitigen Besitzer des Restgutes Wiesche, und folglich Inhaber des Patronatsrechts, war folgende Vereinbarung getroffen worden:
 "Kost tritt alle Patronatsrechte an die Kirche ab:

1.  gegen 25 Thaler Baar Geld,

2.  gegen Ablösung aller Prästationen.

      a) 2 halbe Schweinsköpfe, 1 Brot

      b) 1 halben Schweinskopf an den Lehrer

3.  frei von allen Beiträgen zur Reparatur (am Schulhaus)" 

                                                                                     (Quelle: Std.Arch.Bo. Akte No. 2 4/47)


Zu den Geschäften des Küsters, die auf den Schullehrer übergehen sollten, gehörten folgende Obliegenheiten: 

 1.   Vorsingen in der Kirche

 2.   morgens und abends läuten

 3.   die Kirchenuhr regulieren

 4.   zur Leiche läuten

 5.   bei Kommunitionsgängen muss er den Pfarrer begleiten.


Laut Hebezettel gehörten zur Küsterstelle folgende Fundation und Einkünfte:

 1.  Wohnhaus mit Hofraum -   14 Ruten

      - Gartenland                         -   25 Ruten

      - ein Stück Ackerland        - 312 Ruten 

       Wert der Nutzung:                          16 Thaler

  2.  23 ½ Scheffel Roggen

         2 ½  Scheffel Gerste Wert:            37 Thaler, 20 Sgr.

 3.   ein Fleischumgang,

       24 halbe Schweinsköpfe Wert:        3 Thaler, 12 Sgr.

 4.   ein Eierumgang zu 500 Stk. Wert:  1 Thaler, 16 Sgr.

 5.   17 Brote Wert:                                     4 Thaler

 6.   an Accidentien Wert:                        3 Thaler

                               insgesamt:                66 Reichsthaler

Das alte Küsterhaus an der Kirche befand sich in einem beklagenswerten Zustande und wurde für 33 Reichsthaler auf Abbruch an Naderhoff verkauft:

 "Unser Küsterhaus gehört in die Kategorie der elendesten Bettelhütten von der Welt, ... ist nur einstöckig und sehr alt. das Strohdach ist faul, ... dass der alte Küster nicht todt geregnet ist ... Die Wände fallen ein, ein feuerfreier Schornstein ist niemals vorhanden gewesen, und wenn der Küster nicht behutsam mit dem Feuer umgegangen wäre, so hätten wir vielleicht keine Schule und Kirche mehr."                                                            

  (Quelle: s. oben)


Zur Schulstelle gehörten laut  Hebezettel folgende Fundation und Naturaleinkünfte:

 1. Schul- und Lehrerhaus mit

      a) Schulhof und Baumhof

      b) ein Garten im Bockholt, 652 qm

      c) Ackerland in der Heide, 4.589 qm (fast 2 Morgen)

 2. An Korn von

      a) Hodde                33 Scheffel Roggen oder 33 Scheffel Gerste

      b) Nierhoff            39 Scheffel Roggen oder 39 Scheffel Gerste

      c) Dieckmann       17 Scheffel Roggen oder 17 Scheffel Gerste

      d) Röhren              17 Scheffel Roggen oder 17 Scheffel Gerste

 3. An Roggengarbe von

     23 Bauen und Köttern (namentlich aufgeführt) je eine Stiege, = 460 Garben

 4. An Geldrenten und Zinsen

      a) von der Bauernschaft Gerthe aus Düwels Kotten                    1 Thaler 15 Sgr.

      b) von den beiden Berghofer Schulten und Hörmann                                14 Sgr.

     c) von Weberschen Ablösekapital ad 46 Thr. aus Kirchenkasse 1 Thaler  
          3 Sgr.

      d) von einem Kapital ab 91 Thlr. aus Armenkasse                        3 Thaler   6 Sgr.

      e) von einem Kapital bei Röhken ad 30 Gemein-Geld                                 23 Sgr.

 5. Aus sonstigen Einkünften

      a) ein Eierumgang im Jahr

      b) ein Fleischumgang im Jahr, 24 halbe Schweinsköpfe

      c) wöchentlich ein Stüber Schulgeld von jedem Kind, so die Schule besucht.

 6. Als Organist von der Kirchen- und Armenkasse Gemein-Geld 22 Thaler


Das gesamte Einkommen des Lehrers war auf 106 Thaler im Jahr geschätzt worden. 
Durch die Vereinigung beider Stellen sollte der Lehrer ein Einkommen von 180 Reichsthaler im Jahr erreichen. Diese Höhe der Naturaleinkünfte hing aber von der Gunst des Wetters und der pflichteten Prästanten ab, und wurde deshalb kaum jemals erreicht.

Die Vereinigung der beiden Stellen wurde durch Regierungsverfügung vom 15. Juni 1821 end-gültig genehmigt.

Der Lehrer Caspar Heinrich Hegenberg verblieb in seinem Amt bis 1831. Die Zahl der Schüler war auf fast 200 angestiegen. Als sein Sohn Caspar Heinrich das Lehrerseminar in Soest mit Erfolg absolviert hatte, wurde er 1831 in die Stelle seines Vaters gewählt und eingewiesen. Es war ihm noch ein ruhiger Lebensabend in der Obhut seines Sohnes beschieden. Er starb im Alter von 78 Jahren am 16. Juli 1846. Hegenberg junior musste seinem Vater in Ermangelung einer Pension ein Leibgedinge von 60 Thalern im Jahr zahlen.

Die Schulaufsicht forderte 1838 die Anstellung einer 2. Lehrkraft und den Bau eines neuen Schulhauses, da für 200 Schüler nur ein Raum von 50 qm zur Verfügung stand. Auf Anfrage  empfahl der Soester Seminardirektor folgenden Kandidaten:
"Friedrich Hiddemann, 19 Jahre alt, Sohn eines Landmannes in Opherdicke, ein kräftiger, lieber junger Mann, ist vor einigen Tage mit dem Zeugnis Nr. I vom Seminar abgegangen ....."

Hiddemann trat seinen Dienst am 2. Jan. 1839 als 2. Lehrer in Harpen an. Sein Gehalt betrug 120 Thaler im Jahr. Infolge des frühen Todes des Lehrers
C.H. Hegenberg (der Zweite) 1855, rückte er in dessen Stelle auf mit 210 Thaler Jahreseinkünfte. Die von Hiddemann freigemachte 2. Lehrerstelle übernimmt der Seminaraspirant Julius Hegenberg, Sohn des verstorbenen Lehrers.

Hiddemann blieb bis zu seiner Pensionierung 1867 (mit 68 Jahren) in Harpen tätig und erlebte den Übergang von der fast autonomen Kirchspielschule zur straff gelenkten Staatsschule. Die patriarchischen Verhältnisse des Kirchdorfes  in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlebten durch den wachsenden Bergbau in der zweiten Jahrhunderthälfte einen völligen Wandel der Sozialstruktur.

In seiner überlieferten Schulchronik gibt der schreibfreudige Hiddemann Einblicke in jene patriarchalischen Verhältnisse, wie sie auch im Schulwesen ihren Ausdruck fanden:

"Wenn im Herbst zu Martini der erste Schnee fiel, so fing der Schulbesuch an etwas besser zu werden; denn die Zahl der Anwesenden überschritt den ganzen Tag hindurch die Hälfte der Sollzahl, so dass zu Weihnachten etwa ⅔ der Sollzahl anwesend war. .....Wenn Tauwetter eintrat, und Felder und Wiesen bloß wurden, musste während der Schulzeit das Grün von den Kindern geholt werden. Auch wurden die Kinder mit Hülfe beim Dreschen und Kornreinigen .... im Winter vom Schulbesuch abgehalten.

Blickte aber der Frühling ins Land, Ende Februar oder Anfang März, so sank bald die Zahl der Anwesenden auf 5/12 der Sollzahl. .... Um die Zeit der Roggenernte waren 3 Wochen Ferien. Beim Beginn der Schule nach den Ferien kam es oft vor, dass sich in den ersten Tagen gar keine oder nur einige Schüler einfanden."

Der Lehrer ging dann wohl von Haus zu Haus, um die Eltern aufzufordern, die Kinder zur Schule zu schicken. Sie kamen erst meist nach der Harpener Kirmes, am 16. August.

"Die Zahl der Hirtenkinder war groß. Jeder, der eine Kuh oder Ziege hatte, wollte zum Schulversäumnis für einen Hirten und jeder Landwirt und Kette für einen Schweinehirten berechtigt sein, ... ferner für Kindermädchen und Hausverwahrer. 

Bis Anfang der 1870er Jahre dauerte der Zustand ... und verschwand nach und nach, bis er endlich ganz erloschen ist."

                                                                        (Quelle: Kirchenarchiv - Harpener Schulchronik)


Über die Eier- und Fleischumgänge, wie sie in seiner Amtszeit als erster Lehrer, von 1855 - 1871, noch üblich waren, vermittelt Hiddemann in seiner Schulchronik ein anschauliches Bild:

"Sammeln der Umgänge"

"Für einige Schulknaben war aber einmal im Jahr, das war der Gründonnerstag, ein festlicher Tag, später der Mittwoch vor Ostern. An welchem Tage dieselben für den ersten Lehrer die zu seinem Gehalt als Küster gehörenden Eier und halben Schweinsköpfe zusammenholten, und dürfte die Beschreibung diese Festes seiner Originalität wegen hier ein Platz gegönnt sein. Am Dienstag nachmittag bestimmte der Lehrer mindestens 12 starke Schulknaben zu diesem Umzug. ... Am anderen Morgen kamen dann diese Burschen schon in aller Frühe, manche schon um 4 Uhr zum Lehrer und trieben ihn aus dem Bette. Sie kamen festlich angezogen, geschmückt mit einem mit Goldblumen verzierten Buchsbaumstrauch an der Mütze, einem kräftigen Eichenstock in der Faust, ... denn es galt der Schwere des halben Schweinskopfes zu widerstehen. ...War man nun mit dem Abmarsch um 5 ½ Uhr fertig, so wurde im Haus des Lehrers erst Andacht gehalten. Darauf ging nun der Lehrer mit seinem Zuge zuerst zum Landwirt Lütgendorp, der verpflichtet war, einen halben Schweinskopf und 20 Eier zu geben. Sobald die Knaben nun in die Küche getreten waren, sangen sie ein Schullied. Der Lehrer begrüßte nun den Hausherrn und die Hausfrau und wurde nun zum Kaffee eingeladen, was er ja nicht abschlagen durfte ... Bei Lüdgendorp fiel es immer zur Zufriedenheit der Knaben aus, geschah aber solches bei einem Prästanten nicht, was aber höchst selten war, so sangen die Knaben nur auf meine Anordnung noch einen Vers zum Abschied.

Von Lüdgendorp ging es weiter nach Sontag, wo es nur Eier gab und nicht gesungen wurde, und dann weiter nach Wieschemühle und durch Kornharpen. 

Wo ein halber Schweinskopf gegeben wurde, wurde gesunden, wo Eier, nicht.

Um 8 Uhr kam nun der Zug wieder an der Schule an, der Fleisch- und Eierlast wurde sich entledigt und die Knaben mit Kartoffelpfannekuchen und Kaffee bewirtet. Da schmeckt es wohl nach dem schönen Morgengange!

Darauf ging der Zug über Berghofen, Norrenberg, Landwehr, Cöppencastrop, Gerthe, Ecksee, Bockholt, Kirchharpen und um 3 Uhr war man wieder in der Schule.

Die Knaben holten aus jedem Hause und von jeder Familie Eier. Viele gaben dafür Geld. Auch waren viele Leute nicht zu einer bestimmten Anzahl verpflichtet, sondern gaben nach Belieben. Im Hebezettel waren 800 Stück im Ganzen angegeben, und belief sich der wirkliche Ertrag auf 1.000 bis 1.200 Stück ....

Bis 1871 ist dieser Umzug gehalten worden, jedoch in den letzten Jahren nur noch von 3 bis 4 Knaben, welche die Eier holten. Die halben Schweinsköpfe wurden von der Magd des Lehrers eingeholt. ..... 1871 wurden die Eier durch Beschluss der Repräsentanten für 10 Thaler jährlich aus der Kirchenkasse abgelöst."                  

                                                        (Quelle: Kirchenarchiv der Evangelischen Kirche Harpen) 


Beginn der neuzeitlichen Entwicklung und Aufteilung der Schulgemeinde 

Der Bergbau war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts infolge des steigenden Bedarfs an Steinkohle unaufhaltsam von der Ruhr und ihren Seitentälern nach Norden in das Gebiet des Hellweges und der Emscherniederung vorgedrungen.

1856 hatte die Gesellschaft Harpener Bergbau damit begonnen, in den Gemarkungen des Kirchspiels Tiefschächte abzuteufen. Damit begann ein ständig wachsender Zuzug von Bergmannsfamilien, zuerst aus den naheliegenden westfälischen und hessischen Gebieten und später aus den östlichen Provinzen des Landes. 

Aus den massierten Zuzug dieser Familien mit ihrem auffälligen Kinderreichtum, der sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt steigerte, und bis zum ersten Weltkriege anhielt, erwuchsen der Gemeinde ungeahnte schulische Probleme.

Der einheitliche Schulverband bestand bis 1870 aus einer zweitklassigen Schule mit inzwischen 2 Lehrkräften.

  1. Lehrer Hiddemann         118 Schüler
  2. Lehrer Mörchen              170 Schüler

                     insgesamt                288 Schüler

Die Gesamtschülerzahl wurde auf 4 Abteilungen mit getrennter Unterrichtszeit wie folgt aufgeteilt:

 Klasse 1:        96 Schüler  22 Wochenstunden Unterricht

 Klasse 2:        96 Schüler  22 Wochenstunden Unterricht

 Klasse 3:        48 Schüler  12 Wochenstunden Unterricht

 Klasse 4:        48 Schüler  12 Wochenstunden Unterricht

                      288 Schüler   68 Wochenstunden Unterricht

Das Soll von 68 Unterrichtsstunden musste von den beiden Lehrern vor- und nachmittags bewältigt werden.

Die Teilung der Schule erfolgte dergestalt, dass in Randbezirken Filialklassen eingerichtet wurden, vordringlich nach Besiedlungsstärke. Nach einem Bericht an den Landrat vom 22. Juli 1869 lagen in den einzelnen Ortsteilen folgende Schülerzahlen vor: 

 Kirchharpen und Bockholt                                    -  141 Schüler

 Kornharpen, Wieschemühlen und Vollmond   -   48 Schüler

 Gerther Landwehr und Berghofen                       -   83 Schüler 

                                                                 insgesamt:      272 Schüler (ein Jahr später 288 - s.o.)


Eigene Schule für Gerthe

Für die Gründung einer ortseigenen Schule in Gerthe war bereits 1869 ein Repräsentantenausschuss gewählt und mit allen Vollmachten ausgestattet worden: 
Landwirt Wilhelm Schuth, Landwirt Hermann Schuth-Mausbeck,
Bergmann Wilhelm Joche, Schreiner Diedrich  Lindemann

Die Regierung Arnsberg genehmigte mit Datum vom 21. März 1871 folgende Beschlüsse der Repräsentanten:
 1.  Anmietung eines Lokals bei dem Schreiner Lindemann für 5 Taler im Monat

 2. Das Gehalt des Lehrers von 250 Taler in baar, 50 Taler Mietentschädigung, 
     20 Taler für  Heizung und Reinigung des Schullokals, 5 Taler für Tinte und Federn - jährlich

 3. Beschaffung von Schulutensilien


Der Unterricht begann am 1. Juli 1871. Als alleiniger Lehrer wurde der Schulamtsbewerber Carl Enke, Sohn des Lehrers Enke in Eppendorf, zum 1. Juli eingewiesen. Seine Frau erteilte den Handarbeitsunterricht der Mädchen für 36 Taler im Jahr.


Die evangelische Schulgemeinde Gerthe hatte nach dem Gründungsetat 1871/72:   
465 Seelen in 53 Häusern, 63 Hausväter, 90 Schüler


Das Schulgeld war auf  15 Silbergroschen pro Kind und Jahr festgelegt. Die Kosten des Schulbaues, ein einstöckiger Bau mit einem Klassenraum und einer Lehrerwohnung, waren wie folgt veranschlagt worden:

 1. Schulgrundstück, 2.500 qm              1.260 Taler

 2. Schulbau                                                 3.177 Taler

 3. Ausstattung des Schulsaales                  182 Taler

 4. Jährliche Zins- und Tilgungskosten    550 Taler

Der Schulbau konnte im Februar 1873 bezogen werden. Die Schulverhältnisse müssen nicht er-freulich gewesen sein, so dass ein reger Lehrerwechsel zu verzeichnen war:

     Carl Enke verließ die Stelle im Oktober 1874,

     Gustav Muhen Ende 1877,

     Van den Beek blieb nur bis Mai 1878,

     Friedrich  Pielsticker ging 1884. Letzterer war bis 1882 alleiniger Lehrer mit 126 Schülern

Nach dem Etat von 1883/84 hatte die evangelische Schulgemeinde folgenden Umfang:    691 Seelen in 83 Häusern mit 115 Hausväter
    2 Lehrer (Pielsticker und Thomas)  für 127 Schüler


1895/96 (11 Jahr später) weist der Etat wesentlich höhere Zahlen aus:

                   897 Seelen mit 259 Hausvätern

                       2 Schulhäuser mit 3 Klassen und 3 Lehrern (Rewe, Kokelke, Sontag) für 189 Schüler


Die ehemalige Bauernschaft Gerthe entwickelte sich am Ende des Jahrhunderts zu einer Indus-triegemeinde mit (klein-)städtischem Charakter.

Die Bergwerksgesellschaft Lothringen hatte 1872 in den Gemarkungen der Gemeinde ihren Schacht I abgeteuft, deren Belegschaft um 1900 auf 1.755 angestiegen war. Es folgte die Teufe der Schächte II und III, ferner wurde 1908 das Chemische-Werk Lothringen gebaut.

Die Einwohnerschaft des früheren Kirchspiels Harpen, jetzt Amtsbezirk Harpen, war in nur wenigen Jahren erheblich angestiegen. Es wohnten

1900 in Harpen 4.112 Einwohner                  in Gerthe   2.467

1910 in Harpen  5.158 Einwohner                 in Gerthe   8.491 (davon 2.500 Bergleute)

1915 in Harpen 5.703 Einwohner                  in Gerthe 14.390

1930 in Harpen 5.738 Einwohner                  in Gerthe 15.463 (davon 6.865 Bergleute)

 

Eine Folge der industriellen Entwicklung war der wachsende Unterrichtsbedarf. Im Etat 1901/02 hatte die evangelische Schulgemeinde den folgenden Umfang angenommen:

 insgesamt 1.660 Seelen und 453 Familien

                   2 Schulhäuser mit 5 Klassen und 4 Lehrern für 295 Schüler

Mit dem Volksschulunterhaltungsgesetz von 1906 waren alle Schulsozietäten, soweit nicht schon vorher aus Gründen der Zweckmäßigkeit geschehen, aufgehoben und in den Schulverband der politischen Gemeinden übergeleitet worden. In Gerthe hatte die Überleitung wegen der stets wachsenden Schullasten schon 1895 stattgefunden, wie im Amte Harpen überhaupt.

Das Volksschulunterhaltungsgesetz trat 1908 in Kraft, so dass bis dahin nach Schulgemeinden getrennte (evangelische und katholische) Etats vorlagen. Der letzte getrennt geführte Etat von 1908/09 der evangelischen Schulgemeinde weist folgende Zahlen auf:

    4.770 evangelische Einwohner

       452 evangelische Kinder

           6 Lehrer

Der neue Schulverband umfasste seit 1909 das Schulwesen Gerthe und Hiltrop. Die Gesamtzahl der Einwohner des Schulverbandes betrug nach dem Etat von 1914/15:

     4.954 evangelische Einwohner und 1.543 evangelische Schüler

     4.444 katholische Einwohner und 1.235 katholische Schüler

Die Schüler waren im Gesamtschulverband auf folgende Schulen verteilt:

       I.  Evgl. Schule Gerthe                      11 Lehrer

      II. Evgl. Schule Hiltrop-Dorf            3 Lehrer

    III. Evgl. Schule Hiltrop-Landwehr   4 Lehrer

    IV. Evgl. Schule Holsterhausen           5 Lehrer

      V. Kath. Schule Gerthe                     14 Lehrer

    VI. Kath. Schule Holthausen               6 Lehrer

                                             insgesamt        43 Lehrer

Den vorerst  höchsten Stand erreichte die Bevölkerung des Gerther Schulverbandes nach den Etatbericht von 1918/19 

 7.478 evangelische Einwohner; 4 evangelische Schulsysteme mit 28 Lehrern für 1.525 Schüler

 6.537 katholische Einwohner; 3 katholische Schulsysteme mit 25 Lehrern für 1.406 Schüler


Seit der Gründung der ortseigenen (evangelischen) Schule in Gerthe im Jahre 1872 mit 90 Schülern war die Zahl in einem Zeitraum von nicht einmal 50 Jahren auf 1.525 angestiegen.


Gründung der katholischen Schulgemeinde Gerthe

1897 wird die Gründung einer katholischen Schulgemeinde in Gerthe eingeleitet, weil hie die meisten katholischen Familien zugezogen sind. Der Anteil war bis zu diesem Zeitpunkt im Kirchspiel sehr gering.

1818 waren von 280 Gerther Eingesessenen   7 katholisch

                                                in Harpen Dorf 20 katholisch

1840 waren von 317 Bewohnern in Gerthe   12 katholisch

                                                 in Harpen Dorf 14 katholisch

1892 gab es  in Gerthe 26 schulpflichtige katholische Kinder,

                      in Harpen 17 schulpflichtige katholische Kinder.

Sie besuchten je nach Lage der Wohnung die evangelische Schulen am Ort oder die katholischen Schule in Holsterhausen, Solingen und Grumme

Nach dem Gründungsetat von 1898/99 hatte die katholische Schulgemeinde folgenden Umfang:

   422 Seelen, 80 Hausväter, davon waren (nur) 6 Hausbesitzer,  75 Schüler

Der Unterricht begann Ostern 1898 bis zur Fertigstellung des Schulgebäudes in einem gemieteten Lokal der Zeche Lothringen mit dem Lehrer Johann Schmoll aus Langenholthausen, Kreis Arnsberg.

Nach dem Prästationsnachweis (finanziell Leistungskraft) von 1900 bestand in den beiden Gemeinden folgende soziale Gliederung des Besitzstandes:

Gerthe:

      386 Haushaltungen

          3 Gutsbesitzer

          8 Bauern

          3 Halbbauern

        59 Häusler (z.T. Kötter)

        22 Gewerbetreibende

          9 Beamte (wohl Zechenbeamte)


Harpen:

      537 Haushaltungen

        15 Bauern

         6 Halbbauern

     139 Häusler

       27 Gewerbetreibende

       16 Beamte

Nach dem Etat vom 1901/02 hat die katholische Schulgemeinde Gerthe (mit Harpen) folgenden Umfang:

      782 Seelen

      144 Hausväter, davon gehörten 

         4 dem Besitzstande an

         2 Lehrer (Kluge und Schmoll) für 138 Schüler

Durch den wachsenden Zuzug von jungen Bergmannsfamilien aus den Ostgebieten nach der Jahr-hundertwende stieg die Zahl der katholischen Einwohner und Schüler sprunghaft. 1910/11 hatte die katholische Einwohnerzahl folgenden Stand erreicht:

   3.376 Seelen

         11 Lehrer für 659 Schüler

Den vorerst höchsten Stand erreichte das katholische Schulwesen nach den Schuletat im Jahre 1918/19:

    6.537 Seelen

           3 Schulsysteme mit 25 Lehrern für 1.406 Schüler

In einem Zeitraum von (nur) 20 Jahren war die Bevölkerung um das fünfzehnfache und die Zahl der Schüler um das achtzehnfache angestiegen.

Auf 100 Einwohner entfielen

    1900 noch 16,04 Schüler

    1910 stieg der Anteil auf 21,60 Schüler

    1919 noch 21,20 Schüler


Der Anteil beträgt heute (etwa 1960) rd. 10 Schüler auf 100 Einwohner.

Mit den katholischen Familien war vor und nach der Jahrhundertwende eine große Zahl polnisch sprechender Eltern und Kinder zugezogen. Der Schulvorstand beantragte unter dem 27.03.1903 bei der Regierung eine zusätzliche Lehrerstelle für eine besondere Polenklasse:

"Wegen der großen Zahl fremdsprachiger Kinder, welche die katholische Schule zu Gerthe besuchen, beabsichtigen wir die Teilung der Unterrichtsklassen."

                                                                          (Quelle: Stadt. Arch. Bochum - Akte)


Zahl der fremdsprachlichen Kinder an der katholischen Schule in Gerthe 1905:

   Klasse I     70 Schüler   28 polnisch sprechend

   Klasse II   67 Schüler   35 polnisch sprechend

   Klasse III  48 Schüler   35 polnisch sprechend

   Klasse IV  45 Schüler   18 polnisch sprechend

                    230 Schüler 116 polnisch sprechend

 50% der Schüler sprachen polnisch.

1906 war die Zahl der polnisch sprechenden Kinder auf 133 angewachsen. Die Zahl der polnisch und deutsch sprechenden Kinder betrug zusätzlich noch einmal 96 Kinder.

An der evangelischen Schule war die Zahl weit geringer, und zwar nur polnisch und deutsch sprechende Kinder:

   1901 von 310 Schülern:  10 polnisch und deutsch sprechend

   1906 von 361 Schülern:  12 polnisch und deutsch sprechend

   1911 von 648 Schülern:   24 polnisch und deutsch sprechend


Nach dem 1. Weltkriege wurde der polnisch-sprachliche Unterricht außerhalb der Schule erteilt (für rd. 280 Kinder und Erwachsene)


In welchem Umfange polnisches Volkstum bis zum 1. Weltkrieg in das Ruhrgebiet eingeströmt und dort zum großen Teil integriert worden ist, mögen die nachstehenden Zahlen erläutern:

Erhebung der Regierungen Münster und Arnsberg über nur polnisch sprechende Kinder an Volksschulen

                                                              1901          1906         1911

 1. Regierungsbezirk Münster     1.723          4.211         8.588

 2. Regierungsbezirk Arnsberg    2.845         6.374        11.827

                                    zusammen     4.568       10.585        20.415


Erhebung über polnisch und deutsch sprechende Kinder an Volksschulen:

                                                             1901         1906       1911

 1. Regierungsbezirk Münster     2.305          3.781        6.212

 2. Regierungsbezirk Arnsberg    6.270          8.249       15.411

                                    zusammen     8.575        12.030      21.623

Beide Sprachgruppen, nur polnisch und gemischt sprechende Kinder, ergeben folgende Gesamtzahlen an Schülern in den Regierungsbezirken Münster und Arnsberg:

                                                             1901            1906            1911

                                                            13.143         22.615         42.038

Der polnisch sprechende Bevölkerungsteil, wie auch die maurisch, kaschubisch und schlesisch sprechenden Sprachgruppen, sind durch Vermischung mit der eingesessenen Bevölkerung und den aus anderen Landesgebieten zugezogenen Gruppen integriert worden. Entstanden ist aus dieser Mischung die besondere sprachliche und charakterliche Färbung weiter Schichten der Ruhrgebiets-bevölkerung, mit der besonderen Eigenart, gemüthaft und drastisch in ihrer Ausdrucksweise auf die Freuden und Leiden im Leben zu reagieren.


1960 hatte der Ortsteil Harpen folgende Schulsysteme:

 1. Evangelische Schule Bockholtstraße mit              11 Lehrern für 421 Schüler

 2. Katholische Schule Harpener Hellweg mit            7 Lehrern für 284 Schüler

 3. Gemischte Schule Harpener Hellweg mit            12 Lehrern für 468 Schüler

 4. Gemischte Schule Wieschermühlenstraße mit     7 Lehrern für 248 Schüler

                                                                   insgesamt     37 Lehrer für  1.421 Schüler

              


Schulen in Kirch- und Kornharpen

Die Gründung einer ortseigenen Schule in Kornharpen, wenn auch vorerst (nur) als Filialschule von Kirchharpen, wurde 1876 in die Wege geleitet:

Zahl der Schüler:

   1. Kornharpen                                   36 Schüler

   2. Zeche Caroline und Vollmond   5 Schüler

   3. Wieschermühle                             10 Schüler

   4. Delle                                                12 Schüler

   5. Rosenberg                                      15 Schüler

                                          insgesamt:    78 Schüler


Als alleinige Lehrkraft wurde Lehrer Weinbrenner aus Feuerbach im Herbst 1877 eingewiesen. Der Unterricht begann vorerst im Lokal des Gastwirts Refflinghaus. 1879 war das zweitklassige Schulgebäude bezugsfertig.

Für die größere Schulgemeinde Kirchharpen  und Kornharpen wurden folgende Repräsentanten gewählt:

 I. aus Kirchharpen

     1. Friedrich Hiddemann, Lehrer

     2. Heinrich Stratmann, Gastwirt

     3. Heinrich Vierhoff, Landwirt

     4. Fritz Zimmermann, Bergmann

     5. Hermann Nolthoff, Gastwirt

 II. aus Kornharpen

     1. Wilhelm Stratmann, Landwirt

     2. Ludwig Recker-Hodde, Landwirt

     3. Karl Schulze, Obersteiger

     4. Diedrich Homberg, Landwirt

     5. Heinrich Diekmann, Landwirt

     6. Heinrich Schulte, Kötter


Im Gegensatz zu Gerthe behielten Kirch- und Kornharpen bis zur Jahrhundertwende ihren ländlichen Charakter. Das bezeugt die Aufstellung der vielen Landwirte als Schulrepräsentanten.

In Kirchharpen bestand bis dahin das alte Schulgebäude auf dem Kirchhof mit 2 Klassenräumen. 1884 wurde ein neues Schulgebäude mit 2 Klassen auf dem benachbarten Grundstück des Landwirts Vierhoff erbaut, so dass der evangelischen Schulgemeinde nun 4 Klassenräume in Kirchharpen und 2 Klassenräume in Kornharpen zur Verfügung standen.

Nach dem Schuletat bis 1888 hatte die evangelische Schulgemeinde folgenden Umfang:

         2.120 Seelen, 725 Hausväter, 2 Schulen mit 6 Unterrichtsklassen und 5 Lehrern für 410 Schulkinder

    


1893 war die Schülerzahl in Kirchharpen auf 306 und in Kornharpen auf 282 angestiegen. Es unterrichteten 8 Lehrkräfte. 1891 wurden alle Schullasten auf den Gemeindeetat übernommen.

Nach dem Prästationsnachweis  vom Jahr 1900 bestand in Kirch- und Kornharpen folgende soziale Gliederung des Besitzstandes:

   537 Haushaltungen, davon 15 Bauern, 6 Halbbauern, 139 Häusler, 27 Gewerbetreibende, 16 Zechenbeamte


Bis zum I. Weltkriege bestanden 3 Schulsysteme mit folgenden Besetzungen:

   System    I. in Kirchharpen mit  7 Lehrern

   System   II. in Kornharpen mit  4 Lehrern

   System III. in Kornharpen mit  4 Lehrern


1925 hatte die Gemeinde Harpen, ehemals Kirch- und Kornharpen folgende Einwohnerschaft:
    5.593 Einwohner insgesamt, davon

    4.737 evangelisch

      462 katholisch

      394 andersgläubig

      80% der Berufstätigen waren Bergleute.

Im Schulbezirk bestanden:

    2 evangelische Schulen mit 617 Schülern und 20 Lehrern

    1 katholische Schule mit   64 Schülern und   2 Lehrern

    1 bekenntnisfreie Schule mit  109 Schülern und   3 Lehrern


                                                                                                                                                                             
                                                                                 

Geschichte Bochumer Schulen
                                                                                                            - Sammlung Wilhelm Rüter

Geschichte der Kirchspielschule Harpen 

Kirchharpen, Kornharpen und Hiltrop und Gerthe von 1670 bis zur Gegenwart
                                                                                                     Von Wilhelm Rüter erstellt 1960
                                                                                   (gekennzeichnet intern unter 2.2  Harpen)


Inhaltsverzeichnis

 

I.   Die ersten Nachrichten über die Kirchspielschule zu Harpen

II.  Vermögen und Unterhaltung der Schule

III. Beginn der neuzeitlichen Entwicklung und Aufteilung der Schulgemeinde.

      a. Gründung der  evangelischen Schulgemeinde Gerthe

      b. Gründung der katholischen Schulgemeinde Gerthe

      c. Gründung der evangelischen und katholischen Schulgemeinde Kornharpen

      d. Entwicklung des Hiltroper Schulwesens

IV. Quelle und Literaturangaben


I. Die ersten Nachrichten über die Kirchspielschule zu Harpen

Nach den Darstellungen des Pfarrers Rosenbaum in seiner  "Chronik der Gemeinde Harpen" (Selbstverlag 1866) muss das Kirchspiel noch bis zum Einbruch (Einsetzen) des Kohlenbergbaues in  der Mitte des vorigen Jahrhunderts (also nach 1850), ein geruhsames von altväterlicher Sitte geprägtes Eigenleben geführt haben.


Der sehr fruchtbare Lehm- und Lößboden und die wasserreichen Wiesengründe boten für Tiere und Menschen reichlich Nahrung, so dass im Laufe der Zeit ein merklicher Wohlstand unter den ansässigen Bauern entstand. Es spricht für den Fleiß der Bauern, wenn der sicher nicht geringe Grundbesitz des Rittergutes Wiesche (im Kirchspiel 5 Erbhöfe mit insgesamt 228 Scheffelsaat) schon vor 1800 bis auf den restlichen Rittersitz in den Besitz der ansässigen Bauern übergegangen. Darüber berichtete Pfarrer Rosenbaum:

"Der letzte Freiherr Giesbert von Düngenden ist 1726 gestorben und hier in der Kirche begraben. Wie es schon zu dieser Zeit aus seiner alten Größe zurückgegangen war, so ist es jetzt fast in ein Nichts versunken; denn es hat kein Schloss und keine Burg mehr (1866), sondern nur noch die Stätte des Burgplatzes und einige Morgen Wiesen und Äcker, und der Landwirth Kost zu Havken-scheid ist der Besitzer."

So berichtet mit etwas wehmütigem Rückblick auf die Geschichte des Hauses Wäsche der Lehrer Hiddemann (1838-1877) in seiner Schulchronik: (im Pfarrarchiv Harpen)

"Von seiner alten Größe zeugt die Sage (eine mündliche Überlieferung), daß, wenn der Herr von Harpen des abends auf seiner Burg ins Horn stoßen ließ, den anderen Morgen 36 bespannte Pflüge seiner Hörigen auf seinem Burghofe zu Dienstverrichtung erschienen, oder aber 24 bespannte Wagen oder 36 Karren, je nach dem abgegebenen Signale. Diese Sage bekundet auch die genannte Ansiedlung um die Burg und die Wahrscheinlichkeit, dass der Ort von ihr den Namen Harpen hat."

 Zu dieser Überlieferung bzw. Sage gibt die Akte "Cleve Mark, Landesarchiv No. 1296 - Staatsarchiv Münster" einige Aufschlüsse. So teilt sie mit, dass um 1775 zur Harpener Kirche 33 namentlich aufgeführte Hofstellen gehörten, eine Zahl, die der oben angeführten nahe kommt.

Ferner wird unter dem 7. Mai 1793 anlässlich einer Auseinandersetzung mit dem Bauern Kost mitgeteilt, "Der Leutnant von Düngenden ... hat  von seiner Königl. Majestät  ... die Erlaubnis erhalten, den Rittersitz Wiesche parcelenweise an Personen bürgerlichen Standes verkaufen zu dürfen."

Der Bauer Kost zu Hafkenscheid hatte nach gleicher Mitteilung "den Hausplatz mit anklebenden Gerechtigkeit angekauft."

Es ergab sich aus diesem Verkauf des Rittersitzes die Situation, dass schon vor der Zeit der Abschaffung der Erbuntertänigkeit 1808 ein freier Bauernstand die Geschicke der Kirchengemeinde in die Hand nahm, ein Umstand, der für die weitere Entwicklung des Gemeinwesens sicher von Bedeutung war.

 Was Lage und Umfang der Gemeinde betrifft, so folgen hier Angaben des Pfarrers Rosenbaum und in Ergänzung dazu des Lehrers Hiddemann.

Die Kirchengemeinde bestand von altersher aus 3 Dorfschaften:

1. Harpen mit Bockholt und Wieschermühlen

2. Kornharpen

3. Gerthe mit Berghofen, Norenberg, Cöppencastrop, Landwehr, Gehrenholz und Ecksee.


Zu den Ortsnamen Kornharpen sagt Hiddemann, dass er wohl von Cornharpen, "wie die Leute hier noch gewöhnlich zu sagen pflegen, was `bei Harpen´, oder `mit zu Harpen gehörig´ - heißen kann."

Er ist der Meinung, dass erst später die Bezeichnung Kornharpen daraus entstanden ist.

Die übrigen Namen, wie Berghofen und Cöppencastrop, erklärt Hiddemann aus der Hügellage. Zu den Namen Ecksee und Gehrenholt weiß er "nicht einmal eine Vermuthung." 

     Die Größe der Kirchengemeinde umfasst 4.112 Morgen, 52 Ruten, zwölf Fuß. Hiddemann hebt besonders hervor die mächtige Lehmschicht, "die sich besonders zur Ziegelfabrikation eignet und in den glorreichen Jahren 1872 - 1873 (wirtschaftlicher Aufschwung nach dem Kriege) benutzt wurde. Er erwähnt noch besonders eine Schicht "Land-Lehm", die von den Landwirten zur Düngung des Landes benutzt wurde. Es handelt sich wohl um den Lößlehm. Erwähnt wird noch der außergewöhnliche Wasserreichtum in der Gemeinde, der auf die wasserundurchlässige Mergelschicht zurückzuführen ist. So lesen wir in der Chronik Rosenbaums:

"Der Kirchplatz deutet auf eine alte, wichtige Stelle am Hellwege von Osten nach Westen. Er hob sich aus der Landschaft, umgeben von mehreren Teichen. Die Kirche lag genau am östlichen Ende eines von Westen ansteigenden, niedrigen Höhenzuges. An der Nordseite floss früher ein wasserreicher Bach, der mehrere Teiche oder Kolke bildete, de Maidiek, de Schwarte Diek, de Witte Diek und der in der Nähe des Oberhofes de Graute Diek." 

Der Kirchplatz war also von einem Kranz von Teichen umgeben, eine immerhin bemerkenswerte geographische Erscheinung. Sie sind heute aus dem Dorfbild verschwunden.


   Die Geschichte der Harpener Schule ist eng mit der der Kirchengemeinde verknüpft, war sie doch, wie in allen Gemeinden, ein Kind der Kirche. Grund und Äcker wurden der Schule aus dem allgemeinen Besitz der Kirche zur Verfügung gestellt, während die Naturalien von den Bauern der Kirchengemeinde aufgebracht wurden. Für die Bedeutung der Schulstelle spricht die Tatsache, dass sie bis zur Vereinigung 1819 nicht mit der Küsterstelle verbunden war. Es wurde also stets neben dem Küster ein besonderer Elementarlehrer beschäftigt für den Unterricht. 

Ein weiterer Beweis für das Besitzrecht der Kirche an der Schule ergab sich aus der Tatsache, dass die Verwaltung des Realvermögens dem Presbyterium der Kirche oblag, während der Schulvorstand lediglich die Verwaltung des repartierten Vermögens (die Umlagen) in den Händen hatte. 

 Über die Anfänge des Harpener Schulwesens ist uns ein genauer Zeitpunkt nicht überliefert. Eine Unterweisung der Dorfjugend in der Kunst des Lesens und Schreibens hat ohne Zweifel schon um 1600 stattgefunden; denn die seit 1668 vorliegenden und von Kirchenmeistern geführten Armenrechnungen weisen auf eine schreibkundige Hand und lassen darauf schließen, dass in der Führung der Rechnungen eine Tradition vorlag. Schon 1668 werden Ausgaben aus der "Armenkiste" für Schulbedürfnisse und das Gehalt des Lehrers getätigt, wobei zu bemerken ist, dass die persönlichen Ausgaben für den Lehrer sehr gering waren und wohl nur einen Teil seiner Bezüge darstellten. Hinzu kam noch der von altersher gebräuchliche Schulstüber, die Ackernahrung und seine Umgänge. Auffällig sind in den alten Rechnungen die termingemäßen Zahlungen für das "Anschreiben des Klingelbeutels." Er war recht ergiebig und brachte jährlich über 300 Taler auf. Die Vergütung für den Lehrer betrug 7 Stüber, 6 Pfennig im Jahr. Ferner erhielt er quartaliter 1 Reichstaler. In der Rechnungsführung von 1712 - 1715 (sie geschah immer für drei Jahre) wird erstmalig den Schulmeister aus der Armenkiste ein Jahresgehalt von 12 Reichstaler, 54 Stüber, 6 Pfennig gezahlt. Allem Anschein nach verfügte der Armenfond über beträchtliche Einnahmen, dazu gab es in der Gemeinde wenig Arme, so dass auch allgemeine Ausgaben aus dem Fond getätigt werden konnten.

 Erstmalig findet ein Schulmeister, zwar ohne Namensnennung Erwähnung in der Armenrechnung unter dem 23. Dez. 1670 "Item die Provisoren mit dem Schulmeister verrechnet 5 Stüber". Vermutlich wäre es der Hermann  Ludovici. Er unterzeichnet und prüft die Rechnungslegung des Robert Witthaußen "in Gegenwart der Eingesessenen von Harpen", den 14. Januarii 1676 mit Hermann Ludovici.

Nach dem Kirchenbuch ist Joh. Hermann Ludovici, genannt Keilmann am 6. Februar 1700 verstorben. Zu seiner Zeit waren Träger gleichen Namens Pfarrer der Kirche zu Harpen, namentlich Theodor Ludovici von 1637-1689 und Joh. Theodor Ludovici von 1687-1693. Beide waren zugleich Vicar und Schulmeister im Nebenamt an der Kapelle zu Werne. Nach dem Kirchenbuch ist ersterer am 31. Oktober 1689 und letzterer  am 30. Oktober 1693 verstorben, beide als Pastoren ausdrücklich bezeichnet. Am 4. Marty war ein Heinrich Ludovici ohne Berufsbezeichnung verstorben.

Die Familie Ludovici muss im 17. Jahrhundert sehr zahlreich in Harpen vertreten gewesen sein und der Kirche und Schule vorgestanden haben; denn ein weiteres Mitglied der Familie tritt uns nun eindeutig als Lehrer entgegen nach der Eintragung von "1704, d. 4. Nov. dem Schulmeister Johann Ludovici  wegen ahnschreiben der Armen: 7 Stbr., 6 Pf." Noch einmal "1706, den 3. Nov. hat Johannes empfangen wegen des Klingel-Büles: 7 Stbr., 6 Pf." Und dann wird es still um den Schulmeister Johannes. Im Kirchenbuch: "1709, den 18. July, Johannes Ludovici gestorben."

 Welcher Art die verwandschaftlichen Beziehungen der zahlreichAuftretenden Ludovicas untereinander waren, ist nicht feststellbar. Vom Johannes Ludovici sei noch erwähnt, dass er laut Eintragung im Kirchenbuch am 25. Juli 1691 mit Catharina Elisabeth Segers copuliert worden ist.

Johannes Ludovici war kein langes Leben beschieden. Er muss auch in seinem Amt schon vor seinem Tode 1709 lange Jahre krank gewesen sein; denn schon unter dem 2. November 1705  "ist Johann auß dem Berge (=Kirchenbote) zum Schulmeister nach Kirchderne gegangen: 6 Stüber.“ 

Am 25. November 1705 ein anderer Hinweis auf einen neuen Schulmeister: .... "ist ein Mann mit einem Briefe von dem neuen Schulmeister gekommen - 3 Stüber Botenlohn"

Der neue Schulmeister, Friedrich Conrad Cuncelius aus Kirchderne war am 28. November bereits in Harpen, wie folgende Eintragung aussagt: 

„den 28. Nov. 1705 ist der Schulmeister gekommen, domahlen bey mir verzehrt: 30 Stbr.“

Mit seinen Personalien werden wir erstmalig vertraut gemacht durch die Eintragung im Kirchenbuch anlässlich seiner Trauung am 23. August 1707. Sie lautet:

Friedrich Conrad Cuncelius, hiesiger gemeiner Schulmeister und Organist, Conrad Hendrich Concelius, Schulmeister und Organist zu Kirchderne, ehelicher Sohn, anderntheils Anna Margarethe Schröders weilandt Bernhardt Schröders auß Dortmund hinterlassene eheliche Tochter am 23 August (1707) copuliert."

Die Armenrechnung weist aus, dass ihm ordnungsgemäß bis 1730 das Gehalt und die Nebeneinkünfte ausgezahlt werden. Sonderliches Glück ist ihm in seiner Harpener Zeit nicht beschieden gewesen. Es wurden ihm zwar 5 Kinder geboren, davon verstarben 2 Knaben und 1 Mädchen 1710, 1718, 1730. Vielleicht haben ihn diese schweren Schicksalsschläge veranlasst, 1730  die Stelle als Schullehrer in Sprockhövel anzunehmen.

In seine Stelle wurde laut „Berufungsschein“ vom 23. Juli 1730 wurde Johann Christoph Schroeder aus Unna gewählt. Von ihm besitzen wir aus den Kirchenakten den Berufungsschein folgenden Inhalts:
Berufungsschein des Lehrers Johann Christoff Schroeder (Urschrift mit Siegel)


 In nomine Jesu, Amen!

Nachdem unser gewesener Schulmeister und Organist, solche beyden  Dienste allghie verlassen, und sich nach Sprockhövel begeben; dadurch unsere Schule und Orgel vakant worden, und biß hiehin ledig gestanden: Alß hat deren Kirchenvorstand , nicht vor guth befunden, solche Dienste länger ledig stehen zu lassen; deßwegen sie sich auf Convocation unseres Herrn Pastoris den 21. July vormittags in die Kirche begeben, und in Gottes Namen, einen neuen Schulmeister und Organisten zu beruffen; da dann geschehen , dass unter andern, alle Stimmen auff Joh. Christoff Schröder gefallen beruffen demnach hiermit, und nehmen Kraft dieses, gent. Schrödern zu unserem Schulmeistern und Organisten an, und zwar dergestalt, daß er solche beyde Dienste, sonderlich die Schule durch fleißige und treuliche Unterrichtungen der Kinder in ihrem Christenthum, catechismo, lesen und schreibende das ganze Jahr hindurch, außgenommen von Johanni Mitsommer an, biss Bartolomäi, da solang die Schularbeit anstehen soll, auffs fleißigste und treulichste, wie es einem gewissenhaften Schulmeister gebühret und wie es vor Gott, der hohen Obrigkeit, Predigern  und der gantzen Gemeine, sich zu verantworten getrauen, zu verzichten; Dagegen verspricht ihm der Kirchenvorstand jährlich und alle Jahre zu denjenigen Renthen, so dazu gewidmet, und sein Antencessor genossen, zu verhelfen.

Zu mehrerer Festhaltung dessen hoben, wir Pastor, Adeliger, Vicariy und übrige Consistoriales, diesen Beruff mit unserer eigen Hans unterschrieben.


So Geschen in der Kirchen zu Harpen Domin. VII.post Trinitat. d.23.July 1730

Caspar Ant. Hiltrop, Pastor.

H. Cramers, Vicary

Wilhelm Fröhling, Vorsteher

Hendrich Theipe, Vorsteher

Henrich Homburg.

Henrich zu Köppen Castrop als Profiser

Joh. Schmidtmann 

 (Siegel)

                              Jobst  Friedrich Christian von Ossenbruch

 (das Siegel ist in schwarzen Siegellack gedrückt

                                                                                (Quelle: Kirchenarchiv Harpen)


Nach dem oben angeführten Berufungschein hatte der Kirchenvorstand das Wahlrecht und erteilte den Lehrauftrag. Es ist damit eindeutig erwiesen, dass die Schule eine Kirchenschule war. Der Kirchenvorstand hatte nach altem Recht das Collations- und das Vokationsrecht inne. Es erfolgte lediglich die landesherrliche Festigung der Vereinbarung durch die Konfirmatio der Landesregierung. Das Konfirmationpatent liegt leider nicht in den Akten vor. Der Anstellungsvorgang war somit rechtlich gegründet, hinzu kam die feierliche Form der Verpflichtung vor dem Altar, so dass in die rechtliche Form eine starke Gewissensbindung für beide Teile einbezogen war.

Johann Christoph Schroeder war im Dezember 1699 in Unna geboren worden. Er hatte sicher schon ein Jahrzehnt Berufserfahrung hinter sich,  als er im 30. Lebensjahr nach Harpen kam.

Seine Eheschließung vollzog er laut Eintragung im Kirchenbuch  v. 18. Feb. 1731 in Harpen.

"Johann Christoph Schröder, hiesiger gemeiner Schulmeister und Organist, Henrich Schroeders nachgelassener ehelicher Sohn auß Unna, anderenteils Margarethe Elisabeth Löwenstein, Johann Adam Löwenstein, eheliche Tochter von Allendorf an der Lumbda auß dem Hessen-Darmstättischen. - den 6. Mart copuliert." 

Bereits am 9. April 1731 wird laut Kirchenbuch sein erster Sohn Johann Christopher getauft und den 24. Febr. 1738 sein zweiter Sohn Ludolph Malthasar.

Über die näheren Umstände seiner Tätigkeit und seines Lebens sind nähere Einzelheiten nicht überliefert. Er bleibt 45 Jahre am Ort als Lehrer tätig bis zu seinem Tode am 2. März 1775 im Alter von 71 Jahren. Die Eintragung im Kirchenbuch lautet:

"Johann Christoph Schroeder, 45 Jahre hieselbst gewesener Schulmeister und Organist, ist den 2. März 1775 an einer auszehrenden Krankheit gestorben und den 4. März begraben, seines Alters 71 Jahre und 4 Monath."                    

                                 (Quelle: s. oben)


Der nachfolgende Schullehrer war Johann Henrich Cleff. Urkunden über seine Anstellung liegen nicht vor, nur die sichere Nachricht aus dem Kirchenbuch:

"Der Schulmeister und Organist hiesiger Gemeinde, Johann Henrich Cleff ist mit seiner Braut, Anna Katharina Bergmann von Stockum, Kirchspiel Lütgendortmund, den 17. Juli 1777 in der Kirche copuliert worden." 

Unmittelbar nach dem Tode Schroeders hatte Johann Henrich Cleff seinen Dienst in Harpen 1775 mit 22 Jahren angetreten. Eine lange Zeit des Lebens und Wirkens war ihm nicht vorbestimmt; den bereits 1786 wird  er durch den Tod abberufen. Die nachfolgende Eintragung im Kirchenbuch  vermerkt, dass er sein Amt treu verwaltet hat. Sie lautet:

"Der Schulmeister und Organist Johann Henrich Cleff ist den 10. Sept. 1786 an der Zehrung gestorben, den 13. Sept. begraben, nachdem er sein Amt ohngefehr 11 Jahre allhie treu verwaltet und sein Alter gebracht hat zu 33 Jahren 4 ½ Monate."      

(Quelle: s. oben)


Es folgt nun ein starker Lehrerwechsel. Die Gründe sind nicht immer klar ersichtlich. Der ab 1786 nachfolgende Lehrer Johann Heinrich Kirchhof, war vorher ein Jahr Lehrer an einer kleinen Nebenschule in Steinkuhl. Er hatte in der Gemeinde einen schweren Stand und soll nach der Chronik des Pfarrers Rosenbaum gelegentlich tätlich angegriffen worden sein. Er muss die Stelle verlassen haben um 1800 und ist später Lehrer in Villigst gewesen.

Nach Angaben von Rosenbaum und laut vorliegenden Rechnungen der Armenkasse verwaltete die Stelle ab 1800 ein ehemaliger Fahrsteiger Beiendorf von der Zeche Vollmond. Er ist (auch) Organist und Schullehrer. Die (gefundenen) Auszahlungen erfolgen an ihn nach den vorliegenden Rechnungsakten von 1800-1805. Es erscheint nicht ausgeschlossen, dass besagter Fahrsteiger ursprünglich Schullehrer war, der gelegentlich einmal den Beruf wechselte. War doch um 1780 ein Schichtmeister der zeche Vollmond zeitweise Lehrer an der Schule in Laer. Über die Gründe des  Abganges und der  kurzen Amtszeit liegen kein Nachrichten vor.  

Nachfolger Beiendorfs wird 1805 der Lehrer Casper Heinrich Hegenberg. Über seine Herkunft und Ausbildung liegen nach der Conduitenliste vom Subdelegaten  und Prediger Natorp in Bochum folgende Angaben vor:

Er war geboren um 1768 in Annen, ehemals Kirchspiel Lütgendortmund, zum Schullehrer vorgebildet in Witten und geprüft vom Subdelegaten Dahlkamp in Hagen. Vor seiner Tätigkeit in Harpen war er bereits 10 Jahre als Lehrer gewesen in Kirchhörde. Hagenberg war noch ein Lehrer mit der alten zunftmäßigen Ausbildung. Ein Seminar Bestrand im westfälischen Bereich vor 1790 noch nicht. Sein Unterricht muss der damals üblichen alten Lehrmethode entsprochen haben; denn nach späteren Berichten, lag das Schulwesen sehr im Argen.  In seiner Amtszeit wurde 1819 die Küsterstelle mit der Lehrerstelle verbunden, wodurch die Einkünfte bedeutend angestiegen waren. Anlass gab der Tod des derzeitigen Küsters.  (An entsprechender Stelle werden über die Vereinigung beider Stellen besondere Mitteilungen gemacht)

Hegenberg verblieb in seinem Amt bis 1831. Als sein Sohn Caspar Heinrich, das Lehrerseminar zu Soest absolviert hatte, wurde er 1831 in die Stelle des Vaters eingewiesen. Dem Vater war noch ein ruhiger Lebensabend unter der Obhut seines Sohnes beschieden. Er starb im Alter von 78 Jahren und zehn Monaten am 16. Juli 1846

Caspar Heinrich Hegenberg jun. war der erste seminaristisch vorgebildete Lehrer an der Harpener Schule. Die alten, mehr patriarchalischen Verhältnisse im Schulwesen erfuhren nun nach und nach einer Umwandlung durch die immer stärker in Erscheinung tretende staatliche Schulaufsicht. 

 Bei der Aushebung von Rekruten hat er das General-Kommando festgestellt, dass eine beträchtliche Zahl (der angehenden Soldaten) ohne jeden Unterricht geblieben war. Der Landrat Graf von der Recke Vollmerstein wandte sich dieserhalb in nachstehendem Schreiben vom 6. Juli 1835 an den Bürgermeister von Bochum: 

"Nach einem von dem Königlichen General-Commando der Königlichen Regierung mitgetheilten Nachweise sind von dem im Jahre 1834 ausgehoben und Rekruten des hiesigen Regierungsbezirk 47 und aus hiesigem  Kreise 9 ohne allen Schulunterricht befunden worden, und unter diesen befindet sich der Heinrich Vieting zu Wiemelhausen aus ihrer Bürgermeisterei. 

Es ist auffallend und betrübend, dass wieder der größte Teil verhältnismäßig aus hiesigem Kreise ist und es wirklich dadurch bestätigt, was die Königliche Regierung schon im vorigen Jahr gerügt hat, dass auf den Besuch der Schulen bisher nicht mit gehöriger Kraft gehalten worden ist, da der Zustand der Schulen nicht die Ursache ist." (Kirchenarchiv Harpen,  Akte Schulversäumnisse)

Mit größter Strenge wurden die Schulvorstände aufgefordert, die Schulversäumnislisten einzusehen und vierteljährlich einzureichen. 

Es änderte sich trotzdem vorerst nicht viel an den bisherigen Schulverhältnissen. Der neue Lehrer war anfänglich auch nicht in der Lage, den Schulschlendrian zu ändern. 

Die Verwaltung der Schule regelt es sich nach der Dienstinstruktion für Ortsschulvorstände vom 6. November 1829.

Unmittelbare Aufsichtsbehörde war der Schulvorstand, übergeordnet der Amtmann, Landrat und Regierungspräsident. Für die inneren Schulangelegenheiten waren der Ortsschulinspektor, der Kreisschulinspektor und zuletzt der Regierungspräsident maßgebend. 

Caspar Heinrich Hegenberg erreichte nicht das hohe Alter seines Vaters. Er verwaltete die Stelle von 1831-1855. Am 10. März 1855 ist er mit (nur) 51 Jahren gestorben. Die Schulstelle hatte er bis Ende 1838 allein verwaltet. Der seit Januar 1839 angestellte 2. Lehrer Hiddemann folgte ihm nach seinem Tode als 1. Lehrer, Küster und Organist. Die nun freigewordene 2. Lehrerstelle wurde von dem Seminaraspiranten, Julius Hegenberg den III, Sohn des verstorbenen Lehrers verwaltet. 

 Eine steigende Entwicklung nahm das Schulwesen hinsichtlich der inneren und äußeren Verhältnisse in der Dienstzeit des Lehrers Friedrich Hiddemann. In seiner Zeit verschwanden die letzten Reste des überlieferten archaischen  Schulwesen. Dieses beweist schon die Tatsache, dass er mit einem gewissen Abstand diese überlieferten Verhältnisse in seiner Schulchronik dargestellt hat. Seine Zeit sollen nun anschließend skizzenhaft dargestellt werden. 

 Die Zahl der schulpflichtigen Kinder war um 1835 auf 200 angestiegen. Obwohl wegen des mangelhaften Schulbesuches niemals alle Schüler anwesend waren, wurde die Einrichtung einer 2. Klasse bzw. Anstellung eines 2. Lehrers, 1838 in Erwägung gezogen. Im Auftrage des Schulvorstandes bemühte sich der Schulinspektor Volkhardt um einen tüchtigen Seminar-Absolventen beim Direktor Ehrlich in Soest. Dieser brachte in seinem Schreiben vom 12.8.1838 folgenden Kandidaten in Vorschlag: 

"Friedrich Hiddemann, 19 Jahre alt, Sohn eines Landmanns in Opherdicke, ein kräftiger, lieber junger Mann, ist vor einigen Tagen mit dem Zeugnis No. 1 vom Seminar abgegangen. Wenn ich selbst eine Lehrerstelle zu vergeben hätte, so würde ich sie ihm übertragen." 

(Akte, Lehrerpersonalien - Kirchenarchiv Harpen). 

Hiddemann wurde aufgrund dieser guten Empfehlung einstimmig für die neue errichtete 2. Stelle gewählt und trat am 2. Januar 1839 seinen Dienst in Harpen an. Sein Gehalt betrug 120 Taler im Jahr und freie Wohnung. Das Gehalt sollte aber bereits 1843 auf Anordnung der Regierung Arnsberg "bei der bekannten Wohlhabenheit der Gemeinde" auf 150 Taler erhöht werden. Die Weigerung des Schulvorstandes erwirkte, dass die Gehaltserhöhung erst 1848 durchgeführt wurde. Durch seine Tüchtigkeit und guten Erfolge hatte sich Hiddemann bald das Vertrauen der Gemeinde und Schulaufsicht erworben, so dass er nach dem frühen Tod des bisherigen 1. Lehrers Caspar Heinrich Hegenberg II1855 für die 1. Lehrer- und Organistenstelle gewählt wurde. Die Gesamteinkünfte aus dieser Stelle betrugen 209 Taler, 14 Silbergr., 7 Pfennige. 

 Mit dem Dienstantritt Hiddemann beauftragte die Regierung den Schulinspektor Volkhardt mit der strafferen Organisation der Harpener Schule. Ein Stundenplan von 8-11 Uhr und von 13-16 Uhr nachmittags, mit Sonderplan für die Hirtenkinder, wurde vorgeschrieben. 

 Die Schule hatte nun 2 Klassen, eine Unterstufe und eine Oberstufe. In der Unterstufe (2.  Klasse) sollte nach dem Plan Volkhardts folgendes Lehrziel erreicht werden: 

1. Im Lesen:         Die Kinder müssen die im Lesebuche vorkommenden Gegenstände geläufig und mit richtiger 
                                Betonung lesen können. 

2. Im Schreiben: der deutsche Birkmanische Cursus muss soweit geübt sein, dass die Kinder kurze Sätze deutlich und 
                                reinlich auf die Schiefertafel und die besseren unter ihnen in der Schreibbuch schreiben können. 

3. Im Rechnen:

     a. im Kopfrechnen: Die Kinder müssen die 4 Specis in den ganzen Zahlen behandeln können, auch mit leichten 
                                           Brüchen umzugehen wissen. 

     b. Tafelrechnen:       Leichte Exempel in der 4 Specis in ganzen Zahlen, besonders Bekanntschaft mit dem 
                                           Zehnersystem zum richtigen Ansatz. 

4. Im Gesang:      Kenntnis der Tonleiter in Dur, in leichter Lieder für das kindliche Alter und einiger leichter Choräle. 

5. In Religion:     Durch Unterhaltung mit den Kindern werden denselben die wichtigsten Lehren von Gott, unserem 
                                 Schöpfer, Erhalter und Regiererer, seinen erhabenen Eigenschaften und die Pflichten der Menschen                 
                                 gegen Gott, ihren Mitmenschen und sich selbst nach einem bestimmten Plan mitgetheilt.


In der Oberstufe (I. Klasse) wurden bzgl. der Lehrziele folgende Anforderungen gestellt:

1. Religion:           Bekanntschaft mit den Geschichten des alten und neuen Testaments im allgemeinen und das im                 
                                  letzten Jahr vorgenommene Theils genau. Kenntnis des Hauptinhalts der Bücher des alten und neuen 
                                 Testaments.

2. Deutsche Sprache: Kenntnis der Redetheile, Abwandlung der abwandlungsfähigen, Gebrauch der Verhältnis- und 
                                Bindewörter. Anfertigung eines vorher erklärten Aufsatzes für das bürgerliche Leben mit Interpunktion.

3.  Rechnen, 

     a) Kopfrechnen:  Regel de tri in leichten Brüchen. 

     b) Tafelrechnen:   Regel de tri in leichten Brüchen,

     Zins-, Rabatt- und Gesellschaftsrechnungen

4. Schreiben: Die 2. Abteilung des deutschen Cursus schön und geläufig; die 2. Abteilung auch den  lateinischen Cursus

5. Lesen: Geläufigkeit und Ausdruck

6. Gesang: Noten- und Taktkenntnisse. Ohngefähr 20 Choräle müssen einstimmig gesungen werdkönnen.

 Der Stundenplan der Oberstufe sah folgende Wochenstunden vor: 7 ½  Std. Religion, 6 ½ Std. Rechnen, 12 ½  Std. Deutsch und Schönschreiben, 2 Std. Gesang und ½  Std. Realien, insgesamt 29 Unterrichtsstunden. Die Unterstufe hatte insgesamt 21 Wochenstunden, davon für Religion 3, Lesen, Schreiben und Sprechübungen 17, Rechnen 3 ½ und Gesang 1 Stunde. 

Der Lehrplan war den elementaren Anforderungen angepasst. Für die Realien war im Sommersemester eine ½ Wochenstunde und im Wintersemester 1 Wochenstunde vorgesehen. Zu diesem Fach ist im Stundenplan angegeben: 

"Jährlich abwechselnd das Wichtigste aus der Geschichte des Vaterlandes, der Geographie, Naturlehre und Naturgeschichte." 

Zu diesem Lehrplan und der allgemeinen Schulordnung gab die Regierung Arnsberg laut Verfügung vom 3. Januar 1839 folgende Richtlinien: 

"ad 1. dass der Übergang aus der Unterklasse in die obere lediglich durch die erlangten 

 Kenntnisse und der Fertigkeiten, in keinem Fall durch das Alter bedingt ist. Das Maaß 

 derselben ist von Ihnen bei den verschiedenen Unterrichts-Gegenständen in dem zu 

 entwerfenden Lectionsplan zu bestimmen. 

ad 2 u. 3. ist lediglich unsere Verordnung von 25. Februar, Amtsblatt de 1.825 No. 181, maßgebend, nach welcher das Viehhüten durch schulpflichtige Kinder keinen Vorwand zur gänzlichen Schulversäumnis abgegeben und nur nachgegeben werden soll, dass in kleinen Städten und auf dem Lande in den Sommermonaten für die größeren Kinder zu der ihnen bequemsten Tageszeit die nöthigsten Lehrstunden gegeben werden, oder sie wenigstens die Hälfte der wöchentlichen Lehrstunden unausgesetzt benutzen.

 Hiernach sind nicht 4, sondern 12 bis 14 Stunden wöchentlich für die betreffenden Kinder, und zwar in der Oberklasse zu bestimmen. 

ad 4. (bezieht sich auf die Führung der Versäumnislisten und Bestrafung der säumigen Eltern und Dienstherren)

ad 5. genehmigen wir, dass nur in der ersten Woche des Mays und in der Woche nach den Ferien in der Kartoffelerndte die Aufnahme neuer Schüler, sowie auch die Versetzung aus der unteren in die obere Klasse stattfindet, und ist auf die Befolgung dieser Vorschrift mit aller Strenge zu halten. 

ad 5. wegen der Ferien wird von uns eine allgemeine Verfügung erlassen werden, bis dahin dass diese erscheint, ist die bestehende Ordnung, nach welcher 14 Tage in der Kornerndte und 14 

 Tage in der Kartoffelerndte Ferien stattfinden, zu befolgen" 

                                       (Kirchenarchiv Harpen, Akte Schulversäumnisse und Hirtenschule)


Zu der allgemeinen Ferienordnung wurde später noch verfügt, dass bei ausfallendem Unterricht an Konferenztagen diese Tage bei den Ferien in Abzug gebracht werden mussten. 

Über den Schulbetrieb im Allgemeinen gibt uns der Lehrer Hiddemann in seiner Schulchronik aus der Zeit nach dem Befreiungskriegen ein sehr anschauliches Bild:

"Nach Mitteilung älterer Leute wurde bis zu den ersten Decenium dieses Jahrhunderts der Schulunterricht jährlich zu Maitag oder noch früher, wenn warmer Sonnenschein war und das Vieh ausgetrieben werden konnte, vertagt und zu St. Martin, auch etwas früher oder später, je nachdem die winterliche Zeit, sich früher oder später einstellte und das Vieh aufgestellt werden musste, wieder eröffnet."

Aus diesen Umständen ist ersichtlich, wie schwach die staatliche Exekutive damals war, obwohl seit 1762 die Schulpflicht aufgrund des Generallandschul-Reglements bestand. Wirksamer waren die Vereinbarung der örtlichen Schulgemeinden. Es wurde zum Beispiel die Schulpflicht zu der Zeit schon strenger gehandhabt in den Städten. Hiddemann berichtete ferner, dass nach 1820 auch im Sommer "Schule gehalten" wurde mit Unterbrechung in der Erntezeit.

Es war eine Seltenheit, wenn ein Kind die Schule regelmäßig besuchte, so "hie und da ein Bauernkind" oder ein sehr begabter Knabe, der auf Drängen der Eltern und wohl des Lehrers für einen besonderen Beruf vorbereitet wurde. Hiddemann führt das Beispiel eines Sohnes einfacher Eltern an, des Wilhelm Cremer von der Gerther Landwehr, der später Lehrer in Unna war. Einer der Söhne dieses Schulmannes war nach Angaben Hiddemann Professor an der Universität Greifswald und der andere Kreisschuleinspektor zu Moers und Duisburg. Hiddemann erwähnt noch, dass es das Verdienst des damaligen Pastors Flocke war, der selber früher Elementarlehrer war, diesen begabten Knaben Wilhelm Cremer unterrichtet und gefördert zu haben.

Bezüglich des Schulbesuch wurde ein Unterschied gemacht zwischen den Kindern, die zur Arbeit einem Bauern vermietet waren, (den sogenannten Hirtenkindern) und denen, die in der glücklichen Lage waren, nicht zur gewerbsmäßige Kinderarbeit herangezogen zu werden. Die ersteren besuchten selbst im Winter sechs Wochen den halben und sechs Wochen den ganzen Tag (ist Vor-und Nachmittage) die Schule.

1839, bei Dienstantritt des Lehrers Hiddemann, hatte der Schulinspektor Volkhardt, Rektor der evangelischen Lateinschule in Bochum, laut Stundenplan bestimmt, dass an allen Tagen der Woche, außer Samstagnachmittag, 3 Stunden am Vormittag und 3 Stunden am Nachmittag Unterricht erteilt wurde. 

"Im Sommer vom Maitag bis St. Martini, sollten die Hirtenkinder nur verpflichtet sein, an 2 Wochentagen des Mittags von 12 bis 2 Uhr die Schule zu besuchen. Später wurde das auf dreimal unendlich auf viermal 2 Stunden des vormittags festgesetzt und endlich auf 3 Stunden des vormittags. Der Mittwochnachmittag wurde im Jahre 1840 durch eine Regierungsverfügung frei und einige Jahre später wurden die Stundenpläne auf nur 26 Wochenstunden festgesetzt."

 Die Bildungsmöglichkeiten der so genannten Hirtenkinder waren denkbar schlecht und führte dazu, dass ein hoher Prozentsatz der Hausväter in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht in der Lage war, die Namensunterschrift zu leisten. Nach den Steuerlisten und Einladungslisten zu Abstimmungsversammlungen, wie sie vielfach den Schulakten beiliegen, waren es 25 % der Hausväter.

Nach einem Schulbesuch in der Gemeinde Harpen am 30. Oktober 1852 durch den Regierungs- und Schulrat Buschmann und den zuständigen Schulinspektor Volkhardt wurde folgender Bericht über die Zustände der Gemeinde gegeben:

"..... in diesem Dorf besteht die alte klägliche Sitte, dass allen Eltern, auch den wohlhabendsten Bauern, erlaubt wurde, ihre Kinder von früh an, ja selbst in einzelnen Fällen schon im Alter von 6, 7 und 8 Jahren, zur Hütung des Viehes zu verwenden. Wobei ihnen dann nur obliegt, diese Hirtenkinder vom 1. Mai bis zum 1. November dreimal wöchentlich zu einem zweistündigen Schulunterricht von 12 bis 2 Uhr mittags zu senden."

Die Kinder hatten nach dem Bericht bis zu ⅔ des Unterrichts versäumt. Die Regierung fordert auf diesen Bericht, der den Schulvorstand in Abschrift zugeleitet worden war, restliche Abhilfe und fügte zum Abschluss noch einige Worte der Ermunterung folgenden Inhalts hinzu:

"Wenn so von allen Seiten ernstlich Hand an das Werk gelegt wird, erwarten wir, dass bei der Lehrgabe und Gemütlichkeit (wohl zu verstehen nach heutigem Sinngehalt als Gemüthaftigkeit) des Lehrers Hegenberg und der Tüchtigkeit des Lehrers Hiddemann bald eine Besserung des Zustandes der Schule bewirkt werden wird." 

(Stadt-Archiv Bochum. Akte Harpen - No 2 4/100)


Bevor eine sichtbare Veränderung der bestehenden Verhältnisse, die durch Jahrhunderte zum Bestand der wirtschaftlichen und sozialen Struktur geworden waren, herbeigeführt wurde, vergingen sicher noch einige Jahrzehnte. Die dargestellten Schulverhältnis sind ein Beweis dafür, wie sehr der Erfolg der Schule von den sozialen Umständen abhängig ist, und mit welchem Recht die Schule als ein Politikum bezeichnet werden kann (der Lehrstoff vielleicht weniger), insofern war sie kosmisch ganzheitlich in den Jahreslauf eingebettet. 

Vom Standpunkt unseres heutigen Schulwesens, streng geordnet nach den Erfordernissen des Lehrstoffes und eine abstrakten, technisierten Zweckwelt, erscheint uns die Einordnung der alten Schule wenig verständlich. 

Wenn wir die nachfolgende Darstellung des Lehrer Hiddemann unvoreingenommen auf uns wirken lassen, so können wir uns des Eindrucks nicht erwehren, dass auch in jener alten Ordnung erzieherische Werte von hoher Potenz wirksam waren. Bemerkenswert an der Darstellung des Lehrers Hiddemann, die er in seinem hohen Alter aus einer gleichsam archaiischen Erinnerung gegeben hat, ist die liebevolle Wiedergabe der Einzelheiten, die uns heute so freundlich, wenn nicht grotesk erscheinen. 

"Wenn im Herbst zu Martini der erste Schnee fiel, so fing der Schulbesuch an, etwas besser zu werden; denn die Zahl der Anwesenden überschritt den ganzen Tag hindurch die Hälfte der Sollzahl und stieg dieselbe wöchentlich, so dass zu Weihnachten etwa ⅔ der Sollzahl anwesend war, was aber nicht konstant blieb; denn wenn Tauwetter eintrat und Felder und Wiesen bloß wurden, musste während der Schulzeit das Grün (losgethaute Rüben pp.) von den Kindern geholt werden. Auch wurden die Kinder durch Hülfe beim Dreschen und Kornreinigen oder andere Arbeiten im Winter vom Schulbesuch abgehalten. 

 Blickte aber der Frühling ins Land, etwa Ende Februar oder Anfang März, so sank bald die Anzahl der Anwesenden auf 5/12 der Sollzahlen und am Maitag war das Verhältnis schon auf 4/12  herabgesunken. Nun trat die Hirtenzeit ein. In den Hirtenstunden stieg dann die Zahl der Anwesenden wieder, weil dann die Nachmittagsschule um 12 Uhr anfing. Kam Jacobi, so war die Zahl etwa 4/12 in den Hirtenstunden und 2/12 in den Nichthirtenstunden. 

 Um die Zeit der Roggenernte waren 3 Wochen Ferien. Beim Beginn der Schule nach den Ferien kam es oft vor, dass ich in den ersten Tagen gar keine oder nur einige Schüler einfanden. Schreiber dieser Chronik (Hiddemann) ist schon umhergegangen und hat den Eltern gute Worte gegeben, ihre Kinder in die Schule zu schicken, damit er Arbeit im Unterrichten habe. Viele Eltern waren der Meinung, ihre Kinder brauchten sie erst nach dem 16. August, der Harpener Kirmes, einem hohen Festtag für Harpen, wieder in die Schule zu schicken, wenn auch die Ferien schon Anfang August aufhörten. 

Über einige Wochen im September, waren dann wieder 14 Tage oder 3 Wochen Ferien und es ging wie vorhin. Erst beim ersten Schnee wurde, wie schon gesagt, der Schulbesuch etwas besser. 

Die Zahl der Hirten, war groß. Jeder, der eine Kuh oder Ziege hatte, wollte zum Schulversäumnis für 1 Hirten und jeder Landwirt und Kötter für einen Schweinehirten und Kuhhirten berechtigt sein. Dieses Recht für die Hirten in Betreff des Schulbesuchs wollte man auch für die Kindermädchen und Hausverwahrer beanspruchen. 

Bis zum Anfang der 1870er Jahre dauerte dieser Zustand zum größten Theil und verschwand nach und nach, bis er endlich ganz erloschen ist." 

                                                                                                         (Kirchenarchiv-Schulchronik)


Die von Hiddemann überlieferten archaichischen Zustände sind ein Beweis dafür, dass trotz des bestehenden staatlichen Zentralismus das überlieferte Eigenleben einer dörflichen Schule tief in der Überlieferung verwurzelt war. 

1887 trat Hiddemann mit 68 Jahren in den Ruhestand.


II. Vermögen und Unterhaltung der Schule

Das Vermögen der Schulen bestand aus dem Schulgebäude, Grundstücken, Renten und Erbpachten, sowie aus einigen aktiven Kapitalien. 

Im alten Wohnhaus des Lehrers (vor 1838) befand sich das Schulzimmer, etwa 15 Fuß lang und 15 Fuß breit. 

"In Kreuzform war ein Gang zwischen den Schülersitzen, die in jeder der 4 Ecken amphitheatertralische angebracht waren."

Es ist zu verstehen, dass nur ein Bruchteil der schulpflichtigen Kinder sporadisch die Schule besuchte. Anlässlich einer Revision des Schulinspektor Volkhardt, Bochum, im Jahre 1833 sind in einem inzwischen erweiterten Raum von 480 Fuß 200 Schulkinder vorhanden. 

Die kleinen Kinder standen im Mittelgang, der Lehrer musste von einem Pult (Tisch) zum anderen springen, wenn er zur Tafel wollte. 

Er veranlasste dann die Kirchengemeinde, ein neues Schulgebäude auf dem Kirchhofe, an der Stelle des alten Küsterhauses zu bauen, dass dann 1838 errichtet wurde. 

 Als Schulgrundstücke wurden 4 Parzellen bezeichnet, die sich unmittelbar an der Schulgebäude und Lehrerhaus anschlossen und zum Teil als Schulhof und Baumhof benutzt wurden. Als 5. Parzelle diente ein Garten im Bockholt, in der Delle genannt, 652 m² groß. Die 6. Parzelle, Ackerland in der Heide, umfasste 4.589 m², fast zwei Morgen. Nach dem Hebezettel des 1. Lehrers hatte die Schule folgende Prästationen zu erheben:

1.  An Korn von

     a) Hodde 33/16 Scheffel Roggen 33/16 Scheffel Gerste

     b) Nierhoff 39/40 Scheffel Roggen 39/40 Scheffel Gerste

     c) Dieckmann 17/20 Scheffel Roggen 17/20 Scheffel Gerste

     d) Röhren 17/40 Scheffel Roggen 17/40 Scheffel Gerste 

2. An Roggengarben von:

 Nierhoff, Oberhoff, Lütgendorf, Becker, Oberhöffken, Fröhling, Dettmer, Stratmann, Fleitmann, Schulte, Hodde, Börnke, Homborg, Schulte Heinrich, Schulte Hermann, Cöppencastrop, Diedrichs, Jürgens, Surig, Schuth, Dieckmann, Mausbeck, Fleige 
- je eine Stiege (= 460 Garben) 

3. An Geldrenten und Zinsen

     a) von der Bauernschaft Gerthe aus Düwels Kotten   1 Thaler. 15 Sgr.

     b) von den beiden Berghofer Schulten durch Dörmann 14 Sgr. 

     c) vom Weberschen Ablösekapital ad 46 Thaler

          aus der Kirchenkasse   1 Thaler   3 Sgr.

     d) von einem Kapital ad 91 Thaler 27 Sgr.

        aus der Armenkasse   3 Thaler   6 Sgr.

     e) von einem Kapital bei Röhken ad 30 Gemein-Geld 23 Sgr.


Es sei hier ausdrücklich bemerkt, dass die vorstehend aufgeführten Grundstücke, Schulgebäude und Prästationen zum so genannten Grundvermögen der Schule gehörten. 

An Gehalt hatte der Lehrer bis 1819 die Einkünfte aus dem Schulvermögen, die angeführte Prästationen an Korn- und Roggengarben, die Geldrenten, dazu freie Wohnung und Garten- und Ackernutzung. Ferner hatte er einen Eierumgang im Jahr, dazu 24 halbe Schweinsköpfe und von jedem Kind wöchentlich 1 Stüber Schulgeld, wenn es die Schule besuchte. Als Organist bekam er aus der Kirchen- sowie Armenkasse zusammen 22 Thaler Gemein-Geld. Das gesamte Einkommen des Lehrers war auf 80 Thaler veranschlagt. 

Unter dem Pfarrer Flocke wurde 1819 die Küsterei mit der 1. Lehrerstelle vereinigt, um die Schulstelle finanziell zu heben. Das Patronatsrecht der Küsterstelle hatte der Landwirt Kost durch Ankauf des Restgutes Wiesche mit erworben. Er verkaufte dieses Recht an die Kirchengemeinde für 25 Thaler. Dazu wurde Kost für die Zukunft von allen Verpflichtungen (an den Küster jährlich 2 halbe Schweinköpfe und 1 Brot, und an den Lehrer 1 halben Schweinskopf) entbunden. Die Vereinigung der beiden Stellen konnte nach Aussage des Pfarrers bald stattfinden, "da unser Küster wegen seines Alters bereits mit beiden Füßen im Grabe steht." Er ist dann auch bald gestorben. Die an Kost zu zahlenden 25 Taler sollten aus dem Abbruch des Küsterhauses erstanden werden mit der Begründung: "unser Küsterhaus gehört in die Kategorie der elendesten Bettelhütten von der Welt!"

Zu den Küstereinkünften gehörten:

 1.  Wohnhaus mit Hofraum -   14 Ruten

      - Gartenland                         -   25 Ruten

      - ein Stück Ackerland        - 312 Ruten 

 Wert der Nutzung:                                       16 Thaler

  2.  23 ½ Scheffel Roggen

              2 ½  Scheffel Gerste Wert:              37 Thaler, 20 Sgr.

 3.   ein Fleischumgang mit 

            24 halben Schweinsköpfen Wert:     3 Thaler, 12 Sgr.

 4.   ein Eierumgang zu 500 Stk. Wert:         1 Thaler, 16 Sgr.

 5.   17 Brote Wert:                                             4 Thaler

 6.   an Accidentien Wert:                                3 Thaler

                                           insgesamt:               66 Reichsthaler

Die Vereinigung der beiden Stellen wurde durch Regierungsverfügung vom 15. Juni 1821 endgültig genehmigt.

Das Einkommen aus der 1. Lehrerstelle war durch die Vereinigung erheblich gestiegen. Es wurde zwar amtlich auf 180 Thaler im Jahr geschätzt, doch hing die Höhe der Natureinkünfte von der Gunst des Wetters und der Prästanten ab. Der Lehrer lag in seinen Einkünften einer naturbedingten gleitenden Lohnskala. Dazu konnte sein Verhalten gegenüber den Bauern die Einkünfte vermehren oder verringern. Diese leidigen Prästationen wurden bis zu Jahrhunderthälfte nach und nach abgelöst. Das Gehalt aus der 1.  Lehrer- und Küsterstelle stieg nur langsam und betrug 1871 circa 300 Thaler. Der Lehrer Hiddemann schreibt in seiner Chronik: "die Gehaltsverhältnisse waren aber zur Zeit des Jahres 1871 von beiden Stellen (1. und 2. Lehrerstelle) nicht derart, dass sie zum reichlichen Unterhalt eine Lehrerfamilie hinreichend waren."  Über die Herkunft der Natureinkünfte vermerkt jeder immer noch zutreffend:

"Die Prästationen waren wohl bei der Gründung der Lehrerstelle in Ermangelung von baarem Gelde entstanden und sind dieselben wohl nicht als Vermächtnisse anzusehen." 

Die Kosten für die Heizung wurden dadurch aufgebracht, dass jedes Kind dem Lehrer jährlich 7 ½  Stüber (gleich 1 Schilling oder 30 Pf.) mitbringen musste. Im Jahre 1839 wurde die Schulkasse eingerichtet beziehungsweise der Schulstüber von jedem Hausvater durch den Steuerempfänger erhoben. Anstatt des Schulgeldes erhielt der 1. Lehrer nun jährlich 40 Thaler aus der Schulkasse. 


Ferner wurde das Kohlengeld je Kind abgeschafft und dem Lehrer jährlich mit 11 Thalern, dann 15 Thaler bis 30 Thaler 1855 vergütet. Das Reinigen der Schule wurde von bestimmten Kindern besorgt, "wozu die Besen aus der Nachbarschaft geliehen wurden." Erst 1860 wurde dem Lehrer die Reinigung für 15 Thaler Entschädigung übertragen. 

Das Aufbringen der Schulbedürfnisse geschah ab 1839 durch Umlage auf die zahlungspflichtigen Gemeindemitglieder nach 8 später 12 Klassen. Die Einstufung lag je nach Vermögen zwischen ¼  bis 6 Thaler jährlich. Es verteilten sich die Lasten auf die tragfähige Gemeindemitglieder. Das Schulgeld traf die kinderreichen Familien sehr empfindlich. Nach der Schulchronik wurde aber bereits 1841 auf Beschluss des Landtages wieder die Schulgelderhebung eingeführt und blieb bis zum Rechnungsjahr 1882/83 bestehen. Hiddemann schreibt mit Recht: "Die Aufhebung des Schulgeldes für jedes Schulkind ist eine wesentliche Erleichterung für die gering bemittelten Steuerzahler." 

Was die Rechtsform der Schule betrifft, so ist zu bemerken, dass sie den Charakter der reinen Kirchenschule bereits 1839 nicht mehr besaß. Sie war bis 1879 auch keine Gemeindeschule, sondern innerhalb des gemeindlichen Lebens eine "Schulsozietät" nach der genossenschaftlichen rechtlichen Form der Selbstverwaltung. Erst mit der Übernahme der Schulbedürfnisse auf den Kommunaletat 1879 wurde die alte Kirchspielschule eine Gemeindeschule. 

Dieser Beschluss wurde auf Veranlassung des Landrates Dolffs im Gemeinderat gefasst und dem Schulvorstand unterbreitet. Der lehnte dieses Anerbieten ab mit der Begründung, der evangelische Charakter der Schule müsse bestehen bleiben. Die Regierung Arnsberg verfügte unter den 19. Februar 1879, die Kommunalisierung der Schule und bemerkte zu den Bedenken: "Im übrigen kann der Protest der Schulvertretung keine Berücksichtigung finden, da der confessionelle Charakter der Schulgemeinde durch diese veränderte Einrichtung nicht tangiert wird und der politischen Gemeinde des autonomische Recht, die Deckung des Schuldefizits der Schulsocietät abzunehmen, und diesselbe auf den Communaletat zu übernehmen, nicht abgesprochen werden kann."


Sammeln der Umgänge:

Für einige Schulknaben war aber einmal im Jahr ein festlicher Tag, das war der Gründonnerstag! Später (war es) der Mittwoch vor Ostern, an welchem Tage dieselben für den ersten Lehrer die zu seinem Gehalte als Küster gehörenden Eier und halben Schweinsköpfe zusammenholten, und dürfte der Beschreibung dieses Festes seiner Originalität wegen hier ein Platz gegönnt sein. (gemeint ist hier der Platz in der Schulchronik)


Am Dienstagnachmittag bestimmte der Lehrer mindestens 12 starke Schulknaben zu diesem Umzug, auch wohl einige mehr. Da gab es dann wohl traurige Gesichter bei denen, welche nicht zu diesen Auserwählten gehörten.

Am anderen Morgen kamen dann diese Burschen schon in aller Frühe, manche schon um 4 Uhr zum Lehrer und trieben ihn aus dem Bette. Sie kamen festlich angezogen, geschmückt mit einem mit Goldblumen verzierten Buchsbaumstrauch an der Mütze, einem kräftigen Eichenstock in der Faust, so kräftig, wie ihn die braven, redlichen Märker, die in das Heerlager des großen Königs als Freiwillige wanderten, nicht haben konnten, denn es galt der Schwere des halben Schweinskopfes zu widerstehen.

Nachdem nun der Lehrer fertig war und alle Knaben versammelt waren, geschah die Verlosung der Arbeit, nämlich, wer Eier oder wer halbe Schweinsköpfe tragen musste.

Eiertragen wurde als niedriger Dienst angesehen, das halbe Schweinskopftragen war ein Ehrendienst, worauf sich nicht wenig eingebildet wurde. Da wurde dann um die Dienste gehandelt und manches Eierlos wurde oft gegen schweres Geld mit dem Schweinskopflos vertauscht. Schreiber dieser Chronik traf aber schon im zweiten Jahr seines Umgangs (im Jahr 1840) die Einrichtung, dass jeder von beiden Arbeiten zu verrichten bekam durch Wechsel am Vor- und Nachmittage und wurde dieser durch das Los bestimmt.

War man nun mit dem Abmarsch gegen 5 ½ Uhr fertig, so wurde im Haus des Lehrers erst Andacht gehalten. Es wurde ein Choral gesungen und der Lehrer sprach das Morgengebet. 

Darauf ging nun der Lehrer mit seinem Zuge zuerst zum Landwirt Lütgendorp, der verpflichtet war, einen halben Schweinskopf und 20 Eier zu geben. Sobald die Knaben nun in die Küche getreten waren, sangen sie ein Schullied, aber nur einen Vers. Der Lehrer begrüßte nun den Hausherrn und die Hausfrau und wurde zum Kaffee eingeladen, was er ja nicht abschlagen durfte. Während dieser Zeit wurde der Knaben der halbe Schweinskopf und die Eier verabreicht und der Lehrer konnte schon in der Nebenstube hören, dass der halbe Schweinskopf groß war und die Eier mehr als 20 waren; denn die Knaben fingen wieder an zu singen. Bei Lüdgendorp fiel es immer zur Zufriedenheit der Knaben aus, geschah aber solches bei einem Prästanten nicht, was aber höchst selten war, so sangen die Knaben nur auf meine Anordnung noch einen Vers zum Abschiede.

 Von Lüdgendorp ging es dann weiter nach Sontag, wo es nur Eier gab und nicht gesungen wurde, und dann weiter nach Wieschemühle und durch Kornharpen. 

Wo ein halber Schweinskopf gegeben wurde, wurde gesunden, wo Eier, nicht. Das Kaffeetrinken musste der Lehrer auf den meisten Stellen ablehnen; jedoch musste er bei dieser Ablehnung das Versprechen geben, dass er nächstes Jahr der Einladung Folge leisten würde.

Um 8 Uhr kam nun der Zug wieder an der Schule an, der Fleisch- und Eierlast wurde sich entledigt und die Knaben mit Kartoffelpfannkuchen und Kaffee bewirthet. Da schmeckt es wohl nach dem schönen Morgengange!

Darauf ging der Zug über Berghofen, Norrenberg, Landwehr, Cöppencastrop, Gerthe, Ecksee, Bockholt, Kirchharpen und um 3 Uhr war man wieder in der Schule. Der Lehrer ging nicht jedes Jahr in alle Häuser wo es nur Eier gab, er wechselte damit von Jahr zu Jahr.

Die Knaben holten aber aus jedem Hause und von jeder Familie Eier. Viele gaben dafür auch Geld. Auch waren viele Leute nicht zu einer bestimmten Anzahl verpflichtet, sondern gaben nach Belieben. Im Hebezettel waren 800 Stück im Ganzen angegeben und belief sich der wirkliche Ertrag auf 1.000 bis 1.200 Stück.

Nachdem nun die Eier- und Fleischlast abgelegt war, wurden die Abgaben durch den ganzen Zug zuerst von Oberhoff und dann von Nierhoff geholt. Es gab nun ein festlichesMahl beim Lehrer und nach Tisch Bier. Die Knaben, welche dann zwar müde waren, vergnügten sich dann noch ½ bis 1 Stündchen auf dem Schulplatze mit Spielen und gingen dann froh und heiter nach Hause. Alle, die mitgewesen und jetzt schon Männer von 50 bis 70 Jahren sind (die Chronik wurde 1875 geschrieben)  erinnern sich noch mit Freuden an diesen Festtag.

Bis 1871 ist dieser Umzug gehalten worden, jedoch in den letzten Jahren nur noch von 3 bis 4 Knaben, welche die Eier holten. Die halben Schweinsköpfe wurden von der Magd des Lehrers eingeholt. Diese Beschränkung hat in der vor und noch teilweise geschehenen Ablösung der Prästationen seinen Grund.

1871 wurden die Eier durch Beschluss der Repräsentanten für 10 Thaler jährlich aus der Kirchenkasse abgelöst. Schreiber dieser Chronik kann nicht umhin, hier zu bemerken, dass nie von 1855 bis 1871, während welcher Zeit derselbe diesen Umzug alljährlich abgehalten (wohl in der Form), an dem Umzugstage ungünstiges Wetter war. Wodurch die Festfreude stets eine ungetrübte war."       

                                   (Quelle: Schulchronik der Kirchspielschule  - Kirchenarchiv Harpen)



III. Beginn der neuzeitlichen Entwicklung und Aufteilung der Schulgemeinde 

Der Bergbau war in der Mitte des 19. Jahrhunderts infolge des steigenden Bedarfs an Steinkohle unaufhaltsam von der Ruhr und ihren Seitentälern nach Norden in das Gebiet des Hellweges und der Emscherniederung vorgedrungen.

Die Gesellschaft Harpener Bergbau hatte damit begonnen, in dem bisher ackerbaulich bestimmten Gemarkungen der Gemeinde Tiefschächte abzuteufen. Es begann damit der Einzug von Bergmanns-familien, zuerst aus den näherliegenden Gebieten, dem Hessischen, Ravensbergischen, Sauerland, Waldeckschen u.a. und später aus den östlichen Provinzen. 

Aus diesem Zuzug zahlreicher Familien erwuchsen ungeahnte schulische Probleme, denen die Gemeinde anfänglich nicht gewachsen war.

Der geschlossene Schulverband Harpen blieb mit seinen 2 Klassen bis 1870 bestehen. 

Nach einem Bericht des 1. Lehrers Hiddemann vom 3. Juli 1870 hatte die 1. Klasse 118 Schüler und die 2. Klasse 170, insgesamt mussten von 2 Lehrern 288 Schüler unterrichtlich betreut werden.

Die Gesamtschülerzahl wurde auf 4 Abteilungen mit getrennter Unterrichtszeit in folgender Stärke aufgeteilt:

 1. Klasse: 96 Schüler 22 Wochenstunden Unterricht

 2. Klasse: 96 Schüler 22 Wochenstunden Unterricht

 3. Klasse: 48 Schüler 12 Wochenstunden Unterricht

 4. Klasse: 48 Schüler 12 Wochenstunden Unterricht

                288 Schüler 68 Wochenstunden Unterricht


Das Soll der 68 Unterrichtsstunden wurde von beiden Lehrern erteilt. Zeitlich wurde der Unterricht der 4 Klassen auf den Vor- und Nachmittag verteilt.

Vom Zustrom der Bergarbeiterfamilien wurden vornehmlich die Ortsteile Gerthe und Kornharpen betroffen, so dass in diesen Randgemeinden zuerst die Gründung separater Klassen oder einer neuen Schulgemeinde in Erwägung gezogen wurde. Nach einem Bericht vom 22. Juli 1869 an den Landrat ergaben sich in den einzelnen Ortsteilen folgende Schülerzahlen:

 Kirchharpen und Bockholt                                 - 141 Schüler

 Kornharpen, Wieschemühlen und Vollmond -   48 Schüler

 Gerther Landwehr und Berghofen                    -   83 Schüler 

                                                                 insgesamt:   272 Schüler (ein Jahr später 288 - s.o.)


Im Ortsteil Gerthe war die größte Schülerdichte neben Kirchharpen, so dass hier zuerst das Bedürfnis nach einer eigenen Schule beziehungsweise Schulgemeinde auftrat, auch wegen der weiten Schulwege. Die Seelenzahl betrug zu jener Zeit (um 1860) 345, die Größe der Gemeinde umfasste 1.712 Morgen. (das sind 428 Hektar bzw. 4.280.000 qm. Das entspricht etwa einer Fläche von 600 Fußballfeldern)


a) Gründung der evangelischen Schulgemeinde 1871

Zur vorbereitenden Gründung der neuen Schule war bereits 1869 folgender  Repräsentanten-Ausschuss gewählt worden:

 1. Landwirt    Wilhelm Schuth

 2. Landwirt    Hermann Schuth-Mausbeck

 3. Bergmann  Wilhelm Joche

 4. Schreiner   Diedrich  Lindemann

Der zuständige Pfarrer Rosenbaum erhobt Einspruch gegen die Separationsbestrebungen der Gerther Hausväter mit der Begründung, dass die Lehrer aus kirchlichem Fond unterhalten würden:

 a) Küsterfond -  119 Thaler, 16 Silbergroschen, 2 Pfennig und 

 b) kirchlichen Schulfond - 145 Thaler, 16 Silbergroschen, 2 Pfennig

Er wollte damit zum Ausdruck bringen, dass der Unterhalt von der gesamten Kirchengemeinde aufgebracht würde und durch die Absonderung die Einkünfte für die Kirchenschule geschmälert würden. Dieses traf zum Teil wahrscheinlich zu, aber inzwischen wurden die Schullasten von allen Eingesessenen ohne Unterschied der Konfession durch Repartition aufgebracht. 

Die Regierung wies den Einwand in der Verfügung vom 21. Oktober 1870 zurück. Sie erklärte unter anderem: "Beide Gemeinden, Harpen wie Gerthe, sind im Stande, je eine selbstständiges Schulsystem zu unterhalten." Sie forderten ferner die Aufhebung des bestehenden Repartitions-verfahrens und Einführung der Progressiv-Besteuerung bei der Aufbringung des Schuletats. 

 In den weiteren Verhandlungen mit den Repräsentanten der alten Kirchspielschule verzichtete die Gerther Schulgemeinde auf das bestehende Schulvermögen. Die Regierung 

bestimmte unter den 23. Februar 1871, das nunmehr für die erforderliche Schullocalität und das Lehrergehalt in Höhe von 250 Thaler jährlich gesorgt werden müsste. Bereits am 21. März 1871 genehmigte die Regierung folgende Beschlüsse der „Gemeinde-Repräsentanten" vom 31. Februar 1871:

1.    Anmietung eines Lokals bei dem Schreinermeister Lindemann für 5 Thaler im 
      Monat.,

 2.  Gehalt des Lehrers von 250 Thaler in baar und 50 Taler Mietentschädigung, 20  
      Thaler  für Heizung und Reinigung des Schullokals, 5 Thaler für Tinte und Federn.

 3.  Beschaffung von Schulutensilien

Mit der Eröffnung des Unterrichts konnte am 1. July 1871 begonnen werden, wenn es der Gemein-de gelingen würde, eine geeignete Lehrkraft in Vorschlag zu bringen. Der 1. Schulvorstand wurde in der Sitzung am 26. July 1871 gewählt und bestand aus folgenden Personen:

dem Kötter Diedrich Brüggestrasse und dem Landwirt Schulte Mausbeck

Stellvertreter waren: der Landwirt Wilhelm Fleige und der Maurer Wilhelm Beiremann

Als 1. Lehrer wurde der Schulamtsbewerber Carl Enke, Sohn des Lehrers Enke in Eppendorf, zum 1. July 1871 eingewiesen. Seine Frau erteilte den technischen Unterricht für 36 Thaler im Jahr.

Wegen Gehaltsdifferenzen ging Enke am 1. Oktober 1874 nach Lüdgendortmund. Sein Nachfolger wurde der Lehrer Gustav Muenk aus Deutz, Kreis Siegen. Zugesichert wurde ihm ein Gehalt von 400 Thaler. (= 1.200 M.), eine dreijährige Steigerung von 25 Thaler bis zum Endgehalt von 500 Thaler. Er ging aber bereits Ende 1877 nach Bünde. Die Stelle wurde nun ½ Jahr provisorisch verwaltet von dem Aspiranten Van den Beek, bis zum 1. Mai 1878 die Stelle für längere Zeit mit dem Lehrer Friedrich Pielsticker aus Unglinghausen besetzt wurde. Er blieb alleiniger Lehrer mit zuletzt 126 Kindern bis Oktober 1882.

 Der zuständige Schulinspektor Pastor Kleppel (Bochum) beschreibt in seinem Bericht vom 22. August 1882 „.…von dem kümmerlichen Zustand der Schule in Gerthe. Es war nur ein Unterrichts-raum vorhanden, so dass bei der Einweisung einer 2. Lehrkraft der Unterricht für beide Klassen in einem Raum nacheinander erteilt werden musste.“

Die Kirchengemeinde hatte sich gleich nach der Gründung der Schulgemeinde um ein Baugrund-stück für die neue Schule bemüht. Es hat die Größe von einem Morgen und kostete 1.260 harte Thaler. Der Schulbau wurde nach einem Kostenvoranschlag von 3.177 Thaler dem Zimmermeister Cleffmann in Gerthe übertragen. Es war ein einstöckiger Bau mit einem Klassenraum und einer Lehrerwohnung. Die Gesamtkosten wurden gedeckt durch eine Anleihe von 4.500 Thaler. Die jährlichen Zins- und Tilgungskosten betrugen 550 Thaler. Sie wurden durch Umlage auf die Mitglieder der Schulgemeinde erhoben. (Erst durch Beschluss vom 19. Dezember 1881 wurden alle Schulbedürfnisse auf den Gemeindeetat übernommen). 

 Das Schulhaus hatte eine Länge von 56 Fuß, Breite 36 Fuß und eine Geschosshöhe von 12 Fuß. Der Unterrichtsraum war 34 Fuß lang und 22 Fuß breit, so dass bei 125 Schülern je Kind 6 Fuß zur Verfügung standen. 

Die Kosten für die Innenausstattung des Schulsaales betrugen 182 Thaler und 5 Silbergroschen. Der Schreinermeister Lindemann war mit der Anfertigung der Schuleinrichtung beauftragt worden. Der Schulneubau wurde im Februar 1883 fertig gestellt. Der Schulerweiterungsbau musste bereits Ende 1883 durchgeführt werden, um die wachsende Schülerzahl unterzubringen. 

Als zweite Lehrkraft wurde zum 1. Oktober 1882 der Schulamtanwärter Fahner aus Crengeldanz vorübergehend eingewiesen; bereits 1883 Heinrich Thomas aus Langendreer und 1885 Friedrich Hüggenberg aus Berghofen. 1885 ist das System Gerthe mit folgenden Lehrkräften besetzt:

den Lehrern Pielsticker und Hüggenberg und der Technischen Lehrerin Frau Pielsticker.

 Zum 28. Oktober 1887 wird für den abgehenden Lehrer Hüggenberg der Lehrer Lewe aus Kornharpen als 2. Lehrer eingewiesen. Am 24. Mai 1889 starb der 1. Lehrer Pielsticker. In seine Stelle rückte der bisherige 2. Lehrer Lewe. Unter seiner Leitung entwickelte sich die Schule zu einem ausgebauten System mit acht aufsteigenden Altersklassen. 

Er wurde 1887 Hauptlehrer und 1909 Rektor der Schule. In die Stelle des verstorbenen Lehrers Pielsticker wurde 1889 vorübergehend die Lehramtsanwärterin Hulda Masthoff eingewiesen. Sie wurde bereits zum 1. Januar 1890 nach Hofstede versetzt. Die freie Stelle wurde wieder mit einem Mann, dem Lehrer Eckey aus Bochum besetzt. Die dritte Schulstelle wird am 10. September 1893 mit dem Lehrer Hermann Kockelke aus Königssteele besetzt. 

Der Schulvorstand wünschte eine Lehrerin für die dritte Stelle. Weil es aber eine gemischte Klasse war, hielten es die Gemeindevertretung, der Amtmann und Schulinspektor für ratsamer, diese Stelle wieder mit einem Lehrer zu besetzen. Die Regierung fügte sich der Auffassung der örtlichen Behörden. 

Kurz vor der Jahrhundertwende betrug die Seelenzahl der evangelischen Gemeinde in Gerthe 1.279, die Zahl der Hausväter 327 und die Zahl der Schüler 237. Das System war mit folgenden Lehrkräften besetzt. 

 1. Hauptlehrer Lewe aus Schwerte

 2. Lehrer Biermann aus Kamen

 3. Lehrer Sonntag aus Harpen

 4. Lehrerin Reckeweg aus Bochum 

Nach dem Schuletat von 1908/09 betrug die Seelenzahl bereits 4.770 und die Zahl der Schüler 452. Besetzt war die Schule mit folgenden Lehrkräften:

 1. Rektor Lewe

 2. Lehrer Lütz 

 3. Lehrer Graef

 4. Lehrer Filling

 5. Lehrerin Junghaus

 6. Lehrerin Cordes

(Alle Angaben sind der Akte "Evangelische Schule Gerthe" des Stadtarchivs Bochum entnommen)


Abschließend werden zum Vergleich die Zahlen von 1960 herangezogen. Es bestehen z.Z. (als Wilhelm Rüter diesen Bericht verfasste) im Ortsteil Gerthe 2 Evgl. Volksschulen:

1. Heinrichstraße 40 mit 362 Schülerinnen und Schülern und   9 Schulstellen

2. Castroper Hellweg 556 mit 407 Schülerinnen und Schülern und 10 Schulstellen

Ferner besteht eine paritätische Hilfsschule an der Hegelstraße mit 296 Schülerinnen und Schülern und 15 Schulstellen.

Seit der Gründung der Evgl. Schulgemeinde Jahre 1871 hat sich aus der einklassigen Volksschule ein modernes Schulwesen, bestehend aus 2 ausgebauten Systemen mit insgesamt 769 Schülerinnen und Schülern und 19 Planstellen entwickelt. Die derzeitige stets ansteigende Bevölkerungszahl wird mit  Notwendigkeit eine Ausweitung des Schulwesens nach sich ziehen.


b) Gründung der katholischen Schulgemeinde in Gerthe

Die alteingesessen Bevölkerung war mit wenigen Ausnahmen evangelischer Konfession. Durch den Bergbau wurden erstmalig eine größere Zahl katholische Familien in Gerthe ansässig. Im Jahre 1896 war der Anteil katholischer Schüler bei einer Gesamtschülerzahl von 299 auf 42 angestiegen. Die Beschlussfassung über die Gründung einer katholischen Volksschule erfolgte in einer Versammlung der katholischen Hausväter am 6. November 1896 im Lokal des Gastwirtes Brinkmann. 

Von 45 geladenen Vätern waren 27 erschienen. Es wurde Ihnen mitgeteilt, dass die evangelische Schulgemeinde mit der Ausschulung einverstanden sei und alle Schullasten von der politischen Gemeinde übernommen würden. Der Beschluss zur Gründung einer katholischen Schule wurde einstimmig gefasst. 

Aufgrund der vorausgegangenen Beschlüsse der evangelischen Schulgemeinde vom 8. Oktober 1896 bezüglich der Ausschulung und der politischen Gemeinde Gerthe vom 22. Januar 1897 wegen der Übernahme der Schullasten, bestimmte die Regierung Arnsberg durch Verfügung vom 22. Juli 1897 die Ausschulung der katholischen Kinder zum 1. April 1898. Bis dahin sollten die Fragen des Schulbaues, Grundstückes und Lehrers geregelt sein. Schulgrundstück und Gebäude wurden von der politischen Gemeinde zur Verfügung gestellt, wie auch der gesamte Schuletat übernommen wurde. 

Bis zur Fertigstellung des neuen Schulgebäudes wurde die Sammelklasse vorerst in einem Saal der Gewerkschaft Lothringen für den Jahres-Mietpreis von 415 Mark untergebracht. Die Schülerzahl war zum 1. April 1898 auf 93 angewachsen. 

Der erste alleinige Lehrer war Johann Schmoll aus Holthausen, Kreis Dortmund. Seine Einweisung erfolgte am 16. April 1898, so dass mit diesem Datum wohl der Unterrichtsbeginn an der katholischen Volksschule in Gerthe angesetzt werden kann. 

Die Ehefrau des Maschinensteigers Gerber erteilte den Handarbeitsunterricht für die Mädchen. Nach dem Schuletat von 1899/1900 betrug die Seelenzahl der katholischen Eingesessenen bereits 621, die Zahl der Hausväter 118 und die Schüler 96. 

Zu Ostern 1899 konnte auch das neue Schulgebäude mit drei Unterrichtsklassen bezogen werden. Die Schule wurde gleichzeitig zweiklassig durch Einweisung der Lehrerin Klara Klügge aus Dortmund. 

Der zu der Zeit leerstehende 3. Raum wurde der evangelischen Schule mit der Bedingung überlassen, getrennte Pausen einzulegen. Die Regierung war aber so einsichtig, dieses Ansehen abzulehnen mit der Begründung, dass dadurch der Unterricht gestört wurde. Zu bemerken ist noch, dass die Schule von Gastschülern der umliegenden, überwiegend evangelischen Gemeinden besucht wurde. So von der Hiltroper Landwehr allein 31 Schüler. Nach dem Schuletat von 1901/1902 war die Seelenzahl der katholischen eingesessenen auf 782, die Zahl der Hausväter auf 144 und die der Schüler auf 138 angestiegen. Besetzt war die Schule mit dem 1. Lehrer Schmoll und der Lehrerin Klügge. 

Mit den katholischen Familien war ein großer Teil polnisch sprechender Eltern und Kinder eingewandert, die den Unterricht außergewöhnlich erschwerten. Unter dem 27. März 1903 beantragte der Schulvorstand, die Einrichtung einer besonderen "Polenklasse" und fügte hinzu: "Wegen der großen Zahl fremdsprachiger Kinder, welche die katholische Schule zur Gerthe besuchen, beabsichtigen wir eine Teilung der Unterrichtsklassen und Errichtung einer neuen Lehrerstelle." 

Nachdrücklich wurde sie dann noch von den Schulinspektor Knügel beantragt. In den zwei Unterklassen befanden sich 71 und 54 polnisch sprechende Kinder. Durch Regierungsverfügung vom 7. Dezember 1903 waren die Beihilfen für die Unterhaltung einer Lehrerstelle an katholischen Schulen für den Unterricht fremdsprachiger Kinder geregelt worden. Zuschüsse wurden gezahlt für Horsthausen, Werne, Herne und Gerthe. Der Gesamttitel bei der Regierung Arnsberg hatte die Höhe von 25.000 DM. Nach den Zuschussbedingungen mussten mehr als ⅓ der Kinder fremdsprachlich sein. Die kath. Schule Gerthe erhielt einen Zuschuss von 1.000 M im Jahr.

1905 wurde die katholische Volksschule Gerthe, verteilt auf die einzelnen Klassen von folgenden fremdsprachigen Kindern besucht:

      Klasse 1      70 Schüler    28 fremdsprachlich 

      Klasse 2      67 Schüler    35 fremdsprachlich 

      Klasse 3      48 Schüler    35 fremdsprachlich 

      Klasse 4      45 Schüler    18 fremdsprachlich

      gesamt      230 Schüler 116 fremdsprachlich 


1906 ergaben sich folgendes Zahlenbild:

      Klasse 1      33 Schüler fremdsprachlich 

      Klasse 2      34 Schüler fremdsprachlich

      Klasse 3      36 Schüler fremdsprachlich

      Klasse 4      30 Schüler fremdsprachlich

      gesamt     133 Schüler fremdsprachlich 


Der Einzug polnisch sprechender Eltern erreichte in diesen Jahren seinen Höhepunkt. Der Lehrer Schmoll berichtete unter dem 14. März 1906 noch einmal über die Zahl der fremdsprachigen Kinder, die zu Hause mit den Eltern polnisch oder in einer anderen Muttersprache sprechen und denen die deutsche Sprache noch besondere Schwierigkeiten bereitet.


 Klasse      Polen      Österreicher      Italiener     Holländer

 1                12             1

 2                21                                                               1

 3                33                                                               2

 4                30                                          2 

 gesamt     96              1                          2                  3


An den evgl. Schulen waren die Zahlen weit niedriger:

    in den Jahren                                                        1901     1906    1911 

1. Gesamtzahl der Schüler                                      318       316     648

2. nur polnisch sprechende Kinder                          0            0          0

3. polnisch und deutsch sprechende Kinder       10          12       24 


Die Regierungen in Münster und Arnsberg wollten für ihre Bezirke genaue Zahlen über die zugezogenen Kinder und hatten entsprechende Erhebungen angestellt über: 

a) Kinder, die nur polnisch sprechen:

Regierungsbezirk   1901              1906              1911  

    Münster               1.723              4.211            8.588

    Arnsberg              4.568           10.585         20.415


b) Kinder, die polnisch und deutsch sprechen:

Regierungsbezirk  1901              1906           1911

     Münster             2.305             3.781           6.212

     Arnsberg            6.270            8.249         15.411

 gesamt:                   8.575           12.030        21.623


Nach den vorstehenden Zahlen ist vor und nach der Jahrhundertwende bis zum 1. Weltkrieg ein ständig ansteigender Strom polnisch sprechender Familien in das Ruhrgebiet eingeströmt und ist zum größten Teil in der späteren Vermischung mit Eingesessenen und aus anderen Gebieten des Landes zugezogenen Bevölkerungsteil aufgegangen und hat die besondere charakterologische Färbung des Ruhrgebietlers geschaffen.

Ein  nicht geringer Teil der polnischen Familien bewahrte bis nach dem 1. Weltkrieg ihre sprachliche und volkliche Eigenart, die in einem starken Nationalbewusstsein zum Ausdruck kam mit der Gründung des polnischen Staates 1918.

So bildete sich 1920, wie in anderen Städten und Gemeinden des Ruhrgebietes, auch in Gerthe eine polnische Fraktion unter der Führung des Bergmanns Blaszek. Er beantragte für 52 schulpflichtige Kinder für den polnischen Sprachunterricht ein Schulzimmer. Dem Antrage wurde von der Gemeindevertretung an zwei schulfreien Nachmittagen in der Woche stattgegeben. 

 Nach Erlass des Ministers für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung vom 3. Juni 1920 konnten polnische Schulen errichtet werden, wenn die Zahl der Schulkinder in einem Schulverband dauernd mindestens 50 betrug. Der Schulinspektor Stephanblume teilte unter dem 31. März 1921 dem Landrat mit, dass er von der Regierung ermächtigt worden sei, für die Bergleute, Blaszek, Gawrow, Sobecki, Pecaszyk und Gmerek den Unterrichtserlaubnisschein zur Erteilung des polnischen Lese- und Schreibunterrichtes auszustellen. Die Kurse liefen nicht nur für Kinder, sondern auch für Erwachsene. Es waren rund 280 Teilnehmer gemeldet. 

 Für die Erteilung eines ordentlichen Schulunterrichts wurden von polnischer Seite pädagogische Kurse zur Heranbildung von Lehramtskandidaten eingerichtet. Es ist aus der Akte nicht klar ersichtlich, ob die Kurse nun wirklich eingerichtet worden sind. Vorgesehen waren die Städte Dortmund, Castrop, Bochum, Essen, Recklinghausen, Wanne-Eickel, Gelsenkirchen, Hamm, Hamborn und Oberhausen. In Bochum war für die Leitung der Lehrer Klimaszewski von polnischer Seite benannt. 

In einem geheimen Bericht an den Bochumer Landrat vom 21. August 1920 erhoben die ehemaligen ostmärkischen Lehrer erhebliche Bedenken gegen die rein polnische Leitung dieser Kurse und bot sprachkundige deutsche Lehrer an.  

In wieweit und in welchem Umfang eine polnische Sammelklasse in Gerthe bestanden hat, geht aus der Akte nicht hervor. Unter dem 7. September 1928 teilte Bürgermeister von Gerthe dem Landrat mit, dass kein Kind die polnische Minderheitsschule besucht. Nach einer namentlich aufgestellten Liste hatten in der Gemeinde Gerthe 85 polnische Optanten für Bochum optiert. Damit schließt die Akte - fremdsprachliche Schulkinder 1903 - 1928(Stadtarchiv Bochum) über eine bemerkenswerte Episode der Gerther Schulgeschichte.

Ein großer Teil der  nationalpolnischen Einwohner ist vor und nach 1928 nach Polen und Nord-Frankreich abgewandert. 

Der katholische Bevölkerungsteil zeigte im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine stets wachsende Tendenz. Die Gründung der Schule war 1896 erfolgt von 45 Hausvätern für 42 Kinder. Die nachfolgende Aufstellung soll das rasche Anwachsen der katholischen Bevölkerung veranschaulichen:

Etatjahr        Seelenzahl         Hausväter           Schüler

1899/1900       621                      118                         96

1900/1901       578                      138                        112

1901/1902       782                      144                        138

1903/1904       507                     166                        166

1905/1906   3.040                      -                              216


Am Ende des Jahres 1906 war das katholische System mit dem 1. Lehrer Schmoll, Lehrer Wirtz und der Lehrerin Marx besetzt. 

Die steigende Entwicklung der katholischen Volksschule zeigt ein Vergleich mit der Schüler- und Stellenzahl im Jahr 1960. Aus der kleinen Schule mit 42 Schülern im Gründungsjahr 1896 ist bis 1960 ein System mit 596 Schülern und 15 Schulstellen entstanden. Es ist anzunehmen, dass damit die Entwicklung ihren Höhepunkt noch nicht erreicht haben wird.



c) Gründung der evangelischen und katholischen Schulgemeinde Kornharpen


- Evangelische Schulgemeinde

Nach der Ausschulung der Gerther Kinder 1871 verblieb die alte Mutterschule in Kirchharpen vorerst zweitklassig. Durch den Ausbau der Rüsingstraße entstand ein starker Zuwachs im Ortsteil Kornharpen, so dass die Schülerzahl 1877 auf 250 angestiegen war. Bei der Einrichtung der 3. Klasse wurde erwogen, diese Klasse als Sammelklasse im Ortsteil Kornharpen einzurichten. Die Eingesessenen Kornharpens erwirkten von der Regierung Arnsberg den Besuch des Regierungsrates Poel, um die Einrichtung der neuen Schule in die Wege zu leiten. In seiner Gegenwart und unter dem Vorsitz des Landrates von Bochum Dolffs und im Beisein der Schulrepräsentanten beider Ortsteile, des Ehrenamtsmanns Schragmüller und Pastors Rosenbaum wurde über die Ausschulung beraten. Man einigte sich dahingehend, dass vorerst der gemeinsame Schulverband bestehen bleiben sollte. Die neu zu errichtende Schule sollte eine Filialschule der alten Schule sein und zwischen Kirch- und Kornharpen eingerichtet werden. Bis zur Fertigstellung der neuen Schule wurde im Haus des August Refflinghaus ein Unterrichtsraum für 240 Mark jährlich angemietet. Der 1. Lehrer Weinbrenner aus Feuersbach wurde am 1. Oktober 1877 eingewiesen. 

Das neue Schulgebäude mit einer Lehrerwohnung und einem Unterrichtsraum wurde 1879 eingeweiht. Die Schülerzahl in Kornharpen setzte sich 1875 wie folgt zusammen:

 1. Kornharpen                      36 Kinder

 2. Caroline und Vollmond   5 Kinder

 3. Wieschermühle               10 Kinder

 4. Delle                                  12 Kinder

 5. Rosenberg                         15 Kinder 

                            zusammen 78


Die Repräsentanten der Schule von Kornharpen waren: 

 Landwirt Wilhelm Stratmann 

 Landwirt Ludwig Becker, genannt Hodde 

 Obersteiger Karl Schulze

 Kötter Heinrich Schotte 


1878 sollten gegen den Einspruch der Schulrepräsentanten die Schullasten auf den Etat der politischen Gemeinde übernommen werden. Die Regierung Arnsberg verfügte unter dem 

19. Februar 1879: „….Im Übrigen kann der Protest der Schulvertretung keine Berücksichtigung finden, da der confessionelle Charakter der Schulgemeinde durch diese veränderte Einrichtung nicht tangiert wird." 

Sie äußerte noch ergänzend, dass der politischen Gemeinde das "autonome Recht, die Deckung des Schuldefizit der Schulsocietät, nicht abgesprochen werden kann." 

                                                                                       (Akte Landkreis Bochum - Evangelische Schule - Stadtarchiv Bochum)


(Die) Eingabe der Kirchspieleingesessenen und Antwort der Regierung sind nur verständlich aus der historischen Situation. Das Schulwesen war von altersher eine Angelegenheit der Selbstverwaltung der Elternschaft. Die Schulgemeinde war Träger der Schulangelegenheiten und war ein beschlussfähiges Organ bis Ende des 19. Jahrhunderts. Sie empfand sehr richtig, dass mit der Übernahme der Kosten durch die politische Gemeinde ihr die Einflussnahme auf die Gestaltung des Schulwesens weitgehend entzogen wurde. Immer noch spielten die Hausväter eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Frauen hatten seiner Zeit keine Stimme im öffentlichen Angelegenheiten. Aus einer Amtsakte aus dem Jahre 1874 geht hervor, dass die Schulgemeinde Harpen aus 331 stimmberechtigten Mitgliedern besteht.

Wie schon erwähnt, bildeten Kirch- und Kornharpen einen Schulbezirk mit einer Stammschule und einer Filialschule.

In Kirchharpen unterrichteten die Lehrer Hiddemann und Rockholz und in Kornharpen der Lehrer Weinbrenner. Für Harpen wurde 1881 das dreiklassige System (3 aufsteigende Klassen) genehmigt. Zum 8. Mai 1882 wurde auch für Kornharpen das dreiklassige System eingerichtet, weil neben Weinbrenner der Lehramtsanwärter Friedrich Lange aus Hörde für die 2. Stelle eingewiesen wurde. Somit konnte nun an beiden Schulen das dreiklassige System durchgeführt werde.

Für die Fortbildung der Lehrer wurde 1882 eine Lehrer-Bibliothek eingerichtet, die jährlich einen Zuschuss aus der Gemeindekasse von 30 M erhielt. Gerthe beteiligte sich mit zusätzlich 15 M. Eine  Schüler-Bücherei war bereits 1879 eingerichtet worden mit einem jährlichen Zuschuss von 30 M. Es waren Werke mit patriotischem und naturkundlichem Inhalt. 

Bei dem dreiklassigen System musste der junge Lehrer Rockholz, 36 Wochenstunden Unterricht erteilen, dagegen der alte Lehrer Hiddemann (63 Jahre) nur 26 Wochenstunden.

Wegen der 4 Mehrstunden, die auch Hiddemann erteilen musste, wurden ihm wie auch Rockholz 2 Stunden mit jährlich 100 M vergütet. 

Die Schülerzahlen an den beiden dreiklassigen Systemen war 1883 auf 387 angestiegen. Auf jeden Lehrer entfielen rund 97 Schüler. Die Anstellung einer 5. Lehrkraft wurde beantragt. 

Es bestand bis dahin nur das alte Schulgebäude auf dem Kirchhof mit zwei Klassenräumen. 1884 wurde der Bau einer zweiklassigen neuen Schule auf dem benachbarten Grundstück des Bauern Nierhoff geplant und bald erbaut, so dass dem Schulbezirk 1885 sechs Unterrichtsklassen zur Verfügung standen. In den Jahren 1886-1891 stieg die Seelenzahl der evangelischen Eingesessenen auf 2.120, die der Hausväter auf 725 und die der Schulkinder auf 410. 

Im Juli 1887 trat der alte Lehrer Hiddemann mit 68 Jahren und nach 48-jähriger Tätigkeit in der Gemeinde in den wohlverdienten Ruhestand. Zu seinem Abschied wurde im Saal des Wirtes Stratmann ein Festessen gegeben. 

Der Lehrer Karl Müller aus Hamm trat am 27. September 1887 in seine Stelle als
1. Lehrer. Es wurde fast gleichzeitig die erste Lehrerin Martha Fischer aus Jüterbog nach Harpen eingewiesen. Um eine bessere jahrgangsmäßige Verteilung auf 6 Klassen zu erreichen, beantragte die Gesamtvertretung der evangelischen Schulgemeinde, die Vereinigung der Schulen Kirch- und Korn- harpen zu einem System. Die Regierung genehmigte durch Verfügung vom 10. Februar 1888 die Vereinigung beider Systeme ab Ostern unter Leitung des Hauptlehrers Karl Müller. Die Gehaltsfrage wurde gleichzeitig für alle Lehrkräfte neu geregelt:
  1. Hauptlehrer Müller von 1.200 auf 1.470 M.

  2. Lehrer Reppekus von 1.050 auf 1.200 M.

  3. Lehrerin Fischer von 1.000 auf 1.050 M.

  4. Lehrer Weinbrenner von 1.050 auf 1.200 M.

  5. Lehrer Lenzmann von   900 auf 1.000 M.

Die Steigerung betrug alle drei Jahre 90 M. bei Lehrern und 50 M. bei Lehrerinnen. 

Die Vereinigung beider Schulen zu einem sechsklassischen System war ein wichtiger Abschnitt in der Entwicklung des Harpener Schulwesens.  Der Lehrstoff konnte in reinen Altersklassen vermittelt werden. 

Bei dem steten Anwachsen der Schülerzahl war die Vereinigung allerdings nur von kurzer Dauer. Bereits 1891 bestanden wieder getrennte Systeme in Kirch- und Kornharpen mit 4 beziehungsweise 3 Klassen. In Kirchharpen war die Schülerzahl 1893 auf 306 und den Kornharpen auf 282 angestiegen. 

Im Schulverband waren um 1896 folgende Lehrkräfte tätig: 

 Hauptlehrer Müller, Lehrer Klöting, Scheuer, Weinbrenner, Sprenger und Gräfer
Lehrerin Carrie und Stracke


Vor dem ersten Weltkriege hatte die Entwicklung einen Höhepunkt erreicht. Es bestanden 3 Systeme mit folgender Besetzung: 

 System I in Kirchharpen

                 1. Hauptlehrer Müller 

                 2. Lehrer Dangsch

                 3. Lehrer Royeck 

                 4. Lehrer Scheue 

                 5. Lehrer Maas 

                 6. Lehrer Mühlhoff

                 7. Lehrerin Wohlfahrt 

 System II in Kornharpen 

                 1. Hauptlehrer Weinbrenner 

                 2. Lehrer Lange 

                 3. Lehrer Haus 

                 4. Lehrerin Jaeger

 System III in Kornharpen 

                  1. Hauptlehrer Schweizer

                  2. Lehrer Funke

                  3. Lehrer Faubel

                  4. Lehrerin Wiedbrauck



- die Katholische Schulgemeinde

Die Zahl der katholischen Kinder war in Harpen bis zur Jahrhundertwende sehr gering. Sie besuchten zum Teil die katholischen Schulen der umliegenden Gemeinden. 1892 gab es in Gerthe 26 und in Harpen 17 katholische schulpflichtige Kinder. 

Die Gemeindevertretung Harpen beschloss 1898 die Kosten zur Gründung einer katholischen Volksschule auf den Etat der politischen Gemeinde zu übernehmen. 

 Im Laufe der 300-jährigen Geschichte des Harpener Schulwesen ist aus der kleinen Kirchspielschule ein modernes, nach Systemen und Klassen gegliederte Schulwesen entstanden. 

Ein Vergleich mit der Schüler- und Stellenzahl im Jahre 1960 zeigt den enormen Bevölkerunganstieg (allein) durch den Bergbau. 

Z.Z. bestehen im Ortsteil Harpen folgende Systeme. 

 1. Evangelische Volksschule Bockholtstraße 7                       421 Schüler     11 Stellen 

 2. Katholische Volksschule Harpener Hellweg 68                264 Schüler       7 Stellen 

 3. Gemeinschaftsvolksschule Harpener Straße 56                468 Schüler    12 Stellen

 4. Gemeinschaftsvolksschule Wieschermühlenstraße 16    248 Schüler      7 Stellen 

                                                                             insgesamt           1.421 Schüler   37 Stellen



d) Entwicklung des Hiltroper Schulwesens


- das Evangelische Schulwesen

Den Hiltroper Bauern und Köttern war in der Zeit der französischen Besetzung durch den Präfekten im Schreiben vom 13. Januar 1810 die Erlaubnis erteilt, für die Kinder bis zum 12. Lebensjahr einen Privatlehrer zu halten. Die Bauernschaft gehörte zum Kirchspiel und Schulverband Herne. Nach dorthin waren die Eingesessenen für die Kirche und Schule abgabepflichtig. Sie repräsentierten 6 ganze Bauernstellen, 4 halbe Bauernstellen und 30 unbedeutende kleine Kötter. 1812 hatte die Hiltroper Bauernschaft 51 schulpflichtige Kinder, dazu in Bergen 10 Kinder, insgesamt 61 schulpflichtige Kinder. 

Die Einkünfte (des Lehrers) betrugen 1810 wöchentlich acht Stüber (40 Pfennig) Schulgeld, eine dürftige Wohnung, 2 ½  Scheffel Bauland, ferner ein "Wandeltisch" reihum bei den Eingesessenen. Es war eine der dürftigsten Stellen, die je bestanden. Bis 1815 (in 5 Jahren) hatten 4 Schulhalter die Stelle frequentiert. Der 4. uns namentlich bekannte Lehrer Lange, hatte die Stelle verlassen, weil er davon nicht leben konnte. Die Bauern hatten aber ein neues Opfer gefunden in dem Schullehrer Hitschler aus Laer, der nicht im Besitze eine öffentlichen Unterrichtserlaubnis war und soeben seine Stelle in Laer aus diesem Grunde aufgeben musste.

Er musste aber in einem Schreiben vom 20. September 1816 bekennen, „…(dass er) von einem Schweinestall in den anderen untergebracht (worden war).“ Drastischer konnte die soziale Lage des Hiltroper Schulhalters nicht gekennzeichnet werden.

Das Schulhalten wurde dem Hitschler durch Regierungsverfügung vom 7. Juli 1817 endgültig untersagt. Eine Flut von Eingaben gingen nun von Seiten Hitchlers auf die Regierung Arnsberg nieder, doch ohne jeden Erfolg. (Alle Unterlagen sind der Akte No 2  4/113 Stadtarchiv Bochum entnommen)

 Trotz aller Widerwertigkeiten hatten die Hiltroper Bauern Geschmack an einer eigenen Schule gewonnen. Es war besonders der Schulte zu Hiltrop, der vorerst die kleine Heckschule in seinem Haus aufgenommen hatte und der sich sehr um die Bildung eines lebensfähigen Schulverbandes und die Ablösung von Herne bemühte. Ausgelöst wurde die Initiative erneut durch das scheinbar rechtswidrige Vorgehen eines Bauern. Nach einem Bericht vom 10. November 1814 an den Landrat  hatte der Colon Busmann zu Hiltrop, Pächter des Herrn van Schell zu Schellenberg ein Backhaus auf die so genannte Schulzhufe gesetzt. Diese Hufe, 52 Ruten groß, war von der Bauernschaft Hiltrop, weil dieser Grund Allgemeineigentum war, für den Bau eines Schulhauses vorgesehen worden. Die Eigentumsverhältnisse sind nach den vorliegenden Schriftstücken nicht geklärt worden. 

Die Auseinandersetzungen zogen sich über Jahrzehnte hin und führten zu keiner Klärung. Sie bewirkten aber, dass die Gründung einer ortseigenen Schule fortan im Gespräch blieb.

 Der neue Schulbezirk Hiltrop-Bergen wurde nach einem Bericht des Bürgermeisters von Herne an den Regierungspräsidenten vom 23. November 1816 unter Hinzuziehung des Schulkommissarius Petersen bereits gebildet, wenn auch nur mit Zustimmung von 5 Bauern.

Die Urversammlung der Eingesessenen hatte am 15. November 1816 stattgefunden. Das Protokoll hat folgenden Wortlaut:

Eickel, den 15. November 1816 

Im Verfolg der Verfügung des Herrn Landraths und Kreiskommissarius vom 24. Oktober 1816, welches sich auf ein Rescript der Hochlöblichen Regierung vom 10. September des Jahres gründet, ist am heutigen Tag in Gemeinschaft des Herrn Schulkommissarius Prediger Petersen (Weitmar) der Schulbezirk für Hiltrop im folgender Art bestimmt, als 

  1. die ganze Bauernschaft Hiltrop, welche 44 Feuerstellen zähle
  2. die Gemeinde Bergen, welche zum Bezirk Bochum gehörig und fünf Feuerstellen enthält
  3. aus der Gemeinde Gerthe, welche zur Bürgermeisterei Lütgendortmund zugehörig, folgende 10 Eingesessenen:  Sonntag, Beisemann, Langhoff, Paßmann, Zimmermann, Henrich Cremer, Ww. Cremer, Bleckmann, Mausbeck, Hodde in der Grume, Rautwurm in der Gemeinde Grumme, Voß am Giesenberg

                                     gez. Petersen 

                                                      Steelmann


In der folgenden Urversammlung am 20. November 1816 waren 32 Schulbezirks-Eingessene erschienen. Nachdem die Anwesenden auf die Notwendigkeit einer eigenen Schule hingewiesen worden waren, erklärten sich abermals (nur) 5 Eingessene dafür, (Heinrich Grümer, Gemeinderat Blome, Henrich Schulte, Höltring und Trösken). Die übrigen 27 ohne Angabe der Gründe dagegen. In gleicher Weise wurde am 23. Juni 1817 das Projekt abgelehnt. Damit schließt die Akte No 2 4/113 und erst im Jahre 1829 rühren sich neue Männer, um die Gründung der Schule vorwärts zu treiben. Einsicht und Opferwille waren gewachsen, so dass es 1829 zu einer Einigung kam über die Errichtung einer eigenen Schule und Trennung vom Schulverband Herne.

Das Holz zum Schulneubau wollten die Bauern unentgeltlich liefern. Die Zimmerleute Garmshausen, Neuhoff und Voßkühler wollten ohne Entschädigung das Holz herrichten und zum Bau aufrichten (Fachwerk), gegen Befreiung von weiteren Handdiensten. Die Bauern Schulte, Trösken und Buschmann erklärten sich bereit, 80 Ruten als Schulgarten zu stiften, Bauplatz und "Höfgen" sollten die übrigen Eingesessenen bezahlen, 30 Ruten a 2 Rthr. = 60 Thaler.

Das Schulgeld sollte wöchentlich von 60 Kindern je 9 Pfennige betragen. Die Bauern wollten ferner dem Lehrer umschichtig 5 Scheffel Ackerland frei kultivieren. Der Gesamtbetrag des Unterhalts war auf 125 Thaler im Jahr geschätzt.


Diese Opferbereitschaft, die sicher hohe Anerkennung verdient, stand gegenüber eine Forderung der Bauernschaftsvertreter an Herne auf einen entsprechenden Teil des Schulfonds. Die Begründung lautete: „Herne und Hiltrop stehen seit Jahrhunderten in ein und demselben Schul- und Pfarrverbande. Die Rechte sind gleich alt und begründet. Die Trennung sei nun wegen der weiten Wege eine physische und moralische Notwendigkeit.“

Die Abtrennung erfordere auch einen besonderen Lehrer, „...wenn die Schüler nicht in Beziehung auf Religion Unterricht und Sittlichkeit verwahrlost werden sollen“ Nach ihrem Vorschlag sollten von Herner Schulfond folgende Naturalien abgetreten werden: 

„1.  die Brote und Garben, welche jährlich aus der Gemeinde Hiltrop an die Schullehrer
      zu
Herne entrichtet sind. 

  2. 4 Scheffel Ackerland in der Commune Hiltrop gelegen, zum Herneschen Schulfond 
      gehörig, 

  3. außerdem noch die Ergänzung des uns zukommenden verhältnismäßigen 
      Äquivalents, was ebenfalls durch eine Abschätzung des Herneschen Schulfonds und 
      Egalisierung unserer Commune dagegen durch Sachverständige ermittelt werden   
      kann, bitten wir gehorsams“


Beim Schulbau wollte man eine Zeit von 4 Jahren in Anschlag bringen, um jedes Jahr ¼ der Baukosten aufzubringen.

 Die Gesamtkosten betrugen nach dem Voranschlag 673 Rthl. und 24 Silbergroschen. Die Regierung Arnsberg 1832 sah in diesem Vorschlag eine Verzögerung der Bauabsicht und versagte die Zustimmung.

In einem Bittschreiben an den derzeitigen Landrat von Berswordt-Wallrabe, vom 2. Januar 1833 dass sie nicht in der Lage seien, die Kosten für den Schulbau aufzubringen und verwiesen auf  „die höchst traurige Erndte der Jahre 1830/31“. Sie seien kaum in der Lage die Steuern, Pachten, und Zehnten zu zahlen. Sie wiesen ferner darauf hin, dass ein schwerer Hagelschlag im Jahr 1832 die Ernte zum Teil vernichtet habe; dazu seien die Wege nach Herne inzwischen verbessert worden. Die Akte No 2  4/114 schließt mit der Regierungsverfügung vom 12. Juli 1833, wonach auf obigen Antrag der Schulneubau einstweilen zurückgestellt würde.


Die Schulangelegenheit trat nach einigen Jahrzehnten erneut in ein akutes Stadium durch Initiative der Bauern 'Grümer, Schulte zu Bergen und Consorten'. Sie hatten sich in einer Eingabe 1851 an den preußischen Minister gewandt und ein williges Ohr gefunden.


Unter dem 18. Dezember 1851 verfügt die Regierung Arnsberg auf Veranlassung des Ministers, dass alle Gemeindemitglieder  sich in einer Urversammlung zu einer Schulsocietät vereinigen. Am 13. Januar 1852 fand die Versammlung der Interessenten statt. Nachdem Herne sich verpflichtete, die neue Schulgemeinde zu ihren Verbande als zugehörig anzuerkennen und finanziell zu unterstützen, bildete sich nach langen Verhandlungen 1855 ein Schulbau-Ausschuß in Hiltrop, aus folgenden Eingesessenen bestehend:        

Overkamp, Weusthoff, Cremer, Wwer. Cremer, Schulte, Hangohr, Lechthope, Grümer und Wiesmann. 


Vor dem Bürgermeister von Forell in Herne erschien am 03. September 1855 der Schreinermeister Schewe aus Hiltrop und bot sein neuerbautes Wohnhaus auf dem Gartmannschen Hofplatz für 3.000 Rthlr. als zukünftiges Schulgebäude an. Durch Erhöhung des Preises infolge Verzögerung des Zuschlages auf 3.500 Thaler kam es vorerst nicht zum Ankauf, doch am 19. Februar 1858 stimmten die Repräsentanten der Schulgemeinde dem Ankauf zu. Er wurde am 29 März 1858 durch die Regierung genehmigt.

Bereits am 12. August 1858 teilte die Regierung Arnsberg der Schulgemeinde Herne mit: „der bisherige Schulverwalter zu Berghofen, Schulamtskandidat  Wilhelm Balster, ist zum Lehrer an der neu errichteten Filialschule zu Hiltrop provisorisch ernannt worden.“

Damit beginnt nach 40-jährigen Bemühungen ein schulisches Eigenleben in Hiltrop vorerst als Filialschule von Herne. Die Schülerzahl lag anfänglich bei ca. 60-70 und erhöhte sich langsam mit der wachsenden Industrialisierung, bis Ostern 1883 die Schülerzahl auf 123 angestiegen war. Bis dahin blieb die Schule mit dem alleinigen Lehrer Wilhelm Balster besetzt.


Bis 1873 verlief die schulische Entwicklung ohne besondere Vorkommnisse, soweit die Akten aussagen. 1873 war das Eigenleben der Schulgemeinde soweit erstarkt, dass die Trennung Hiltrop-Bergens vom Schulverband Herne in die Wege geleitet wurde. Nachdem das Einverständnis beider Partner erzielt worden war, verfügte die Regierung Arnsberg unter dem 7. Oktober 1873 die Trennung von der Herner Schulgemeinde ab 1. Januar 1874.  Die Repräsentanten der nun selbständigen evangelischen Schulgemeinde Hiltrop-Bergen waren 

 1. Schulte-Hiltrop, 2. Schulte-Bergen, 3. Schuhmacher

Das Schulgrundstück mit dem Gebäude ging ohne Forderung seitens der Gemeinde Herne in den Besitz der neuen Schulgemeinde Hiltrop über. 


Wie schon angeführt, hatte der Lehrer Wilhelm Balster die Schule seit 1858 einklassig geführt. 

Sein Gehalt hatte mit steigender Tendenz die Höhe von 430 Rthlr. im Jahr erreicht.

Die Entwicklung der Schule muss zu seiner Zeit einen ruhigen Verlauf genommen haben, denn die Akten melden außer der Trennung von Herne keine besonderen Vorkommnisse. 

Ostern 1878 tritt Lehrer Wilhelm Balster in den Ruhestand nach 30jähriger Tätigkeit in der Gemeinde.

Sein Nachfolger war der Lehrer Carl Lützenberger aus Steinhauserberg. Die Einrichtung einer 2. Schulstelle war Ostern 1883 unumgänglich geworden, nachdem die Schülerzahl auf 123 angestiegen war.

Der Schulvorstand war einstimmig der Auffassung, dass die Stelle mit einer Lehrerin besetzt werden sollte. Gewählt wurde die Lehrerin Katharina Beerwald aus Burscheid.  Die Einweisung erfolgte unter dem 18. Mai 1883. Vorerst wurde ein Saal als Unterrichtsraum angemietet.


Nach dem baldigen Abgang der Lehrerin Beerwald wurde die Schulamtsbewerberin Emma Ortmeier aus Kornharpen am 24. Juli 1884 eingewiesen.

 Die provisorischen Schulverhältnisse waren auf die Dauer nicht mehr tragbar. Die Gemeinde entschloss ich, zuerst einmal das alte Schewensche Schulgebäude für 4.200 DM an den Rentner Asbeck zu verkaufen, um Kapital zu gewinnen für den neuen Schulbau. Das Grundstück, 2.587 m² groß, wurde von dem Landwirt Holtring zu dem damaligen soliden Preis von 3.780 Mark gekauft. Die Gesamtkosten des Schulbaues sollten 20.000 Mark betragen. Diese Summe wurde als Darlehen bei der Provinzial-Hilfskasse in Münster aufgenommen und musste in zehn Jahren getilgt werden. Die Abnahme des neuen Schulgebäudes erfolgte am 13. Juli 1887. Die Schülerzahl war inzwischen auf 164 angestiegen. Aus Hiltrop kam 59, Bergen 37 und An der Landwehr 68 Schüler. Es ist nicht ein Zeichen von Weitsichtigkeit, wenn die Gemeindevertreter trotz steigende Tendenz der Schülerzahl die Schule zweiräumig bauten. Denn die Schülerzahl betrug nach der tabellarischen Übersicht von Ostern 1891 bereits 201. 

Die 3. Lehrerstelle wurde von der Regierung unter dem 8. August 1891 genehmigt. Die Einweisung des 3. Lehrers, des Schulamtsbewerbers Ludwig Doert aus Lünen, erfolgte Ostern1892. Das Gehalt betrug jährlich 1.150 M, inklusive 300 M Staatsbeihilfe. Für den 1. Lehrer Lützenberger 1.400 Mark, inklusive 400 DM Staatshilfeund für die Lehrerin 900 Mark jährlich.

Um die neue Schule zu entlasten, wurde in der Schulvorstandssitzung am 17. Februar 1893 beschlossen, eine einklassige Schule für 80 Schüler an der Hiltroper Landwehr zu errichten. Der Grundstückspreis betrug 2.752 Mark, der Staatsbeitrag für den Schulneubau 4.280 Mark. Die erforderlichen 21.000 Mark wurden durch eine Anleihe aufgebracht.

Ende des Jahre 1897 war der Schulneubau errichtet, so dass zum 4. Januar 1898 der Lehrer Ernst Gründler aus Iserlohn eingewiesen werden konnte. Die Schülerzahl stieg unaufhaltsam, so dass 1899 der 2. Unterrichtsraum angebaut werden musste. Am 1. Juli 1900 konnte der Lehrer Paul Spielmann aus Haßlinghausen eingewiesen werden, nachdem die Schülerzahl bereits auf 161 angestiegen war.

Ein wichtiger Zeitpunkt in der Entwicklung des Hiltroper Schulwesens war das Jahr 1896. In diesem Jahr wurden erstmalig die Schullasten auf den Kommunaletat übernommen. Die Repartition der Schullasten fiel damit weg. Die Schulgemeinde, als eine jahrhundertalte Form der Selbstverwaltung, wurde abgelöst durch die politische Gemeinde, die nun die Trägerschaft übernahm.

Der Schwerpunkt der weiteren Entwicklung lag ferner im Dorf Hiltrop. Der 1. Lehrer Lützenberger trat am 1. Oktober 1897 in den Ruhestand mit einem Ruhegehalt von 1.500 Mark jährlich. Als Nachfolger wurde der Lehrer Heinrich Nagel aus Pavenstädt, Kreis Wiedenbrück eingewiesen und dazu der Schulamtsbewerber Gustav Hemer aus Dortmund infolge der wachsenden Schülerzahl. Letzterer war aber nur kurz tätig. An seine Stelle trat wohl der bereits angeführte Lehrer Spielmann.

Im Jahre 1900 hatte die Schülerzahl an beiden Schulen, die ein System bildeten, den Stand von 335 erreicht. 

Die Seelenzahl der Gemeinde betrug 1.431. Der zuständige Schulinspektor forderte die Einrichtung der 5. Stelle. Der Schulverband war (allerdings) nicht in der Lage, die Kosten zu tragen. In der Gemeinderatssitzung am 13. November 1900 wurde beschlossen, die Hilfe der Regierung Arnsberg in Anspruch zu nehmen. Das Protokollant darüber aus: „ .... auch diesmal setzt die Gemeinde das Vertrauen in die Regierung, dass sie die erbetene Hilfe nicht versagen wird“. 

Vor einer Erhöhung der Kommunalsteuer wurde von dem Amtmann Dr. La Roshé mit folgender Begründung gewarnt: „Es ist die Erwägung ausschlaggebend gewesen, dass es im Staats- und Gemeindeinteresse vermieden werden müsse, der ohnehin währenden Unzufriedenheit der arbeitenden Klasse Hiltrops über die Schmälerung ihres Verdienstes durch öffentliche Lasten noch frische Nahrung zuzuführen.“

Für die Besoldung des neu anzustellenden Lehrers bewilligte der Minister der Geistlichen, Unter-richts- und Medizinalangelegenheiten unter dem 13. Februar 1901 einen Staatszuschuss von 

1.200 DM jährlich und gleichzeitiger eine Lehrerinenstelle 900 Mark.


Nach der tabellarischen Übersicht von 1902/03 waren an den Schulen Hiltrop-Dorf und An der Landwehr, folgenden Lehrkräfte tätig:

 1. Lehrer Spielmann, geb. in Bartholfeld

 2. Lehrer Lötz, geb. in Brehloh

 3. Lehrerin Reich, geb. in Floh

 4. Lehrerin Vogeleit, geb. in Wattenscheid

 5. Lehrerin Zöllner, geb. in Creutzthal


- das Katholische Schulwesen in Hiltrop

Im Jahre 1901 wurde erstmalig die Einrichtung einer katholischen Schule in die Wege geleitet. Die Zahl der katholischen Schüler war inzwischen auf 96 angewachsen. Die Schüler besuchten zum Teil die Katholische Schule in Grumme. Zuerst wurde die Gründung einer Schulsocietät mit den katholischen Hausvätern der Gemeinde Gerthe erwogen. Laut namentlicher Liste lebten dort bereits 333 katholische Hausväter.

1902 wurde der Beschluss gefasst, auf Kosten der Gemeinde eine Katholische Schule in Hiltrop zu errichten.

Die weitere Entwicklung verlief nun in den fest gefügten Ordnungen eines zentralistisch gelenkten Schulwesen. Die Bürger brauchten sich weniger als bisher um die materiellen Grundlagen ihrer Schule kümmern. Was und wie gelehrt wurde, interessierte kaum noch die Eltern. Sie empfangen die Schule als eine lebensnotwendige, vom Staat geschaffene Institution. 

Die nach der Jahrhundertwende immer stärker einsetzende Industrialisierung der ländlichen Gemeinden hatte durch die ansteigende Bevölkerungszahl ein ständiges Wachsen der Schulbedürfnisse zur Folge. Im Laufe der Jahrzehnte bis zur Gegenwart entstanden neue und größere Systeme, um in zeitgemäßer Weise den unterrichtlichen Anforderungen gerecht zu werden. 


Im Laufe von 100 Jahren sind aus der 1858 gegründeten evangelischen Volksschule zwei große Systeme entstanden: die evangelische Volksschule Eifelstraße mit elf Schulstellen und 444 Schülern und die evangelische Volksschule Frauenlobstraße mit 13 Schulstellen und 531 Schülern.

Aus der 1902 katholischen Volksschule hat sich das System Eifelstraße mit 10 Schulstellen und 397 Schülern entwickelt. 

In einem Zeitraum von 100 Jahren ist die Zeit der Schüler von 60 auf 1.372 und die der Lehrer stellen von 1 auf 34 angestiegen. Diese Zahlen veranschaulichen die Entwicklung vom dörflichen Gemeinwesen zur modernen  Industriegemeinde.

Ob mit dem derzeitigen Stand der Höhepunkt erreicht ist, kann erst später im Rückblick auf unsere Zeit gesagt werden.



Literatur und Quellenangaben


I. Literatur:

 1. Dr. Eduard Schulze "Die Bevölkerung des AmtesBochum im Jahre 1664", Verlag Busch 
     Wattenscheid, 1925

 2. Joh. Diedrich von Steinen "Westfälische Geschichte", Lemgo 1757

 3. Rosenbaum "Chronik der Gemeinde Harpen" Selbstverlag 1866

 4. "Amtsblatt der königlichen Regierung Arnsberg 


II. Quellen: 

 Staatsarchiv Münster

   1. Akte - Cleve Mark, Landesarchiv No 1296 

   2. Aktenbestand Regierung, Arnsberg, Abteilung für Kirchen und Schulsachen, Regstr. 
       A. Section I - C b, No 56 (betr. Harpen)

   3. Section I - C 1, Tit. 6, No 110 

   4. Regstr. B IV, No 778

   5. Großherzogtum Berg A 2, No 167 


 Stadtarchiv Bochum

   1. Akte - Harpen, No 2  4/100

   2. Akte - Harpen, (1869-1899)

   3. Akte - Harpen (Landkreis)

   4. Akte - Vereinigung der Küsterei und Schule, No 2 4/47 

   5. Akte - Schulwesen Amt Gerthe

   6. Akte - Evangelische Schule, Gerthe (1870-1900)

   7. Akte - Gründung der katholischen Schule Gerthe

   8. Akte - Fremdsprachige Schulkinder (1903-1928)

   9. Akte - Schulwesen Hiltrop, No 2  4/113

 10. Akte - Schulwesen Hiltrop No 2  4/114

  11. Akte - Schulwesen Hiltrop (1851-1907)


 Evangelisches Kirchenarchiv Harpen

   1. Schulchronik des Lehrers Hiddemann (1838-1877)

   2. Akte - Kirche und Schule

   3. Akte - Lehrer und Personalien 

   4. Akte - Küsterei 

   5. Akte - Armenrechnungen (1668-1820)

   6. Akte - Kirchenrechnungen

   7. Akte - Kirchenbruch der evangelischen Gemeinde

Geschichte der Schulen Bochums seit dem 16. Jahrhundert

Hier: Die Schulgeschichte der Stadtteile in Bochum Mitte (Hamme, Hordel, Grumme, Altenbochum, Wiemelhausen)

 

                                                                                                                                             Geschichte Bochumer Schulen
                                                                                                                                                                             Sammlung Wilhelm Rüter 

Die Israelische Volksschule 


Einführung 

Das Quellenmaterial über die Geschichte der jüdischen Elementarschule in Bochum ist sehr gering. Es ist größtenteils durch die Judenverfolgung in der nationalsozialistischen Zeit der Vernichtung anheim gefallen. Im Stadtarchiv Bochum steht nur ein Aktenstück über die Jüdische Elementarschule seit 1823 der Forschung zur Verfügung, die einige Anhaltspunkte bietet. 

Die Schule 

Nach einem Aufsatz des Dichters und Arztes Carl Arnold Kortum über die Bochumer Verhältnisse, erschienen 1796 im Westfälischen Magazin von M.P.F. Weddigen, bestand schon zu der Zeit eine jüdische Schule. Er berichtete ferner, daß 1722 bereits 7 jüdische Familien in Bochum wohnten, deren Zahl 1789 auf 11 Familien mit insgesamt 49 Personen angestiegen war. Wie bei den christlichen Gemeinden war die Schule eine Einrich-tung der jüdischen Kultgemeinde. Sie wurde von den Mitgliedern der Gemeinde als Privatschule unterhalten und unterlag der staatlichen Aufsicht, die vom Magistrat der Stadt Bochum in der unteren Instanz ausgeübt wurde. 

In der vorgemerkten Akte haben alle auf-sichtlichen Maßnahmen und Verhandlun-gen ihren Niederschlag gefunden. 

1823 war nach den geltenden Bestimmungen eine jüdische Schulgemeinde mit einem Schul-vorstand gegründet worden. Die verantwortlichen Repräsentanten der Schule waren Levi Herz und Moses Süsmann. Nach der Regierungsverfügung vom 6. April 1836 hatte die Regierung Arnsberg lediglich darüber zu wachen, dass die israelitischen Kinder den nötigen Elementarunterricht erhiel-ten. Das Stundensoll betrug 26 Wochenstunden. Die hebräische Sprache musste außerhalb des Stundensolls gelehrt werden. Die Schülerzahl lag 1823 zwischen 20 und 24. 

Wegen der geringen Besoldung war der Lehrerwechsel sehr stark. 1823 unterrichtete der Lehrer Kemper und nach seinem Abgang bis 1843 der Lehrer Emanuel. Nach einem Bericht des Letzteren umfasste die jüdische Schulgemeinde 1843  26 Familien mit 30 Schülern. Davon besuch-ten 4 die christliche und 26 die jüdische Schule. 

Die Vorbildung der jüdischen Lehrer an dem Haindorfschen Institut in Münster, gegründet 1825 durch eine Stiftung des Prof. Dr. Haindorf. Diese Anstalt hatte den Charakter einer Präparandie. Die Zöglinge konnten die ordentliche Lehrerprüfung an den bestehenden staatlichen Seminaren ablegen. Das seit 1817  gedruckte "Amtliche Schulblatt" der Regierung Arnsberg meldet seit 1829 die Abgänge jüdischer Absolventen. 

 

1829 Seminar Büren             3 Israeliten 

1831 Seminar Soest               2 Israeliten 

1833 Seminar Soest               3 Israeliten 

1841 Seminar Soest               9 Israeliten 

1842 Seminar Soest             10 Israeliten 

1843 Seminar Soest             10 Israeliten 

1844 Seminar Soest             13 Israeliten 

1844 Seminar Petershagen   3 Israeliten 

1845 Seminar Soest             16 Israeliten 

1846 Seminar Soest             11 Israeliten 

1846 Seminar Petershagen   2 Israeliten 

1847 Seminar Soest                1 Israelit 

1848 Seminar Soest               6 Israeliten 

1849 Seminar Soest               2 Israeliten 

1850 Seminar Soest                7 Israeliten 

1851 Seminar Soest                5 Israeliten 

1851 Seminar Büren ´            2 Israeliten 

1852 Seminar Soest                6 Israeliten 

1852 Seminar Petershagen   1 Israelit 

1852 Seminar Büren              4 Israeliten 

1853 Seminar Soest               3 Israeliten 

1853 Seminar Büren               1 Israelit 

1854 Seminar Soest.               5 Israeliten 

1856 Seminar Soest                3 Israeliten 

1856 Seminar Büren              1 Israelit 

1857 Seminar Soest                3 Israeliten 

1864 Seminar Soest                1 Israelit 

1865 Seminar Büren               1 Israelit 

1865 Seminar Soest                 1 Israelit 

1866 Seminar Soest                 2 Israeliten 

1867 Seminar Soest                  1 Israelit 

1869 Seminar Soest                  2 Israeliten 

1870 Seminar Petershagen     2 Israeliten 

1871 Seminar Soest                  4 Israeliten 

 

In den nachfolgenden Jahrgängen werden keine jüdischen Absolventen mehr aufgeführt. Aus dem abschließenden Bericht über die Tätigkeit des Haindorfschen Instituts geht hervor, dass an die-sem Institut seit der Gründung bis 1871 für die Lehrerprüfung an einem öffentlichen Seminar 244 Schulamtskandidaten vorgebildet worden sind. Am gleichen Institut wurden in dem gleichen Zeit-raum 346 jungen Israeliten für ein Handwerk ausgebildet. Die Fakten lassen darauf schließen, dass die Judenschaft Westfalens aus eigener Initiative und eigenem Mitteln vorbildlichen Bildungsauf-gaben übernommen haben, die auch an höchsten Stellen, wie die Mitteilungen im "Amtlichen Schulblatt" beweisen, Förderung und Würdigung gefunden haben. 

 

Der Verfasser möchte darum an dieser Stelle, da ihm das Material zur Hand liegt, auf die segensreiche Tätigkeit dieses Instituts für die jüdischen Schulen besonders hingewiesen haben. 

 

Nach dem Abgang des Lehrers Emanuel war die israelischen Schule 5 Monate unbesetzt, so dass die Kinder eine christliche Schule besuchen mussten. 

Der Schulbetrieb konnte mit der Anstellung des Jonas Cosmann am 10. Juli 1843 wieder aufgenommen werden. Die Lehrer wechseln aber in kurzer Zeit wegen der schlechten Besoldung. Es folgen 1845 Moses Steinweg, 1846 Philipp Anschell, 1854 Philipp Freudenberg, 1857 Abraham Laser, 1866 Moritz Lewinger, 1872 Hitsch Laubenheim

Die Zahl der jüdischen Einwohner war von 167 im Jahre 1844 auf 207 im Jahre 1856 und die Zahl der Schüler auf 56 angestiegen. 1883 war die Zahl der Schüler auf über 60 angestiegen, so dass die Klassen mit den Lehrern Laubenheim und Ostermann eingerichtet wurden. 1887 war die israelitische Schule dreiklassig mit folgender Besetzung: 

 

  1. Oberklasse   - 20 Schüler, Lehrer Laubenheim
  2. Mittelklasse - 25 Schüler, Lehrer Ostermann
  3. Unterklasse - 28 Schüler, Lehrerin Meyer

 

Am 6. Oktober 1887 konnte das Schulgebäude neben der Synagoge an der früheren Wilhelmstraße bezogen werden. 

 

Über die weitere Entwicklung der jüdischen Schule bis zur Auflösung der Schule liegen keine Akten vor. Sie hat weit über 100 Jahre bestanden und ist zu einem Bestandteil der Bochumer Schulgeschichte geworden. Viele Generationen unserer jüdischen Mitbürger haben in dieser Schule Erziehung und Bildung empfangen. Angesichts der traurigen Ereignisse in der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft erfüllt uns das Schicksal der Schule und der jüdischen Mitbürger, die sie getragen haben und deren Zahl nun so gering ist, dass sie nie in der Lage sein werden, die Schulge-meinde wieder aufleben zu lassen, mit besonderer Anteilnahme. 

 

Erst nachdem sich Wilhelm Rüter mit den Akten beschäftigt hat, konnte der Lebensweg der letzten jüdischen Lehrern nachgestellt werden: 

Else Hirsch kam 1927 von Berlin nach Bochum, um eine Lehrerinnenstelle an der Israelistische Volksschule zu übernehmen. Sie arbeitete ferner im Jüdischen Frauenverein und gab Hebräisch-unterricht für Mädchen. 

Im Oktober 1937 nahm sie an einer Englischfortbildung bei der Reichsvertretung der Deutschen Juden in Berlin teil, um in Bochum mögliche Emigranten in Englisch unterrichten zu können. Im Juni 1938 reiste sie auch nach Palästina, vermutlich, um Kontakt mit der Kinder- und Jugend-Alijah aufzunehmen. 

In der Reichspogromnacht im November 1938, bei der auch die Synagoge in Bochum Opfer der Brandstiftung wurde, ist die jüdische Volksschule verwüstet worden. Ihr Hauptlehrer Erich Mendel wurde verhaftet und die Schule 1939 geschlossen. Bis 1941 führte die Lehrerin Else Hirsch sie als private Schule weiter. Die jüdische Volksschule war Pflicht für alle jüdischen Schülerinnen und Schüler geworden. Else Hirsch begann in dieser Zeit in Absprache mit der jüdischen Reichsvertretung, Transporte für Kinder und Jugendliche zusammenzustellen. Zwischen Dezember 1938 und August 1939 organisierte sie mit der Gemeindesekretärin Erna Philipp zehn Kindertransporte in die Niederlande und nach England

Sie selbst verblieb als einzige jüdische Lehrperson bei den zurückgebliebenen Schülern, bis die Schule im September 1941 aufgelöst wurde. Danach wurde das Gebäude zum so genannten „Judenhaus“ umfunktioniert. Im Jahre 1942 lebten dort 13 jüdische Familien. 

             Ende Januar 1942 wurde Else Hirsch zusammen mit einigen ihrer Schüler ins Rigaer Ghetto deportiert. Im Ghetto soll Else Hirsch nach Aussage eines überlebenden Schülers in einem Gebäude noch kurzfristig Unterricht für Kinder gegeben und Mahlzeiten für alte und schwache Menschen organisiert haben. Sie wurde in diesem Ghetto ermordet. 

Ihr ist es zu verdanken, dass viele jüdische Jugendliche aus Bochum den Holocaust überlebt haben. 









                                                                                                                                                            Geschichte Bochumer Schulen
                                                                                                                                                                           Sammlung  Wilhelm Rüter


Schulgründungen in der Bauernschaft
Wiemelhausen

Von Wilhelm Rüter erstellt 1966


                                                                      

Inhaltsverzeichnis 

1.   Zur Topographie und Besiedlung

2.  Katholische Kirche, Schule und Lehrer

3.   Gründung ortseigener evangelische Schule in Wiemelhausen


(In Klammern gesetzte kursive Erklärungen wurden im Rahmen der Transkription hinzugeführt)


1. Zur Topographie und Besiedlung


Die ehemalige Bauernschaft Wiemelhausen erstreckte sich von der alten Stadtgrenze in südlicher Richtung bis zur Markstraße, nach Westen bis an die Gemarkung Weitmar und wurde nach Osten begrenzt durch die Bauernschaften Altenbochum, Steinkuhl und z.T. Querenburg. Mittelpunkt der Bauernschaft war der alte Rittersitz Rechen.

Nach der Statistik des Regierungsbezirkes Arnsberg von 1839 gehörten zur Bauernschaft das Steinkuhler Holz und die Baut Brenschede mit insgesamt:

-  986 Einwohnern (467 Katholiken, 519 Evangelische) in 130 Wohnhäusern

In der Bauernschaft lagen drei Adelssitze, zu der Zeit von geringerer Bedeutung. Sie verfügte ferner über fruchtbares Ackerland und folglich über ansehnliche Hof- und Kötterstellen. (Siehe folgende Anlagen)


1581 Bauernschaft Wiemelhausen

         Ostermann, Witing, Stratmann, Wiemelhauss, Harkert, Köttings, Honscheid, 
         Cramwinkel


1654 Feuerstättenverzeichnisdes Amtes Bochum - Bauernschaft Wiemelhausen


 Name                            Stellen                   Grundherr

 Ostermann                     Hof                    Erbgut (Grundherren frei)

 Stratmann                      Hof                    Herr von Nesselrodt

                                            ½ Hof                 Procurator Brabeck

 Vitings                             ½ Hof                 Herm. v. d. Leythe

 Dickamp                        Kötter                 von Omphal

 Haus Wiemelhausen    Hof                    Abdey Essen

 Hermann Schnieder    Kötter                Abdey Essen

 Hackert                           Hof                     Schell zu Rechen

 Kötting                            Kötter                Rittmeister Schade

 Honscheidt                     Hof                    Schell zu Rechen

 Aldenkampf                   Kötter                Syndicus Kumpfhoff

 Schnieder                        Kötter                 Syndicus Kumpfhoff

 Backwinkel                     Kötter                Schell zu Rechen

 Dreußhoff                       ½ Hof                Schell zu Rechen

 Schulte to Krawinkel   Hof                     Rumpf zu Crange

 Bleckmanns                    Kötter                Rumpf zu Crange

 Gesamt:  6 Höfe; 4 halbe Höfe; 5 Kötter, 19 Feuerstätten


1839 Bauernschaft Wiemelhausen

 - 986 Einwohner (467 Katholiken, 519 Evangelische) in 130 Wohnhäusern


 Zur Bauernschaft gehören:

 a)  Wiemelhausen          - Bauernschaft

 b)  Kramwinkel              - 1 Hof

 c)  Rechen                       - Rittergut und Baut

 d)  Dibergs Mühle        - Kornmühle

 e)  Steinkuhl                   - Bauernschaft und Landgut

      261 Einwohner (129 Katholiken, 130 Evangelische) in 32 Wohnhäusern 

 f)  Brenschede - Bauernschaft und Landgut

      179 Einwohner (87 Katholiken,  92 Evangelische) in 26 Wohnhäusern


1817 Bauernschaft Wiemelhausen 

        - 217 Einwohner (132 Katholiken, 82 Evangelische) in 42 Wohnhäusern


 Bauernschaft Rechen

        - 51 Einwohner (10 Katholiken, 40 Lutheraner, 1 Reformierter) in 9 Wohnhäusern 


 Rittergut Rechen und Mühle

         - 17 Einwohner (3 Katholiken, 14 Lutheraner) in 3 Wohnhäusern 


1798 Personenstandsaufnahme im Amte Bochum für Wiemelhausen:

         Bauer:                  Schulte Cranwinkel, Hunscheidt, Dennis, Brunstein, Ostermann, 
                                        Stratmann, Wiemelhaus, Hackert, Korting

         Kötter:                 Schreyer, Schmidt, Altenkamp, Bleckmann, Vieting, Dieckamp, 
                                       Bergmann
         Leibzüchter:      Alte Ostermann Alte Vieting, Alte Phillip

         Bergmann:         Tassenberg, Weitkämper, Phillip, Leiterholt, J.H. Leiterholt, Benthe, 
                                       Vogelsang, Cornelius, Armstaedt
         Zimmermann:  Breubröcker, Helfmann

         Schmied:            Backwinkel, Stribber 
         Schreiner:           Jost Passmann

         Leineweber:       Nottelnbeck, Knappmann

         Tagelöhner:       Paßmann, König

          Wittwer:           Koch 
Gesamt: 9 Bauern; 7 Kötter; 3 Leibzüchter; 10 Bergleute; 2 Zimmerleute; 2 Schmiede; 1 Schreiner; 2 Leineweber; 2 Tagelöhner (ohne Berufsangabe): 1


Das gewerbliche Leben in diesem Siedlungsbereich wurde schon im 17. Jahrhundert weitgehend durch den Bergbau bestimmt. In ihrem und in dem unmittelbar angrenzenden Bereich lagen die älteren Stollenbetriebe Prinz Kater und Patriache, der Julius Phillip Erbstollen, Iduna, Alte Steinkuhl, Alte Berneck, sowie die späteren Schachtbetriebe Friederika, Dannenbaum II, Prinz Regent und Julius Phillip. Die Bauern und Kötter waren an den Stollenbetrieben z.T. als Gewerken beteiligt oder am Pferdetransport der gewonnenen Kohle.

An dem „Bergsegen“ partizipierten auch die zuständigen Kirchen und Schulen. Einmal in der Form, dass die überregionale Knappschaftskasse dem Lehrer und jedes Bergmannskind für die Unterrichtung 1 Taler, 30 Silbergroschen im Jahr zahlte. Die Summe belief sich z.B. für den Weitmarer Lehrer (seit 1789 nachweislich) auf 40 Taler im Jahr. Es ist anzunehmen, dass alle privilegierten Lehrer in den südlich gelegenen Kirchdörfern Anteil hatten an  diesem Bergsegen.

Darüber hinaus hatten die Kirchen und Schulen in den Gemeinden mit Bergwerksbetrieben die Nutznießung von sogenannten Freikuxen. In der Spezialakte: Freikux der Zeche Friederika für Kirchen und Schulen (Stadtarchiv Bochum)  - wird von einem aufschlussreichen Rechtsstreit 1880 zwischen dem Amte Bochum Süd als Vertreter für die Schulen und Kirchen der Gemeinde Wiemelhausen gegen die Zeche Friederika bzw. der Deutsch-Luxemburgischen Berkwerks AG in Sachen Freikux berichtet.

Rechtsgrundlage in diesem Streit war die Cleve-Märkische revidierte Bergordnung vom 29. April 1766 - Kapt.30§2. Demnach…. „soll die Ausbeute, welche von metallischen und anderen mineralischen Bergwerken, auf die zwei zur Erhaltung der Kirche und Schule bestimmten Freikuxen fällt, der dasigen Ortskirche berechnet werden.“

Zur weiteren Erhärtung des Anspruches wird aus dem Allgem. Landrecht von 1794 der §134 II, 16, aufgeführt, wonach „…..der Kirche und Schule, unter deren Sprengel die Zeche liegt,“ Freikuxen zufallen.

In dem anstehenden Rechtsstreit entstand die Frage nach der Aufteilung, wenn mehrere Kirchen und Schulen in dem Bereich des Grubenfeldes liegen.Der Rechtsanwalt und Notar Eickenbusch aus Hamm, Anwalt der Gewerkenseite, äußerte sich gutachtlich zu dieser Frage und kam zu folgender Erkenntnis: „…..2/136tel der gesamten Ausbeute steht als sogent. Freikuxe zur Verteilung. Die Aufteilung erfolgt je nach Größe der Schul- und Kirchengemeinde und resultierendem Anteil am Grubenfeld.“

Zur Begründung wir der §227 des Allgem. Berggesetzes vom 24.6.1865 angeführt, wonach die Freikuxe nach geltendem Recht eine Realberechtigung ist, welche auf dem gesamten Grubenfeld haftet. Es musste nun die Größe des Grubenfeldes und der Anteil der einzelnen politischen Gemeinden im Bereich dieses Feldes ermittelt werden. Die Aufgabe wurde dem Markscheider Lenz übertragen. Er kam zu folgendem Ergebnis:

 „Nach einer durch den Unterzeichneten ausgeführten speziellen Berechnung, liegen die Steinkohlen- und 

 Eisenfelder der Zeche Friederika in folgenden Gemeinden:

 1. Wiemelhausen mit  353,83 ha -     45,28%

 2. Altenbochum mit    213,43 ha -     27,32%

 3. Bochum mit              90,60 ha -     11,60%

 4. Weitmar mit               80,19 ha -     10,26%

 5. Steinkuhl mit              31,04 ha -       3,89%

 6. Goy mit                        12,22 ha -       1,56%

                           gesamt  781,36 ha -  100,00%


Aufgrund des Anteils am Grubenfeld musste nun für alle Beteiligten Kirchen- und Schulgemeinden ein Verteilungsmodus gefunden bzw. errechnet werden. Diese Aufgabe unterzog sich gleichfalls der Markscheider Lenz. Der nachstehende Verteilungsschlüssel wurde von allen Beteiligten akzeptiert:

1. Evangelische Kirchengemeinde Bochum (Wiemelhausen, Steinkuhl, Altenbochum) 89,74%

2. Katholische Kirchengemeinde (Wiemelhausen, Steinkuhl, Altenbochum) 89,74%

3. Evangelische Schulgemeinde                           85,76%

             (Bochum 11,60%, Wiemelhausen 45,28%, Altenbochum 27,32%, Goy 1,56% = 85,76%)

4. Katholische Schulgemeinde Bochum            60,00%

5. Katholische Schulgemeinde Weitmar             10,26%

6. Evangelische Schulgemeinde Weitmar          10,26%

7. Evangelische Schulgemeinde Steinkuhl           3,98%

8. Katholische Schulgemeinde Altenbochum   28,88%

9. Katholische Schulgemeinde Wiemelhausen 49,26%


Nach glücklichem Ausgang des Rechtsstreites stand für die beteiligten Schulen und Kirchen folgende Summe von dem Anteil an der Ausbeute der Zeche Friederika aus den vergangenen Jahren zur Verteilung:

a. Von der Sparkasse Zinsen:        10.710,56 Mark

b. aus neuester Zahlung                     374,53 Mark

                                             gesamt 11.084,89 Mark


Nach dem vereinbarten Verteilerschlüssel erhielten davon die …

1. Evangelische Kirchengemeinde Bochum      2.621,37 Mark

2. Katholische Kirchengemeinde Bochum        2.621,37 Mark

3. Evangelische Schulgemeinde Bochum          2.505,11 Mark

4. Katholische Schulgemeinde Bochum               328,85 Mark

5. Katholische Schulgemeinde Weitmar               299,70 Mark

6. Evangelische Schulgemeinde Weitmar            299,70 Mark

7. Evangelische Schulgemeinde Steinkuhl            116,26 Mark

8. Katholische Schulgemeinde Altenbochum      843,61 Mark

9. Katholische Schulgemeinde Wiemelhausen 1.438,92 Mark

                                                       gesamt             11.o84,89 Mark


In den kommenden Jahren war die Deutsch-Luxemburgische Bergwerksgesellschaft verpflichtet, am Ende eines jeden Jahres über Fördermenge und Höhe der Ausbeute der Zeche Friederika am Amte Bochum Süd als Sachverwalter für die Kirchen- und Schulgemeinden zu berichten. Ein solcher Bericht sei als Beispiel angeführt. Federführend für die drei Schächte der Gesellschaft im Bereich Wiemelhausen ist der Betriebsführer der Zeche Dannenbaum.

„Ausbeute in der Zeit vom 1. Juli 1893 bis 30. Juni 1894 der A.G. Zeche Dannenbaum: Die Dividende betrug in dem Jahr 330.000 Mark.

Die Förderung betrug:

                                       Eisenstein      Kohlen

Zeche Dannenbaum     409,5 To       321.534 To

Zeche Friederika       31.733,5 To        217.724 To

Zeche Prinz Regent       -                    210.077 To

                       gesamt 32.143,0 To       749,335 To

Die Dividende für die Zeche Friederika ist also: 330.000 Mark x 249.457 x 5 : 781.478 = 105.340,10 Mark

Davon 7/748tel =105.955,80 Mark an Freikux-Abgabe für die hiesigen Kirchen- und Schulgemeinden, sowie für fünf auswärtige Schulgemeinden“

(Der Verteilermodus, sowie auch die vorstehenden Errechnungen der Anteilsumme ist nur für den Sachkundigen nachvollziehbar)

Es sei noch vermerkt, dass bis zum Jahre 1904 je nach Lage der Ausbeute insgesamt 33.614,44 Mark zur Verteilung gelangt sind. Aus der Akte ist leider nicht zu entnehmen, aus welchen Gründen die Zahlungen aufgrund des Realrechtes um 1904 eingestellt worden sind. Die Einstellung erfolgte wahrscheinlich im Zuge der Auflösung der autonomen Schulgemeinden durch das Volksschulfinanzgesetz von 1906.

Der Bergbau ist inzwischen in den südlichen Gemeinden vollständig zum Erliegen gekommen. (Stand 1960er Jahre)

Die Beziehung zwischen der Schul- und Kirchengemeinde und dem Bergbau sollte darum festgehalten und überliefert werden.



2.  Katholische Kirche, Schule und Lehrer


Die an der Altstadt angrenzende Bauernschaft Wiemelhausen gehörte von altersher schulisch und kirchlich zu Bochum.

Zur katholischen Kirchengemeinde in Bochum gehörten 1519 (vor der Reformation) 30 Familien mit rund 130 Personen. Nach der Reformation, 1609, gehörten zur katholischenKirchengemeinde noch 5 Familien mit 25 Personen.

Nach der statistischen Erhebung von 1818 ist folgende konfessionelle Auflistung zu verzeichnen:

       295 Einwohner (145 Katholiken, 136 Lutheraner, 4 Reformierte) in 54 Wohnhäusern

Die Statistik von 1839 verzeichnete in der Bauernschaft Wiemelhausen bereits:

       546 Einwohner (251 Katholiken, 297 Evangelische) in 72 Häusern

1857 wurde erstmalig der Versuch unternommen, für die katholischen Kinder im Einzugsbereich Querenburg, Steinkuhl, Stiepel, Brenschede und Wiemelhausen eine Privatschule einzurichten. Er scheiterte aus unbekannten Gründen.

Im Zuge der aus Schulungsverhandlungen des Magistrats der Stadt Bochum mit den anliegenden Gemeinden im Jahr 1865-1869 kam es zur Gründung einer ortseigenen Schule. Auf Veranlassung der Regierung Arnsberg wählten die katholischen Hausväter zum Zwecke der Vermögensregelung mit der Muttergemeinde Bochum nachstehende Repräsentanten:

        1. Landwirt Vierhaus

        2. Bergmann Zaeger

        3. Bergmann Rohsiepe

        4. Bergmann Nöcker

        5. Steiger Cremer

Bemerkenswert ist die Tatsache, dass nicht die alteingesessenen Bauern und Kötter, sondern Angehörige des Bergbau-Gewerbes Sprecher der Gemeinde waren.

In der Sitzung am 24.4.1865 forderten die Repräsentanten von der Schulgemeinde Bochum-Altstadt eine Abfindung im folgenden Umfang: 

        1. Ein Schulbau mit Grundstück 

        2. Schulutensilien für 120 Kinder

        3. ein Unterhaltskapital von 1.500 Taler im Jahr.

Auf Vorschlag der Regierung Arnsberg kam ein Kompromiss zu Stande in der Form, dass auf Kosten der Schulgemeinde Bochum ein Schulgebäude zugleich mit einem Kapellenraum an der heutigen Brenscheder Straße errichtet wurde. Die Hausväter sorgten für den laufenden Unterhalt der Schule. 

          Der Unterricht begann 1869 mit 76 Schülern und mit dem Vikar Schöffler als Lehrer. 1874 wurde der Unterricht an der einklassigen Schule von dem Lehrer Sauer übernommen. 

Nach dem Kriege 1870/71 nahm der Bergbau in der Gemeinde sprunghaft zu, wie auch der Zuzug der Bergarbeiterfamilien. Die Schülerzahl war 1881 auf 278 und die Zahl der Unterrichtsklassen auf drei angestiegen. Die Schüler im nördlichen Teil der Gemeinde, dem Bereich Rechen, besuchten bis Ostern 1883 die Stammschule in Bochum. Zu diesem Termin war im Teil Rechen, in der späteren Oskar-Hoffmann Straße, ein vierklassiges Schulgebäude erstellt worden. Es wurde von 261 Schülern besucht.

Der Etatbericht von 1891/92 gibt erstmalig genaue Angaben über den Umfang der Schulgemeinde. Sie umfasst 3.130 katholische Einwohner im Bereich Wiemelhausen, Rechen, Steinkuhl, Brenschede und Querenburg. Die Zahl der Hausväter (= Familien) betrug 675 und die Zahl der Schüler 560. 

Die Kapellenschule in Wiemelhausen hatte vier Klassen und vier Lehrkräfte; die Rechenschule drei Klassen und drei Lehrkräfte. 

Nach dem Etatbericht 1895/96 betrug die Zahl der Schüler 763. Die Kapellenschule war fünfklassig und die Rechenschule sechsklassig. Vorherrschend war das dreiklassige System, Unter - Mittel - Oberstufe, Knaben und Mädchen getrennt. 

An der Jahrhundertwende war die Zahl der Schüler auf 1.278 angestiegen. Es bestanden vier katholische Schulsysteme:

      1. Volksschule Wiemelhausen, Brenscheder Straße           339 Schüler      4 Lehrkräfte

      2. Volksschule Brenschede, Borgholzstraße                         189 Schüler      3 Lehrkräfte

      3. Volksschule zu Rechen, Oskar-Hoffmannstraße          476 Schüler      5 Lehrkräfte

      4. Volksschule Zeche Friederika, Wiemelhauser Straße   274 Schüler      3 Lehrkräfte

                                                                              gesamt                1.278 Schüler   15 Lehrkräfte


Bis zur Auflösung der Schulsozietäten 1906 war die Zahl der Schüler auf 1.445 angestiegen und die Zahl der Schulstellen auf 23.

Im gleichen Ortsbereich stieg die Zahl der katholischen (Kinder) Schüler bis 1921 auf 2.369. Es bestanden 6 katholische Schulen.

Nachfolgend die Entwicklung der Katholische Einwohner, Schüler, Lehrer ab 1519


bis 1869 zur Schulgemeinde Bochum zugehörig
Jahr    Kath. Einwohner    Hausväter    Grundbesitz             Schüler    Lehrer

1519                130                        30 

1799                   -                           21          9 Höfe, 12 Kotten     19

1818                132                                                                               72              1

1869 (nur der südliche Teil  bildete eine Schule)

1881              1.919                       347                                            278              3

1884 (Trennung von Bochum mit 2 Schulen)                        553             7

1891/92        3.130                      675           213                           560              7 

1892/93       3.627                       754           284                          634               8

1895/96        -                                                                                   763            11

1896/97       4.556                    1.073             -                             823             11

1897/98       4.880                    1.073             -                             846             11

1898/99       5.164                    1.148              -                            984            13

1899/1900  5.889                    1.525             -                          1.113           15

1900/01      6.439                    1.626            -                            1.278           18

1901/02      6.473                     1.757             -                          1.300           20

1902/03      7.189                     2.402           -                            1.353           21

1903/04      7.662                      1.771             -                         1.405           22

1904/05      7.598                     1.372            -                           1.447           23

1921              -                            -                  -                               2.369           51



3. Gründung einer ortseigenen evangelischen Schule in Wiemelhausen 


Die Ausschulungsverhandlungen zwischen der evangelischen Schule der Altstadt und gründungswilligen Eltern der Gemeinde Wiemelhausen begannen nach dem Kriege 1870-71.

Die Zahl der schulpflichtigen Kinder betrug in dem damals noch dünn besiedelten Teil Rechen 31 und bis zur Zechenboom Prinzregent 160. Insgesamt 191Kinder


Bevollmächtigte Repräsentanten der evangelischen Schulgemeinde


    1. Heinrich Hackert

    2. Wilhelm Schulte Ostermann

    3. Hermann Vosserbäumer

    4. Georg Knoop

    5. Wilhelm Weitkämper


Damit die Ausschulung aus der überfüllten Stammschule beschleunigt wird, richtet diese eine Filialschule ein. Der Unterricht begann Ostern 1879 im Saal der Wirtschaft Walter mit einer Klasse von 86 Schülern.

Die Schüler aus dem Ortsteil Rechen besuchten vorerst auch weiterhin die Stammschule in der Altstadt.

Das erste Schulgebäude mit zwei Klassenräumen wurde an der Wiemelhauser Straße, au dem Berge, erstellt. Das Grundstück stellte der Landwirt Vierhaus für 8.970 Mark zur Verfügung. Der Schulbau, inclusive Lehrerwohnungen, war mit 36.000 Mark veranschlagt worden. Die Schule konnte im Juli 1880 bezogen werden.-

    1. Lehrer war Heinrich Hackemann

    2. Lehrer war Herr Bisping

Die Schule unterstand noch dem Rektor Thiel in Bochum. Bedingt durch das ständige Anwachsen der schulpflichtigen Kinder, wurde 1885 ein Anbau mit zwei weiteren Klassenräumen bezogen. 1892 war die Schülerzahl in Wiemelhausen auf 311 und im Ortsteil Rechen auf 142 angestiegen.

Die Trennung von der Schulgemeinde der Altstadt wurde nun in die Wege geleitet. Die Regierung in Arnsberg verfügte unter dem 26.5.1895:

 1. ab 1. Juli 1895 scheiden die evangelischen Hausväter aus der Schulgemeinde Bochum aus und bilden eine 

     selbstständige Schulgemeinde Wiemelhausen.

 2. die bereits erstellten zwei Schulgebäude (auf dem Berge) der Bochumer Schulgemeinde überlassen als 

     Eigentum, dazu eine einmalige Abfindung von 90.000 Mark

Der Schulvorstand Wiemelhausen bestand aus folgenden Mitgliedern:

    1. Schmiedemeister Kellermann

    2. Grubeninspektor Philipp

    3. Steiger Neuhaus

    4. Bergmann Oberhagen

Auch hier kam die neue Führungsschicht aus der Bergbauindustrie. Die eingesessenen Bauern hatten an Einfluss verloren. In der Sitzung am 26.6.1895 war bereits der Bau eines Schulgebäudes im Ehrenfeld (Ottostraße) und bei der Zeche Friederika (Wiemelhauser Straße 84) beschlossen worden.

Die Zahl der Schüler der neuen Schulgemeinde wurde auf 460 geschätzt. Nach dem Schuletatr von 1897/98 bestanden 2 Schulgebäude:

 I. Evangelische Schule in Wiemelhausen mit 273 Schülern

    1. Hauptlehrer Diederichs

    2. Lehrer Philipp

    3. Lehrer Kückenhöner

    4. Lehrerin Gräve


 II. Evangelische Schule Rechen mit 306 Schülern

    1. Hauptlehrer Hackmann

    2. Lehrer Bisprung

    3. Lehrer Knoop

    4. Lehrerin Sprenger

Bis zur Eingemeindung nach Bochum waren beide Systeme auf je 6 Klassen mit insgesamt 778 Schülern angewachsen.

Das Anwachsen der Bevölkerung wird nach der vorliegenden Statistik von der Gründung bis zur Eingemeindung wie folgt angegeben:


Jahr            Evang. Einw.       Hausväter      Grundbesitzer     Schüler     Lehrer

1818                     82

1895               3.021                    597                    80                        335

1896/97        3.073                   600                   100                        307

1897/98        2.789                    550                  100                        528

1898/99        3.103                    720                  115                        579

1899/1900   3.685                    854                      -                          641

1900/01        5.173                    955                   125                        668

1901/02        5.760                1.428                   148                        724

1903/04        5.632                   957                    159                        721

1904/05        6.524               1.086                    163                        778

1921                                                                                                   1.810            41


Im gleichen Ortsteil ist die Schülerzahl im Jahr 1862 von 1.810 im Jahre 1921 auf 1.509 Schülern abgesunken.




                                                                                                                                             Geschichte Bochumer Schulen
                                                                                                                                                                          - Sammlung Wilhelm Rüter

Die Geschichte der Schulgemeinde Altenbochum


Die Bauernschaft Altenbochum


(hier hat Wilhelm Rüter zunächst alle gefundenen Daten der Altenbochumer seit 1486 herausgesucht, um einen besseren Einblick in den geschichtlichen Verlauf zu bekommen)


1486  Im Osten der Altstadt Bochum lag die sehr weitläufige und fruchtbare Bauernschaft Altenbochum. 

Aufzeichnungen aus dem Schatboick von 1486 zufolge lebten in der Bauernschaft, die damals noch "Altenboickhen" hieß, folgende Familien:

Peter to Aldenboickhem, Wyntermann, Wessel Vriesch, Rytger in dem Vynckell, Hendrick Haling, Gladbecken Wyff, Derick Vryemann, Hannes Vryemann, Hendrick in der Gladbaick, Johan ingen Isenkinck, Johan Suythoff, Evert Cost, Derik Wyesmann, Wennemar in der Steynkuhlen, Schulte in den Veltaus und Wexsel Pruymboem.


1581  In diesem Jahr waren in den Bauernschaften Altenbochum und Hafkenscheidt (folgende Personen bzw. Familien) aufgelistet:

Nierhoff, Diedrich Peters, Wintermann, Frische, Püttmann, Friemann, Goert, Kost, Schramm, Suthoff, Wießmann, der Rentmeister von Hafken-scheidt, Steinkuhle, Schulte im Veltß, Brunstein, Dennes und Latbeck


1664  Nach dem Feuerstättenverzeichnis des Amtes Bochum von 1664 gehörten zur Bauernschaft 6 volle Höfe, 7 halbe Höfe und 8 Kötter. Erbfrei war nur eine Hofstelle, alle anderen hatten Hof- und Kötterstellen in Erbpacht. Fast alle Hofstellen gingen erst am Ende des 18. Jahrhunderts und Anfang des 19. Jahrhunderts ins freie Eigentum über. In der Bauernschaft lagen ferner die beiden Adelshäuser Hafkenscheid und Goy.


Name                                               Stelle                     Grundherr                     

Johann Bußmann                        Kötter                 Schell zu Rechen

Cornelius                                       Kötter                 Schell zu Rechen

Friemann                                       1 Hof                   Wisskott zu Dortmund

Jost Frische                                    Kötter                 Herr zu Rahde

Jürgen Goerdts                             ½ Hof                  Essendisch Stiftsgut

Hölting                                           Kötter                  Wisskott zu Dortmund

Johann Jürgenß                            Kötter                 Pastor zu Herten

Kost zu Hafkenscheidt               ½ Hof                 Düngeln von Dahlhausen

Michel Nierhoff                           ½ Hof                 Schell zu Rechen

Dirich Peters                                 1 Hof                  Herr zu Rahde

Püttmann                                      1 Hof                  Kloster von Lütgendortmund

Schulte im Velthuß                     1 Hof                  Herr von Heiden

Schulte Ladtbeck                         ½ Hof                 Rumpf zu Crange

Schramm zu Hafkenscheidt     ½ Hof                 Erbgut, frei

Johann uffm Stoet                      ½ Hof                 Schell zu Rechen

Ströfling                                         Kötter                 Schell zu Rechen

Sudhoff zu Hafkenscheidt       ½ Hof                  Oberst Neuhoff

Winkelmann                                 Kötter                 Herr zu Rahde

Wintermann                                 1 Hof                   Herr zu Rahde

Wysmann zu Hafkenscheidt    1 Hof                   Oberst Neuhoff

Zander                                            Kötter                   Schell zu Rechen


Neben den 12 Bauern- und 11 Kötterstellen waren auch die wichtigsten Handwerke vertreten: 5 Leineweber, 1 Schmied, 2 Zimmermänner, 1 Ziegel-streicher, 3 Schneider und bereits 4 Bergleute, 2 Wirte und ein Soldat. 11 Einwohner waren Tagelöhner und 4 hatten keinen Beruf. Insgesamt gab es 60 Familien.


Zur Bauernschaft Altenbochum gehörten:

Das Dorf Altenbochum; ein Wirtshaus in Hiltrop 1; das Wirtshaus und Ausspanne Flasche; die Kohlenzeche Friederikenau; die Rittergüter Hafken-scheid und Goy und ein Wirtshaus in Leithe 1


Im Einzelnen lebten 1664 .....

... in der Baut Hafkenscheidt

    Altegoer             Leineweber

    Hiltrop              Wirt

    Herr Kals           Kommissionsrath

    Lohmann          Küper

    Schalt                 Leineweber

    Striebeck           Tagelöhner

    Tengelmann     Bergmann

    Voß                     Schmied

    Wahl                   Tagelöhner

    Wienkop            Wittwe


... in der Baut Goy

    Altegoer              Kötter

    Fahnekemper    Kötter

    Hahnefeld          Leineweber

    Keuthe                Pächter

    Köllermann       Bauer

    Kost                     Leineweber

    Leithe                 Wirt

    Schmidt              Bergmann

    Syberg                Schneider


... in der Bauernschaft Altenbochum

Altegoer Leineweber

Constantin Börnecke Bergmann

Braebröcker Zimmermann

Bramkemper Tagelöhner

Bußmann Kötter

Cornelius Kötter

Dördelmann Wittwe

Feldhegge Zimmermann

H. Feldhegge Tagelöhner

Flasche Ziegelstreicher

Höllinger Kötter

Hofbrauer Tagelöhner

Köhler Tagelöhner

Köllermann Schneider

Kost Bauer

Schramm Kötter

Schulte Vels Bauer

H. Schulte ?

Stoedt Bauer

D. Strätling Tagelöhner

Sudhoff Bauer

Wiesmann Bauer

Wiethaus Kötter


1789

Die Personenstandsaufnahme im Amte Bochum von 1789 dokumentierte folgende Einwohner:

Alte Wintermann Leibzüchter

Börnecke Bergmann

Donnersheide Tagelöhner

Espey Tagelöhner

Friemann Bauer

Frische Bauer

Goerdt Bauer

Jander Kötter

Jürgens Kötter

Köllermann Tagelöhner

Lueg Soldat

Nierhoff Bauer

Peters Bauer

Püttmann Bauer

Schemberg Schneider

Schremberg Wittwe

Schulte Ladbeck Bauer

Strätling Kötter

Strätling Wittwe

Stratmann Tagelöhner

Winkelmann Kötter

Wintermann Bauer



1817

Die Statistik der Regierung Arnsberg nach dem Stichjahr 1817 verzeichnet

für die Bauernschaft Altenbochum:

304   Einwohner in 34 Wohnhäusern, davon 228 Katholiken und 76 Lutheraner


für die Baut Goy:

39    Einwohner in 9 Wohnhäusern, davon 19 Katholiken, 19 Lutheraner und 1 Reformierter


für die Baut Hafkenscheid:

47   Einwohner in 9 Wohnhäusern, , davon 21 Katholiken und 26 Lutheraner


für das Rittergut Hafkenscheid:

  3   Einwohner in einem Wohnhaus, davon 3 Lutheraner

zusammen: 393   Einwohner in 53 Wohnhäusern, davon 268 Katholiken, 124 Lutheraner und 1 Reformierter


1839

Die Statistik der Regierung Arnsberg nach dem Stichjahr 1839 verzeichnet:

568   Einwohner in 55 Wohnhäusern, davon 417 Katholiken und 151 Evangelische


Angegeben wird u.a. eine Kohlenzeche in der Friederikenau, vermutlich ein Stollenbetrieb im Siepen, jetzt am Glockengarten.


Kirche, Lehrer und Schule

 Die Katholische Schulgemeinde

Bis zum Ausgang des 19. Jahrhunderts blieben die Einwohner der Gemeinde Altenbochum kirchlich und schulisch mit den entsprechenden Gemeinden der Bochumer Altstadt verbunden.

Die Ausschulungsverhandlungen zwischen den Stadt- und Landgemeinden begann um 1869. Neben der sachlichen Notwendigkeit lagen der Ausschulung auch pädagogische Motive zugrunde, die der damalige Bürgermeister wie folgt schriftlich darlegte:

"Stadt und Land werden in Bezug auf die Einrichtungen des Schulwesens und insbesondere in Bezug auf die engeren oder weiteren Ziele, welche den Schulen vorgestreckt werden, ganz naturgemäß verschiedene Bestrebungen haben müssen. Die Städte werden bezüglich der Volksbildung weitergehen müssen als die Landgemeinden. Es tritt dadurch eine gegenseitige Hemmung ein."

Die Landgemeinden waren in der städtischen Schuldeputation nicht vertreten, so dass ihre Ansichten nicht zur Auswirkung kamen. Man erhoffte vor allen Dingen durch die Gründung ortseigener Schulen ein stärkeres Interesse der Landbevölkerung am Schulwesen. Ferner erhoffte man ein besseres Verhältnis zwischen Lehrern, Eltern und Kindern. Das alles könnte nach Ansicht des Bürgermeisters dem Schulwesen nur förderlich sein.

Nach dem bestehende Schulrecht war die Gründung neuer Schulen eine Angelegenheit der beteiligten Hausväter. Die kommunale Verwaltung leistete zwar Organisationshilfe und führte die Korrespondenz mit den übergeordneten Stellen. Erst später, nach 1880, wurde das ständige Schuldefizit auf den Gemeindeetat übernommen.

1869 wurde von den katholischen Hausvätern in einer Urversammlung der Beschluss gefasst, in Altenbochum eine ortseigene Schule zu gründen. Von der Muttergemeinde wurde ihnen nach langen Verhandlungen eine Kapitalabfindung von 817 Thalern zur Schulgründung zur Verfügung gestellt.

Der Unterricht konnte Ostern 1871 in dem einklassigen Schulgebäude an der jetzigen Liebfrauenstraße mit 90 Kindern beginnen.
Der erste Lehrer war der Lehramtskandidat Theodor Vehling aus Hüsten.

1873 war die Zahl der Schüler auf 125 angestiegen.

1877 ist die Schule dreiklassig und mit folgenden Lehrkräften besetzt:

    Lehrer Vehling

    Lehrer Boeckendorf

    Lehrerin Leppler 

Der ständige Zuzug von Bergarbeiterfamilien ließ die Zahl der Schulkinder vor der Jahrhundertwende rapide ansteigen.

1886 war die Schule mit 360 Schülern auf 5 Lehrerstellen angewachsen. Als bei der Besetzung der 5. Stelle die politische Gemeindevertretung Einfluss nehmen wollte, verwahrte sich der Schulvor-stand dagegen mit folgenden bemerkenswerten Worten:

"Die Schulsozietät besteht daher nach wie vor ohne Zusammenhang mit der politischen Gemeinde als autokratische Kooperation mit ihrer Vertretung, bestehend aus dem Schulvorstande und den von den Schulgemeindemitgliedern gewählten Repräsentanten."

1891 wurden die Schullasten auf den Etat der politischen Gemeinde übernommen. Die autonomen Schulgemeinden waren nicht in der läge den wachsenden Schulbedarf finanziell und organisatorisch zu bestreiten.

1891 wird mit der Besetzung der 6. Stelle das dreiklassige System und die Trennung Geschlechter eingeführt. Mit 537 Schülern werden folgende Klassen gebildet:


I Knabenzug mit drei Klassen

    Lehrer Buse aus Sümmern (seit 1878)

    Lehrer Helling aus Altenbochum (seit 1885)

    Lehrer Tillmann aus Sümmern (seit 1883)


II Mädchenzug mit drei Klassen

    Lehrerin Neuhaus aus Recklinghausen (seit 1889)

    Lehrerin Nienhaus aus Wattenscheid (seit 1891)

    Lehrerin Radelt aus Pommern (seit 1883)


1899/1900 war die Schülerzahl auf 664 angestiegen. Es bestand ein Knabenzug mit 5 Klassen und 337 Schülern, ein Mädchenzug mit 5 Klassen und 327 Schülerinnen. Es unterrichteten 5 Lehrer und 5 Lehrerinnen.

Das Schulgebäude an der Liebfrauenstraße hatte um 1900 die maximale Besetzung erreicht. Auf der Prinz wurde 1903 eine Filialschule mit 70 Schülern eingerichtet.

1904/1905 wurde sie zweitklassig mit 130 Schülern und 2 Lehrkräften erweitert.

Im Etatjahr 1913/1914 ist die Zahl der katholischen Schüler auf 1.138 angestiegen und inzwischen ein dritte Schule an der Wasserstraße eingerichtet worden. Somit bestanden zu der Zeit folgende katholische Systeme:

  1. Schule Liebfrauenstraße mit 715 Schülern und 11 Lehrkräften
  2. Schule Auf der Prinz mit 162 Schülern und 3 Lehrkräften
  3. Schule an der Wasserstraße mit 261 Schülern und 4 Lehrkräften


 Gründung der evangelischen Schulgemeinde in Altenbochum

Die gleichen Beweggründe wie bei der Ausschulung der katholischen Schüler aus der Schulgemein-de der Altstadt Bochum waren Anlass zur Gründung einer evangelischen Schulgemeinde in Altenbochum.


1873/1875

Und die kleinere reformierte und größere lutherische Kirchspielschule hatten sich 1873 endlich nach jahrzehntelangen Bemühungen zu einer Gesamtschule vereinigt. Die Zahl der Schüler betrug an 3 Systemen rund 1.200. Der Schulbezirk umfaßte bis 1875 die angrenzenden Landgemeinden Altenbochum, Wiemelhausen, Grumme und Riemke. Die Ausschulung der Kinder der Landge-meinden war aber wegen der Überfüllung dringend erforderlich geworden.

Da man sich mit der Schulgemeinde der Altstadt nicht über die Höhe der Abfindungssumme einigen konnte und inzwischen in der Nähe der altenbochumer Gemeindegrenze (an der Ecke Wittener Straße/Akademiestraße, damals Wrangelstraße) eine evangelische Schule zur Erleichterung des Schulweges errichtet worden war, verzögerte sich die Ausschulung bis 1893.


1875/1876

 Der Antrag auf Ausschulung der Kinder und unterrichtliche Versorgung in eigenen Schulen erfolgte auf einen Beschluss der evangelischen Schuldeputation der Stadt Bochum vom 16. Juli. Neben der äußeren Notwendigkeiten lagen aber auch rein pädagogische Absichten zugrunde, die der damalige Bürgermeister ausführlich darlegte. „Stadt und Land werden in Bezug auf die Einrichtung des Schulwesens und insbesondere in Bezug auf die engeren oder weiteren Ziele, welche den Schulen vorgesteckt werden, ganz naturgemäß verschiedene Bestrebungen haben müssen. Die Städte werden bezüglich der Volksbildung weiter gehen müssen als die Landgemeinden. Es tritt da-durch eine gegenseitige Hemmung ein.“ Die Landgemeinden waren zudem in der Schuldeputation nicht vertreten, so daß ihre Ansichten nicht nur zur Auswirkung kamen. Man erhoffte vor allen Dingen durch die Gründung eigener Schulen ein stärkeres Interesse der eingesessenen Landbevölkerung am Schulwesen. Es würde auch sonst ein besseres Schüler-Lehrer Verhältnis, wie auch zu den Eltern, entstehen. Das alles könnte nach Ansicht des Bürgermeisters dem Schülerwesen nur förderlich sein.

 Die Vermögensauseinandersetzungen verzögerten die Ausschulung. Neben dem Gründungskapital waren laufende Mittel in Höhe von 4.500 Mark im Jahr erforderlich. Die Schulkosten betru-gen damals in der Stadt 26 Mark und auf dem Lande 17,50 Mark je Kind im Jahr. Die evangelischen Schulgemeinde Bochum bot nach vorsichtiger Schätzung 498 Mark als Abfindungssumme an, wogegen die jährliche Schulsteuer der evangelischen Hausväter zu der Zeit bereits 1.902,32 Mark im Jahr betrug. Der Vorschlag wurde darum vorerst zurückgewiesen. Auch die Regierung Arnsberg hielt den Betrag für zu gering. Sie verfügte zuerst einmal unter dem 7. August 1875 die Wahl von verhandlungsfähigen Repräsentanten der evangelischen Schulgemeinde. Es sei hier bemerkt, daß nicht die politischen Gemeinden, sondern die Schulsocietät Träger der Schullasten war und auch sonst für die äußere Ordnung der Schule zu sorgen hatte. Die Wahl der Repräsentanten wurde demnach von allen evangelischen Hausvätern (nicht von deren Frauen) in einer Urversammlung am 6. Dezember 1875 im Saal des Wirts Hemsoth (an der früheren Stadtgrenze) durchgeführt. Nach ordnungs-mässiger Wahl wurden der Regierung folgende Repräsentanten in Vorschlag gebracht:


  1. Obersteiger Wilh. Kracht
  2. Obersteiger Diedrich Neuwerth
  3. Gastwirt Hermann Hemsoth
  4. Landwirt Wilhelm Püttmann
  5. Kötter Heinrich Hahnefeld


Stellvertreter waren

  1. Rechnungsführer Heinrich Geck
  2. Bergmann Wilhelm Niggemann
  3. Steiger Heinrich Moellmann.


Die gewählten Repräsentanten bildeten einen Querschnitt der inzwischen maßgeblichen Führungs-schicht der Gemeinde.

Nach der Bevollmächtigung der Repräsentanten durch die Regierung fassten sie zuerst einmal in der Sitzung am 13. März 1876 den Entschluss, - „auf die Trennung von der evangelischen Schulgemeinde Bochum nicht einzugehen, da die Bildung eines eigenen Schulsystems für die evangelischen Hausväter von Altenbochum unerschwingliche Lasten und Kosten herbeiführen wird.“  Man war allerdings grundsätzlich für die Ausschulung, sobald sich eine günstigere Gelegenheit dazu bieten würde.


1890 - 1893

 Unter dem 22. Dezember 1890 berichtete der Magistrat dem Landrat, dass der evange-lischen Schulvorstand nun bereit sei (nach 15 Jahren), den evangelischen Eingesessenen von Altenbochum das Kapital zum Bau einer vierklassigen Schule als Abfindung zur Verfügung zu stellen. Der Vorschlag bildete die Grundlage für weitere Verhandlungen. Im Prinzip waren die Hausväter mit der Abtrennung einverstanden. Als Gegenforderung wurde der Bau eines fünf-klassigen Schulgebäudes mit Grundstück gestellt. In der Urversammlung der evangelischen Hausväter am 27. Januar 1891 wurde folgende Resolution gefaßt: „Wir erklären uns im Prinzip mit der Abtrennung einverstanden und wünschen, daß bei derselben der Beschluss der Gemeindevertretung vom 17. Januar 1891 zugrunde gelegt wird.“ Von 575 Stimmberechtigten waren 115 anwesend, 2 erklärten sich mit der Abtrennung nicht einverstanden. Hier ist zu bemerken, daß die Schülerzahl 1891 bereit auf 361 angewachsen war. Die katholische Schule verfügte zur gleichen Zeit bereits über ein sechsklassiges System mit 510 Schülern. 

Inzwischen war auch das Schulwesen im Landkreis Bochum durch Übereinkunft kommunalisiert worden, so daß finanzielle Bedenken der Schulgründung nicht mehr im Wege standen. Der Schul-etat betrug voraussichtlich 9.700 Mark für die laufende Unterhaltung. Die Einnahmen setzten sich wie folgt zusammen:

  1. aus Strafen                                               30,- Mark
  2. aus Gemeindemitteln                     7.970,- Mark
  3. aus Staatsbeiträgen                          1.700,- Mark
  4. aussergewöhnliche Einnahmen         30,- Mark
  5. Deckung des Deficits                     7.970,- Mark


Die Genehmigung zur Gründung einer eigenen Schulgemeinde erteilte die Regierung Arnsberg unter dem 25. März 1891. Die Zustimmung der Minister mußte noch eingeholt werden. Als Baugrund wurde ein Grundstück an der Wittener Straße, nördlich der Kolonie Zeche Dannenbaum ermittelt. Die Aktiengesellschaft Dannenbaum verkaufte 1½ Morgen für 30,- Mark je Rute an die Gemeinde. Nach dem Beschluss des Gemeinderates vom 20. August 1892 gingen Grundstück und Schulhaus nach Fertigstellung in den Besitz der politischen Gemeinde über.

 Die Gründung der Schule und Organisation des Systems wurde nun zügig in die Hand genommen. Der Rektor der evangelischen Gesamtschule Herr Schreff wurde zu Rate gezogen bei der Bildung der Klassen. Er schlug in seinem Bericht von 28. Januar 1893 vor, zunächst die 414 Schüler in 6 Klassen aufzuteilen:

 In Klasse VI  –  100 Schüler

 In Klasse V    –    73 Schüler

 In Klasse IV  –    75 Schüler

 In Klasse III  –    43 Schüler

 In Klasse II    –    59 Schüler

 In Klasse I     –    64 Schüler

 

Die neue Schule konnte endlich am 1. Juli 1893 mit 414 Schülern und folgenden Lehrkräften eröffnet werden.

Erster Lehrer Karl Schlüter  aus Dortmund

    Lehrer        Wilhelm Berke aus Bittermark

    Lehrer        Möllmann  aus Neuenrade

    Lehrer        Robert Durth   aus Isselhorst

    Lehrerin     Johanna Wilkes aus Weitmar

    Lehrerin     Alma Hövelmann aus Altenbochum


1902 - 1904

Wie in allen Landgemeinden des Kreises Bochum stieg die Schülerzahl durch den verstärkten Ein-strom der Bergarbeiterfamilien vor der Jahrhundertwende rapide an. Zugleich mit der Gründung einer 2. katholischen Schule Auf der Prinz entstand auch 1902 eine 2. evangelischen Schule im gleichen Ortsteil. Die Schülerzahl war inzwischen auf 666 angewachsen. An beiden Systemen unterrichteten folgende Lehrkräfte:


Evangelischen Volksschule Wittener Straße

   Lehrer     Karl Schlüter

   Lehrer     Wilhelm Berke

   Lehrer     Robert Durth

   Lehrer     Hermann Bummold

   Lehrerin Johanna Wilkes

  Lehrerin Alma Hövelmann

  Lehrer    Wilhelm Schneider    aus Berleburg


Evangelischen Volksschule  Auf der Prinz 

   Lehrer     Ernst Möllmann

   Lehrer     Wilhelm Brune            aus  Stiepel

   Lehrerin Helene Hülsberg        aus  Firndorf


Im Schuljahr 1903/04 war die Schülerzahl bereits auf 763 angestiegen, so daß ein 3. System an der Wasserstraße errichtet werden mußte. Nach Fertigstellung des Gebäudes wurden 4 Klassen mit folgenden Lehrkräften eingerichtet:


Evangelischen Volksschule Wasserstraße 1907

   Lehrer    Wilhelm Berke

   Lehrer    Heinrich Oevel

   Lehrerin Helene Bennemann

   (für die 4. Klasse gab es noch keine Lehrkraft) unbesetzt.


Die Evangelische Schulgemeinde bestand bis 1907. Es wurde nämlich aufgrund des Volksschul-Unterhaltungsgesetzes vom 28. Juli 1906 die Bezeichnung Schulverband Altenbochum für beide Konfessionsschulen eingeführt. Damit war die überlieferte unmittelbare Selbstverwaltung der Schulgemeinde durch die beteiligten Hausväter aufgehoben. 

Die gemeindliche Selbstverwaltung war mehr ein Verwaltungsvorgang unter Hinzuziehung der Gemeindevertretung. Die Entwicklung des Schulwesens verlief nun ohne Abweichung nach staatlichen Verordnungen, so daß eine gewisse Uniformierung des Schulwesens seit der Jahrhundertwende eintrat.


1875

Von der weiteren Entwicklung ist nur noch zu berichten, daß die Schülerzahl bis zum 1. Weltkriege im steten Aufstieg begriffen war und die Gesamtzahl von 1.040 evangelischen Schülern erreichte. Bei Beginn der Ausschulungs-Verhandlungen 1875 betrug die Schülerzahl 156. Ein Vergleich läßt den enormen Anstieg der Bevölkerung in einigen Jahrzehnten erkennen. Die angefügte Statistik von 1893 bis 1920/21 gibt eine Darstellung von dem Bevölkerungszuwachs über einen Zeitraum von fast 30 Jahren.


Anhang

Übersicht der Einwohnerdaten  über den Zeitraum von fast 30 Jahre von 1893 -1921:


   Jahr        Einwohner    Hausväter    Grundbesitzer    Schüler

1893/94       2.407              581                 38                        414

1895/96                               694                 38                         437

1900/01       3.243              914                60                         666

1903/04       3.582              579                60                         763

1908/09       4.573              785                58                         908

1911/12       4.736                -                    88                     1.040

1914/15      4.969                -                   115                     1.138

1920/21      4.981                -                  123                      1.167


die Daten wurden teilweise von den Lehramtsstudenten Allbrink und Eirich im Rahmen eines Berufsfeldpraktikums der RUB im Januar 2015 zusammengestellt.






Geschichte der Schulen Bochums seit dem 16. Jahrhundert

Hier: Die Schulgeschichte der Stadtteile des Bochumer Südens und Südwesten (Querenburg, Stiepel, Weitmar, Wiemelhausen, Linden, Dahlhausen)





                                                                                                                                                      Schulmuseum unterwegs Bochum 2026 

                                                                                                                                                                               Sammlung Wilhelm Rüter 

Geschichte Bochumer Schulen 

Das Kirchspiel 

und die ehemalige Herrlichkeit Stiepel 

 

 

Inhaltsverzeichnis 

- Topographie und Besiedlung Stiepel 

- Herrschaftsverhältnisse über den Schultenhof Stiepel 

- Vorgang der Inbesitznahme der Güter nach erfolgter Belehnung durch den Gerichtsherren 

- Das gemeindliche und gewerbliche Lehen 

- Der Bergbau in Stiepel 

- Das Bergregal des Staates 

- Das Jahr 1817 im Kirchdorf Stiepel 

- Das Jahr 1839 in Stiepel (Kirchspiel Stiepel) 

- Die Einwohnerschaft der Dorfgemeinde Stiepel in einer Steuerliste aus dem Jahr 1855 

- Kirche, Schule und Lehrer 

- Der Übergang von der Vikarieschule zur öffentlichen Schule 

 


 - Topographie und Besiedlung Stiepel


 Nach der Grenzbegehung "Anno 1486 op St.Lenorendach" umfasste die alte Herrlichkeit Stiepel folgenden Landschaftsbereich:
Im Süden die Gemarkung Buchholz bis an die Grenze von Sprokhövel. Die westliche Grenze bildete die Teilbauernschaft Brockhausen, ferner "dorch die Sypen langes der Baiker Mark bis an die Brocker Becke (heute das Friedrichstal - Am Bliestollen), dorch den Busch, geheißen Neylinck" (gemeint ist Weitmar-Neuling als nordwestliche Begrenzung) Die nördliche Grenze verlief von dort "dorch den Sypen langes an die Widumer Mark bis in die Brenscheder Becke, dar in mittels der olden flutts (ist heutiges Lottental), die schedung ist bowen an die Gronendike, dar die mule gegangen langes Heymanns Berch (ist die frühere Mühle mit Mühlenteich am Ausgang des Lottentales)." Die östliche Grenze verlief von dort "bineven der Haiverer Mark (=Heven), straks op die Rure, durch die Rure boven Oveney´s Lant" Den Kern der alten Herrlichkeit bildete Stiepel-Dorf mit der Kirche, der Schule und dem ehemaligen Schulzenhof, genannt Hofstiepel. Südlich der Ruhr lag die Waldgemarkung Buchholz, im Westen die Teilbauenschaft Brockhausen, im Norden von Westen nach Osten die Bauernschaften auf der Haar, Mittelstiepel und auf dem Schrick. 

 - Herrschaftsverhältnisse über den Schultenhof Stiepel


 Das Verfügungsrecht über den Schultenhof Stiepel und der darauf beruhenden Obrigkeitsrechte übertrug 1001 der Kaiser Otto III. dem Grafen Ludger aus der sächsischen Herzogsfamilie der Billinger. Seine Gemahlin war die Imma, die in der Überlieferung als Gräfin von Stiepel bezeichnet wird, obwohl sie dem eingeborenen Stiepeler Landadel nicht angehörte.
Sie stiftete in Ausübung ihrer Hoheitsrechte über den Hof und die Burg Stiepel (ein steinern Haus auf dem jetzigen Kirchenhügel) 1008 eine Marien-Kapelle auf dem Burg- und Hofplatz. "sie stattete das Gotteshaus mit Land und Hörige - 5 territorial und 10 manicipies - aus".
Nach dem Liber Valoris wird sie als capella bezeichnet. Das Pfarr-Rektorat hatte den geringen Satz von 15 Schilling Einkünfte"                                                                                                           
                                                                                                                                                                                               (Albert Hämberg)


In den 28 Jahren ihre Witwenschaft übte Gräfin Imma das Hoheitsrecht über Stiepel aus, setzte Richter und Pfarrer ein und vergab Burg und Schulzenhof an den dortigen Landadel. Sie starb 1038, nachdem sie das Belehnungsrecht an den Bremer Erzbischof übertragen hatte. Im Dom zu Bremen fand sie ihre Ruhestätte.
Bau und Funktion der Wasserburg Kemnade in jener Zeit sind ungewiss. Die Gerichtsbarkeit und Herrschaftsgewalt über die Herrlichkeit Stiepel wurden in der Frühzeit von der alten Burg auf dem Schulzenhof ausgeübt.

"Der Hof Stiepel samt der Gerichtsbarkeit war ein Erbmannenlehen, d.h. der älteste Sohn des Gerichtsherren hatte den Anspruch auf den Hof mit seinen Rechten". bzw. auf deren Belehnung.
                                                                                                                                                                                                      (August Weiß)
 

Die Verbindung der beiden adeligen Häuser Stiepel und Kemnade geschah 100 Jahre nach dem Tode der Gräfin Imma durch Vermählung des Herren von Kemnade mit der Erbtochter von Stiepel. Die Belehnung ist nachweislich bis ins 14. Jahrhundert (1138) durch den Erzbischof von Bremen erfolgt:
Spätestens im 14. Jahrhundert ging dann das Oberlehensrecht über den Hof Stiepel und Kemnade an die Reichsgrafen zur Lippe über, die von 1393 an alle Belehnungen vorgenommen haben".                                                                                                        (Weiß)
Auf die Herren von Kemnade, die 1115 mit dem Oberhof Stiepel belehnt wurden, folgten:
    1393 die von Drücker
    1410 die von Romberg
    1415 die von der Recke
    1647 die von Syberg (bis zum Jahre 1847)
Das Hochgericht Stiepel war eine "Freiherrlichkeit", die selbstständig ist in "civilibus, criminalibus und ecclesiasticis", d.h. in bürgerlichen, Straf-, Kirchen und Sittensache Kernstück des Stiepeler Lehens blieb der Hof Stiepel mit insgesamt 13.231 Ruten Land (rund 75,5 Morgen) mit folgenden "Pertinanzien": 
Das Holz-Richteramt in der Stiepeler Mark, dem 177 Schar- oder Anteilsrechte und die Mastgerechtsame von 30 Schweinen zustand 
Die Fischerei in der Ruhr innerhalb der Stiepeler Grenzen 
Die große und kleine Jagd Eine Kornmühle auf dem Ruhrufer 
Eine Papiermühle auf dem Bach, der von Sprockhövel kommt (im Hammertal) 
Die Dienste von den Eingesessenen diesseits und jenseits der Ruhr, d.h. südlich der Ruhr (Buchholz) mussten die Hörigen alles Gras mähen und trocknen, nördlich der Ruhr das Korn mähen 
Der trockene Zehntel, nämlich 40 Malter Korn dazu von jedem Hof ein Rauchhuhn."                                 (August Weiß)

Das Herrengut Kemnade hatte insgesamt 23.516 Ruten Land (rund 133,6 Morgen) im Ruhrtal gelegen.

Vorgang der Inbesitznahme der Güter nach erfolgter Belehnung durch den Gerichtsherren


Dargestellt durch den Dortmunder Notar Johannes Arnold Lennig, den der Stiepeler Gerichtsherr Johann Adolf von Syberg 1711 in einer Streitsache gegen seine Brüder in Anspruch genommen hatte, in einem "Instrumentum apprehens possessione" (= Beweisschrift für die Besitzergreifung der Grundstücke)
 "In Gegenwart von Zeugen begab sich der neue Herr von Stiepel zunächst nach dem Hofe Stiepel, schritt durch die Deele in die Küche goss das Feuer aus und zündete es wieder an, schwenkte den Hasel über der Feuerstätte auf und nieder, stach ein Stück Torf (=Grassode) im Freien aus, zeigte den Bauern des Hofes an, daß er, der Baron, hinfort der Erbherr sei über das ganze adlige Gut Stiepel mit allem Zubehör, sowohl der alten, als auch der neuen Gerechtigkeiten: Scharen, Austriften, Masten, Schäfereien, Büschen, Weiden, Wiesen und Fischereien, und das alle Pachten, Erbpoena und Deputate künftig an in zu richten sind. Darauf ging der Gerichtsherr mit seinen Zeugen in die Kirche, rührte das Glockenseil an, schnitt ein Span Holz von einem Pfosten, schlug ein Stück Stein los, stach etwas Torf auf dem Gottesacker aus. Von hier zogen sie zur Stiepeler Mühle auf dem Ruhrufer, wo sich das Holzschneiden an Türen, Multerkasten und Krippen (den geflochtenen Mühlteichwänden), das Abschlagen von Stein und Ausstechen des Torfes wiederholte zum Zeichen der Übernahme der Mahlgerechtigkeit."                                                                         (August Weiß)

 Der Vorgang wiederholte sich in der gleichen altüberbrachten Form bei der Übernahme der "prinzipalsten Stücke der ganzen adligen Bautet Kenna" und den von dort abhängigen Kotten und Gütern, nämlich Westerberg`s und Kracht´s Kotten, dem Hof Schulte-Schüren und Rombergs Hof. Gegen Gewinnspiel und Jahrespacht wurden die Kotten und Höfe in Erbpacht übertragen.

Das gemeindliche und gewerbliche Lehen


 "Die Landgemeinde Stiepel war ihrem wirtschaftlichen Selbstverwaltungsrecht nach eine Marktgenossenschaft. Das altüberlieferte Recht der freien Männer sprach sich nicht nur in der Schöffenbarkeit, der Zugehörigkeit zum Kreise der gerichtlichen Standesgenossen, sondern auch in der Beteiligung am Gemeinde-Eigentum, dem Markenbesitz, aus."             
                                                                                                                                                                                                     (August Weiß)


Die Stiepeler Mark, Eichen- und Buchenwald, reichte im Süden von Spröckhövel bis zur Brenscheder Grenze im Norden. Der Anteil der erbberechtigten Markgenossen war in 690 Scharen oder Anteilsrechte gegliedert. Die Benutzung der Mark erfolgte nach altem und mündlich überlieferten Recht: "wie sie dat deren vurvaderen gehört hadden". Der Markenvorstand mit dem Erbholzrichter entschieden über die Nutzungs-, Holzschlag-, Mast- und Huderechte. Um der Habsucht Einzelner entgegenzuwirken, wurden die Vorstände vereidigt, wie 1576 vor dem Richter des Stiepeler Hochgerichtes: Johann Henke der Ältere, Jürgen Schulte der Oven, Jürgen Munkenberk, Johann Westermann auf der Haar, Robert Schultre zu Umberg, Evert im Korve, Jürgen Schulte zu Kortwig, Heinrich Hasenkamp und Jürgen Wefelscheid: " ... und haben mit aufgerichteten leiblichen Fingern zu Gott und seinem heiligen Evangelia gelobet und geschworen, daß sie als Stiepeler Gemerk der der  Mark und Erben Fürteil getreulich und nach allem Vermögen fördern, Schaden und Ärger, so sie können, abwenden und verhüten wollen ....."              (August Weiß) 
Die im Laufe der Jahre gerodelten Stücke der Mark, wurden an die Kötter und auch Bauern verpachtet. Die Einkünfte der Markenkasse, zum Beispiel. Strafgelder für Holzfrevel und andere vergehen, fielen der Kirche und Schule zu und der Rest wurde verzehrt und vertrunken. Die Aufteilung der Mark erfolgte am Ende des 18. Jahrhunderts nach Maßgabe der Markanteile. Der Anteil des Hauses Kemnade betrug zum Beispiel auf der rechten Ruhrseite 61 kölnische Morgen und 376 Ruten, auf der linken Ruhrseite (Buchholz) 108 Morgen und 568 Ruten. Das Pfarrhaus erhielt aus ihrem Anteil von 24 Scharen 5 Morgen und 44 Ruten. Neben den alteingesessen in Erbhofbauern, den Markgenossen, lebten in der Herrlichkeit Stiepel eine Vielzahl von kleinen Köttern in drückender Abhängigkeit von ihrem Grundherren. Gegen Handdienste, Natural- und Geldzins hatten Sie ein Nutzungsrecht am Markenland oder Bauernland erworben. Es waren meist jüngere und nicht erbberechtigte Söhne der alteingesessen Bauern. Die geringe Ackernahrung machte es notwendig, dass sie einem Handwerk nachgingen. Mit dem immer mehr aufkommenden Handwerk im Mittelalter waren die Kötter auch im Stollenbergbau tätig.


 Der Bergbau in Stiepel


 Der Stiepeler Bergbau war seit dem Mittelalter im Wesentlichen ein talsöhliger Stollenbau mit Ausnahme einiger Bremsberg-Schächte, die im Einfallen der zutage tretenden Kohlenflöze in geringer Tiefe abgeteuft wurden. Nach einer Aufstellung des Märkischen Bergamtes in Schwelm aus dem Jahre 1755 waren im Gericht Stiepel folgende Zechen in Betrieb:
Haarmanns-Bank Leibzucht Treue Preussischer Zepter Sternberg Friedrichs-Bank Alter Mann Murmanns-Bank

Um 1800 war bereits eine weitgehende Konzentration der kleinen Stollenzechen zu den ersten Tiefschächten und tonnenlägigen Schächten erfolgt, so zum Beispiel im: Karl-Friederich Erbstollen (mit den Einzelzechen Haarmanns-Bank, Herzberg, Brockhaus-Bank, Carl-Wilhelm, Müser und Schacht David) Brockhauser Tiefbau (mit Friedrich, preußischer Zepter, Treue, Diebitsch und Ignatius). Mit Gott gewagt Schiffsruder Pfingstblume Hagensiepen-Bank
„Im Jahre 1870 waren im ehemaligen Gericht Stiepel noch 27 Steinkohlenbergwerke vorhanden und 38 in den angrenzenden Bezirken verliehene Steinkohlenfelder erstreckten sich mit mehr oder weniger großen Teilen Ihrer Grubenfelder in den Stiepeler Bezirk hinein." (Dieckhoff-Bochum)
Die Kohlenzeche "Preußischer Zepter" im Friedrichstal (= am Bliestollen) war eine Landesherrliche Zeche, deren Inbetriebnahme einem besondere Zwecke dienen sollte: 1739 nahm das Bochumer Bergamt mit ausdrücklicher Genehmigung der klevischen Kriegs und Domänenkammer den seit Jahren ruhenden Betrieb auf der Zeche Preußischer Zepter zu dem bestimmten Zweck wieder auf, um sich namens seiner königlichen Majestät im dortigen Gebiete im Besitze des Regals zu erhalten. Diese landesherrliche Zeche erlangte auch noch dadurch eine besondere Bedeutung, dass die im Jahre 1738 angestellten Versuche mit der Befahrung des Ruhrflusses günstig ausgefallen waren und die Regierung sich entschlossen hatte, das Umladen der Kohlen an den Stauwehren durch den Bau von Schleusen zu umgehen. Ferner war eine Kohlenstraße geplant, die von Welper an der Ruhr an der Zeche Preußischer Zepter vorbei durch Weitmar über Hamme bis Dorsten und nach Gahlen an der Lippe führen sollte, wo die Kohlen bis zur Schiffbarmachung der Ruhr auf dem Wasserwege nach Cleve, Geldern und Moers weitergeschafft werden konnten".                     
                                                                                                                                                                                       
(Dieckhoff, Bochum) 


Das Bergregal des Staates


 Das Bergregal, das Verfügungsrecht über bestimmte Mineralien, nahm der Lehnsträger der Herrlichkeit Stiepel nach altüberliefertem Recht für sich in Anspruch und erhob aus jeder Verlehnung vom Muter den Bergzehnten. "So verlieh am 05.03.1627 Wennemar von der Reck (1602-1647 Lehnsträger von Stiepel) - ein verlassenes Bleibergwerk zwischen Brockhauser und Störling - an Wilstack und Genossen unter Vorbehalt des Zehnten".                    (Dieckhoff, Bochum)
Wegen des Bergregals im Gericht Stiepel kam es bei der endgültigen Übernahme der Grafschaft Mark in das Kurfürstentum Brandenburg (1666) zu einem 150-jährigen Rechtsstreit mit dem Bergfiskus.

Im Winter 1639 erschien auf der Zeche in der Sandfort (später Glückwinkelsburg an der Brenscheder Grenze) der brandenburgische Kommissar von Diest aus Wetter und forderte den Kohlenzehnten. Die fünf Bergleute: Dietrich Specht, Robert im Knösel, Jörgen und Tigges Brockhaus und Jörgen auf der Haar wiesen darauf hin, dass sie den Kohlenzehnten an den Gerichtsherrn Wennemar von der Reck jeden Samstag auf Kemnade bezahlt hätten und dass sonst der Frone Dietrich Schonefeld zu Stiepel die Abgaben eingefordert hätte. Der Herr von Diest ließ dann die Bergleuten die Kette von der Rolle nehmen und gab den ihn begleitenden Soldaten den Befehl, das Bergwerk einzuschlagen und führte die fünf Bergleute gefangen mit sich nach Wetter. Der Gerichtsherr Wennemar von der Reck ermunterte seine Untertanen zum festen Durchhalten auf: "sie sollten dableiben und wacker zehren, bis zu Speyer es ausgemacht wäre."
Das oberste Gericht entschied, dass der Stiepeler Kohlenzehnte der Ortsobrigkeit, also dem Freiherrn von Kemnade, zustehe. In einem neuen Prozess 1731 wurde dem derzeitigen Gerichtsherrn Johann Wilhelm von Syberg der Kohlenzehnte mit der Einschränkung, nach welcher "auf die in den adligen Gerichten geförderten, von landesherrlichen Zehnten freien Steinkohlen bei der Ausfuhr ein besonderes Import gelegt wurde."                                                                                                     
                                                                                                                                                                                         (Dieckhoff, Bochum)
1739 nahm der Fiskus, wie schon erwähnt, die Zeche "Preußischer Zepter" in Betrieb, um im Ansatz sein Regalrecht im dortigen Gebiet zu sichern.
Die Belegung des besagten Imports führte 1783 zu einem "Zehntvergleich" dergestalt, daß "als Gegenleistung für die Gewährung der Vergünstigung bei der Ab- und Ausfuhr ihrer Kohlen (auf der Ruhr) den fünfzehnten Teil in Geld ausser den übrigen landesherrlichen Bergwerksgefällen zur Königl. Zehntkasse" zu entrichten. Durch die außergewöhnliche Belastung kam der private Kohlenbergbau in Stiepel fast zum Erliegen.
Nachstehende Eingabe der Stiepeler Einwohner vom 13.02.1809 vermittelt ein Bild von der mißlichen Situation: "Die Zeche Anna Catharina liegt sehr nahe bei dem Dorf Stiepel, aber der größte Theil der Kohlen wird auf der Ruhr weggebracht, demnach wäre es für das hiesige Dorf ein großes Glück, das selbige auch Kohlen haben könnten ....
Sehr viele Bewohner Stiepels gehen mit zu Schiffe, wenn die Ruhr fahrbar ist, und wie oft haben ihre Weiber bei der Abwesenheit ihrer Männer ihren Kohlenbedarf auf ihren Köpfen von der benachbarten Zeche Anna Catharina geholt. - Die Zeche wird bald aufhören, Kohlen zu liefern. Woher sollen wir dann unseren Kohlenbedarf nehmen? Es sind zwar noch zwei Zechen in dem Gericht Stiepel diesseits der Ruhr in Betrieb, aber selbige sind nicht alleine weit von uns entfernt, sondern es sind auch bloße Ruhrzechen (Für die Ausfuhr per Schiff bestimmt), wovon wir keine holen können noch dürfen. Es würde sehr hart seyn, da uns Gott Kohlen im Überfluss in der Nähe gegeben, wenn wir solche aus entfernten Gegenden holen lassen müßten... "                                                                                                    (Dieckhoff, Bochum)

Die Staatsregierung entschloss sich den Streit um den Stiepeler Kohlenzehnten durch Ankauf des Sieberg´schen Zehntrechts aus der Welt zu schaffen. Durch Vertrag vom 01.06.1841 wurde der "Sieberg´sche Zehnte" als nachwirkendes Recht des nun Stiepeler Grundherren mit einer Summe von 55.000 Tauern angekauft. Zugrunde gelegt wurde der 25fache Jahresbetrag des Zehnten nach dem Durchschnitt der Jahre 1837 bis 1839, der 2.413 Taler, 27 Silbergroschen und 3 Pfennige betrug.


Das Jahr 1817 im Kirchdorf Stiepel
Ortsteil                     Wohnhäuser    Einwohner    Katholiken  Lutheraner  Reformierte
Mittelstiepel              42                      283                                4                   276                3
Oberstiepel                20                      163                                                     163
Brockhausen             39                      278                                3                   270                5
Schrick                        19                      134                                4                  130
Haar                             35                      233                                8                  223                2
Kemnade                       1                        10                                                       10
Gesamt                    156                    1101                            19               1072            10

Das Jahr 1839 in Stiepel (Kirchspiel Stiepel)
Kirchspiel Stiepel   Wohnhäuser   Einwohner    Katholiken   Lutheraner  Reformierte     
                                    291                 2216                     102             2108             6

Die Einwohnerschaft der Dorfgemeinde Stiepel in einer Steuerliste aus dem Jahr 1855 Aufgeführt sind 501 steuerpflichtige Haushaltsvorstände, die zu folgenden Berufsgruppen gehören:
Gruppe I:  Landwirtschaft   
   Bauern 25             
   Kötter 34             
   Bierbrauer und Bauer (Öckey) 1    Pächter  1             
   Schäfer  3             
   Tagelöhner 55             
   Rossmüller (Thiemann)     1             
- Bäcker     2                                                                                     gesamt  122

Gruppe II:  Bergbau
  Bergleute 230       
  Berginvaliden 13   
  Steiger  5                        gesamt  248

Gruppe III:  Ruhrschifffahrt
  Schiffbauer (Unternehmer Sondermann)   1
  Schiffbauer (im Lohn) 24
  Schiffseigner (Haarmann) 1
  Schiffer und Treidler 10
  Ruhrarbeiter   2
  Schleusenarbeiter  1                                                                       gesamt    39

Gruppe IV:  Eisengewerbe
  Schmiede                 5
  Hufschmiede   6
  Nagelschmied   1
  Schlosser   3                                                                                     gesamt    15
 
Gruppe V:  Bekleidung und Ernährung
  Leineweber   4
  Seidenweber   3
  Schneider   8
  Schuster   11
  Gastwirte und Winkeliere   5
  Gastwirte   5                                                                                     gesamt    36

Gruppe VI: Holz-, Holzhändler und Baugewerbe
  Holzhändler (Frische)   1     
  Schreiner   7
  Maurer   1
  Anstreicher   1                                                                                  gesamt    11

Gruppe VII:  Geistige und verwandte Berufe
  Pastor ( in Suntum)   1         
  Schullehrer (Wesemann und Bahrenberg)  2
  Musikus                 1
  Tanzmeister   1                                                                                 gesamt 5
  Ohne Berufsangaben, z.T. Witwen und Leibzüchter    25

102 Hausvorstände waren (1855) nicht in der Lage eigenhändig ihre Unterschrift zu leisten, obwohl seit 1640 eine Schule bestand und zu der Zeit zwei Schulen mit zwei Lehrkräften existierten. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass fast die Hälfte der Familienväter (243) im Bergbau tätig waren.  


Kirche, Schule und Lehrer

Stiepel wurde 885 erstmals urkundlich erwähnt. Kaiser Otto III. hat dem Grafen Liutger, dem Ehemann von Gräfin Imma, den Hof Stiepel (Stipenloh) geschenkt. Gräfin Imma erwirkte 1008 durch Kaiser Heinrich II vom Kölner Erzbischof Heribert die Genehmigung zum Bau einer Kapelle auf dem Gelände des Schulzenhofes Stiepel. Gräfin Imma vermachte das Hofgut Stiepel an den Bischof von Bremen.
In Abschrift aus dem Jahre 1708 überlieferte Stiftungsurkunde hat auszugsweise folgenden Wortlaut:
„Allen gläubigen Christen sei kund, wie eine gewisse Gräfin Imma unsere Güte angerufen hat mit der Bitte, ihr die Erlaubnis zu geben auf ihrem Hofe Stiepel eine Kirche zu bauen. Da wir diese bitte nicht gern entsprachen, wandte sie sich auch an den Kaiser Heinrich .... Und da eher mit der genannten Herrin bat, haben wir endlich die Erlaubnis gegeben.

Die vorgenannte Gräfin selber aber, sehr erfreut über solche Erlaubnis, ehrte uns nicht nur mit Geschenken würdig der Freundschaft, sondern begabte uns auch in freiwilliger Schenkung mit 5 Höfen und 10 Hörigen. Wir haben aber diese Güter mit den hörigen Bauern, zur genannten Kirche zu Ehren der Heiligen Jungfrau Mariä bestimmt und zurückgegeben. Auch haben wir der vorgenannten Gräfin selber zugestanden, in ihrer Kirche zu Stiepel das Recht zu haben, auch die Seelsorge daselbst ungeschmälert zu bestellen."
                                                                               (mitgeteilt durch Ostheide - Geschichte der Kirchengemeinde Stiepel -
1870)

Im Laufe der Jahrhunderte gab es noch diese vier Adelssitze: Gut in der Becke, Haus Brüggeney, Haus Hasenkamp und Haus Munkenbeck.

Die Herren von Kemnade empfingen den Oberhof im Jahre 1115. Im Jahre 1393 wird Wennemar Dücker (aus dem Salhof in der Becke) von Simon Edelherr zur Lippe mit dem Hof Stiepel belehnt.
1410 folgten die von Romberg.
Von 1414 bis 1647 waren die von der Recke die Gerichtsherren des Hochgerichts Stiepel. Sie lebten auf Haus Kemnade
Der letzte Gerichtsherr war der Freiherr Friedrich von Syberg († 1847).
Der Gerichtsherr Wennemar von Dücker, belehnt 1393 mit dem Hof Stiepel, hat um 1400 die "Vicarie Baetae Mariä Virginis", die zu einem früheren Zeitpunkt bereits vorhanden gewesen sein muss, mit einer Rente versehen.
Eine weitere Stiftung oder Fundierung der bestehenden Vikarie geschah 1452 durch Gottfried von der Recke, belehnt 1410. Die Urkunde wurde ausgefertigt von dem kölnischen Kleriker und kaiserlichen Notar Johannes Bramey am 23.11.1452.

Durch Urkunde vom 16.07.1691 wurde die Vikariestelle mit der Pfarrstelle kombiniert zu dem Zweck, die Versorgung einer Pfarrwitwe (Stiepel war inzwischen der Reformation beigetreten) zu sichern.
Durch Stiftungsurkunde vom 16.09.1709 wurde die Vikariestelle in eine Schulvikarie umgewandelt, d.h. die zweite Vikariestelle wurde mit der Schule kombiniert. Das Schulleben hat in Stiepel nachweislich schon früher mit Einführung der Reformation begonnen.
Die Reformation wurde 1596 durch den Pfarrer Henricus Kluvenbeck eingeführt, womit die eigentliche Schulgeschichte Stiepels begann. Kluvenbeck wurde als erster evangelischer Pastor urkundlich erwähnt.
 Der derzeitige Gerichtsherr von Stiepel, von der Recke, ein eifriger Förderer der Reformation, stiftete um 1602 eine Orgel für die Kirche und gleichzeitig das Organistenamt, das von einem Schullehrer ausgeübt wurde.
Der erste namentlich bekannte Schullehrer und Organist zu Stiepel war Elters aus Dortmund, der dieses Amt bis 1647 verwaltet hat. Elters verblieb nach seiner Amtsenthebung im Jahr 1647 als Organist (die Gründe hierfür sind unbekannt) weiter als Lehrer.
Aus einem Schriftstück aus dem Jahre 1688, ausgefertigt anlässlich der Übertragung des Organistenamtes an Henricus Tappe, geht hervor, das Orgel- und Schuldienst seit 1647 in den Händen der Familie Tappe liegen:
"Ich, Friedrich Matthias von Syberg, Frey- und Gerichtsherr zu Stipell, Herr zu Kemnade ...... thun hiermit Kraft eigenhändiger Unterschrift.....kunt unt bezeugent,  nachdemahlen Johannes Tappe, seit anno 1647 hiesigen Stiepelschen Orgel- unt Schuldienst verwaltet unt dann sich seiner Sterblichkeit erinnert .... So hat opgedachter Johannes Tappe, der Vater bey mich sittlich angehalten, nach seinem Absterben seinen Sohn Henricus Tappe zu seinem Successoren des Orgeldienstes wieder anzusetzen dergestalt, dass der Schuldienst von ihm nicht, sondern von einem anderen administriert werden solle."
Die Schulstelle ist unter Johannes Tappe fundiert, sowie mit einem Organistenhaus ausgestattet worden. Die Schären (der Markenvorstand von Stiepel) übergaben 1666 dem Gerichtsherrn von Stiepel mehrere Markengründe in Buchholz, deren Pacht: "1 Blaffert oder Blamüser" (alte Silbermünze, Wert: 25 Pfennig) einem zeitlichen Schulmeister zugelegt wurden für sein Schulgeld dergestalt, dass kein Stiepelsch Kind bedarf Schulgeld zu geben, es sei reich oder arm, klein oder groß, ausgenommen Eingangsgeld.                                                                                                                                  (Ostheide)
Unter dem 29.02.1665 übertrugen Georg von Syberg und die Erben der Stiepeler Mark ihren "Markenkotten, genannt die Nottebäumen für Belohnung des zeitlichen Organisten zu Stiepel (der) nunmehr von unserem Orgeldiener Johannes Tappe bewohnt werden soll".
Nach dessen Tod hatte der Lehrer Johannes Heinrich Viefhaus das Amt bis zu seinem Tod 1709 inne. Während der Amtszeit von Viefhaus wurde 1682 auch das erste Schulhaus errichtet. In seinen Akten fand sich der Hinweis des Pfarrers Ostheide, dass Viefhaus ein treuer, fleißiger und frommer Schuldiener gegen sei. Die geschichtlichen Überlieferungen über Elters, Tappe und Viefhaus sind sehr lückenhaft. Ob sie außer der Religion noch die elementaren Fächer Lesen, Schreiben und Rechnen lehrten ist nur von Letzterem überliefert. Nach dem Tode von Lehrer Viefhaus fassten der Gerichtsherr und Patron Mathias von Syberg "mit den Schären und Erben und sämtlichen Eingesessenen der Herrlichkeit Stiepel den Entschluss, durch Stiftung eine Schulvikarie zu begründen. Die Vicarie wurde mit der Lehrerstelle verbunden und zwar so, dass der 2. Prediger gleichzeitig als Lehrer fungierte. Die Dotierung der Lehrerstelle orientierte sich zunächst an den sog. Blutzehnten. Später wurde die Lehrerstelle mit 100 Talern pro Jahr entlohnt. Der Lehrer musste zur Augsburgischen Konfession gehören. Die Stiftungsurkunde der Schulvicarie wurde am 16.09.1709 auf Haus Kemnade von Friedrich Mathias von Syberg Freiherr zu Stiepel unterzeichnet.
Laut Vocation waren dem Vikar und Lehrer folgende Pflichten auferlegt worden:
 
1. Als Geistlicher half er dem Pastor beim Abendmahl und den Amtsvorrichtungen bei Krankenbesuchen und Beerdigungen. Im Jahr hatte er ferner acht Predigten zu halten.

 2. Als Lehrer unterrichtete er die Kinder vom sechsten bis zwölften Lebensjahr beziehungsweise bis zur Konfirmation im Katechismus, Schreiben, Lesen, Singen und Beten. Laut Stiftungs Urkunde vom 16. September 1709 sollte der künftigen Schulvikar als geistlicher Herr nachstehende, Für die damalige Zeit sehr umfangreiche Einkünfte genießen:
"jährlich den Stiepeler Kornzehnten, so der Schulte im Hofstiepel einführet und ausdreschen und einen zeitlichen Vicario rein einliefern soll".
Der Kornzehnte erbrachte im Durchschnitt
     an Roggen 39 ½ Scheffel (3 je 55 Liter)
     an Hafer     53 ½ Scheffel
     an Gerste    10 ½ Scheffel
     an Weizen     2 ⅔ Scheffel
     an Erbsen      1 Scheffel
     an Flachs     11 ½ Knötlinge
mit einem Gesamtwert von 120 Reichstalern

"Demselben (Vikario) auch auf vermeldetem Hofe eine Kuh ausfüttern, wie auch wenn Mast ist, drey Schweine mitzuteilen berechtigt sey." "Sodann soll künftig er Benificiat von einem jeden Kinde im Kirchspiel .... von derZeit, da es unterrichtet werden muss, jährlich 5 Stüber clevisch (= 25 Pfennig) ... um Martini zu fordern haben. Die Kinder auch zum Feuer an 2 Stüber absonderlich beyzutragen schuldig und gehalten seyn." "Letztlich von jeder Hauptleiche ¼ Reichsthaler, von einer Kinderleiche 7 ½ Stüber für seine Begleitung zu genießen haben."

Dem Gerichtsherrn Matthias von Syberg wurde "je Kompensation aber diese zur Unterhaltung Vicarii abgetretenen Stiepeler Zehnten und sonsten, .... wollten alle Schären und Erben Stiepeler Mark alle ihre Rechte so sie an den Kotten, so für diesen (Zehnten) zur Schule contribuiert (beigetragen) haben, bekanntlich (die Kotten): Siepmann, Mormanns, Geilenbring, Op der Delle, Geilenberg, Höllermann, Heinrich open Knappe, Voskuhle im Brockholze wie auch Dertmann, - cecliren und abtreten und Kraft dieses ihr an obgedachten Kötters haben das Recht Hochwohlgeboren Freyherrn erblich übergeben ...., damit zu schalten und walten wie mit anderen seinen Gütern nach seinen Willen ....!
Dazu erhielt der Freiherr jährlich von den Schären ein Rauchhuhn, "wann er wolle, einzufordern freisteht".
Der erste Vikar, der in die Prediger- und Schulstelle berufen worden ist, war Abraham Christian Wiesmann, der Sohn des Pastors Heinrich Wiesmann aus Nymwegen in Holland. Seine Vokation datiert vom 24.09.1709. Als Mitglied der angesehenen Hattinger Familie Wiesmann erhielt er 1728 noch die Einkünfte aus der Hattinger Vikarie St. Stephanie. Er blieb in seinem Amt bis zu seinem Ableben 1770. Sein Nachfolger war Friedrich Tumius, vorher Rektor in Lünen. Mit 37 Jahren, nach zweijähriger Amtszeit, ist er am 29.02.1772 verstorben.
Die Amtsnachfolge trat Vicarius J.H. Bruns an, der aber schon 1775 die vakant geworden Pfarrstelle in Stiepel übernahm.  Er war in Essen geboren worden und hatte in Halle studiert.
Der letzte Vicarius der Stiepler Schule war Johannes Christoph Bastian. Die Einführung in sein Amt erfolgte am 05.03.1776, in seinem 28. Lebensjahr. Die Berufung war laut nachstehende Vokation bereits im Oktober 1775 erfolgt. Inhalt und Form der Lehrbeauftragung lassen den souveränen Gerichtsherrn erkennen:
"Nachdem die Stiepelsche zweyte Predigerstelle oder Schulevikarie erlediget, und es die Noth erfordert, daß solche wiederum mit einem tüchtigen Subjecto besetzt werden, also habe ich, Johann Friedrich Wilhelm von Syberg, Herr zu Kemnade und Wischlingen, Freiherr und Gerichtsherr zu Stiepel, da mir die Besetzung dieser gemeldeten Vikarie ohne allen Widerspruch zustehet, hiermit und Kraft dieses solche dem Hochwohlehrwürdigen Herrn Johann Christoph Bastian, Candidato Ministerii Marcani, in gutem Vertrauen seiner Geschicklichkeit, untadelhaften Lebenswandels und Ordinationsfähigkeit conferieren wollen, und zwar dergestalt, das in Beneficiatus nachdem er sich auf seine eigenen Kosten ordinieren und introduzieren lassen..." (Es folgen in aller Ausführlichkeit Pflichten und Rechte seines Amtes) 
                                                                                                                   (entnommen, Stadtarchiv Hattingen, Akte Nummer 110)

In der Amtszeit des Vikarius Bastian (1776-1822) vollzug sich der Übergang von der patriarchalisch bestimmten Kirchenschule zur öffentlichen Schule unter staatlicher Aufsicht. Ein Schulvorstand wurde 1822 mit Genehmigung der Regierung Arnsberg eingesetzt.
     Pfarrer zur Oven (Vorsitzender)
     Haarmann genannt Bellwide in Mittelstiepel
     Große Rumberg in Brockhausen
     Oekey in Schrick
     Steiger Ansorge in Haar

Die Umwandlung der Vikarieschule und Übertragung der Fundation auf eine öffentliche Schule fand bei den unterschiedlichen Stellen ungeteilte Zustimmung.
Superintendent Baedeker: "Es gereicht also der Gemeinde Stiepel zum Vortheil, wenn künftig das Vikariat nicht wieder besetzt, sondern an deren Stelle ein tüchtiger Schullehrer angeordnet wird, der mehr Sinn und Liebe für den Schulunterricht hat, als man von einem studierten Mann erwarten kann."
Patronatsherr von Syberg: "Daß ich mit Vergnügen alles dazu beitragen werde, was zum zweckmäßigen Unterricht der Jugend in meinem obgenannten Freygerichte dient." (28.02.1809)
Die Kirchengemeinde als Nutznießer der Vikariefundation war weniger erfreut und äußerte sich entsprechend: "Der Prediger Zimmermann (zuständiger Schulkommissar) scheint wenig Interesse für die Kirche zu haben, sonst hätte er nicht so kaltblütig eine Beraubung der Kirche vorschlagen können. Der Konsistorialrat Bädeker traut Theologen wenig zu und macht sich auch keine Skrupel über eine Alienirung (Entfremdung) von Kirchengütern.
Die Gemeinde selbst wird zwar nicht gefragt, obschon über ihr Eigentum und ihre Lebensinteressen disponiert wird."

Die Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse ließen eine Neuregelung der Schulverhältnisse bzw. die Ablösung von der Vikariestelle (allerdings gar) nicht zu. Sie wurde (erst) 1822 durchgeführt.
Das Anwachsen der Schülerzahl und die Weitläufigkeit des Kirchspiels ließen es für geraten erscheinen, zwei Schulbezirke zu gründen: Stiepel-Dorf als Hauptschule und auf der Haar als Nebenschule. Nach einem Bericht vom 24.08.1822 an die Bezirksregierung Arnsberg entfielen auf die einzelnen Teilbauernschaften folgende Schülerzahlen:
     - Oberstiepel     39 Schüler
     - Mittelstiepel   59 Schüler
     - Brockhausen  53 Schüler
     - Haar                 37 Schüler
    - Schrick             30 Schüler    
Gesamt:           218 Schüler


Es bestanden am Beginn des 19. Jahrhunderts die Kirchspielschule in Stiepel-Dorf und eine geduldete Nebenschule mit dem Schulhalter Weustenfeld auf der Haar. Bei der Neuregulierung des Schulwesens unter einem Schulvorstand wurde die Winkelschule auf der Haar auf Vorschlag des Schulinspektors als öffentliche Schule mit einbezogen dergestalt: "das der Bergrücken von Westen nach Osten, von Schulte-Umberg bis zum Schrick, die Grenze bildet."                                                                           
                                                                                                                                                                                     (Stadtarchiv Hattingen)

Der neugebildete Schulbezirk auf der Haar umfasste: Mittelstiepel, die Hälfte vom Schrick und einige Häuser von Brockhausen mit einem Anteil von (gesamt) rund 60 Schülern der Unter- und Mittelstufe.

1822 wurde der Hilfslehrer Johann Wilhelm Müller aus Hinschied, 19 Jahre alt) dem Vikar Bastian als Adjunkt zugeordnet. Er war seminaristisch nicht vorgebildet, sondern durch einen Mentor auf den Schuldienst vorbereitet worden. Vom Schulinspektor examiniert, wurde er in seinen Kenntnissen befriedigend in allen Fächern befunden.
                                                                                                                                                                            (Stadtarchiv Hattingen)
Die Einstellung und Neuregelung des Schulwesens wurde durch Verfügung vom 15.11.1822 genehmigt. Die Vikarieeinkünfte wurden der Schulkasse zugeschlagen.
Nach zwei interimistischen Anstellungen wurde nach dem Tode des Vikars Bastian 1829 ein seminaristisch vorgebildeter Lehrer, August Wesemann aus Soest, zur Anstellung gebracht. Seine Wahl und Anstellung im November 1831 erfolgte letztmalig in der Gemeinde nach dem alten Recht, dem Collations- und Vokationsrecht, das nur von drei Instanzen: dem Patron, dem Kirchen- und dem Schulvorstand als Selbstverwaltungsrecht gehandhabt worden ist. Der mitunterzeichnende Schulvorstand repräsentierte die nunmehr autonome Schulgemeinde. Der Lehrauftrag wurde wie von altersher im Vertrag mit den örtlichen Instanzen erteilt. Der oberen Verwaltungsbehörde stand nur (noch) das Bestätigungsrecht (früher Konfirmationsrecht) zu, in nachstehenden knappen Worten:
 "Der bisherige zweite Lehrer an der Elementarschule zu Bochum, August Wesemann aus Soest, ist zum Schullehrer und Organisten bei der evangelischen Gemeinde ..... gewählt und landesherrlich bestätigt worden."                                                   (Staatsarchiv Münster) 
Die Zahl der Schüler an der Dorfschule betrug 136. An der Haarstraße 91. 
Insgesamt 227. 

 Der Übergang von der Vikarieschule zur öffentlichen Schule

Der Vikarieschule, die von dem Gerichts- und Freiherrn von Stiepel und den alteingesessenen Bauern der Dorfgemeinde durch  Urkunde vom 16.09.1709 - unwiderruflich bis zu den ewigen Tagen - gestiftet worden war, sollte durch die fortschreitenden Zeitumstände nur eine Dauer von etwas mehr als 100 Jahren beschieden sein. Die in der Stiftung verankerte enge Verbindung von Kirche und Schule durch das Kirchen- und Lehramt in der Person des Schulvikars stand einer Entwicklung des Schulwesens zur Eigenständigkeit entgegen. Sie entstammte ferner einer Zeit patriarchalischer Lebensverhältnisse, die am Anfang des Jahrhunderts, ausgelöst durch napoleonischen Kriege, dem Ende zugingen. Die Stiftung verblieb, wie später noch dargestellt werden soll, dank dem Verständnis und der Einsicht aller Beteiligten: Grundherr, Eingesessenen und Kirchleitung, letztere widerstrebend, der 1822 konstituierten Schulgemeinde als Fundation. Der letzte Vikarius der Stiepeler Schule war Johann Christoph Bastian. Die Einführung in sein Amt erfolgte am 05.03.1776, in seinem  28. Lebensjahr. Der nachstehende Berufungsschein trägt das Datum vom 14.10.1775.


Berufungsschein (Kopie)

Nachdem die Stiepelsche zweyte Predigerstelle oder Schulvicarie erlediget, und es die Noth erfordert, daß solche wiederum mit einem tüchtigen Sobjecto besetzet werde;
Als(o) habe ich, Johann Friedrich Wilhelm von Syberg, Frey- und Gerichtsherr zu Stiepel, herr zu Kemnade und Wischlingen, da mir die Besetzung dieser gemeldeten Vicarie ohne allen Widerspruch zustehet, hiermit und Kraft dieses solche dem Hochwohlehrwürdigen Herrn Johann Christoph Bastian, Candidato Ministerii Marconi, in gutem Vertrauen zu seiner Geschicklichkeit, untadelhaften Lebenswandels und Ordinationsfähigkeit.

Die Schulvicarie wurde im Jahr 1709 gestiftet. Das alte Gebäude war jedoch stark verfallen und genügte außerdem nicht mehr der stetig wachsenden Schülerzahl. Im Zusammenhang mit dem Neubau eines Schulhauses verfasste der Gemeindevorstand am 26.07.1828 folgenden Vorschlag an die Regierung:
„Darauf zu sehen, dass das Schulhaus recht theuer untergebracht wird, erheischt meine Pflicht als Orts-Vorstand, und es wird dasselbe gewiß um 50-100 Taler theurer verkauft, wenn schon beim Ausbieten desselben, dem Kaufliebhaber die Versicherung gegeben werden könnte, dass in dem Haus eine Schenkwirtschaft angelegt werden dürfte.“

Die Regierung lehnte dies jedoch strikt ab und das Gebäude wurde für 300 Taler am 25.05.1829 verkauft. Ein Jahr später wurde das neue Gebäude zu einem Preis von 1332 Talern, 2 Silbergroschen und 5 Pfennig gebaut. Dieses Gebäude wurde bis zum Jahr 1950 mitgenutzt.

1850
Die Inhaber der Lehrerstelle der Schulvicarie waren

1709  - 1770  Abraham Christian Wiesmann
1770  - 1772  Friedrich Thumius
1772  - 1776  J. H. Bruns
1776  - 1824  Joh. Christoph Bastian
1824  - 1827  Röber
Bastian war der letzte Theologe, der das Amt des Schullehrers bekleidete und mit der Berufung des Lehrers Wesemann im Jahre 1832 wird die Kirchspielschule in eine Dorfschule umgewandelt. Die Leitung der Schule ging vom Kirchenvorstand auf einen gewählten Schulvorstand über, dessen Präses der Pfarrer von Oven war.
Zu dieser Zeit betrug die Schülerzahl in Stiepel insgesamt 227 Kinder.

Neben der Kirchspielschule gab es auch noch sog. Winkelschulen, die in der Gemeinde geduldet waren. Diese wurden oft von Handwerksmeistern, die des Lesens und Schreibens mächtig waren, im Nebenberuf betrieben.

  Ehrliche Zeche erlangte auch noch dadurch eine besondere Bedeutung ?

Die Stelle des Lehrers wurde nun erstmals hauptamtlich besetzt, ohne dass dieser neben dem Schuldienst als „Hilfsprediger“ fungierte. Dies ist auch im Vertrag mit dem 1. Lehrer zu Stiepel festgehalten (Auszüge):
Kund zu tun und zu wissen sei hiermit, daß, nachdem durch das Ablebendes Vicarius Bastian die Lehrerstelle zu Stiepel vacant geworden ist, und diese Stelle nach der Erklärung des zuletzt verstobenen Patrons Herrn Philipp Freiherrn von Syberg Kemnade und des damaligen Gouvernements Commisariats zu Hamm, nicht weiter mit einem Theologen, der gleichzeitig bei der Pfarre zu Stiepel als Hilfsprediger fungiert; sondern mit einem tüchtigen deutschen Schullehrer besetzt werden soll, von dem Gutsbesitzer Emil v. Berswordt Wallrabe in der Qualität als Vormund der minderjährigen Kinder des verstorbenen Johann Friedrich Philipp Giesbert Freiherr v. Syberg Kemnade dem Patron der Gemeinde zu Stiepel der Schullehrer August Wesemann zum Elementar-Lehrer für den Schulbezirk Bochum hiermit berufen wird.“

Weiterhin sind in diesem Vertrag erstmals die Pflichten und auch Rechte des Schullehrers dokumentiert (Auszüge):
Der berufene Lehrer hat mit Fleiß und Treue sich der Erziehung der ihm anvertrauten Jugend zu widmen und außer den Schulstunden, so weit es in letzter Beziehung nur immerhin möglich, auf das Betragen der Kinder zu wachen, und durch Lehre und Wandel die Liebe der Gemeinde und die Achtung seiner Vorgesetzten zu erwerben.

Derselbe ist verpflichtet, die Orgel in der Kirche zu spielen und den Kirchengesang zu leiten.
Die von dem Lehrer zu beziehenden jährlichen Einkünfte ergeben sich aus dem anliegenden von dem Repräsentanten des Patrons so wie von dem Kirchen- und Schulvorstande unterschrieben Hebezettel.

Arme schulpflichtige Kinder hat der berufene Lehrer unentgeldlich zu unterrichten, und kein Kohlengeld von denselben zu beziehen. Es wird jedoch dafür gesorgt werden, dass er aequiralent für diesen Ausfall auf die Armen-Casse der Stiepeler Gemeinde angewiesen wird.“

Der Schullehrer war zwar nun erstmals kein Theologe mehr, hatte aber doch gewisse Pflichten in der Gemeinde. So war er Organist und Cantor und musste im Notfall auch für den Pfarrer die Predigt halten. Außerdem war der Pfarrer weisungsbefugt gegenüber dem Schullehrer. Wesemann war während seiner Amtszeit sowohl Beamter im Dienst der Schule als auch der Kirche.

Die Besoldung der Lehrerstelle basierte auf dem sog. Zehnten, einer Unterhaltsform, die ihre Ursprünge im Mittelalter hatte. Hierbei mussten die abgabepflichtigen Bauern einen bestimmten Teil ihrer landwirtschaftlichen Erzeugnisse und Güter in Geld umgerechnet abführen.

Aus dem Jahr 1810 ist hier eine sog. Zehntenrolle überliefert, die der Lehrer Bastian aufgestellt hatte. Hier waren 31 Höfe und die dazugehörigen Ländereien aufgeführt. Anhand des Hebezettels, in dem die Ernteerträge aus einem Durchschnitt von 12 Jahren errechnet wurden, wurden jedem Hof die entsprechenden Abgaben auferlegt.
Allerdings resultierten aus dieser Form der Abgaben eine Vielzahl von Rechtsstreitigkeiten zwischen der Bevölkerung und der Kirche beziehungsweise der Schule. Die Bauern versuchten außerdem mit allerlei Mitteln ihren abgabepflichtigen Zehnten zu schmälern.

So kam es, dass sich der Bürgermeister von Blankenstein im Jahr 1833 mit dem Anliegen an die landrätliche Behörde wandte, den aus der Zeit der Feudalherrschaft stammenden Frucht- und Blutzehnten umzuwandeln:
„Bekanntlich besteht das Gehalt des Lehrers in Stiepel beinahe ganz in einem Frucht- u. Blutzehnten. Ersterer ist nicht unbedeutend und besteht aus beinahe 200 Scheffelse zehntbaren Landes (= 200 x 60 Ruthen = 12.000 Ruthen). Welche Mühe u. Kosten für den Lehrer bei der Ausnahme des Zehnten entsteht, ist leicht einzusehen und auch nicht zu verkennen, daß hierdurch der Unterricht zuweilen leiden muß; indem, wenn auch der Lehrer nicht jeden Zehnten abnimmt, es doch sein Interesse erheisscht, sich darum zu kümmern. Für diesen ist der Zehnten auch lästig und er hat deshalb beim Schulvorstand auf Ablösung des Zehnten angetragen.

Dieser Antrag wurde heute, wo der Herr von Berswordt Wallrabe und der Schul- u. Kirchenvorstand zu Stiepel versammelt waren, vorgelegt, und in dem anliegenden Protokoll darauf angetragen, daß es veranlasst werden möchte, den Stiepeler Vicarie- jetzt Schulzehnten in eine Geldrente verwandeln zu lassen.

Nach dem § 2 der Ablösungsordnung vom 13.07.1829 dürfte dieser Verwandlung nichts im Wege stehen, indem der Zehnten schon über 100 Jahre im Eigenthum der Vicarie gewesen ist.“
Durch den Antrag des Bürgermeisters von Blankenstein beauftragte die General Commision in Münster den Land- und Stadtgerichtsdirektor Wilmanns in Hattingen mit der Ablösung des Zehntens und der Zehntdienste.

Da sich jedoch viele Bauern gegen die Bemessung ihrer Äcker und des sich daraus ergebenden abzuführenden Geldbetrag wehrten, dauerte es noch bis zum 18.11.1842 bis die Umwandlung des Naturalzehnten in eine Geldrente durchgeführt werden konnte.
Viele Bauern wählten jedoch die Möglichkeit die Geldrente in eine einmalige Kapitalablösung umzuwandeln. Dies wurde durch eine Verfügung der königlichen Regierung in Arnsberg im Jahr 1845 ausdrücklich genehmigt.
Als beispielhafte Berechnung dieser Kapitalablösung sind hier 2 Stiepeler Landwirte aufgeführt:
- Landwirt Brüggeney genannt Henke hatte bei einer Geldrente von 27 Talern, 5 Silbergroschen und 7 Pfennig eine Kapitalablösung von 679 Talern, 19 Silbergroschen und 7 Pfennig zu leisten.
- Landwirt Brockhausen hatte bei einer Geldrente von 22 Talern und 27 Silbergroschen eine Kapitalablösung von 572 Talern und 15 Silbergroschen zu leisten.

Die Kapitalablösung betrug also in etwa das 25-fache der errechneten Geldrente.

Wie bereits erwähnt existierten neben der Dorfschule auch noch sog. „inoffizielle“ Winkelschulen mit geduldeten Lehrern. Der Lehrer der Winkelschule „Auf der Haar“, Weustenfeld, wurde 1823 durch Verfügung der Regierung aus dem Stand der geduldeten Lehrer in den Stand der öffentlichen Lehrer erhoben. Er starb 1829 und sein Sohn übernahm das Amt.


1829
Die Regierung drängte nun darauf Stiepel in 2 Schulbezirke aufzuteilen. Zusätzlich zum Schulgebäude in Stiepel Dorf sollte auf der Haar ein weiteres errichtet werden. Die Aufteilung sah vor in der Dorfschule 132 Kinder und auf der Haar 96 Kinder zu unterrichten. Da im neu gegründeten Schulbezirk viele Bergleute ansässig waren, übernahm die Knappschaftskasse das zu zahlende Schulgeld für deren Kinder. Für den notwendigen Neubau eines Schulgebäudes wurde am 27. Januar 1832 von der Versammlung der Gemeinde-Repräsentanten, der Gemeinderäte und des Kirchen- und Schulvorstandes folgender Beschluss gefasst:
„Nachdem man die Gegend begangen, kam man einstimmig darüber ein; daß das Schulgebäude am allerzweckmäßigsten auf das Grundstück des Landwirth Westermann zu Haar, welches seinem Hofe gegenüber, an einem Kreuzweg liegt, zu stehen komme, und deshalb der Versuch gemacht werden müsste, ob dieser nicht zur Abtretung von 1 ½ Scheffelse oder 156 Ruthen cöllnisch Maß willig zu machen sey.“

Das Grundstück wurde gekauft und die Schule wurde in den Jahren 1834-1835 mit einer Kapazität für 120 Kinder errichtet. Die Kosten hierfür betrugen insgesamt 2504 Taler, die durch Umlage der Kommunalsteuer bereitgestellt wurden.

Nach dem Tod des Lehrers Weustenfeld hatte sein Sohn Friedrich die Stelle übernommen. Am 15. März 1834 wurde der Lehramts-Kandidat Bahrenberg an der Schule Haar provisorisch eingestellt. Das Gehalt des Lehrers lag bei 150 Talern jährlich und musste in Form von Schulgeld von den Eltern der Schulkinder aufgebracht werden.
Dagegen wehrten sich jedoch die Eltern, da sie es als ungerecht ansahen, dass von ihrem Geld das Schulwesen auf- und ausgebaut wurde und die zu diesem Zeitpunkt noch kinderlosen Einwohner später davon profitierten ohne selbst etwas gezahlt zu haben. Sie forderten eine gleichmäßige Verteilung der Lasten, stießen damit jedoch auf starken Widerstand seitens des Schulvorstandes.

Besonders der Lehrer hatte unter diesen Streitigkeiten zu leiden, da er viel Zeit in die Eintreibung seiner Schulstüber investieren musste und dadurch auch ein angespanntes Verhältnis zu vielen Eltern entstand.

Erst im Laufe der Jahrzehnte erlangte der Lehrer eine finanzielle Unabhängigkeit und wurde schließlich aus der Landesschulkasse besoldet.

Zusammenfassend kann man feststellen, dass die Stiepeler Bürger sich besonders um die Belange ihrer Schule kümmerten, wenn es um das Thema der Finanzierung ging. Ein weiterer Beleg dafür ist eine Eingabe an den Regierungspräsidenten vom 23.12.1848 in der eine Gruppe von Stiepeler Bürgern eine Rechnungs- beziehungsweise Kassenprüfung beim Stiepeler Schulvorstand fordert, da der Schulkassenbestand angeblich im Widerspruch zu den jährlichen Einnahmen steht. Die Eingabe listete detailliert die von den Bürgern angenommenen Geldflüsse auf.
Der Streitpunkt ist in 2 Absätzen zusammengefasst (Auszug aus der Eingabe vom 23.12.1848):
„Es stellt sich also die Ausgabe von 278 Thlr. heraus; - demnach die Schulkasse also jährlich einen Betrag von 155 Thlr. 10 Sgr. Bestand hält. Wird nun wirklich angenommen, daß für einige arme Kinder das Schulgeld erlassen, so muß demnach die Schulkasse seit Jahren einen bedeutenden Fond bezahlen.

Zu unserem größten Erstaunen vernehmen wir aber, daß die Schulkasse noch Schulden haben soll. Wie dies möglich, können wir uns nicht erklären und scheint uns unbegreiflich zu sein.“

Insgesamt erscheint das Gesamtsteueraufkommen der Gemeinde Stiepel sehr beachtlich. In den Jahren um 1855 zählte man 2.300 Einwohner und stellte einen wachsenden Wohlstand fest.
Die Steuereinnahmen setzten sich zu dieser Zeit aus Grundsteuer, Klassensteuer, Gewerbesteuer, Kommunalsteuer, Schulgeld und Schulsteuer zusammen und betrugen insgesamt 4377 Reichstaler, 11 Silbergroschen und 5 Pfennige.

Wegen der hohen Schülerzahl forderte die Regierung in Arnsberg am 2. August 1852 die Einrichtung eines neuen Schulbezirks, da das Verhältnis von 2 Lehrern zu 500 Kindern verständlicherweise als nicht mehr angemessen erschien.
Man plante zunächst einen Anbau an der Schule auf der Haar. Da dies aber nicht zweckmäßig erschien befasste man sich mit dem Vorschlag auf dem Schrick ein neues Gebäude bereitzustellen.

Zwischenzeitlich erhielt die Schule Haar zur Entlastung einen zweiten Lehrer (Lehnhoff, 21.09.1854).
Am 15.05.1856 beschloss man auf dem Schrick ein Grundstück zu erwerben. Das neue Schulgebäude wurde im Jahr 1859 errichtet. Die Kosten beliefen sich auf 7707 Reichstaler, 17 Silbergroschen und 11 Pfennig. Das Gebäude hatte 2 Klassenräume und wurde 1860 eröffnet, wobei zu diesem Zeitpunkt 65 Schüler zu dem neuen Schulbezirk gehörten. Die Stelle des Lehrers wurde durch Regierungsverfügung mit dem Lehrer Lüsebrink aus Sprockhövel besetzt.

1860
Das Einkommen des Lehrers Lüsebrink lag zu dieser Zeit bei 249 Talern im Jahr. Es setzte sich aus einem Gehalt von 200 Talern und Vergütungen für zum Beispiel Tinte und Heizmaterial zusammen.

Am 17.10.1866 wurde zusätzlich noch eine katholische Privatschule eröffnet. An dieser Schule wurden 53 katholische Kinder unterrichtet.

 Am 01.08.1929 wurde die eigenständige Gemeinde nach Bochum eingemeindet.

Stiepel ist heute ein Stadtteil der kreisfreien Stadt Bochum. Die Einwohnerzahl liegt bei 11.315 Einwohnern (Stand Januar 2011). Von den frühen Stiepeler Schulen ist heute keine mehr in Betrieb.
Geblieben ist nur die Gräfin-Imma-Schule, Städtische Gemeinschaftsgrundschule, Kemnader Straße 218. 
 



                                                                                                                                               Schulmuseum unterwegs Bochum 2018/19 

                                                                                                                                                                                Sammlung Wilhelm Rüter 

Geschichte Bochumer Schulen 

Die Schulvicarie im Kirchspiel Stiepel

 

Inhaltsverzeichnis Stiepel 

  1. Einleitendes Vorwort
  2. Anfänge des Schulwesens in Stiefel und Gründung einer Schul-Vicarie
  3. Einrichtung einer Dorfschule 1832
  4. Der Vicarie-Zehnte und seine Ablösung
  5. Entwicklung des Schulwesens in Stiepel von 1832  bis zur Jahrhundertwende 1900

 

 

Einleitendes Vorwort 

 

Das am Südhang des Ruhrtals liegende Gemeinwesen Stiepel hat im Laufe der Geschichte ein sehr eigenwilliges und individuell geprägtes Schulwesen entwickelt. 

 

Der Verfasser (Wilhelm Rüter) hat versucht, die besonderen Merkmale dieser Kirchspielschule an Hand von Archivunterlagen darzustellen. Im Laufe der Geschichte tritt sie uns zuerst als Pastorals-, dann als Kirchspiel- und ab 1832 als Dorfschule entgegen. Die Eigenwilligkeit des Gemeinwesens spricht schon aus der Tatsache, dass das Küsteramt erst dann mit dem Lehreramt verbunden wurde, als dieses 1832 dem seminaristisch gebildeten Lehrer Wesemann übertragen wurde. Vorher lag es immer in der Hand eines besonderen Küsters. 

 

 Im Mittelpunkt der Arbeit steht  die Darstellung über die Schulvicarie. Sehr ausführlich ist ferner behandelt worden die Geschichte des Schulzehnten; seine Umwandlung vom Naturalzehnten zur Grundrente und späteren Ablösung durch die Zehntpflichtigen. Die Fundierung der Schule durch Zehntabgaben war an vielen Orten üblich, doch selten sind die Hinweise so zahlreich wie in dem Archivmaterial über die Stiepeler Schule. 

 

Die vorliegende Arbeit stützt sich vornehmlich auf folgende Akten: 

Stadtarchiv Bochum: 2.4.139 - 2.4.141 und 1.23.103 - 1.23.107, Staatsarchiv Münster: Regierungsbezirk Arnsberg - Kirchen- und Schulregister A Titl.2 Sect. II E No  27a - 27b. 

Ergänzende Hinweise gab auch die kleine Schrift des Pastors H. Ostheide - Geschichte der Kirchengemeinde Stiepel - 1874, Stadtarchiv Bochum. 

Um den Gesamteindruck der Arbeit nicht durch ständige Quellenhinweise zu stören, ist der Nachweis im Text nicht immer gegeben. 

 

Das Bild der alten selbstverwalteten Kirchspielschule ist sehr farbenreich. Der Charakter der Schule ist besonders stark bestimmt durch die Fundatiónsumstände, das Gleichmaß der späteren Staatsschule war ihr fremd. Wie bei vielen anderen Schulen, zeigt auch die Stiepeler Schule nach 1850, der Zeit der Stiehlschen Regulativen, wenig auffällige Merkmale. Die Nivellierung hat am Ende des 19. Jahrhunderts eine "Gleichschaltung" der Schulen erreicht. Darum ist in der vorliegenden Schulgeschichte die neuere Zeit nicht berücksichtigt. 

Die vorliegende Arbeit soll dazu beitragen, die verhältnismäßig junge Geschichte der Volksschule und es Lehrerstandes als Tradition zu pflegen. Sie ist vornehmlich den Stiepeler Schulen gewidmet. 

                                                                                                                                     Wilhelm Rüter Bochum, im Jahre 1955 

 

  

II. Geschichte der Schulevicarie von 1709-1832 - Einleitung 

 

Die Schulen zu Stiepel blicken auf eine über 300-jährige Geschichte zurück. Die Mutterschule war seit ihrer Gründung bis zum Jahr 1832 eine Kirchspielschule. 

Die Wahl des Lehrers erfolgte nach althergebrachter Rechtsordnung. Die Mutterschule war seit ihrer Gründung bis zum Jahr 1832 eine Kirchspielschule. Der Besitzer von Haus Kemnade, hatte als Patronatsherr der Kirche auch das Collationsrecht (= Vorschlags- oder Besetzungsrecht) bei der Besetzung der Schulstelle. Er konnte drei "Subjekte" in Vorschlag bringen. Der Kirchenvorstand hatte das Wahlrecht und erteilte die Vocation 
(= Auftrag mit allen Rechten und Pflichten). 

 Der Landesherr beziehungsweise seine unteren Verwaltungsorgane erteilten das "Confirmations-Patent" und gaben dadurch der Wahl die Rechtsverbindlichkeit. Die vorgesetzte Behörde des Lehrers war der Kirchenvorstand. 

 Die Schule gehörte somit zum Bereich der Kirchen. Sie wurde wirtschaftlich getragen aus einer Fundation-Stiftung durch den adeligen Grundherren oder, wie bei reinen Bauernschafts-schulen, durch Fundation der Eingesessenen. Im Allgemeinen musste der Lehrer, entsprechend der derzeitigen Wirtschaftsstruktur aus dem Grund und Boden ernährt werden. Die Naturaleinkünfte, laut Hebezettel, bildeten im Wesentlichen die Grundlage seiner wirtschaftlichen Existenz. Der später eingeführte Schulstüber kam nur spärlich an und bildete die Ursache ewiger Streitigkeiten mit den Eltern. Daneben hatte er noch einige "Accidentien" aus dem kirchlichen Nebenamt zu genießen. 

So wurde der Schulhalter schlecht und recht von der Gemeinde getragen und führte sein ganzes Leben hindurch einen ewigen Kampf um seine Revenuen. Doch davon soll später im Einzelnen noch die Rede sein. 

 Da es sich bei dieser Schulchronik um eine Kirchspiel-Schule handelt, müssen notwendiger-weise einige kirchengeschichtliche Hinweise gegeben werden. 

Schon in vorgeschichtlichen Zeiten mögen bäuerliche Siedlungen gegenüber dem Ausgang des Hammertales auf der rechten Seite des Ruhrtales entstanden sein. Die Nachrichten aus dem Mittelalter erwecken den Eindruck eines sehr selbstbewussten Gemeinwesens mit einer fest gefügten sozialen Ordnung. 

 Mit der Christianisierung sind uns die ersten urkundlichen Nachrichten überliefert. Wo immer sich ein Gemeinwesen bildete, entstand auch das Bedürfnis nach einem geistigen Mittel-punkt, wodurch das natürliche Sein gleichsam in eine höhere Ordnung eingliedert wurde. 

 Gräfin Imma erwirkte 1008 durch Kaiser Heinrich II vom Bischof Heribert in Köln die Genehmigung zum Bau einer Kapelle. Die Stiftungsurkunde von 1008 existiert nicht mehr; sie lautet in der Abschrift von 1708 durch Johann Kielmann: 

 

"Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. 

Wir Heribert, durch Gottes Erbarmen Erzbischof von Köln: Gruß und Gnade allen Christgläubigen zu erlangen. 

Allen gläubigen Christen sei kund, wie eine gewisse Gräfin Imma unsere Güte angerufen hat mit der Bitte, ihr die Erlaubnis zu geben, auf ihrem Hofe Stiefel eine Kirche zu bauen. Da wir dieser Bitte nicht gerne entsprachen, wandte sie sich auch an den Kaiser Heinrich. 

Bei diesem richtete sie am meisten aus. Und da er mit der genannten Herrin bat, haben wir endlich die Er-laubnis gegeben. Die vorgenannte Gräfin selber aber, sehr erfreut über solche Erlaubnis, ehrte uns nicht nur mit Geschenken würdig der Freundlichkeit, sondern begabte uns auch in freiwilliger Schenkung mit 5 Höfen und zehn Hörigen. Wir haben aber diese Güter, mit dem hörigen Bauern, zur genannten Kirche zu Ehren der Heiligen Jungfrau Maria bestimmt und zurückgegeben. Auch haben wir der vorgenannten Gräfin selber zu-gestanden, in ihrer Kirche zu Stiepel das Recht zu haben, auch die Seelsorge daselbst ungeschmälert zu bestellen. 

Gegeben im Jahr nach der Fleischwerdung des Herren 1008 am 16. April." 

                                                                                         (Mitgeteilt durch Ostheide - Geschichte der Kirchengemeinde Stiepel) 

 

Es ist uns geschichtlich überliefert, dass die Kirche auf dem Grunde des alten Burgbe-reiches, also außerhalb des Dorfes, erbaut worden ist. Es ist anzunehmen, dass sie von den Steinen der alten Burg erstellt, weil später, noch zu Lebzeiten der Gräfin Imma, die Burg Kemnade als Witwensitz im Ruhrtal erstmalig erbaut wurde. 

Das kirchliche Leben bis zur Reformation ist in dieser Darstellung nicht von Wichtigkeit, weil die Zeit weniger für die Schulgeschichte von Interesse ist. 

 Mit der Reformation, die verhältnismäßig spät in Stiepel ihren Einzug hielt, (etwa um 1596), begann die eigentliche Schulgeschichte. 

Pastor Kluvenbeck wird uns als erster evangelischer Pastor urkundlich gemeldet. Er trat im Laufe seiner Amtszeit zum evangelischen Glauben über und fand ab 1602 einen eifrigen Förderer in Wennemar von der Recke, Gerichtsherr von Stiepel. 

 Er stiftete eine Orgel und gleichzeitig das Organistenamt, das von dem ersten Schulhalter Lehrer Elters aus Dortmund verwaltet wurde. Diese wurde aus einem nicht bekannten Grund 1647 seines Amtes als Organist enthoben, verblieb aber weiter als Lehrer. 

Ihm folgte ein Johann Tappe als Organist und zugleich Hauptlehrer. Wir können annehmen, dass Elters angesichts der großen Gemeinde zum Wanderlehrer degradiert worden ist und Tappe die eigentlichen Pfründe besaß. 

Nach dem Tode des Johann Tappe wurde als Nachfolger der Lehrer Johann Heinrich Viefhaus gemeldet. Bei seinem Tode 1709 wurde in das Zeugnis gegeben, ein "treuer, fleißiger und frommer Schuldiener gewesen zu sein." 

 Die geschichtliche Überlieferungen über die drei vorstehenden Schulmeister sind sehr dürftig. Ob sie neben dem Katechismus auch in Lesen, Schreiben und Rechnen unterrichtet haben, kann nur von dem Letzteren wie wir sehen werden, mit Sicherheit angenommen werden. 

 Die Einkünfte waren sicher sehr unbedeutend. Erst am 25.10.1666 ward das Schulamt, neben dem Organistenamt fest fundiert. Es sei noch erwähnt, dass ihnen nicht das Küsteramt oblag. Dieses wurde erst 1832 den ersten ordentlichen Lehrer Wesemann, aus notwendig erscheinenden Gründen, aufgebürdet. 

Die Schären übergaben den Gerichtsherrn von Stiepel 1666 mehrerer Markengründe in Buchholz, deren Pacht  "einem zeitlichen Schulmeister zugelegt wurde für sein Schulgeld dergestalt, dass kein Stiepelsch Kind bedarf Schulgeld zu geben, es sei reich oder arm, klein oder groß, ausgenommen Eingangsgeld 1 Blaffert oder ein halber Blamüser."              

 (mitgeteilt von Ostheide.) 

 

Die Pachtgelder betrugen elf Taler im Jahr. Im Jahre 1697 wurde die Pacht von drei Kotten noch hinzugetan. Im Laufe der Zeit reichten auch diese Gelder nicht mehr aus, so dass mit dem Amtsantritt von Lehrer Viefhaus das Eingangsgeld auf 1 Schilling und das Schulgeld auf einen halben Taler im Jahr erhöht wurde. 

Da wenig Bargeld in den Händen der Landbevölkerung war, hörten die Klagen der Schulmeister über versäumte Pachtgelder und Schulstüber niemals auf und füllen die Akten noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. 

Am 14.07.1705 erließ Frau Mathilde von Syberg ein scharfes Mandat wider die säumigen Zahler und droht mit Exekution. Wir lesen gleichzeitig, was vom Lehrer gefordert wurde: Er soll   

- "die Kinder in der Gottesfurcht, im Katechismus, Lesen und Schreiben unterrichten, damit sie nicht wie bisher aufwachsen." 

 Auch über schlechten Schulbesuch wurde ständig Klage geführt. Mancher Schulstüber wurde auf diese Weise gespart. Das Schulreglement vom 12.08.1763 hat auch darin vorerst, bis um 1820, keine Änderung herbeigeführt. 

 Es interessiert uns auch, an welchem Ort der Unterricht erteilt wurde. Nach Ostheide wurde das Haus der Organisten als Schule benutzt. In der Zeit um 1700 brannte das Gebäude ab und wurde aus dem Markenholz und von dem Geld der Gemeinde, wieder aufgebaut. Um 1754 muss es verändert worden sein. Wo es lag, ist nicht mit Sicherheit überliefert. Nach der Prozessakte der Familie Tappe gegen den Patronatsherren ist mit Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass jenes Gebäude auf der Stelle der heutigen Familie Fischbach (Düsterstraße) lag, die im Volksmunde den Zunamen "am Tappen" hat. Der heutige Besitzer bestätigte dem Verfasser (Wilhelm Rüter) anlässlich eines Besuches, dass das vorherige Gebäude die Jahreszahl 1691 trug und im Keller des alten Gebäudes Vorrichtungen für einen Bierausschank waren, entsprechend dem Hinweis in den Prozessakten, das auf dem Grundstück ein Brauhaus stand. 

In der Amtszeit des Lehrers Viefhaus wurde das erste Schulhaus am 29.09.1682 am Kirchhofe errichtet. Es stand also in Bereiche der Kirche. 

 Mit der Stiftung der Schulvicarie 1709 gehörte es fortan zu den liegenden Gründen der Vicarie. Das Gebäude war zu Beginn des 19. Jahrhunderts stark verfallenen und genügte nicht mehr der wachsenden Schülerzahl. Es sollte nun vorteilhaft verkauft werden, um die erstandene Summe für den Bau der neuen Vicarie zu verwenden. Der Gemeindevorstand unterbreitete der "hochlöblichen Regierung" in der vorstehenden Angelegenheit folgenden Vorschlag in einem Schreiben vom 26.07.1828

"Darauf zu sehen, dass das Schulhaus recht theuer untergebracht wird, erheischt meine Pflicht als Orts-Vor-stand, und es wird dasselbe gewiss um 50 - 100 Taler theurer verkauft, wenn schon beim Ausbieten dessel-ben, dem Kaufliebhaber die Versicherung gegeben werden könnte, dass in dem Hause eine Schankwirtschaft angelegt werden dürfte." 

 Der Landrat von der Leithe fügt dem Schreiben unter anderen folgende bemerkenswerte Stellungnahme bei: 

"denn die Kirche liegt ganz isoliert von anderen Häusern, so dass in dem nahe gelegenen Vicariehause eine Schankwirtschaft  fast ein Bedürfnis erscheint; damit diejenigen Gemeindeglieder, welche von der Kirche entfernt sind, und deren es mehrere gibt, dort eine Erholung finden können. Zur Verhinderung von Miss-bräuchen würde aber der Polizeibehörde eine strenge polizeiliche Wachsamkeit zu empfehlen sein." 

 Die Regierung lehnte dieses Vorhaben in der Verfügung vom 11.08.1828 strickt ab. Dem Meistbietenden Wilhelm Hofstiepel wurde am 25.05.1829 die alte Schulvicarie für 300 Taler ver-kauft. Dem Bürgermeister von Blankenstein wurden für seine Bemühungen in der Angelegenheit auf seinen Antrag von der Regierung 3% der Kaufsumme zugebilligt. 

 Das neue Vicarie-Gebäude wurde 1830 mit einem Kostenaufwand von 1.332 Taler, 2 Silbergroschen, 5 Pfennig erstellt. Es ist das heute noch stehende Gebäude gegenüber der Brock-hauser-Schule und wurde von dieser bis zum Jahre 1950 mitbenutzt. 

 

         Neben dieser öffentliche privilegierten Kirchenschule gab es in Stiepel auch einige sogenannte Winkelschulen. Sie waren sicher aus einem echten Bedürfnis entstanden, führten aber im Schatten der Kirchspielschule das Dasein einer geduldeten Schule. Die Lehrer dieser Schulen be-wegten sich sozusagen in freier Wildbahn auf pädagogischen Felde. Welche Rolle sie sonst noch im gemeindlichen Leben spielten, wird hier nicht erwähnt. Sie waren sicher des Lesens und Schreibens kundig und genossen schon dadurch gegenüber den Eingesessenen, die nicht alle diese Fertigkeiten erwarben, eine bessere Vormachtstellung. Sie waren meistens die Schreiber des Dorfes und in allen Rechtshändeln bewandert. Meistens betrieben sie im Hauptberuf ein ehrsames Handwerk. Diese Kategorie unterschied sich sehr von der Klasse der privilegierten Schulmeister, die nach dem Ritus-Collation-Vocation-Confirmation eingestellt waren. 

 

Zwischen beiden Kategorien bestand meistens einen gespanntes Verhältnis. Jede kämpfte um den Prioritätsanspruch und den damit verbundenen Revenuen. Von der Klasse der geduldeten Schulmeister ist uns wenig überliefert. Nur das Sterberegister vermeldet uns den lautlosen Abgang eines solchen geduldeten Schulmeisters. Die privilegierten Schulmeister waren mit verbrieften Rechten ausgestattet und erhoben nicht selten mit lauter Stimme ihre Forderungen und sind darum der Nachwelt stärker in Erinnerung geblieben. Von diesem Forderungen werden wir im Laufe der Darstellung noch einiges hören. 

Laut Sterberegister von 1746 wird ein "Schulmeister am Hautkapp" erwähnt. Um 1800 bestehen zwei Nebenschulen, einer auf Vosskuhls Hof im Dorf, mit den Lehrern Müser und Thiemann. Dann gab es zeitweise Schulen in Brockhausen, bei Umberg, Brockhaus oder Munkenbeck. Seit 1783 bestand eine Privatschule auf der Haar im Hause des Kötters Gronenberg. An dieser Schule war der Lehrer Wilhelm Weustenfeld tätig. Der folgende Brief des Bürgermeisters an den Landrat Von der Leithe gibt uns darüber nähere Aufschlüsse: 

"Am 08.03.1882 ist der Schule Lehrer Johann Wilhelm Weustenfeld zu Haar in einem Alter von 61 Jahren gestorben. Früher und zwar seit circa 40 Jahren war derselbe geduldeter Privatlehrer und vor sechs Jahren (= 1823) wurde er als öffentlicher Lehrer bei dem auf der Haar Gebildeten neuen Schulbezirk angestellt. 

Da derselbe schon längere Zeit krank gewesen, so hat der Schulvorstand seinen ältesten Sohn, der in Gedern (zwischen Witten und Wetter) schon geduldeter Privatlehrer gewesen; vorläufig das Unterrichten übertragen, damit keine gänzliche Stockungen eintritt. 

Da kein Schulhaus (Mietlocal bei Groneneberg) und Lehrerwohnung auf der Haar ist; so wird die Wieder-besetzung dieser noch nicht ordentlichen Stelle noch manche Schwierigkeit herbeiführen." 

 

Der Schulinspektor Ultjesfort bemerkt zu dem Vorschlag: 

"… dass er der Meinung des Schulvorstandes ganz seinen Beifall schenke, und es dem jungen Weustenfeld nicht an Talent, Lehrgabe, Liebe und Achtung in der Gemeinde fehle." 

Die Regierung allerdings lehnte die Bestätigung des jungen Weustenfeld mit der Begründung ab, dass er seine Anstellungsfähigkeit nicht nachweisen könne. 

 Damit sind wir in der historischen Darstellung etwas vorausgeeilt. Es sollte damit ein allgemeiner Querschnitt gegeben werden durch die verschiedenen historischen Schichten, wobei wir zugleich eine gewisse Mannigfalt des Schulwesens und auch Schulfreudigkeit der Vorväter feststellen konnten. Rückblickend können wir mit Fug und Recht von einem Altertum, Mittelalter und dem Beginn der Neuzeit in der Stiepler Schulgeschichte sprechen. 

Das Altertum begann mit dem Patron Wennemar von der Reck 1602 und seinem Schullehrer Elters aus Dortmund, den Nachfolger Tappe und endete mit dem Tode des Schullehrers Johann Heinrich Viefhaus 1709. 

Mit der Einrichtung der Schulvicarie 1709 begann die mittelalterliche Geschichte der Stiepeler Schule und endete mit dem Tode des letzten Vicarius ist 1827. Dieser Teil soll im folgenden Abschnitt besonders dargestellt werden:    

 

Die Schulvicarie von 1709 bis 1832 

Bevor wir uns der Darstellung der Schulvicarie zuwenden, sei noch einmal kurz auf die Anfangsgeschichte zusammenhängend hingewiesen. In den Aktenband - Regierung   Arnsberg Kirchen- und Schulregister A, Titel 2 Sect. +II 2 No 27 - Staatsarchiv Münster, wird über einen Rechtsstreit zwischen der Familie Tappe und den Patronalsherren von Syberg zu Stiepel aus den Jahren 1729 - 1730 berichtet, der aufhellend für die damalige (Lebens-) Situation ist. Ich lasse sie im Wortlaut der chronologischen Wieder-holung folgen. 

Nachdem die Reformation im Sommer 1596 durch den Pastor Kluvenbeck in Stiepel einge-führt worden war, wurde durch den Patronatsherren der erste Lehrer, Elters aus Dortmund, als Organist und Lehrer berufen. 

Im Jahre 1647 wurde er "degradiert" und seines Amtes als Organist enthoben. Die Tätigkeit als Lehrer durfte er weiter ausüben.. 

Das Organistenamt wurde einem Johannes Tappe 1647 übertragen. Nach Mitteilung des Pfarrers Ostheide (1874) wurde ihm aber zugleich das Amt eines Hauptlehrers übertragen. Um 1688 starb Johannes Tappe. Mit diesem Jahre wurde die Schulstelle dem Lehrer Viefhaus übertragen. 

Das Organistenamt jedoch verblieb aber mit der Fundation drei Generationen in den Händen dieser Familie Tappe. Woher stammt diese Familie? Namensträger dieser Familie sind heute nicht mehr in Stiepel vorhanden. Es gibt wohl noch heute den Doppelnamen im Gebrauch der Ortsbewohner Fischbach am Tappen an der heutigen Düsterstraße. 

 



                                                                                                                                               Schulmuseum unterwegs Bochum 2018/19 

                                                                                                                                                                              Sammlung Wilhelm Rüter 

Geschichte Bochumer Schulen 

Zur Geschichte der Schulvicarie im Kirchspiel Stiepel 

- Die Organistenfamilie Tappe 

                                                          

Mit dem Kirchen- und Schulwesen der Herrlichkeit Stiepel war in alten Zeiten durch drei Generationen die Familie Tappe verbunden: 

  1. Johannes Tappe - Organist und Schullehrer von 1647 - 1688
  2. Henrico Tappe - Organist von 1688 - 1729
  3. Gisbert Conrad Tappe - Organist und Soldat von (?) - 1744

 

Als der Familie Tappe in der 3. Generation das Besitzrecht an dem sogenannte Organistenhaus von dem Patronatsherren von Syberg zu Kemnade streitig gemacht worden war, wandte sich Gisbert Conrad Tappe beschwerdeführend und schutzsuchend an den preußischen König. 

 Das Haus, ehemals "ein sicherer Markenkotten, die Nottebäumer genannt", war dem Groß-vater Johannes Tappe um 1665 als Wohn- und Schulstätte in einem sehr baufälligem Zustande übergeben worden. Die Familie hatte im Laufe der Jahrzehnte "Haus und Hof" vor dem endlichen Verfall mit einem hohen finanziellen Aufwand gerettet. Weil dafür auch keine Entschädigung ge-zahlt worden war, glaubte die Familie im Laufe der Generationen ein Besitzrecht erworben zu haben. 

Erst 1744 und 1751 kam es in der Sache für Gisbert Conrad Tappe zu einem mageren Entscheid. Doch über die Vorgeschichte sollen die nachstehenden Schriftstücke Näheres aussagen. Ferner soll uns auch vorweg die Frage beschäftigen, wo könnte dieser Organistenkotten gestanden haben, gibt es eventuell noch Anzeichen dafür bei der älteren eingesessenen Einwohnerschaft Stiepels? 

Durch Befragung des in Stiepel gebürtigen Hauptlehrers Monstad gelang es dem Verfasser (W. Rüter) die ehemalige Wohnstätte der Organistenfamilie ausfindig zu machen. 

Die dort jetzt ansässige Familie führte bei den alteingesessenen Stiepelern den Doppelnamen - Fischbach am Tappen - 

Der Kotten ist noch so in der Landschaft eingeordnet, etwas erhöht auf einem Steinnocken liegend, wie es aus den Beweisstücken hervorgeht. 

 

Anlässlich eines Besuches,  den der Verfassers (W. Rüter) mit dem ortsgeschichtlich interessierten Volker Frielinghaus von Haus Laer durchführte, wurden wir bereitwillig von dem jetzigen Besitzer durch Haus, Keller, Hof und Garten geführt. Er hatte inzwischen das alte Haus nach seinen Vorstellungen umgebaut, und teilte uns mit, dass dort ein Türbalken eingebaut war mit der Jahreszahl 1691. Der hatte nun Verwendung gefunden in seinem Hühnerstall, wo er ihn uns zeigte. 

 Der aus Bruchsteinen gewölbte Keller war unverändert und war im Scheitelpunkt des Ge-wölbes nach Aussage des Besitzers mit einer Vorrichtung für einen Bierausschank in dem darüber liegenden Raum versehen. Im Hof lag von dieser Vorrichtung aus Eichenholz eine durchbohrte Führung für die Bierleitung. Da es sozusagen herrenlos herumlag, nahm es auf Wunsch Herr Frielinghaus mit für seine Sammlung. 

Die vorstehende Jahreszahl 1691 stimmte überein mit der notariellen Aussage des Heinrich Tappe auf seinem Sterbelager 1729 über den Umbau, den sein Vater Johannes Tappe successieve vorge-nommen hatte " ... so dass ein mehreres gekostet als vierhundert Reichsthaler". 

Über die Braugerechtsamen beim alten Haus gibt er ferner am 26. März 1729 vor dem Notarius Wilhelm Brunstein zu Protokoll: " ....noch benannte, dass er ein Pütt oder Brunnen auf  neu sowohl reparieren, als auch ein tüchtiges Brauhaus dabey setzen  lassen, wozu dann noch mehr als Hundert Reichsthaler verwendet hätte." 

 

Aus den nachstehenden Schriftstücken, kann man erkennen, was der Familie Tappe an beklagenswerten Forderungen der örtlichen Obrigkeit zugedacht worden ist und wie sie mit zäher Beharr-lichkeit um ihre Recht kämpften: 

 

Acta in Sachen des Gisbert Conrad Tappe 

ctra den P. von Syberg zu Stiepel und Kemnade 1729 - 30 

(Staatsarchiv Münster. Regierung Arnsberg, Kirchen- und Schulregistratur A, Titl. 2 Sect + II E No 27 a) 

  

"Allerdurchläuchtigster Großmächtiger König 

Allergnädigste Herr p.p. 

 

In probanti forma sub num: II beiliegendes adunctum weiset mit mehreren nach, dass als in Anno 1655, den 29. Febr., meinem Groß-Vattern Johann Tappe, Weyland Organist zu Striegel, ein sicherer Marken-Kotte, die Nottebäume genannt, von dem damaligen Gerichtsherrn Georg von Syberg und sämtlichen Scharen und Erben der Stiepeler Mark zu seiner als Organisten Belohnung angewiesen worden, Ihne ausdrücklich versprochen sei, dass alles dasjenige, so Er aus seinen Mitteln zur Reparation und Verbesserung gen. Kottens anwenden würde refundiret, bis aber Er und seiner Erben beim Kotten und jährlichen Salario Manuteuriet (manuteuiret?) werden sollten. 

 Es bewähret auch das adptum sub Num 2, dass von gtr. meinem Groß-Vattern Johann Tappe zu sonderlichen Hausbau und Besserung der Wohnung vieles angewendet worden, sölches soll auch in seiner Zeit klahr angewiesen werden. 

 Es beweiset ferner die Beylage Sub. Num: 3, dass solche Kosten meinem Vattern in der Teilung zum Voraus zugelegt sind. 

 Nicht weniger erhellet aus der vierten Beylage, dass mein vor einigen Tagen abgelebter Vater Henrich Tappe ferner weit durch viele nothwendige und nützliche Anlagen und Kosten mehrgentr. Kotten und Organistenbewohnung zu verbessern continuiret habe. Ob nun zwarn dieses alles dem jetzigen Frey- und Gerichtsherrn umso vielmehr bekannt seyn muss, alldieweilen solches in offenbarer augenscheinlicher Notorität und des ganzen Gerichts Stiepels Kund- und Wissenschaft beruhet. 

 Mithin ich nicht anders denken noch hoffen mögen, dann, dass wohlgentr. Gerichtsherr, zufolge angeführten adjuncti sub Numero Primo mich bey dem Orgeldienst und Salario wenigsten bis zur Wiedererstattung derer von meinem Groß-Vattern Johanne, sowohl als Vattern Henrico Tappe angewandter Unkosten umso vielmehr würde belassen haben, da ich denselben, eine geraume Zeit her, und während der langwierigen Krankheit meines verstorbenen Vattern, zum Contentement der ganzen Gemeine verwaltet und laut Attesti des Pastors Loci sub num: 5 mich christlich betragen. 

 So habe doch leider das Widerspiel erfahren müssen, in dem mehr wohlgentr. Gerichtsherr gleich nach meines Vattern Tod mich nicht nur die Orgel verbieten, sondern sogar, da ich pro tuendo et salvando Jure et possessione vet quasi die abgeforderte Schlüssel sogleich nicht extradiren wollen, auch dazu nicht schuldig gewesen oder noch bin, weilen mir nicht der geringste Heller von allen obgent. Unkosten refundieret worden, sogleich via facti in zehn ggl. declariren und davor ein Kuhbiest in Pfandrecht nehmen lassen. 

Wann aber Ew. König. Majestät hieraus allergnädigst hocherleucht erkennen werden, wie mir durch sothane  höchst unbillige Prozedur das größeste Unrecht und empfindlicher Trost zugefügt worden. Dahingegen ich bis zur refusion derer von meinen Vorfahren zur Verbesserung der Organistenbewohnung angewandter Kosten, beym Kotten, Orgel und Salario zu handhaben sey; 

 Als gereicht hierumb zu Ew. Königl. Majestät meine allerunterthänigste demütigste und fussfälligste Bitte Sie um Gewalt und Unrecht von mir abzukehren, die widerrechtlich gethane Brachte, Deklaration und Pfändung als Null und nichtig zu fasiren, und an dero Richtern zu Bochum Kumphoff oder Castrop Bordelium, dass er mich bey dem Orgeldienst und jährlichem Salario  bis daran mir alle, sowohl vom Groß-Vattern, als Vattern angewandte Meliorationen laut darüber in adjuncto Primo erhaltenen Versicherungen bezahlet worden kräftigst und mit Nachdruck manuteuire, den Gerichtsherrn zu Stiepel und männiglich alle Turbation prenaliterinhiren sollen, wohlernstlich anzubefehlen, allergnädigst rechtlich geruhen mögten. 

                                                                                                                 Johann Gisbert Tappe"             Stiepel 1729 

 

 (Staatsarchiv Münster. Regierung Arnsberg, Kirchen- und Schulregistratur A, Titl. 2 Sect + II E No 27 a) 

 

 

adxtum num: 1 

Urkunde über die Fundierung der Organistenstelle zu Stiepel 

 

"Wir Johann Georg von Syberg Gerichtsfreiherr zu Stiepel unt sämtlichen Scharen unt Erben Stiepeler Mark, fügen hiermit zu wissen, wie dass wir unseren Markenkotten genannt die Nottebäumen für Belohnung des zeitlichen Organisten zu Stiepel verwendet unt nunmehr von unserem jetzigen Orgeldiener Johannes Tappe bewohnet werden soll. 

 Weilen aber obgt. Kotten, wie der Augenschein ausgewiesen, unt wir Scharen unt Erben obgt. auf Geheiß wohlgb. Gerichtsfhrn denselben hiervor besichtigen mit geringem Baien (?) versehen, himahlen dasjenige, was davon vorhanden, beinahe an Wänden, Mauern, Bäumen und Balken gar baufällig befinden, auch einerseits das Dach repariert unt gebessert werden muss, unt das Höfen gantz zaunlos, zudem kein Pott das nötige Wasser zu schöpfen, ungleichen nichts Gartens dazu gehörig, geloben wir derohalben, zu obgt. Gebrechen so viel Mühlich beförderlich und behilflich zu sein


Geschichte der Schulen Bochums seit dem 16. Jahrhundert

Hier: Die Schulgeschichte der Stadtteile des Bochumer Ostens (Werne, Langendreer, Stockum, Ümmingen, Laer)

Geschichte  der Schulen Bochums seit dem 16. Jahrhundert

Hier: Die Schulgeschichte der Stadtteile der eingemeindeten Stadt Wattenscheid (Eppendorf, Höntrop, Westenfeld, Leithe, Mitte, Südfeldmark)